Geschlechterpädagogik : Was hilft den Jungen?

Die Bildungsexperten Hannelore Faulstich-Wieland und Klaus Hurrelmann streiten über die richtigen Förderkonzepte.
Mädchen und Jungen lernen verschieden © Daniel Mihailescu / Getty Images

DIE ZEIT: Seit Jahren wissen wir: Jungen sind die neuen Sorgenkinder des Bildungssystems. Warum passiert so wenig, um ihnen zu helfen?

Hannelore Faulstich-Wieland: Einspruch! Wer die Jungen als Sorgenkinder bezeichnet, verkennt die Realität und vermittelt Eltern wie Lehrern ein gefährliches Zerrbild. Richtig ist: Im Durchschnitt lesen Jungen schlechter als Mädchen. Trotzdem finden wir etwa bei Pisa unter den Spitzenlesern viele Jungen und unter den sehr schlechten Lesern viele Mädchen. In Mathematik existieren zwischen beiden Gruppen nur minimale Unterschiede, in den Naturwissenschaften gar keine. Wir sollten den Jungen nicht eine neue Opferrolle andichten.

Klaus Hurrelmann: Selbstverständlich befindet sich nicht jeder Junge in einer Krise. Aber Pädagogik und Politik müssen auf generelle Trends reagieren, und die entwickeln sich in den vergangenen dreißig Jahren alle zu Gunsten der Mädchen. 55 Prozent der Abiturienten sind heute weiblich, 45 Prozent männlich. Dafür finden wir wesentlich mehr Jungen in Haupt- und Sonderschulen. Das ist keine Jungenförderung, sondern eine Jungenschädigung.

Hannelore Faulstich-Wieland

Für Mädchen
    Hannelore Faulstich-Wieland (61) lehrt seit 1997 als  Professorin für Schulpädagogik an der Universität Hamburg. Die ausgebildete Sozialpsychologin und Psychotherapeutin  ist dort zudem Gleichstellungsbeauftragte der Fakultät für  Erziehungswissenschaft

Faulstich-Wieland: Da kommen wir der Wahrheit schon näher. Wenn wir von den Jungen als Problemgruppe sprechen, meinen wir meist jene, die wir in der Pädagogik als Risikoschüler bezeichnen. Das ist jenes Viertel von Schülern, das kaum die Fähigkeit für einen Ausbildungsplatz mitbringt.

Hurrelmann: Auch in der Spitzengruppe wird es für die Jungen enger. Symbolisch gesprochen: Wenn es um die besten Abiturzeugnisse geht, finden sich immer auch Jungen darunter, aber sie sind mittlerweile in der Minderheit. Dabei halte ich die wachsenden Unterschiede im Leistungsbereich nur für die Spitze des Eisberges.

ZEIT: Inwiefern?

Hurrelmann: Ich beobachte, dass Mädchen generell für die Zukunft besser gerüstet sind. Sie denken weniger materialistisch, fragen stärker nach dem Sinn einer Tätigkeit. Diese Perspektive erleichtert es ihnen, verschiedene Rollen – etwa bei der Arbeit und in der Familie – zu verbinden. Sie sind sogar mutiger: Mädchen ziehen früher von zu Hause aus, während junge Männer länger bei den Eltern hocken.

Faulstich-Wieland: Sie sehen die Zukunft der jungen Frauen aber sehr rosig. Die Gegenwart sieht anders aus: Frauen verdienen im Schnitt bei gleicher Tätigkeit weniger als Männer. In den Vorstandsetagen sind sie in der Minderheit. Bekommt ein Paar Kinder, verzichtet noch immer eher die Frau als der Mann auf eine Karriere. Auch trauen sich Frauen in Wettbewerbssituationen selten, offensiv ihre Position zu vertreten. Der typische Mann sagt sich, zugespitzt formuliert: Schulleiter kann ich zwar nicht, mach ich aber trotzdem. Eine Frau, die es könnte, wartet eher ab, ob sich jemand anderes meldet.

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Kommentare

96 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Jungs sind intelligenter!

Dies beweisen alle Leistungstests seit den 1950 Jahren.
Das Niveau wurde an den Gymnasien herabgesetzt, um dies zu verschleiern.
Wenn das Niveau wieder angehoben wird, werden die Jungs wieder die besseren Noten haben.
So einfach ist das.

Bitte führen Sie Belege für Ihre Thesen an. Die Redaktion/is

Einmal schnell gegoogelt:

Die Welt schreibt:

"IQ-Tests bringen jedoch an den Tag, dass es tatsächlich messbare Unterschiede in der Intelligenz von Männern und Frauen gibt. Zwar wurden in der Vergangenheit die meisten Intelligenztests so normiert, dass geschlechtsspezifische Unterschiede beim Mittelwert des IQ gar nicht entstehen konnten. Doch verzichtet man auf diese Political Correctness, wie etwa der dänische Psychologe Helmuth Nyborg von der Universität Aarhus, dann ergibt sich, dass der Mittelwert der Gauß-Glockenkurve, mit der die Verteilung des allgemeinen IQ beschrieben wird, bei Männern einige wenige Punkte nach rechts verschoben ist. "

http://www.welt.de/wissen...

Gott sei Dank wird im Artikel mehrfach betont, dass Frauen aber eigentlich trotzdem genauso intelligent seien wie Männer.
So viel politische Korrektheit muss dann doch sein.

