Zweiter Weltkrieg Sie sind unter uns

Auch 65 Jahre nach Kriegsende liegen in Deutschland noch Tausende Sprengbomben im Erdreich. Wie gefährlich sind sie?

Neunzehn Sprengbomben, 116 Stabbrandbomben, 29 Phosphorbrandbomben, 83 Granaten und Geschosse, eine Tellermine, zwei Panzerfäuste, 58 Kilogramm loser Sprengstoff, 23 Handgranaten, zusammen eine Bruttomasse an »Kampfmitteln« von 8,619 Tonnen, das ist die Ausbeute des Kampfmittelräumdienstes – für ein Jahr (2009) in einer einzigen Stadt (Hamburg).

Täglich rücken in Deutschland Räumdienste aus, um Weltkriegsmunition zu bergen. Täglich wird irgendwo eine Straße gesperrt oder ein Wohnviertel evakuiert. Die Meldungen schaffen es meist nur in die Lokalpresse. Wer sie in der Zusammenschau betrachtet, könnte glauben, die unmittelbare Nachkriegszeit sei nie zu Ende gegangen.

Anzeige

Vor 70 Jahren, im Sommer 1940, begann der alliierte Luftkrieg gegen das Deutsche Reich. Nach den Bombardements der Wehrmacht in Polen, den Niederlanden und England flog die Royal Air Force erste Angriffe auf das Ruhrgebiet. Die Kampfpiloten starteten bei Nacht, und da sie kleinere Ziele im Dunkeln kaum präzise treffen konnten, bombardierten sie großflächig.

Die Demoralisierung der Zivilbevölkerung war bald das erklärte Ziel der Einsätze. 1942 begann die US-Luftwaffe zusätzlich mit »Präzisionsangriffen« bei Tag, während die Briten bei Nacht gewaltige Bombenlasten abluden. Nach Essen, Lübeck, Rostock und Köln traf es im Juli 1943 Hamburg, mehr als 30.000 Menschen starben in den Flammen. Die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 kostete bis zu 25.000 Menschenleben.

Allein auf Hamburg fielen bei 216 Angriffen rund 107.000 Spreng- und 3,5 Millionen Brandbomben. Thomas Otto, Leiter des Referats Gefahrenerkundung Kampfmittelverdacht der Hamburger Feuerwehr , kennt die Zahlen auswendig. Er hat die Beladungslisten der britischen Bomber studiert und die Statistiken der Bombenräumung seit Kriegsende. Die Blindgängerquote kann er recht genau bestimmen: Etwa 12,5 Prozent der über Hamburg abgeworfenen Sprengbomben – mit einem Gewicht von 50 Kilogramm bis zu zwei Tonnen – sind nicht detoniert. Abzüglich der bereits geräumten Blindgänger bleiben 2900 Sprengkörper. In Berlin vermutet man ebenfalls noch rund 3000 Fliegerbomben im Boden. Geht von ihnen eine Gefahr aus? »Ja«, sagt Thomas Otto, jede Bombe sei gefährlich. Aber man müsse nun nicht in Panik verfallen: »Eine Selbstdetonation hat es in Hamburg noch nicht gegeben.«

Dass eine Fliegerbombe ohne äußere Einwirkung »umgesetzt« wird, wie es die Experten nennen, ist jedoch nicht ausgeschlossen. Im Schnitt detoniert in Deutschland einmal im Jahr eine Großbombe von selbst. Wolfgang Spyra, Inhaber des Lehrstuhls Altlasten an der Technischen Universität Cottbus , vermutet, dass dies auch bei der Bombe in Göttingen der Fall war, bei deren Explosion im Juni dieses Jahres drei Menschen ums Leben kamen.

Spyra gilt als einer der besten Kenner der Materie. 2008 hat er ein umfangreiches Gutachten veröffentlicht zur Altlasten-Situation in Oranienburg. In der Kleinstadt 30 Kilometer nördlich von Berlin stellten gleich mehrere Betriebe Waffen her. Royal Air Force und US-Luftwaffe warfen insgesamt 12500 Spreng- und 8800 Brandbomben auf die Stadt. 326 Blindgänger sind vermutlich noch unentdeckt. Was Spyra und andere alarmiert, ist jedoch nicht allein diese Zahl, sondern der ungewöhnlich hohe Anteil von chemischen Langzeitzündern. Der liegt bei den Bomben, die über Oranienburg ausgeklinkt wurden, bei bis zu 82 Prozent (zum Vergleich: Im Ruhrgebiet lassen die Funde auf höchstens fünf Prozent schließen). Die Wahrscheinlichkeit einer Selbstdetonation ist bei diesen Sprengsätzen besonders hoch.

