Schriftsteller99 Fragen an Hans Magnus Enzensberger

Mehr braucht kein Mensch von Moritz von Uslar

Er hat – natürlich – erst einmal keine Lust. Am Telefon lässt er auf die Interviewanfrage den typischen Enzensberger-Singsang hören, rhetorische Abwehrvolten, Ausweich- und Ablenkungsmanöver, die in ihrem Charme, ihrer Absurdität und freundlichen Verspieltheit praktisch unerwiderbar sind (»Warum reden Sie nicht mit Ihrer Reinigungsfrau? Ihre Reinigungsfrau ist schlau, die weiß alles«). Dann sagt er: »Kommen Sie halt. Wenn’s langweilig wird, dann hören wir auf.«

Das ist doch eine schöne Verabredung. Wenn es einen gibt, mit dem man noch einmal alles, wirklich alles besprechen möchte – die Politik, die Krisen, den großen Bla im öffentlichen Raum –, dann ist es er: Enzensberger, Lyriker und Essayist, der Frische, Helle, Lichte. Wie kein Zweiter in der Geschichte der Bundesrepublik steht er für das Denken mit dem gesunden Menschenverstand. Im November letzten Jahres ist der große Helle achtzig geworden und hat zu der Gelegenheit noch einmal entschlossen nichts gesagt.

Seine Arbeitswohnung liegt in München-Schwabing, Fußnähe zum Englischen Garten, in einem spektakulär unschönen Haus (Postmoderne, siebziger Jahre). Er steht gleich derart angenehm zögerlich, fast verloren in seiner Wohnung herum, als wäre es nicht sein Zuhause. Klassizistische Möbel. Bücherwände. Bücherstapel. Seine lange, elegante Erscheinung. Er breitet die Arme aus. Schließt sie wieder. Bittet an den Tisch. Er ist ja auch Interview-König. Die gesammelten Enzensberger-Gespräche sind als Suhrkamp-Taschenbuch (»Zu große Fragen«) erschienen. Also besser: nicht so große Fragen. Wir machen den schönen Trick, ihm so unendlich große und breite Fragen zu stellen, dass er darauf alles antworten kann.

Plauderstunde mit Hans Magnus Enzensberger. Nebenan in der Küche strömt das Leitungswasser aus dem Hahn, es soll an diesem Sommertag auf Trinktemperatur abkühlen. Strömendes Leitungswasser: brutal irritierend. Aschenbecher, Zigaretten, Wegwerffeuerzeug. Noch brennt keine Zigarette. Sein kreisrunder Kopf, die sprichwörtlich hellwachen Augen. Er freut sich jetzt schon. Über was, um Himmels willen, freut er sich? Grinsender Enzensberger: Wenn er grinst, kräuselt sich sein schlauer Mund. Zum Warmwerden ein paar Entweder-oder-Fragen. Entweder-oder: immer gut.

1Bier oder Wein?
Bier macht mich müde.

2Bach oder Beethoven?
Gerne eine Partita.

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3Blackberry oder iPhone?
Kein Handtelefon.

4Das Wasser lieber mit oder ohne?
Nur aus dem Hahn. Das Münchner Leitungswasser ist ja ausgezeichnet. Flaschen schleppen, das gibt’s bei mir überhaupt nicht.

5Lieber den salzigen oder den süßen Snack?
Das Wort Snack ist mir fremd. Aber wenn Sie eine Mousse haben, gerne.

Eine Mousse! Unverändert grinsendes Gesicht. Der Enzensberger-Singsang: Er singt Bayerisch mit fränkischen Untertönen (in Kaufbeuren geboren, in Nürnberg aufgewachsen). Das Wasser in der Küche strömt unaufhaltsam: ström, ström. Noch einmal: Der Enzensberger-Kopf ist die totale Freude. Das Kreisrunde (Kopf) passt gut zum Langen (Körper). Unter der Tischplatte faltet er die Beine zu sagenhaften Schlangenlinien. Es ist, als hielte sich seine Denkfreude nicht nur in seinem Kopf, sondern in seinem ganzen Körper auf.

6Können Sie ausschließen, dass wir uns gerade auf einer Dachterrasse befinden?
Es gibt hier einen Balkon. Da können Sie draußen in der Sonne sitzen, wenn Sie wollen. Ich bin lieber im Schatten.

