Als die Katastrophe von Duisburg passierte, war ich in Berlin mit Freunden zusammen. Um halb sechs klingelte das Telefon: Hast du schon gesehen, was bei der Love Parade geschehen ist? Wir machten den Fernseher an und konnten es nicht fassen.

Alles, wofür Duisburg vor der Katastrophe stand, hatte nichts mehr mit Techno zu tun. Der Spirit der Love Parade ist nicht mitgewandert, der ist in Berlin geblieben. Das, was sich am Ende Love Parade genannt hat, war nur noch eine Werbemaßnahme eines Fitnesskettenbetreibers. Dieser Mann hat die Love Parade damals gekauft, als ihr die Insolvenz drohte, er sagte uns, dass die Parade weiterleben müsse, aber ich hielt das immer für Heuschrecken-Gelaber. Leider hat er die anderen Gesellschafter überredet. Man kann zwar die Marke "Love Parade" verkaufen, aber nicht den Spirit. Das Ziel der anderen Gesellschafter war wohl nur das Geld, mein Ziel – mein Traum – war immer die Selbsterkenntnis.

Ich möchte mein Leben in Freiheit leben. Ich bin im Kern wohl ein Anarchist, was für mich immer auch Respekt gegenüber der Freiheit des anderen bedeutet. Ich will niemanden manipulieren, ich will eigentlich immer nur kommunizieren, auch durch die Musik. Techno transportierte immer auch einen Teil meines Lebensgefühls, zu diesem Gefühl gehört genauso John Lennon genauso: "Imagine there’s no countries." Haben nicht alle ein Recht auf Glück? Ja, das haben sie. Und der Wunsch danach eint uns. Oft fehlt uns aber der Austausch, das Verständnis.

Ich engagiere mich jetzt bei Megaspree, einem Berliner Aktionsbündnis, das sich gegen den Ausverkauf des Spreeufers wehrt. Durch dieses Engagement ist auch mein neuer Traum entstanden, der Traum von einem Bürgerforum, das einmal jährlich ein großes Bürgerfest feiert. Feiern mit Inhalten, nicht nur Halligalli. Es ist ein Traum von einer Art außerparlamentarischer Oppositionsarbeit, die viel mit Kultur, aber nicht mehr zwingend etwas mit Techno zu tun hat. Diesen Traum habe ich mir bereits erfüllt. Damals war es mein Ansporn, die Menschen glücklich zu machen, mein mit der Love Parade verbundener Traum war der Weltfrieden, und durch die Wiederholung der Veranstaltung sollten andere Menschen mit diesem Traum angesteckt werden. Die Love Parade sollte für immer sein, ein Fest der Menschheit. Mein Traum war es, dass nicht nur Berlin auf der Love Parade tanzt, sondern die ganze Welt. Denn Techno war in seiner Anfangszeit eine Revolution, eine Art Freiraum, in dem jeder willkommen war, egal, wie er tanzte oder aussah.

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Dieser Traum ist vorbei. Die Love Parade ist vorbei, die kann es nach Duisburg nicht mehr geben. Ich sehe heute die Love Parade als mein Kind an, ein Kind, das missbraucht wurde. Und ich fühle mich schuldig, dass ich die ganze Sache nicht frühzeitig gestoppt habe, durch mein Veto beim Verkauf. Denn dann wäre es zu Ende gewesen, dann hätte es diese Katastrophe nicht gegeben.

Aufgezeichnet von Nana Heymann

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