Jugendparlament Europa ist spannend

Das Europäische Jugendparlament begeistert Schüler für Politik. Von Petra Pinzler

Lilian Lin gilt bei ihren schwedischen Mitschülern als Exotin – weil sie für Europa schwärmt. »Superspannend« nennt die 19-Jährige die EU und eine »tolle Erfindung«. Lilian weiß natürlich, dass das in Schweden nicht besonders populär ist und in vielen anderen EU-Ländern auch nicht. Neuerdings ist ihr das aber schnuppe, denn sie kennt inzwischen genug Gleichgesinnte. Während sie eine Riesenportion Spaghetti Bolognese durch die Kantine der Frankfurter Jugendherberge trägt, sagt sie fröhlich: »Hier sind jede Menge Exoten. Hier finden alle Europa superspannend.«

Zehn Tage verbringt Lilian in diesem Sommer mit 220 anderen Schülern und Studenten in Frankfurt am Main. Sie alle gehören dem 64. Europäischen Jugendparlament (EYP) an. In den achtziger Jahren von einer französischen Lehrerin gegründet, will die Organisation Jugendliche für Europa begeistern. Mindestens einmal im Jahr lädt sie deswegen zu einer großen Parlamentssitzung, dazwischen gibt es kleinere Konferenzen oder nationale Aktivitäten. Mindestens 16 Jahre alt müssen die Teilnehmer sein, sie kommen mittlerweile aus 34 Staaten, nicht nur aus der EU, auch aus Europaratsländern. Für Frankfurt mussten sie alle einen Auswahlwettbewerb bestehen. Nun sind die meisten ziemlich stolz, dabei zu sein. »Wer hier mitmachen darf, sieht die Welt danach mit anderen Augen«, sagt Pina Akkor, eine Türkin. Sie schwärmt von »jeder Menge Spaß, dem Diskutieren mit Gleichgesinnten, dem gemeinsamen Lernen«. Und von einem ganz besonderen »europäischen Geist«, den man nicht beschreiben könne. Ganz offensichtlich gehören aber gute Partys, nette Leute und viele interessante Gespräche dazu.

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Die meisten Jugendlichen klingen euphorisch. Es ist, als ob sie eine Impfung bekommen hätten, die sie gegen EU-Frust immunisiert. Jan-Philipp Beck, ein ehemaliger Teilnehmer und jetzt der einzige fest angestellte Organisator, erklärt das so: »Unser Jugendparlament bietet wohl genau die richtige Mischung aus spannenden Teilnehmern, Vergnügen und politischer Debatte.« Und es gebe jede Menge Aktivitäten, bei denen »mitbestimmt, mitgemacht und mitorganisiert« werden könne. Längst haben die Jugendlichen in der einstigen Lehrerorganisation selbst die Macht übernommen und die Strukturen demokratisiert. Und sie haben in der Berliner Schwarzkopf-Stiftung einen Helfer gefunden, der ihnen die Organisation und das Auftreiben von Sponsoren erleichtert.

Trotzdem wahrt das EYP Traditionen. Wie immer haben die Teilnehmer ihre Zeit auch in Frankfurt nach erprobten Regeln verbracht: Erst wird gespielt und gelacht – damit sich alle kennenlernen, die Scheu vor dem Englischen und den anderen schwindet. Dann muss sich jeder für eines der Komitees entscheiden. Die tragen Titel wie im EU-Parlament: »Menschenrechte«, »Landwirtschaft«, »konstitutionelle Angelegenheiten«. Dort wird einige Tage über ein Thema debattiert und im Konsens eine Resolution geschrieben. Im besten EU-Stil und oft mit unerwarteten Schwierigkeiten. »Man lernt schnell, dass es schwer ist, mit so vielen unterschiedlichen Kulturen zu einem gemeinsamen Ergebnis zu kommen. Kompromisse sind verdammt schwer. Hat man einen erreicht, bleibt ein tolles Gefühl«, sagt Ben English. Er kommt aus Irland und hält inzwischen viel davon, Minderheiten nicht mehr einfach zu überstimmen. Und er hat plötzlich Verständnis dafür, dass seine Regierung in Brüssel so oft Kompromisse eingehen muss.

Leser-Kommentare
  1. Weiter so, es ist wichtig Menschen für die Demokratie und Europa zu begeistern.

  2. Das vorweg: Ich finde es toll, wenn junge Menschen sich für Politik begeistern können und engagieren.

    Die vielfältigen Formen von Jugendparlamenten und Jugendgemeinderäten halte ich allerdings für den falschen Weg.

    Die politische Arbeit in Deutschland ist in Parteien organisiert. Junge Menschen sollten den Weg der Partei wählen, wenn sie ernsthaft Politik machen wollen, meinetwegen auch über die Jugendorganisationen. Der Jugendgemeinderat/das Jugendparlament lehrt nicht, wie man Politik macht, wer dort hingeht ist zwar gerne gesehener Gast auf Pressefotos, aber mehr auch nicht.