7Können Sie jetzt sagen, wo sich der Kellerschlüssel befindet?
An einem Schlüsselbund. Vermutlich. Ich könnte das, wenn Sie darauf bestehen, natürlich nachprüfen.

8Wo liegt noch mal Kaufbeuren?
Im Voralpenland, im bayerischen Allgäu. In einer Moränenlandschaft, an der Wertach.

9Wo liegt noch mal New York?
Das wissen Sie nicht? Oder wollen Sie mich verblüffen mit der Mitteilung, dass New York etwa auf dem Breitengrad von Neapel liegt?

10Wie lang brauchen Sie von Ihrer Münchner Wohnung nach Italien?
Zu Fuß ist es mir zu weit. Jedenfalls ist mein Italien nicht die Toskana.

Er steht auf, kehrt aus der Küche mit zwei blauen Gläsern zurück, mit Leitungswasser gefüllt. Der Wasserstrom ist gestoppt. Er nimmt eine Zigarette mit beiden Händen, rollt sie zwischen den Fingern hin und her, guckt. Er hat das Prinzip dieses Gesprächs natürlich sofort begriffen: Gesprächsvermeidung à la Enzensberger. Es muss nichts mehr gesagt werden. Denn: Es ist ja schon alles gesagt. In den ausgesparten, nicht den ausgesprochenen Gedanken hält sich der Geist auf. Beim Nichtssagen kommt es darauf an, immer den Hauch einer Möglichkeit zu lassen, dass gleich doch etwas Bedeutendes gesagt werden könnte – so entsteht Spannung. Wir müssen nun gemeinsam durch eine etwas langweilige Landschaft hindurch: die Politik.

11Wann ist noch mal die nächste Bundestagswahl?
Wenn die Koalition auseinanderknallt, gibt es vermutlich vorgezogene Neuwahlen.

12Warum muss man Merkel einfach gern- haben?
Ihr Charme ist hartnäckig. Die Medien bilden sich ein, sie könnten die Kanzlerin wegschreiben. Aber das ist eine schwer besiegbare Person. Die Pfarrerstochter aus dem Osten? In der hat sich schon Helmut Kohl getäuscht.

13Ihr Kurzkommentar zum zukünftigen Kanzler Sigmar Gabriel?
Den kenne ich gar nicht.

Übers ganze Gesicht strahlender Enzensberger! Klar, das macht Freude, den SPD-Vorsitzenden für einen Moment lang nicht zu kennen.

Leserkommentare
    • koestbe
    • 12. August 2010 14:42 Uhr

    Die Fragen waren größtenteils so interessant, dass mich eine wirkliche Antwort von Hans Magnus Enzensberger interessiert hätte. Leider flieht er entweder ins Komische, was ich grundsätzlich mag, uns aber hier nicht weiterbringt, teils ins Skurile oder auch in Gegenfragen. Enttäuschend! Offensichtlich hatte er einfach keine Lust, ernsthaft zu antworten, bei einem Jüngeren würde man sagen: null Bock. Hätte man in dieser Form m.E. nicht zu drucken brauchen. Ihr ansonsten begeisterter Zeit-Magazin-Leser B.K. aus Offenbach.

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    @Koestbe: die Fragen waren zum größeren Teil interessant, da gebe ich Ihnen recht. Aber ich stimme nicht zu, dass die Antworten uninteressant waren. Jemand wie Herr Enzensberger hat zahllose Interviews hinter sich, er musste, wie es ja im Artikel öfters erwähnt wird, bei Laune gehalten werden auch durch "kleinere" Fragen. Mir persönlich sind es einfach zu viele. Ich schaffe es nicht, sie alle hintereinander wegzulesen, ohne dass sich zu früh Sättigung einstellt. Was mir bei diesem einen Interview passierte - wie oft mag Enzensberger das wohl schon erlebt haben? ... Und: auch eine ablenkende Antwort ist eine Antwort...

    • DAS
    • 13. August 2010 11:47 Uhr

    Ich habe mich tatsächlich durch alle 99 Fragen gearbeitet: "Irgendwann muss doch etwas interessantes kommen!".

    Das Problem könnte gewesen sein, dass der Interviewer sich selbst und nicht den Interviewten für den "Star" hielt. Einem Interview tut so etwas nicht gut.

    Die Fragen sind nicht, wie wohl beabsichtigt, kreativ und feinsinnig. Es ist eine schier endlose Sammlung von Quatsch!

