In vielen Städten sind Altgoldkäufer unterwegs
Es liegt viel Gold herum in Deutschland. Nicht im Wald wie einst bei Tiggemann, sondern in Schubladen und Schachteln, als Ringe, Uhren, Armbänder. Der hohe Goldpreis lockt jene an, die dringend Papiergeld brauchen, und lässt die Erinnerung an alte Großtanten verblassen. In fast jeder Stadt sind Altgoldkäufer unterwegs, in vielen Zeitungen inserieren sie.
Tiggemann sieht zu, wie die Kette in einem Kästchen verschwindet. Er sieht aus, als denke er an die Weckgläser, als müsse er zuschauen, wie der Mann sein Eingemachtes an die Schweine verfüttert. Sein Gold gibt er her für Papier. Tiggemann sagt, es müsse sich noch viel ändern in Deutschland.
»Geld, Gold und die Wahrheit« hat jemand auf eine Tafel geschrieben, den Titel des Vortrags. Tiggemann steht in einem Besprechungszimmer im Gewerbegebiet von Eislingen. Es sind die Räume von First United. Überall liegt Gold herum, auf Tischen, Kommoden, Fensterbrettern. Man muss es anfassen, um zu merken, dass die Münzen und Barren nur Feuerzeuge, Flaschenöffner oder Schokoladenstücke sind. Die Schokolade schmilzt gerade. Es ist Abend, aber die Luft ist noch immer sommerwarm. Die Fenster sind mit Rollläden verdunkelt. Die Farbe der Rollläden ist gold.
Tiggemann hat seinen Scheitel nachgezogen, die Krawatte gebunden, seinen Laptop aufgebaut. Er sieht zu, wie die Gäste hereinkommen, gepflegte ältere Herrschaften, Kunden des Edelmetallhändlers. Dreißig Leute sind es, viel mehr wollten kommen, aber mehr passen nicht in den Raum. Unternehmer sind unter ihnen, leitende Angestellte, Pensionäre. Wohlhabende Bürger, die sich Gedanken um ihr Geld machen.
Unterhält man sich mit ihnen, bekommt man Geschichten erzählt von Lehman-Zertifikaten und staatlicher Verschwendungssucht. Vom Gefühl, betrogen zu werden, ist die Rede und davon, dass heutzutage niemand mehr verstehe, was die Banken mit dem Geld ihrer Kunden anstellten.
Also überlegen sie jetzt, Gold zu kaufen. So wie sie vor Jahren deutsche Technologiewerte erwarben oder amerikanische Immobilienfonds. Der Unterschied ist: Wer Aktien und Anleihen kauft, gibt sein Geld anderen Menschen, Unternehmen, Staaten, damit die es vermehren. Er nimmt teil am großen Spiel der Finanzmärkte, er glaubt an die Kraft des Wirtschaftswachstums und den Sieg des Profits über die Pleite.
Wer Gold kauft, hat diesen Glauben verloren. Die dreißig Männer und Frauen im stickigen Besprechungszimmer von First United, die Tausenden, die in diesen Wochen bei den Edelmetallhändlern nach Gold fragen, haben alle eines gemeinsam: Sie spielen nicht mehr mit. Sie behalten ihr Geld für sich und verwandeln es in Münzen und Barren. Gold ist Metall gewordener Systemverdruss, die Kapitalismuskritik einer schweigenden Minderheit. Anders als die lärmenden Demonstranten auf den Wirtschaftsgipfeln und Weltbanktagungen wollen die Goldkäfer nicht die Welt retten, sondern sich selbst, ihren Wohlstand.
Der Chef von First United geht im Besprechungsraum nach vorn, um Tiggemann anzukündigen. Er ist Mitte fünfzig, ein Finanzspezialist, der früher bei einer Versicherung gearbeitet hat. Er sagt, inzwischen gehörten bekannte Popstars zu seinen Kunden, eine mächtige deutsche Unternehmerfamilie. Alle wollten sie jetzt Gold.
Der Mann ruft so laut, als wollte er mit seiner Stimme eine Konzerthalle füllen: »Ich begrüße ein absolutes Urgestein!« Er geht zurück zu seinem Stuhl, und Tiggemann steht jetzt allein da vorn.
Er räuspert sich, bedankt sich, dass er hier sein darf. Er sagt, er habe so viel Kritik ertragen müssen in seinem Leben, immer hätten alle nur gesagt: Schau, da kommt der Gärtner. Dann gleitet er langsam ins Thema hinein. Er spricht frei, ohne Notizen, ohne auch nur einmal »äh« zu sagen.
Er sagt: »Die Politiker und Banker behaupten, es gehe wieder aufwärts, aber aufwärts geht es nur auf dem Rumpf der Titanic, die gerade im Meer versinkt.« Es ist, als wären die Sätze schon seit Langem in seinem Kopf. Jetzt können sie heraus.
