Radsport Strampeln am Berg fürs Netz

Der »Stoppomat« popularisiert virtuelle Radrennen. Am Freitag eröffnet die zehnte Strecke

Mit Hilfe des Stoppomats kann man seine Fahrleistung auf unterschiedlichen Strecken jederzeit mit anderen Radfahrern vergleichen

Mit Hilfe des Stoppomats kann man seine Fahrleistung auf unterschiedlichen Strecken jederzeit mit anderen Radfahrern vergleichen

Bei Kilometer 2,5 zeigt der Berg Schwäche. Plötzlich steigt die Straße nicht mehr an. Auf den nächsten 500 Metern fällt sie sogar um ein Prozent ab. Man muss jetzt nicht mehr treten. Man kann die Beine hochnehmen, durchatmen, sich ein bisschen erholen.

Für ernsthafte Radsportler ist solch ein Anstieg natürlich Pillepalle. So etwas nennen sie einen Rollerberg. Dabei heißt der Hausberg von Friedrichshafen in Wirklichkeit Höchsten – und das zu Recht: Mit seinen 837 Metern stellt er die höchste Erhebung zwischen dem Bodensee und der Donau dar. Für die Trophäensammlung taugt er allerdings nicht. Mit dem Tourmalet oder dem Stilfser Joch kann man in Rennradlerkreisen Eindruck schinden. Kenner wissen auch, wie hart der Kandel zu fahren ist. Aber der Höchsten?

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Roland Hecht ist 45 Jahre alt, Breitensportwart des Radsportvereins Seerose Friedrichshafen, und hat sich immer über Kameraden geärgert, die fremdgingen. Manche keuchten jede Woche zu Trainingszwecken auf den Pfänder, gleich hinter der nahen Grenze in Österreich. Den Höchsten ließen sie links liegen. Da hatte Sportwart Hecht eine Idee: Er machte den Berg kurzerhand zur Rennstrecke.

Für eine Fahrrad-Rennstrecke braucht man einen Start und ein Ziel und ein bisschen Technik. Roland Hecht kannte solche Anlagen aus Österreich und der Schweiz, aber er hat sie perfektioniert. Am Parkplatz Schönemühle baute er eine Startsäule auf. 360 Meter höher in Gipfelnähe stellte er eine Zielsäule hin. Die Säulen stattete er mit einer Stempeluhr aus. Wer an beiden Stationen seine Karte abstempelt, sieht Schwarz auf Weiß, wie lange er für die 8200 Meter lange Bergstrecke gebraucht hat. Roland Hecht wählte für die eher unspektakuläre Anlage einen griffigen Namen: Stoppomat.

Nun kann am Höchsten jeder Tour de France spielen und zum Zeitfahren antreten, zum einsamen Kampf gegen die Uhr. Man muss den Berg allein bezwingen. Ohne Windschatten, ohne die Hilfe eines Vordermanns, an dessen Hinterrad man sich hängen kann. Man schindet sich wie einst Jan Ullrich. Man triumphiert wie Greg LeMond, der vor Jahren die Frankreichrundfahrt gewonnen hat, weil er nach dem Zeitfahren acht Sekunden Vorsprung hatte auf seinen Rivalen Laurent Fignon.

Der Stoppomat hebt den Kampf ins Virtuelle. Wer sich messen will, ist jetzt an kein Datum mehr gebunden. Der ambitionierte Radler kann nach Feierabend noch eine Runde stempeln fahren oder am Wochenende. Es gibt kein Publikum, das einen nervös machen könnte. Wen das Wetter stört, der fährt halt ein paar Tage später. Zu Hause am Computer kann sich jeder zeitverzögert seinen Platz auf der Rangliste anschauen.

Der Stoppomat hat den Höchsten attraktiv gemacht. Roland Hecht kennt einen Apotheker, der zweimal wöchentlich um sechs Uhr morgens zu seinem privaten Bergrennen antritt. In der Saison kurbeln etwa 4000 Leistungswillige die Messstrecke hoch. Dabei ist der Höchsten nicht höher geworden. Die durchschnittliche Steigung liegt immer noch bei vier Prozent, die steilste Rampe bringt es nach wie vor auf elf Prozent. Doch die Zeitnahme hat den Ausflüglerhügel zu einer ernst zu nehmenden Herausforderung erhoben.

Roland Hecht ist gelernter Maschinenschlosser. Er verdient sein Geld in der Entwicklungsabteilung einer großen Getriebefabrik in Friedrichshafen. Mit entsprechender Akribie hat er den Stoppomaten gebaut. Das Starthäuschen auf dem Parkplatz Schönemühle sieht aus wie eine etwas klein geratene Bushaltestelle. Die Balken sind gelb gestrichen. Sie tragen ein Dach mit Fotovoltaikzellen. Diese versorgen die Anlage mit Strom. Sollte die Sonne zu wenig scheinen, springt eine Batterie als Puffer ein. Ihre Kapazität reicht für mehr als eine Woche. »Die Anlage ist überversorgt«, sagt Hecht.