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    "Es ist eine schier endlose Sammlung von Quatsch!"
    Richtig!
    Befremdlich ist mir nur, warum Sie zwar zur Wahrheit, aber nicht zur Erkenntnis durchdringen. Verwechselt da jemand Sinn mit Nutzen? Oder sind Sie Akademiker?

    An 1 und 4: Wer ein dressiertes Zirkusäffchen sehen will, das auf Kommando seine Fertigkeiten unter Beweis stellt, der sollte sich in das entsprechende Establishment bewegen und kein ZEIT-Interview mit Enzensberger lesen. Sogesehen: Selber Schuld und "Das weiß doch auch jeder".

  1. @Koestbe: die Fragen waren zum größeren Teil interessant, da gebe ich Ihnen recht. Aber ich stimme nicht zu, dass die Antworten uninteressant waren. Jemand wie Herr Enzensberger hat zahllose Interviews hinter sich, er musste, wie es ja im Artikel öfters erwähnt wird, bei Laune gehalten werden auch durch "kleinere" Fragen. Mir persönlich sind es einfach zu viele. Ich schaffe es nicht, sie alle hintereinander wegzulesen, ohne dass sich zu früh Sättigung einstellt. Was mir bei diesem einen Interview passierte - wie oft mag Enzensberger das wohl schon erlebt haben? ... Und: auch eine ablenkende Antwort ist eine Antwort...

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    • koestbe
    • 13. August 2010 17:21 Uhr

    Texterette: Sie haben recht, es waren einfach zu viele Fragen, sowohl für den Interviewer als auch für den Interviewten, erst recht für den Leser. Nur: wenn schon Enzensberger, dann muss auch etwas vom großen Geist durchs Interview wehen, sonst sollte man es lieber ganz lassen! Ich bin gespannt, ob die Serie so fortgeführt werden kann, glaube ich eher nicht.

  2. Auch ich befand mich in der Annahme, kluge oder zumindest witzige Antworten zu lesen. Doch große Fehlanzeige.
    Lag es an einer Arroganz, einem besonders schlechter Tag oder einer gewissen Banalität der gestellten Fragen. Auf solche Interviews sollte DIE ZEIT verzichten. Möglich ist auch, das es am bekannten "Sommerloch" liegt, wo mancher Quatsch veröffentlicht werden muß.

  3. "Es ist eine schier endlose Sammlung von Quatsch!"
    Richtig!
    Befremdlich ist mir nur, warum Sie zwar zur Wahrheit, aber nicht zur Erkenntnis durchdringen. Verwechselt da jemand Sinn mit Nutzen? Oder sind Sie Akademiker?

    An 1 und 4: Wer ein dressiertes Zirkusäffchen sehen will, das auf Kommando seine Fertigkeiten unter Beweis stellt, der sollte sich in das entsprechende Establishment bewegen und kein ZEIT-Interview mit Enzensberger lesen. Sogesehen: Selber Schuld und "Das weiß doch auch jeder".

    Antwort auf "Schlechtes Interview"
  4. Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Die Redaktion /ft

  5. 7. ~ 1009

    Ich bin durch, alle Fragen, alle Antworten. Fast alle, denn ich warte noch auf die Hundertste und ihre Nachfolger. Ich wartete die ganze Zeit. Gleich, gleich kommt da doch etwas, irgend etwas Bedeutsames. Irgend etwas, das das Lesen dieser 99 zusammenhangslosen Fragen und der 99 beliebigen Antworten lesenswert machen würde. Irgend einen Grund, dass man das Ganze in ein Medium einstellt. Manchmal dachte ich, es gehe mehr um die eingestreuten Beschreibungen des Gegenübers, die so seltsam wertend und gleichermaßen literarisch bemüht wirken. Aber das kann ja nicht Sinn eines Interviews sein. Auch kam da letztlich nicht viel mehr als ein Gesäusel, das Wasser fließt eben, wie alles. Und daher wartete ich, warte immer noch...

    • koestbe
    • 13. August 2010 17:21 Uhr

    Texterette: Sie haben recht, es waren einfach zu viele Fragen, sowohl für den Interviewer als auch für den Interviewten, erst recht für den Leser. Nur: wenn schon Enzensberger, dann muss auch etwas vom großen Geist durchs Interview wehen, sonst sollte man es lieber ganz lassen! Ich bin gespannt, ob die Serie so fortgeführt werden kann, glaube ich eher nicht.

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