Religion »Bluten wir nicht?«

Auch in England mussten die Juden lange um Glaubensrecht und Bürgerfreiheit kämpfen. Davon erzählen die Chroniken des Mittelalters genauso wie Shakespeares Dramen.

Dieser Stich aus dem Jahr 1349 zeigt die Verbrennung von Juden während eines Pest-Ausbruchs

Dieser Stich aus dem Jahr 1349 zeigt die Verbrennung von Juden während eines Pest-Ausbruchs

Kanaph ha’aretz, »Winkel der Erde«, nannten die Juden die Insel jenseits des Ärmelkanals, als der neue Herrscher dort sie rief. Es ist die sehr wörtliche hebräische Übersetzung des französischen Begriffs Angleterre – zugleich ein Verweis auf Jesaja 11,12, wo prophezeit wird, dass der Tag kommt, an dem der Herr die Verstreuten aus allen vier Winkeln (oder Enden) der Erde versammeln wird.

Der neue Herrscher in Kanaph ha’aretz ist der Normannenfürst Wilhelm, Wilhelm der Eroberer. 1066 war ihm die Invasion von Frankreich aus geglückt, bei Hastings schlug er das Heer der Sachsen unter ihrem König Harald. Der englische König aus Frankreich will sein Reich von Grund auf neu errichten.

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Dazu holt er auch Juden aus Rouen ins Land. Sie haben nur zwei Aufgaben: Sie sollen als Bankiers die Naturalwirtschaft auf Geldwirtschaft umstellen und als Ärzte Kranke heilen. Sie dürfen sich »wie Eigentum des Königs« im ganzen Land frei bewegen, haben vor Gericht Anspruch auf eine paritätisch mit Juden besetzte Geschworenenbank und können ihren Eid nach eigener Formel leisten.

Anfangs geht alles gut. Die wirtschaftliche Entwicklung des Landes – befördert durch die neue Möglichkeit, große Summen rasch und unkompliziert zur Verfügung zu stellen – kommt voran. Den jüdischen Großbankiers gereicht’s nicht zum Nachteil. Sie verdienen gut und sind die Ersten, die sich im Fachwerkland England Häuser aus Stein bauen lassen (zwei davon stehen noch). Sie sind anerkannt, selbst von der Kirche: Viele herrliche Kathedralen und Klosterbauten wie in Lincoln, Peterborough und St. Albans bei London sind mit Krediten aus jüdischen Bankhäusern finanziert.

1092 schreibt Gilbert Crispin, Abt von Westminster, ein religiöses Streitgespräch mit einem ihm befreundeten Juden nieder, dessen Ausgang er ausdrücklich offenlässt. Während in Frankreich und im Rheinland die ersten Kreuzzugsmassaker stattfinden, bleiben die englischen Juden unbehelligt.

Doch Gläubiger und Steuerpächter sind nirgendwo beliebt, schon gar nicht, wenn sie einer religiösen Minderheit angehören und die Sprache der neuen Oberschicht, Französisch, sprechen. Die Juden werden zunehmend herabgesetzt, finanziell belastet, denunziert. So klagt man sie in Norwich am Osterfest 1144 an, einen Christenknaben aus religiösen Gründen zu Tode gemartert zu haben. Es ist das erste Mal überhaupt in Europa, dass Juden des »Ritualmords« bezichtigt werden.

Obwohl der zuständige Sheriff die Behauptung für derart absurd hält, dass er gar nicht eingreifen will – vor der aufgebrachten Menge kann er die Juden nicht schützen. Bald hebt eine eigens verfasste Heiligenlegende den Vorgang ins allgemeine Bewusstsein, verbreitet sich die Kunde vom »Mord in Norwich«, worauf andernorts ähnliche Anschuldigungen erhoben werden. 1171 erstmals auch auf dem Kontinent, im nordfranzösischen Blois, der Abt von Norwich, William de Turbeville, hatte der dortigen Geistlichkeit einen Besuch abgestattet.

Ein kleiner Zwischenfall bei der Krönung von Richard Löwenherz 1189 in London – zu der sich zwei Juden, angeblich unerlaubt, Zutritt verschaffen wollten – endet mit Brandstiftung und Massenmord. Die Juden von York werden in der königlichen Festung belagert, wo sie sich lieber selbst umbringen, als sich von der wütenden Menge zu Tode martern zu lassen.

Die Krone behandelt die Juden bald nicht mehr »wie«, sondern »als« ihr persönliches Eigentum, das sie nach Belieben ausplündern, verschenken und verkaufen kann. Und als gar nichts mehr zu holen ist, verkündet Eduard I. am 18. Juli 1290, an einem der höchsten Trauer- und Fasttage des Judentums, an Tischa Be’aw, dem Tag der Tempelzerstörung, die Ausweisung der Juden aus England »auf ewige Zeiten«. Viele werden von den Schiffern auf Sandbänken vor der Küste ausgesetzt und ihrer letzten Habe beraubt. Die Tausenden von Verbannten, die Calais erreichen, verstreuen sich im ganzen jüdischen Exil: Spanisch-jüdische Familien tragen den Namen »Ingles«, und noch im Archiv der jüdischen Gemeinde von Kairo hat sich der Schuldschein eines englischen Klosters gefunden.

