Kanaph ha’aretz, »Winkel der Erde«, nannten die Juden die Insel jenseits des Ärmelkanals, als der neue Herrscher dort sie rief. Es ist die sehr wörtliche hebräische Übersetzung des französischen Begriffs Angleterre – zugleich ein Verweis auf Jesaja 11,12, wo prophezeit wird, dass der Tag kommt, an dem der Herr die Verstreuten aus allen vier Winkeln (oder Enden) der Erde versammeln wird.

Der neue Herrscher in Kanaph ha’aretz ist der Normannenfürst Wilhelm, Wilhelm der Eroberer. 1066 war ihm die Invasion von Frankreich aus geglückt, bei Hastings schlug er das Heer der Sachsen unter ihrem König Harald. Der englische König aus Frankreich will sein Reich von Grund auf neu errichten.

Dazu holt er auch Juden aus Rouen ins Land. Sie haben nur zwei Aufgaben: Sie sollen als Bankiers die Naturalwirtschaft auf Geldwirtschaft umstellen und als Ärzte Kranke heilen. Sie dürfen sich »wie Eigentum des Königs« im ganzen Land frei bewegen, haben vor Gericht Anspruch auf eine paritätisch mit Juden besetzte Geschworenenbank und können ihren Eid nach eigener Formel leisten.

Anfangs geht alles gut. Die wirtschaftliche Entwicklung des Landes – befördert durch die neue Möglichkeit, große Summen rasch und unkompliziert zur Verfügung zu stellen – kommt voran. Den jüdischen Großbankiers gereicht’s nicht zum Nachteil. Sie verdienen gut und sind die Ersten, die sich im Fachwerkland England Häuser aus Stein bauen lassen (zwei davon stehen noch). Sie sind anerkannt, selbst von der Kirche: Viele herrliche Kathedralen und Klosterbauten wie in Lincoln, Peterborough und St. Albans bei London sind mit Krediten aus jüdischen Bankhäusern finanziert.

1092 schreibt Gilbert Crispin, Abt von Westminster, ein religiöses Streitgespräch mit einem ihm befreundeten Juden nieder, dessen Ausgang er ausdrücklich offenlässt. Während in Frankreich und im Rheinland die ersten Kreuzzugsmassaker stattfinden, bleiben die englischen Juden unbehelligt.

Doch Gläubiger und Steuerpächter sind nirgendwo beliebt, schon gar nicht, wenn sie einer religiösen Minderheit angehören und die Sprache der neuen Oberschicht, Französisch, sprechen. Die Juden werden zunehmend herabgesetzt, finanziell belastet, denunziert. So klagt man sie in Norwich am Osterfest 1144 an, einen Christenknaben aus religiösen Gründen zu Tode gemartert zu haben. Es ist das erste Mal überhaupt in Europa, dass Juden des »Ritualmords« bezichtigt werden.

Obwohl der zuständige Sheriff die Behauptung für derart absurd hält, dass er gar nicht eingreifen will – vor der aufgebrachten Menge kann er die Juden nicht schützen. Bald hebt eine eigens verfasste Heiligenlegende den Vorgang ins allgemeine Bewusstsein, verbreitet sich die Kunde vom »Mord in Norwich«, worauf andernorts ähnliche Anschuldigungen erhoben werden. 1171 erstmals auch auf dem Kontinent, im nordfranzösischen Blois, der Abt von Norwich, William de Turbeville, hatte der dortigen Geistlichkeit einen Besuch abgestattet.

Ein kleiner Zwischenfall bei der Krönung von Richard Löwenherz 1189 in London – zu der sich zwei Juden, angeblich unerlaubt, Zutritt verschaffen wollten – endet mit Brandstiftung und Massenmord. Die Juden von York werden in der königlichen Festung belagert, wo sie sich lieber selbst umbringen, als sich von der wütenden Menge zu Tode martern zu lassen.

Die Krone behandelt die Juden bald nicht mehr »wie«, sondern »als« ihr persönliches Eigentum, das sie nach Belieben ausplündern, verschenken und verkaufen kann. Und als gar nichts mehr zu holen ist, verkündet Eduard I. am 18. Juli 1290, an einem der höchsten Trauer- und Fasttage des Judentums, an Tischa Be’aw, dem Tag der Tempelzerstörung, die Ausweisung der Juden aus England »auf ewige Zeiten«. Viele werden von den Schiffern auf Sandbänken vor der Küste ausgesetzt und ihrer letzten Habe beraubt. Die Tausenden von Verbannten, die Calais erreichen, verstreuen sich im ganzen jüdischen Exil: Spanisch-jüdische Familien tragen den Namen »Ingles«, und noch im Archiv der jüdischen Gemeinde von Kairo hat sich der Schuldschein eines englischen Klosters gefunden.

Selbst zu Shakespeares Zeiten, an der Wende zum 17. Jahrhundert, hätten, so liest man oft, keine Juden mehr in England gelebt. Doch das stimmt nicht. Ende des 15. Jahrhunderts – Granada, die letzte Festung der Mauren in Spanien, ist gefallen, und Kolumbus’ Schiffe erreichen just die Neue Welt – werden die spanischen Juden vor die Wahl zwischen Taufe und Ausweisung gestellt, ihre portugiesischen Glaubensgefährten kurz darauf gewaltsam zur Konversion gezwungen.

An die 200.000 Juden verlassen die Iberische Halbinsel, fliehen ins Osmanische Reich, nach Italien, Frankreich, nach Amsterdam und Hamburg. Manche versuchen, trotz Taufe heimlich Juden zu bleiben. Auch von ihnen kehren viele Spanien später den Rücken. Ihre schwierige Doppelexistenz behalten sie bei: indem sie gelegentlich bei ihren Gesandtschaften zur Messe erscheinen, während sie privat jüdische Gottesdienste feiern. So auch in London, wo seit der Herrschaft Heinrichs VIII., in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, eine Gruppe sogenannter »Marranos« lebt.

Francis Walsingham, der misstrauische Geheimdienstchef von Heinrichs Tochter Elisabeth I., arbeitet gern mit ihnen zusammen, obwohl oder weil er ihr Doppelleben kennt. Hector Nunez, ihr Oberhaupt, hat ihn frühzeitig vor der Ankunft der spanischen Armada gewarnt, die 1588 gegen England segelt. Auch Walsinghams Leibarzt, Rodrigo Lopez, ist ein portugiesischer Marrane. Und zugleich Leibarzt des mächtigen Earl of Leicester, einer der farbigsten Figuren der Epoche. Am Hof der jungfräulichen Königin gern gesehen, protegiert er eine Theatertruppe, der Shakespeare und dessen späterer Shylock-Darsteller Richard Burbage angehören. Ein Aufenthalt der Compagnie mit dem umtriebigen Doktor Lopez in Leicester House ist bezeugt.