Am Start zieht der Zeitfahrer eine Postkarte aus dem Kartenspender, beschriftet sie mit seinen Daten und steckt sie in den Schlitz der Zeitmessanlage. Diese ist mit einem Gehäuse aus Karbon verkleidet – jenem Material, nach dem Radsportler süchtig sind, weil es Fahrräder so außerordentlich leicht macht. Jede Sekunde zählt. Hecht hat schon Radler beobachtet, die Helm und Trinkflasche am Starthäuschen deponiert haben, um beim Rennen gegen die Uhr Gewicht zu sparen. Schummeln tut man nicht, das ist Ehrensache.

Die Stempeleinheit hat sekundengenau die Uhrzeit aufgedruckt. Jetzt muss alles schnell gehen: Karte in die Trikottasche stecken, ab geht’s, bergauf.

Einmal im Jahr werden auf dieser Strecke regelrechte Materialschlachten geschlagen. Dann wird am Höchsten das »Lightweight Uphill« ausgetragen, das größte Bergzeitfahren Deutschlands. Gut 700 Radfahrer kämpfen sich den Berg hoch, die Extremisten tragen aerodynamische Spezialhelme, die wie spitze Raubvogelschnäbel über tief gebeugte Rücken ragen. Und sie setzen verkleidete Laufräder ein, die den Verwirbelungseffekt der Speichen verhindern.

Die Latte liegt hoch. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 30,46 Stundenkilometern raste der ehemalige Profi Jörg Ludewig, der mit Jan Ullrich in einer Mannschaft gefahren ist, den Höchsten bergauf; er brauchte bis zum Ziel 16.09 Minuten. Roland Hecht benötigt 23.40 Minuten. Sein Rad wiegt keine sieben Kilo, ist mit Karbonlaufrädern ausgestattet, »aber das nutzt nix bei zehn Kilo zu viel«, wie er selbstkritisch anmerkt. Als er noch schlanker war, lag sein persönlicher Streckenrekord bei 21.45 Minuten. Das zählt aber nicht, weil es damals den Stoppomaten noch nicht gab. So gesehen, hat er die Anlage zu spät erfunden.

Bei Kilometer 6 kommt die Elf-Prozent-Rampe. Wäre sie weniger steil, könnte man den Berg genießen. Sattgrüne Wiesen wechseln sich mit dunklen Wäldchen ab. Kühe grasen, Pferde traben locker über eine Koppel. Ein Gasthaus führt in Versuchung. Aber der rot-weiße Sendemast auf dem Gipfel ist schon zu sehen. Dahinter soll es Erdbeerfelder geben.

Am gelben Zielhäuschen wird die Karte abgestempelt und eingeworfen. Einmal wöchentlich leeren Roland Hecht und seine Mitstreiter den Kasten und werten die Karten aus. Von Hand geben sie Namen und Zeiten in eine Datenbank ein. Diese hat Hecht in 500 Arbeitsstunden mit seinem Freund Thomas Bischof aufgebaut. Unter der Internetadresse www.stoppomat.de kann jeder sehen, dass Jörg Ludewig ein Wiederholungstäter ist. Auch er ist zwar mit den Jahren langsamer geworden, aber er hält die aktuelle Jahresbestzeit von 17.26 Minuten.

Das virtuelle Zeitfahren, das sich im Internet widerspiegelt, hat sich herumgesprochen. Mittlerweile ist der Stoppomat in Kleinserie gegangen. Zwischen Mosel und Elbe gibt es acht permanente Zeitfahrstrecken, die neunte ist in Spanien. Die zehnte, erstmals eine Strecke im Flachland, wird am Freitag dieser Woche in Suderburg in der Lüneburger Heide offiziell eröffnet. Es gibt die Stoppomat Challenge, bei der Vielfahrer nach einem ausgeklügelten System auf jeder Strecke Punkte sammeln können. Und wenn der Betreiber einer Anlage nachlässig arbeitet, erreichen ihn Beschwerde-E-Mails: Bin vor vier Wochen gefahren – warum steht meine Zeit noch nicht Netz?

Roland Hecht hat sich den Stoppomaten als Marke und Gebrauchsmuster schützen lassen. Er liefert eine Anlage schlüsselfertig für 9000 Euro. »Wenn ich die Material- und Werkstattkosten abziehe, bleibt mir ein Stundenlohn von einem Euro«, sagt er, »das ist deutlich im ehrenamtlichen Bereich.« Er legt großen Wert darauf, dass die Teilnahme am virtuellen Wettbewerb für alle kostenlos bleibt.

Auf dem Gipfel des Höchsten hat Hecht neben dem gelben Ziel eine Sitzbank aufgebaut. »Zum Chillen«, sagt er. Die Aussicht ist grandios. Zwischen sanften Hügeln erstreckt sich der Bodensee. Am Horizont erhebt sich der Alpenhauptkamm. Wenn es nicht diesig ist, kann man das Finsteraarhorn sehen.

Im November schließt Roland Hecht die Anlage. »Wenn wir im Frühjahr wieder aufmachen, sind die Fahrer richtig heiß.« Nur Frau Hecht könnte sich noch längere Auszeiten vorstellen. Das bekam ihr Mann zu spüren, als er ein neues Auto kaufen wollte. Das durfte partout nicht gelb sein. Familie Hecht fährt jetzt einen blauen Wagen.

 
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