Das Perfide an chemisch bezünderten Bomben: Sie gehen nicht beim Aufprall hoch, sondern oft erst Stunden oder Tage danach. So sollte auch nach dem Angriff noch Angst und Schrecken verbreitet werden. Allerdings gab es bei diesen Bomben auch ungleich mehr Blindgänger – aufgrund des komplizierteren Mechanismus: Ein kleines Windrad am hinteren Ende der Bombe, angetrieben durch den Luftzug im freien Fall, lässt im Innern eine Spindel rotieren. Diese zerdrückt eine Ampulle, gefüllt mit Aceton, einer zersetzend wirkenden Chemikalie. Das Aceton wiederum beginnt nun einen Sicherungsring aus Zelluloid aufzulösen. Je nachdem, wie dick dieser Ring ist, dauert es Stunden oder Tage, bis der Zündmechanismus zuschnappt.

Leser-Kommentare
  1. Als drittgrößter Rüstungsexporteur der Welt brauchen wir keine kritische Berichterstattung zu Spätfolgen erfolgreicher Waffenproduktion.

    Will der Schreiber etwa die Verantwortung dafür übernehmen, wenn durch Angst vor den Spätfolgen eine negative Stimmung gegen Krieg und in der Folge ein Rückgang unserer Rüstungsproduktion mit Anstige der Arbeitslosigkeit in der Rüstungsbranche entstehen?

    Absolut leichtfertig

    Bitte verzichten Sie zynische Kommentare, aus denen nicht klar hervorgeht, ob Sie die darin enthaltene Meinung vertreten. Die Redaktion/is

  2. Ganz Oranienburg ist ein Pulverfass. In Berlin donnerte
    über Jahrzehnte der Schwerlastverkehr im Sekundentakt
    über die, nur 50 cm bis 1 m tiefer liegenden Bomben. Die
    Bürger der BRD, der DDR und West - Berlins waren besoffen
    bis tolldreist lebensmüde und scherten sich einen Dreck
    darum. Und ich glaube das und bin selig. Der Weltunter-
    gang schreit uns aus allen Ecken an und die Erde ist ein
    Unort und das Leben ein Jammertal. Woll. Das ist Sarkasmus
    pur.

  3. vor allem, weil es was kostet (allenfalls für Wehrmachtsmaterial und auch das nur mit sehr gebremstem Schaum).

    Wie - fast immer - ist die Sicherheit der Menschen Nebensache und die weiter entfernten Politiker reden die Gefahren klein, während hunderte (nicht vorhandene) Milliarden dem goldenen Kalb des Kapitalismus geopfert werden.

    Geht es um die "Vorsorge" vor kaum vorhandenen und zumeist selbst inszenierten Terrorismus, dann ist nichts zu teuer von Mautbrücken zu Kennzeichenscannern, von Körperscannern bis Vorratsdatenspeicherung, Abhören von Telefonaten und Ausspähung von Internet und Emails bis hin zu paramilitärischen europäischen Gendarmerieeinheiten, die in- und ausserhalb der eigenen Nationalstaaten gegen die jeweilige Bevölkerung eingesetzt werden sollen.

    Dafür scheint reichlich Geld und Interesse vorhanden, aber offensichtlich aus einem ganz anderen Motivationshintergrund, der nichts - aber auch gar nichts - mit einem Schutz der Bevölkerung zu tun hat, sondern eher mit Eigenschutz zum Machterhalt, wenn der große Crash ums goldene Kalb kommt (aber in Deutschland geht es ja massiv bergauf wird überall vermeldet - bis zum DoubleDip).

    Insofern sollte man die derzeitige amerikanische Spendenmanie sorgenvoll betrachten. Was wissen diese Leute, was wir nicht wissen sollen oder dürfen?