    Auch die vielzitierte 68er Generation hat gelernt, dass ein Marsch durch die Institutionen notwendig ist, es hat aber auch 30 Jahre gedauert. Diese Generation sollte sich das auch klar machen. Wer was verändern will, muss Sitzfleisch, Biss, Geduld und Argumentationskraft haben.
    Wer nur UN-Jugendbotschafter sein möchte oder Sprecher im Jugendparlament, wird es nicht schaffen Einfluss zu haben. Die Generation iPod ist zwar pragmatisch, aber vielleicht ist sie auch zu weich.

  3. 3. ~ 1012

    Lassen wir uns doch mal kurz überlegen:

    Die Eingeladenen mussten sich erst für diese Aktion interessieren, dann qualifizieren und werden jetzt mit einem Urlaub unter Gleichgesinnten belohnt.

    Wie wahrscheinlich ist es da, dass diese Jugendlichen NICHT begeistert sind?

    Also, die Aussage des Texts, die schon mit der Überschrift beginnt, ist schlicht Unfug. Eine Statistik-Vorlesung genügt für diese Erkenntnis.

    • AVPS
    • 15.08.2010 um 21:17 Uhr

    Vor ein paar Jahren gehörte ich auch noch zu den jungen Leuten, die sich für "Europa" engagierten. Heute weiß ich, warum das so viel Spaß gemacht hat: man konnte sich für ein Ideal engagieren, das für Frieden, Fortschritt, Brüderlichkeit und die Überwindung von Nationalismus stand. Man konnte jung und träumerisch sein - und bekam dafür von "den Großen" Schulterklopfen. Für solches Engagement gab es immer Fördermittel, Hilfsmittel, Öffentlichkeit und - das beste - Pluspunkte im CV.
    Nie ließen sich gefühlte Rebellion und Stromlinienförmigkeit besser vereinen.
    Ob sich also Studenten für Europa engagieren oder nicht sagt nicht sehr viel über die Zukunft der Union aus.

  4. Dass seinen die Gründe, warum er dahinging.
    Hat ein Deutscher im Deutschlandradio erzählt.
    Wenigstens ehrlich...

    • an-i
    • 15.08.2010 um 22:48 Uhr

    ....Jugendparlamente sind nicht der richtige Weg....
    und ob. Schauen Sie sich an, was die Parteipolitik mit Europa angerichtet hat. Unfähige oder unbequeme Personen auf dem Nationlparkett, werden nach Brüssel verabschiedet. Die Parteien egal welcher "Farbe" verlieren zunehmend, wegen ihrer Starrheit, an Anhängern und Einfluss (siehe Nationalwahlen).
    Es werden in der Zukunft politische Europäer gefragt, die ausserhalb der parteipolitischen Zwänge tätig werden.
    Es ist nicht mehr die Partei wichtig, sondern die Thematik, die man vetreten und durchsetzen will.

  5. ... werden auch dadurch nicht behoben, denn Parlamente haben wir ja genug. Neue Scheinparlamente brauchen wir nicht. Und diese Jugendlichen sind ja nicht nur völlig machtlos, sind sie ja überhaupt von niemanden legitimiert worden. Nennen sie es doch bitte Debattierclub.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Dem kann ich nur zustimmen. Diese Aktion wird überbewertet. Ich kann auch einem der anderen Kommentatoren nur beipflichten, der den Weg in die Politik über die Jugendorganisationen der Parteien vorgeschlagen hat.

    SO lernt man Politik kennen, von den örtlich interessanten Dingen wie beispielsweise Diskussionen über Verkehrskonzepte in der Stadtentwicklung, auch durch die Mitarbeit in einem echtem Ausschuss, dessen Wort anschließend auch wirklich Gewicht hat.

    Ansonsten halte ich alles für etwa so sinnvoll wie dieses unsägliche "Börsenspiel", das wir früher in der Schule über uns ergehen lassen mussten, wo es ebenfalls um nichts ging und noch nicht mal alle Papiere gehandelt werden konnten.

    Dem kann ich nur zustimmen. Diese Aktion wird überbewertet. Ich kann auch einem der anderen Kommentatoren nur beipflichten, der den Weg in die Politik über die Jugendorganisationen der Parteien vorgeschlagen hat.

    SO lernt man Politik kennen, von den örtlich interessanten Dingen wie beispielsweise Diskussionen über Verkehrskonzepte in der Stadtentwicklung, auch durch die Mitarbeit in einem echtem Ausschuss, dessen Wort anschließend auch wirklich Gewicht hat.

    Ansonsten halte ich alles für etwa so sinnvoll wie dieses unsägliche "Börsenspiel", das wir früher in der Schule über uns ergehen lassen mussten, wo es ebenfalls um nichts ging und noch nicht mal alle Papiere gehandelt werden konnten.

  6. "Wer was verändern will, muss Sitzfleisch, Biss, Geduld und Argumentationskraft haben."

    Mit diesen Eigenschaften verändert man derzeit in Deutschland gar nichts mehr, aber man schafft sich ein Einkommen, dies war es aber auch schon.

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