@ stari zec

Typische unsoziale rücksichtslose Männer-Einstellung zum Leid, der Anstrengung, den Verletzungen und Beeinträchtigungen aller Beteiligten (LehrerInnen, MitschülerInnen, Mütter und Väter und der Jungen selbst) durch von Jungen ausagiertes „doing gender“. Die gesellschaftlichen Schäden, die durch individuelles Jungen-Verhalten im Sinne des „doing gender“ verursacht werden, werden ignoriert, da ja, wiederum individuell, im Erwachsenenalter, ein persönlicher Gewinn des Jungen wahrgenommen wird, eine durch frühes Rebellentum gestärkte Persönlichkeit, und da es tatsächlich nicht immer einen vorhersehbaren Zusammenhang zwischen Schul- und beruflichem Erfolg gibt – zumindest, solange Jungen nicht ganz aus dem Bildungssystem fallen (was Jungen aber tatsächlich in statistisch signifikant höherem Maße widerfährt als Mädchen).

Typisch männlich ist auch die ausschließliche Messlatte Beruf für die Bewertung einer vermeintlich gelungenen (Geschlechter)-Identität. Demgegenüber stellt beispielsweise Boldt als Zielvorgabe für Jungenarbeit heraus: „Ziel von Jungenförderung ist die Ausbildung einer männlichen Identität, die eigene und die Grenzen anderer erkennt und akzeptiert, zu partnerschaftlichem Umgang befähigt und durch soziale Kompetenz gekennzeichnet ist“ (Uli Boldt 2005, S.8).

@4 Katholik oder Taliban?

Es wird ja immer lustiger. Jetzt ziehen die Mädchen schon in gemachter Nester. Es gibt keine Singles mehr, die alleine wohnen, es gibt kein WG-Leben mehr,... . Es sagt ja schon viel über einen Mann aus [...]

Hört sich irgendwie nach [...] einem Heimatfilm aus den 50ern.

Bitte verzichten Sie auf Kommentare, die die Diskussion unnötig polemisieren. Die Redaktion/is

Nein, das Problem besonders unter Studenten ist ...

,dass viele Stipendien speziell auf Mädchen zugeschnitten sind.
Der erste Link, den ich bei google unter dem Suchbegriff: "Stipendium Frauen" gefunden habe:

http://www.bildungsserver...

Für Männer habe ich sowas übrigens nicht gefunden. Hinzu kommt, dass bei einigen "neutralen" Stipendien gar in der Ausschreibung steht, dass Frauen bevorzugt werden.

Jetzt können Sie aber stark davon ausgehen, dass genauso viele Jungen wie Mädchen aus sozialschwächeren Familien kommen. Ein Junge, der das Geld vielleicht nicht zusammenbekommt, bleibt zu Hause wohnen. Ein Mädchen kann um einiges leichter ein Stipendium bekommen und z.B. nach der Schule direkt ausziehen. Dann stimmt auch die Aussage nicht ganz:
"Sie sind sogar mutiger: Mädchen ziehen früher von zu Hause aus, während junge Männer länger bei den Eltern hocken."

Das hat weniger mit Mut zu tun, als dass der Staat bzw. verschiedene Stiftungen gezielt Frauen im Studium fördern.

Und hier liegt auch das Problem: Da werden Jungs/Männer in eine Schublade gesteckt, und zwar in die Bauarbeiter/Handwerker/Mechaniker-Schublade.
"Die können ja ohne Studium / mit schlechten Noten auch körperlich anstrengende Arbeiten verrichten. Da muss wohl nichts gefördert werden.
Bei Frauen ist das anders, die können wir ja nicht auf den Bau schicken."
Darum könnten Mädchen auch in der Regel in der Schule besser sein, denn ich stelle mir vor, dass auch Lehrer diese falschen Ansichten teilen und Mädchen stärker fördern könnten.

RE: Selbst mit Job

Nur weil es Stipendien für Frauen gibt, heißt das doch noch lange nicht, dass jede studierende Frau eins bekommt. Ich kenne keine Frau (nichtmal meine Freundin mit einem Abischnitt von 1,0) die ein Stipendium bekommen hat. Wenn man kein Geld hat, bekommt man Bafög. Das Bafög-Amt unterscheidet nicht nach dem Geschlecht. Meine Freundin ist trotz Bafög neben dem Studium arbeiten geganngen und das fast jeden Abend!

Meine Schwester ist übrigens mit 16 in eine eigene Wohnung 300 km vom Elternhaus weggezogen, nur damit sie ihre Ausbildung bekommt.

Ein kleiner Einwand

Mich interessiert jetzt, an welcher Stelle ich behauptet hätte, dass JEDE Frau ein Stipendium bekäme?
Es sind aber eine Vielzahl an Stipendien exklusiv für Frauen ausgeschrieben, weshalb die Chance für Frauen steigt, ein Stipendium zu bekommen. Dies zeigt, dass Frauen im Bildungssystem bevorzugt würden.
Das war meine Argumentation - und nicht anders.
Noch einen schönen Gruß an ihre 1.0 Freundin: Glückwunsch zum tollen Abitur, aber bei einem Stipendium haben auch Bewerber mit 2.0 noch gute Chancen, solange wie sie sich außerschulisch noch sozial engagieren etc.. Da zählt wirklich weniger der Schulabschluss, denn der ist nicht ausschlaggebend für den späteren Studienerfolg.
Außerdem gibt es eine Vielzahl an unausgelasteten Stipendien-Fonds, man muss nur lang genug suchen, dann bekommt man auch eins. Das basiert jetzt aber nur auf eigenen Erfahrungen.
Ihre Schwester musste von zu Hause ausziehen, aber Sie können darauf wetten, dass es jungen Männern nicht anders ergeht. Und bei der heutigen Ausbildungs- und Schulsystemlage ist die Anzahl der männlichen Betroffenen sehr wahrscheinlich höher.