Tiggemann drückt eine Taste an seinem Laptop, auf der Leinwand erscheint ein Bild. Man sieht den Eiffelturm, unter dem Turm steht ein goldener Würfel. Klein sieht er aus, im Vergleich zu dem mächtigen Eisenbau. Dieser Würfel käme heraus, würde man alles Gold der Welt einschmelzen, sagt Tiggemann. Zwanzig Meter Kantenlänge, mehr nicht. »Gold wird auf alle Zeiten wertvoll bleiben«, sagt er. »Weil es so wenig davon gibt.«
Nach einer Stunde steht der Chef von First United auf und unterbricht Tiggemann. Kurze Pause, fünfzehn Minuten. Den Zuhörern böte sich jetzt die Gelegenheit zu gehen. Kurz die Beine vertreten und nicht wiederkommen, ganz einfach.
Sie kommen alle wieder, zwängen sich in der verbrauchten Luft auf ihre Stühle, schwitzen ihre Hemden durch und hören Tiggemann eine weitere Stunde zu. Als er schließlich sagt, dass dies nun das Ende seiner Ausführungen sei, da fangen sie an zu klatschen, ein langer, kräftiger Applaus. Gleich wird ein älterer Herr sich zu Wort melden und sagen: »Herr Tiggemann, Sie haben uns die Augen geöffnet.« Tiggemann wird Hände schütteln, Bücher signieren, die Leute werden ihm Komplimente machen.
Vorher aber, noch während seine Zuhörer klatschen, zieht Friedrich Tiggemann eine kleine Kamera aus der Tasche. Er hält sie ans Auge, er drückt den Auslöser, es blitzt, und dann hat er sich ein Bild gemacht, das ihm keiner nehmen kann. Von dreißig Menschen, die jetzt an die Kraft des Goldes glauben.
- Datum 16.08.2010 - 18:21 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.08.2010 Nr. 33
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Ich persönlich finde die Ratschläge, Hinweise und Warnungen von in der jeweiligen Sache erfolgreichen Menschen wertvoller als die von Unerfolgreichen. Aber bitte ...
Untergangspropheten gab es immer und wird es immer geben. Die Frage ist nur, wie zutreffend ihre Vorankündigungen sind. Staatsbankrotte gibt es alle paar Jahre mal. Selbst wenn Herr Tiggemann recht behalten sollte (was ich bezweifle), hat er eine erstaunlich schlechte Trefferquote, wenn er seit Jahrzehnten auf einen Staatsbankrott wartet.
Herr Tiggemann scheint mir einer derjenigen Menschen zu sein, die gebetsmühlenartig immergleiche (Finanz-)Katastrophen beschwören und sich auch durch deren Ausbleiben nicht davon abhalten lässt, weiterzumachen. Er hat einiges gemeinsam mit den "Autoren" vom "Kopp-Verlag", die seit Jahren den unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch der Wirtschafts- und Gesellschaftssystems vorhersagen, der dann überraschend doch nicht eintritt.
Letztendlich sind diese Veröffentlichungen (und dazu zähle ich auch Pro Aurum) eine Art Analogon zur BILD-Zeitung, mit dem Unterschied, dass sich die Aufmerksamkeit heischenden Katastrophenmeldungen auf den Finanzsektor beziehen. Und mit Katastrophenmeldungen und dem Schüren von Verlustangst hat sich schon immer leicht Geld verdienen lassen.
Es ist die Ironie des Lebens, dass das ach so sichere Gold, das Herrn Tiggemann vor finanziellem Unheil beschützen sollte, ihn erst in genau solches gestürzt hat. Sämtliche verfügbaren liquiden Mittel in eine Anlageform zu stecken, ist immer ein schlechter Rat. Wer Gold teuer einkauft und es später wegen mangelnder Liquidität billig verkaufen muss, macht unweigerlich Verluste.
...
...
... Spekulation auf eine danach kommenden Goldwährung, die aber nicht kommen wird weil wir sonst eine Dauerdeflation bekämen und die Goldbesitzer dann eine Versichunge bei der Mafia brauchten. Was ist die Ursache und was ist die friedliche Lösung: http://freigeldpraktiker....
...sondern der Goldbesitz wird dann im Falle der Krise staatlich verboten, die Goldbesitzer enteignet - wie schon 1933 in den USA durch Th.Roosevelt. Da hilft dann auch Vergraben im Garten nicht mehr.
...sondern der Goldbesitz wird dann im Falle der Krise staatlich verboten, die Goldbesitzer enteignet - wie schon 1933 in den USA durch Th.Roosevelt. Da hilft dann auch Vergraben im Garten nicht mehr.
lieben und auch hassen, aber das einzige was Bestand hat und fast immer Rendite abwirft,ist Grund und Boden.
Denn wie Oma immer sagte, die Leute mit ihrem Gold und Silber brauchen alle was zum Essen und als Landwirt, hast du immer etwas zum Tauschen und du bestimmst in schlechten Zeiten den Preis.
Würde nie im Leben 5 Unzen Gold kaufen, wenn ich für den selben Preis 1 ha Wald oder Acker bekomme. Selbst wenn man ihn nicht selber bewirtschaftet, kann man ihn verpachten und er wirft Rendite ab.
