Mädchen und Jungen lernen verschieden © Daniel Mihailescu / Getty Images

DIE ZEIT: Seit Jahren wissen wir: Jungen sind die neuen Sorgenkinder des Bildungssystems. Warum passiert so wenig, um ihnen zu helfen?

Hannelore Faulstich-Wieland: Einspruch! Wer die Jungen als Sorgenkinder bezeichnet, verkennt die Realität und vermittelt Eltern wie Lehrern ein gefährliches Zerrbild. Richtig ist: Im Durchschnitt lesen Jungen schlechter als Mädchen. Trotzdem finden wir etwa bei Pisa unter den Spitzenlesern viele Jungen und unter den sehr schlechten Lesern viele Mädchen. In Mathematik existieren zwischen beiden Gruppen nur minimale Unterschiede, in den Naturwissenschaften gar keine. Wir sollten den Jungen nicht eine neue Opferrolle andichten.

Klaus Hurrelmann: Selbstverständlich befindet sich nicht jeder Junge in einer Krise. Aber Pädagogik und Politik müssen auf generelle Trends reagieren, und die entwickeln sich in den vergangenen dreißig Jahren alle zu Gunsten der Mädchen. 55 Prozent der Abiturienten sind heute weiblich, 45 Prozent männlich. Dafür finden wir wesentlich mehr Jungen in Haupt- und Sonderschulen. Das ist keine Jungenförderung, sondern eine Jungenschädigung.

Faulstich-Wieland: Da kommen wir der Wahrheit schon näher. Wenn wir von den Jungen als Problemgruppe sprechen, meinen wir meist jene, die wir in der Pädagogik als Risikoschüler bezeichnen. Das ist jenes Viertel von Schülern, das kaum die Fähigkeit für einen Ausbildungsplatz mitbringt.

Hurrelmann: Auch in der Spitzengruppe wird es für die Jungen enger. Symbolisch gesprochen: Wenn es um die besten Abiturzeugnisse geht, finden sich immer auch Jungen darunter, aber sie sind mittlerweile in der Minderheit. Dabei halte ich die wachsenden Unterschiede im Leistungsbereich nur für die Spitze des Eisberges.

ZEIT: Inwiefern?

Hurrelmann: Ich beobachte, dass Mädchen generell für die Zukunft besser gerüstet sind. Sie denken weniger materialistisch, fragen stärker nach dem Sinn einer Tätigkeit. Diese Perspektive erleichtert es ihnen, verschiedene Rollen – etwa bei der Arbeit und in der Familie – zu verbinden. Sie sind sogar mutiger: Mädchen ziehen früher von zu Hause aus, während junge Männer länger bei den Eltern hocken.

Faulstich-Wieland: Sie sehen die Zukunft der jungen Frauen aber sehr rosig. Die Gegenwart sieht anders aus: Frauen verdienen im Schnitt bei gleicher Tätigkeit weniger als Männer. In den Vorstandsetagen sind sie in der Minderheit. Bekommt ein Paar Kinder, verzichtet noch immer eher die Frau als der Mann auf eine Karriere. Auch trauen sich Frauen in Wettbewerbssituationen selten, offensiv ihre Position zu vertreten. Der typische Mann sagt sich, zugespitzt formuliert: Schulleiter kann ich zwar nicht, mach ich aber trotzdem. Eine Frau, die es könnte, wartet eher ab, ob sich jemand anderes meldet.