    Will man sich den Zugang zu den letzten Plätzen auf der Arche Noah sichern, weil man weiß, das Geld später wertlos ist?

  4. Der Kapitalismus ist nur ein Instrument zum Zwecke der Menschenbeherrschung. Wer wird denn wie hypnotisiert ständig auf die Peitsche starren.... mit der er getrieben werden soll ? Seht auf die Hand, die das Instrument hält.
    Schaut den Arm an dem die Hand ist, schaut den Leib. Schaut
    das Gesicht. Menschen sind es, Menschen. Menschen lassen
    andere Menschen so tanzen. Sarkasmus. Alles Sarkasmus.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Also sind die sozialistischen Bomben der Roten Armee ungefährlich? Oranienburg lag übrigens Jahrzehnte im sozial existierenden Sozialismus, da hat man sich offenbar auch nicht um die Räumung gekümmert.

    Also sind die sozialistischen Bomben der Roten Armee ungefährlich? Oranienburg lag übrigens Jahrzehnte im sozial existierenden Sozialismus, da hat man sich offenbar auch nicht um die Räumung gekümmert.

  5. noch mindestens einen sehr großen Blindgänger in Bahnhofsnähe. Trotz mehrmaliger Hinweise gab es keine Reaktionen bezüglich dieses Umstands von Seiten des Stadtrats.

    • TDU
    • 06.08.2010 um 22:00 Uhr

    In Köln war die Bombe von voriger Woche in der Nähe einer Jugendherberge und mit Freunden haben wir bei Ausflügen früher da gespielt. Möglicherweise sogar unmittelbar drüber. Ist aber lange her.

    Da habe ich mir weiter keine Gedanken gemacht. Et kütt wie et kütt - erst mal. Aber dann wurde ich völlig abgelenkt von diesen selbstverschuldeten Wehwechen durch die Berichte über Streubomben.

    Verbrecherische Waffen, auch eingesetzt vom Westen, die zu Millionen herum liegen und über denen man nicht spielen kann, in deren Riskobereich dennoch täglich Kinder geraten, die schwer verletzt werden oder getötet. Und wo sich schon der Anflug eines "et kütt wie et kütt" absolut verbietet.

    Deutschland hat ja das Verbot unterzeichnet aber die Waffenindustrie erfindet dennoch Lösungen für ähnliches. Manchmal ist man einfach sprachlos.

  6. Jau, und morgen ist schon wieder Amagedon und die Welt geht zum zig-wiederholten Male unter. Ich finde den Wagemut all der Droschkenlenker über die Jahrzehnte hinweg ja unbedingt erwähnenswert. Todesmutig kacheln sie über ein deutlich gekennzeichnetes Bombenfeld dahin, was sie augenblicklich ins Nirvana oder alternativ ins Wallhall hätte bringen können. Ob dieser Risikobereitschaft mache ich mir keine nennenswerte Gedanken über dem Fortbestamd der Nordisch Rasse. Wir werden überleben. Vorrausgesetzt, es gibt nicht noch den einen oder anderen Weltungergang. Äh, wann ist eigentlich der nächste?

  7. In Hamburg hat es in mehr als 65 Jahren bei ca. 3000 verbliebenen Sprengbomben keine Selbstdetonation gegeben. Das deutet meiner Meinung nach sehr wahrscheinlich darauf hin, daß die Gefahr weit übertrieben gesehen wird. Vermutlich sind die allermeisten Zünder der Blindgänger beim Aufschlag zerstört worden und daher sind diese Bomben nicht mehr zündfähig.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • TDU
    • 07.08.2010 um 10:32 Uhr

    Verharmlosen sollte man diese "Blindgänger" nun wirklich auch nicht. Vor kurzer Zeit ist doch eine Bombe expoldiert. Und wäre das in Köln passiert, hätte die Bombe eine ganze Menge Häuser vollständig zerstört.

    • TDU
    • 07.08.2010 um 10:32 Uhr

    Verharmlosen sollte man diese "Blindgänger" nun wirklich auch nicht. Vor kurzer Zeit ist doch eine Bombe expoldiert. Und wäre das in Köln passiert, hätte die Bombe eine ganze Menge Häuser vollständig zerstört.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service