Auch Grund und Boden kann wie alles andere auch auf einen Schlag wertlos werden. Eine nukleare Katastrophe, egal ob Reaktor oder Bombe, ist, genau wie gigantische Naturkatastrophen, zu unseren Lebzeiten zwar unwahrscheinlich, aber eben nicht unmöglich.
In jüngster Vergangenheit haben viele Menschen im ehemaligen Jugoslawien auch diese Erfahrung gemacht:
Lange in Deutschland gearbeitet und dann daheim mit dem Ersparten ein Haus gebaut. Diese Menschen konnten sich auch nicht vorstellen, das sie eines Tages ihre Heimat verlassen würden müssen. Häuser und Grund konnten sie natürlich nicht mitnehmen. Gold in größeren Mengen auch nicht. Hier wäre Papiergeld die Rettung gewesen. Die Geschichte der Menschheit zeigt, das jede Friedensperiode irgendwann einmal endet.
Das Leben besteht aus Risiko. Niemand kann sich auf alle denkbaren Katastrophen vorbereiten.
Und wer sich auf das Eintreten einer bestimmten Katastrophe verläßt und sein Leben darauf ausrichtet, scheitert mit ziemlicher Sicherheit!
Auch Grund und Boden kann wie alles andere auch auf einen Schlag wertlos werden. Eine nukleare Katastrophe, egal ob Reaktor oder Bombe, ist, genau wie gigantische Naturkatastrophen, zu unseren Lebzeiten zwar unwahrscheinlich, aber eben nicht unmöglich.
In jüngster Vergangenheit haben viele Menschen im ehemaligen Jugoslawien auch diese Erfahrung gemacht:
Lange in Deutschland gearbeitet und dann daheim mit dem Ersparten ein Haus gebaut. Diese Menschen konnten sich auch nicht vorstellen, das sie eines Tages ihre Heimat verlassen würden müssen. Häuser und Grund konnten sie natürlich nicht mitnehmen. Gold in größeren Mengen auch nicht. Hier wäre Papiergeld die Rettung gewesen. Die Geschichte der Menschheit zeigt, das jede Friedensperiode irgendwann einmal endet.
Das Leben besteht aus Risiko. Niemand kann sich auf alle denkbaren Katastrophen vorbereiten.
Und wer sich auf das Eintreten einer bestimmten Katastrophe verläßt und sein Leben darauf ausrichtet, scheitert mit ziemlicher Sicherheit!
Ich bin mir sicher, das die Zeit Herrn Tiggemann recht geben wird. Ein großer Konflikt, demographische Veränderungen, Verteilungskonflikte Wirtschaftskriege, Kampf um Rohstoffe, ein GAU in einem Atomwerk, der Klimawandel, ein heißer Krieg oder ähnliche Ereignisse könnten Regierungen derart unter Druck setzen, das sie die Notenpresse - ein wenig - anschmeißen.Schließt sich solch ein singuläres Ereignis an eine ehe korrigierenden Rezession an, schwindet schnell das Vertrauen der Finanzmärkte. Auf der zweiten Stufe folgen dann die Verbraucher. Sobald aber das Vertrauen ins Papier oder die Pixel schwindet ist es in der Regel schon zu spät zu reagieren. Korea hat in den 90ern seine Bevölkerung (erfolgreich) dazu aufgerufen ihr Privatgold dem Staat zu überlassen. Wir sind uns wohl alle einig darüber, das Südkorea keine Bananenrepublik ist. Das amerikanische Finanzsystem stand in Folge der Russenpleite in den 90ern auch schon vor dem Zusammenbruch, weil ein einziger Hedgefond das Spiel mit den Wahrscheinlichkeiten nicht beherrscht hat.
Die Frage lautet eigentlich nur: Wann bricht das ganze System zusammen. Der Zins ist logisch und berechtigt - aber in der Tat eine Geisel der Menschheit.
Alternativen? Kenne ich auch keine. Rohstoff basierte Währungen könnten eine Lösung sein. In den deindustrialisierenden G7 ist der Ursprung der Produkte heute aber nicht mehr der Boden, sondern die kreative Dienstleistung oder auch das Spiel mit den Wahrscheinlichkeiten (Wall-Street, City). Wie will man hier eine intelligente Anbindung an die Rohstoffe vollziehen.
PS: Die vier großen Kritiker des Euro wurden über ein Jahrzehnt verlacht. In der heißen Phase der Euro-Krise waren sie plötzlich gern gesehene Gäste in den Medien.
PPS: Mal sehen, wie die Geschichte die Menschen bewertet die zu eigenen Lebzeiten ausgelacht werden.
Der Zusammenbruch wird noch kommen, kann nur keiner Seriös vorhersagen. Kommentator 5 - lepkeb hat Recht.
http://www.zeit.de/wirtsc...
...mit der richtigen Ausbildung wäre aus ihm vielleicht ein großer Ökonom geworden.
Solche Leute gibt es viele:
Sie machen sich Gedanken über die Welt und haben doch einige Grundlagen nicht verstanden. Was dann dabei rauskommt sind skurille Theorien über die sich Leute lustig machen.
Ich glaube, wenn ich nicht eine universitäre Ausbildung genossen hätte, wäre ich auch so geendet.
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