Ist die alte Frau schon tot? Nebenan feiern sie gerade eine Totenzeremonie. In jeder Hütte des Viertels liegen Schwerkranke auf dem Boden, die Alte aber rührt sich nicht. Sie hat kaum noch Fleisch an ihren Knochen. Ihre dürren Arme liegen auf dem nackten Steinboden, ihre Beine stecken angewinkelt unter dem zerfallenen Körper. Der Reporter stupst sie an, einmal, zweimal. Sie bewegt sich nicht.

Nebenan sitzt ihr Ehemann, ein fast hundertjähriger Greis. Er kann nicht mehr reden, aber er ergreift die Hand des Reporters und hält sie mit aller Kraft fest. Mit der anderen Hand zieht er eine Plastiktüte heran. Der Reporter soll sich auf die Tüte setzen. Er soll warten, in der Hütte Nummer 22 im Slumviertel JP Nagar der Stadt Bhopal .

In der Hütte gibt es keine Möbel, nur ein paar alte Töpfe, ein paar Plastiktüten und die beiden Alten. Lange Zeit passiert nichts. Dann bewegt sich die Frau. Mit viel Mühe sortiert sie ihre Gelenke. Unter Stöhnen und Husten hebt sie Kopf und Oberkörper. Sie hat tief eingefallene Wangen, blutverschmierte Zähne, um die verquollenen Augen schwarze Haut. So sehen hier viele aus.

Die 80-jährige Haliman Bi ist eines von nach Regierungsangaben 800.000 überlebenden Opfern der Giftgaskatastrophe von Bhopal. Mindestens 15.000, vermutlich bis zu 30.000 Menschen sind in den vergangenen 25 Jahren an ihren Folgen gestorben. Kein Wirtschaftsverbrechen hat je so viele Todesopfer gefordert.

Bi hat Lungenkrebs, eine der typischen Bhopal-Krankheiten. Sie hustet seit dem 3. Dezember 1984, dem Tag, an dem das bis dahin Unvorstellbare geschah: Gegenüber von Bis Hütte, in der Bhopaler Pestizidfabrik des amerikanischen Konzerns Union Carbide, lösten sich drei Dutzend Tonnen Methyliscocyanat aus dem Lagertank Nummer E610 in einer hochgiftigen Gaswolke auf. Das Gift war unter Mitwissen des Fabrikmanagements fahrlässig gelagert worden. Auch die Chefs in den USA wussten, dass die firmeneigenen Sicherheitsvorschriften im indischen Werk nicht eingehalten wurden. Doch die Fabrik schrieb rote Zahlen, Facharbeiter wurden entlassen, Tagelöhner mit Sicherheitsaufgaben betraut, die sie nicht verstanden. So nahm das Unheil seinen Lauf. Die Giftgaswolke legte sich über JP Nagar und die angrenzenden Slumviertel.

3000 Menschen starben sofort. Hunderttausende leiden noch heute. »Der Husten ist nicht schlimmer geworden. Es war immer so«, sagt Bi. Sie spricht leise. Sie will eigentlich nicht reden, aus ihrer Sicht ist es sinnlos. Sie hat nie eine angemessene Entschädigung erhalten. »Wir bekommen von niemandem etwas«, flüstert sie.

Ihre Nachbarin ist dazugekommen und erklärt, dass Bi und ihr Mann vor 20 Jahren jeweils umgerechnet 400 Euro erhielten, wie fast alle in JP Nagar. Doch das Geld war schnell für Medikamente verbraucht. Wo es Todesfälle gab, erhielten die Familien 1600 Euro pro Opfer. So hatte es die Regierung in Delhi mit Union Carbide nach fünf Jahren ausgehandelt.