Dass Ines Peters im Herbst ihren Bachelor macht, ist ein kleines Wunder. Sie wohnt auf dem Land und kümmert sich um die kleinen Kinder, während ihr Mann arbeitet. Einfach mal so zu einer Vorlesung nach Hannover an die Universität zu fahren ist nicht drin. "Es war immer mein Traum, Mathematik zu studieren", sagt sie. Um ein Haar wäre ihr Studium gescheitert – ausgerechnet an den Bafög-Bestimmungen, die eigentlich akademische Karrieren wie die ihre ermöglichen sollen.

Sie hat sich an der britischen Open University eingeschrieben, die sich auf Fernstudiengänge spezialisiert hat. Es ist eine staatliche Hochschule, ihre Abschlüsse sind international anerkannt. Aber: Für die Einschreibung setzt sie nicht das Abitur voraus. Dadurch, so argumentieren die Bafög-Ämter, sei die Ausbildung nicht gleichwertig mit den Studiengängen an deutschen Hochschulen. Und so hat die angehende Mathematikerin Ines Peters viele Leidensgenossen.

Wer sich an der britischen Fern-Uni einschreibt, verliert automatisch seinen Anspruch auf finanzielle Unterstützung – selbst wenn er Abitur hat und an jeder anderen Universität Bafög bekäme. Viele der Studieninteressenten stellt das Nein der Bafög-Ämter vor ein Dilemma: Die Open University bietet Fächer an, die nirgendwo anders als Fernstudium belegt werden können.

Studenten wehren sich – mithilfe einer Anwältin

Grundsätzlich steht deutschen Studenten dann Bafög zu, wenn sie bestimmte soziale Kriterien erfüllen, wenn die Eltern etwa ein niedriges Einkommen haben oder mehrere Geschwister ebenfalls studieren. Eine geografische Einschränkung gibt es inzwischen nicht mehr: Wer als Deutscher im europäischen Ausland studiert, bekommt trotzdem Unterstützung aus seinem Heimatland.

"Es ist abenteuerlich, wenn die Regierung große Kampagnen für Weiterbildung und lebenslanges Lernen unterstützt", sagt die Wiesbadener Rechtsanwältin Sibylle Schwarz, "und dann denjenigen Steine in den Weg legt, die für eine akademische Ausbildung große Opfer auf sich nehmen." Schwarz ist erfahren im Kampf gegen die Bafög-Benachteiligung. Erst unlängst hat sie für eine ihrer Mandantinnen die staatliche Förderung erstritten – sie war für ein Fernstudium an der University of Sunderland eingeschrieben, einer anderen britischen Hochschule. Diese Entscheidung allerdings gilt nicht für die Open University, in dem Fall bleiben die Behörden hart. Bei Sibylle Schwarz melden sich jetzt reihenweise Studenten, die immer noch auf Bafög warten. "Es ist wichtig, zu zeigen, dass das keine Einzelfälle sind", so die Anwältin.

Ihre Mandanten müssen mit einem Job ihre Familie ernähren und finden darüber kaum noch Zeit zum Lernen, andere haben ihren Traum vom Studium frustriert aufgegeben, weil sie es sich ohne staatliche Hilfe schlicht nicht leisten können. "Es ist unglaublich, was wir für ein Potenzial vergeuden, wenn wir so mit den Studieninteressenten umgehen", sagt Schwarz. In einem ersten Prozess ist sie unterlegen. Die Argumentation der Richter stützt die der Bafög-Ämter: Die Open University sehe als einzige Zugangsvoraussetzung die Volljährigkeit vor und nicht etwa ein Abitur – damit könne das Studium nicht als gleichwertig anerkannt werden. Derzeit führt sie ein neues Verfahren.

Tatsächlich ist die Open University ein Sonderfall in der europäischen Hochschullandschaft. Der britische Staat hat sie 1970 als Reformuniversität gegründet und dabei zwei Prinzipien festgelegt: erstens niedrige Zugangshürden und zweitens die Möglichkeit, alle Fächer als Fernlehrgang von zu Hause aus zu studieren. Das sollte den Weg für ungewöhnliche Bildungskarrieren öffnen. Mehr als 200000 Studenten sind inzwischen eingeschrieben, davon 1500 aus Deutschland. Wie viele der Deutschen eigentlich unter die Bafög-Bestimmungen fallen, lässt sich aber nicht genau nachprüfen – einige der Studenten sind älter und fallen allein deshalb durch das Raster, dafür haben andere wegen der fehlenden Unterstützung ihr Studium gar nicht erst aufgenommen.