Geschichte Der Mann, der niemals starb
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Ist der Graf wirklich tot?

Der Prinz jedenfalls kauft ihm in Eckernförde an der Ostseeküste eine leer stehende Fabrik. Saint-Germain nimmt ein letztes Mal Anlauf, wundersame Essenzen und Farben herzustellen, die so dauerhaft sein sollen, dass sie Sonne, Regen und selbst Säuren trotzen. Sie missraten ihm ebenso wie die sonderbare Legierung, die man später sarkastisch als »Karlsgold« bespöttelt. Unterdessen peinigen den Grafen in den feuchten Räumen seines Labors heftige Rheumaattacken. Sein wahres Alter und düstere Melancholie beginnen ihn zu quälen.

Am 27. Februar 1784 stirbt er in Eckernförde, während sein fürstlicher Gönner gerade in hessischen Stammlanden weilt. Das Totenregister der Eckernförder Sankt-Nicolai-Kirche vermerkt schlicht: »Am 2. März der sich so nennende Graf von Saint-Germain und Welldone – weitere Nachrichten sind nicht bekannt geworden – in hiesiger Kirche still beigesetzt.« Der Nachlass des von vielen steinreich Gewähnten deckt nicht einmal die Kosten seiner Beerdigung. Sie werden später von Karl von Hessen-Kassel bezahlt, der dafür die schriftlichen Hinterlassenschaften seines Alchimisten an sich nimmt. Sie verschwinden für immer.

Aber stimmt die Eintragung im Kirchenbuch überhaupt? Ist der Graf wirklich tot? Schon ein Jahr darauf raunt Johann Erich Biester spöttisch im Zentralorgan der deutschen Aufklärung, der Berlinischen Monatsschrift, »daß manche itzt noch, da er gestorben ist, glauben: er lebe und werde bald lebendig hervorgehen«.

In der Tat: Adepten sind von seinem Fortleben überzeugt. Schon 1785 sehen sie ihn auf Freimaurerkongressen in Wilhelmsbad und Paris. Kurz darauf warnt er Marie Antoinette vor den Folgen der Französischen Revolution. 1836 erweist er Karl von Hessen-Kassel die letzte Ehre. An der Beisetzung seines Gönners nimmt er standesgemäß in persischem Gewande teil.

Fünfzig Jahre später entdecken ihn die Theosophen. Helena Petrovna Blavatsky, Mitbegründerin der mystischen Weltanschauungslehre, weist ihm die Rolle eines »geheimen tibetanischen Weisen« zu. In Rudolf Steiners Anthroposophie avanciert er zum »aufgestiegenen Meister« und zur Reinkarnation des hohen Eingeweihten Christian Rosencreutz – zumal gewiss ist, dass sich in den Händen des Grafen die Kopie eines geheimen Dokumentes aus den vatikanischen Archiven befindet, welches das Rätsel um die wahre Symbolik des Pfingstfestes löst. »Dieses Manuskript«, erklärt Rudolf Steiner in einem Vortrag am Pfingstmontag 1904, »hat wohl kaum jemand gesehen,

der nicht in die tiefsten Geheimnisse der katholischen Kirche eingeweiht war oder es im Astrallichte zu lesen vermochte. Eine Kopie davon besitzt eine Persönlichkeit, welche von der Welt sehr verkannt worden ist, die aber heute anfängt, für den Geschichtsbetrachter interessant zu werden. Ich könnte auch ebenso sagen ›hat besessen‹ statt ›besitzt‹, aber es entstände eine Unklarheit dadurch. Deshalb sage ich: eine Kopie besitzt der Graf von Saint-Germain.«

Ein esoterisch orientierter Saint-Germain-Zukunftskongress in Hamburg im Herbst dieses Jahres könnte sicheren Aufschluss geben. Dort soll der Graf – unermüdlicher Streiter für Freiheit und Frieden und deshalb geistiger Schirmherr der Veranstaltung – nämlich fachkundig »gechannelt« werden. Ein Medium tritt als menschlicher Kanal für sein Lichtwesen auf. Da ist Erleuchtung garantiert. Außerdem wird seine Musik gespielt, und die zumindest klingt noch recht lebendig.

Der Verfasser ist Jurist in Hamburg. Bei Tage arbeitet er als Notar. Bei Nacht befasst er sich gern mit der Zauberkunst und seltsamen Gestalten. Mehr zum Thema in der kleinen ständigen Saint-Germain-Ausstellung des Museums Eckernförde, Rathausmarkt 8, Tel. 04351/71 25 47

 
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