Selbst zu Shakespeares Zeiten, an der Wende zum 17. Jahrhundert, hätten, so liest man oft, keine Juden mehr in England gelebt. Doch das stimmt nicht. Ende des 15. Jahrhunderts – Granada, die letzte Festung der Mauren in Spanien, ist gefallen, und Kolumbus’ Schiffe erreichen just die Neue Welt – werden die spanischen Juden vor die Wahl zwischen Taufe und Ausweisung gestellt, ihre portugiesischen Glaubensgefährten kurz darauf gewaltsam zur Konversion gezwungen.

An die 200.000 Juden verlassen die Iberische Halbinsel, fliehen ins Osmanische Reich, nach Italien, Frankreich, nach Amsterdam und Hamburg. Manche versuchen, trotz Taufe heimlich Juden zu bleiben. Auch von ihnen kehren viele Spanien später den Rücken. Ihre schwierige Doppelexistenz behalten sie bei: indem sie gelegentlich bei ihren Gesandtschaften zur Messe erscheinen, während sie privat jüdische Gottesdienste feiern. So auch in London, wo seit der Herrschaft Heinrichs VIII., in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, eine Gruppe sogenannter »Marranos« lebt.

Francis Walsingham, der misstrauische Geheimdienstchef von Heinrichs Tochter Elisabeth I., arbeitet gern mit ihnen zusammen, obwohl oder weil er ihr Doppelleben kennt. Hector Nunez, ihr Oberhaupt, hat ihn frühzeitig vor der Ankunft der spanischen Armada gewarnt, die 1588 gegen England segelt. Auch Walsinghams Leibarzt, Rodrigo Lopez, ist ein portugiesischer Marrane. Und zugleich Leibarzt des mächtigen Earl of Leicester, einer der farbigsten Figuren der Epoche. Am Hof der jungfräulichen Königin gern gesehen, protegiert er eine Theatertruppe, der Shakespeare und dessen späterer Shylock-Darsteller Richard Burbage angehören. Ein Aufenthalt der Compagnie mit dem umtriebigen Doktor Lopez in Leicester House ist bezeugt.

Oliver Cromwell nennt den Rabbi »meinen Bruder«

1586 wird Lopez feierlich als Leibphysikus der Königin von England vereidigt. Wenn immer einer seiner ehemaligen Landsleute jetzt in Schwierigkeiten gerät, wendet er sich an den Arzt. Und Lopez tut sein Bestes, ihn aus den Geheimdienstnetzen seines Patienten Walsingham zu befreien, der dafür berüchtigt ist, lieber zehn Unschuldige umbringen als einen Schuldigen laufen zu lassen.

Die größte Sorge der Engländer bleibt Spanien. Die Armada ist abgewehrt – soll man jetzt auf Frieden dringen oder weiterkämpfen? Zur Partei der Friedensfreunde gehört Walsingham. Doch der kranke Geheimdienstchef stirbt 1590. Lopez, inzwischen eng mit ihm verbunden, steht nun ohne Protektor da. Er hat im Auftrag Walsinghams Geheimverhandlungen mit der Regierung in Madrid aufgenommen – was ihm zum Verhängnis wird, als ihn zwei verhaftete Portugiesen denunzieren.

Er wird beschuldigt, sich gegen die Königin verschworen zu haben. Der Beweis: seine Herkunft. »Dieser Lopez«, wütet Ankläger Edward Cooke, »ein meineidiger und mörderischer Verräter und jüdischer Arzt, schlimmer noch als Judas selbst, hat sich zum Giftmord angeboten. [...] Ein elender Jude, [...] tückisch und geldgierig...«

Der alte Mann wird brutal hingerichtet. Ein großer Sieg für die Antifriedenspartei, den sie mit Pamphleten, Balladen und Theaterstücken feiert, darunter Christopher Marlowes Jude von Malta – und William Shakespeares Kaufmann von Venedig.

Hier aber, im Schauspiel vom hartherzigen Shylock, erfährt auch der Jude sein Recht. »Er hat mich beschimpft«, klagt Shylock in seinem berühmten Monolog, »meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein Volk geschmäht [...]. Aus welchem Grund? Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?«

So ganz überzeugt von der Schuld ihres Leibarztes scheint Englands große Königin im Übrigen nicht zu sein. Sie belässt das Hab und Gut des Doktors, das von Rechts wegen der Krone verfallen wäre, der Witwe und den fünf Kindern. Auch dürfen die Marranen in London bleiben.

Es geht den europäischen Juden nicht besonders gut in den nächsten Jahren. In den deutschen Landen wütet der Dreißigjährige Krieg. Die Juden trifft es dabei besonders hart, weil man sie, wie stets in Zeiten äußerer Bedrängnis, gern als Sündenböcke nimmt. Und im Königreich Polen kommt es just im Friedensjahr 1648 zu schrecklichen Pogromen durch die ukrainischen Kosaken.

Es ist jenes Jahr, für das jüdische Weise eine große Wendung prophezeit haben. Passend dazu erscheint in Amsterdam ein Büchlein, das Aufsehen erregt: Die Hoffnung Israels. In ihm werden die Tagespolitik, neueste geografische Erkenntnisse und alte Weissagungen miteinander verbunden. Der Malerfürst Rembrandt van Rijn hat den Autor porträtiert: Menasseh Ben Israel, einen jungen Rabbiner portugiesisch-jüdischer Abstammung. Gestutzter Bart, modischer Schlapphut als religiös vorgeschriebene Kopfbedeckung, träumerische, weit offene Augen.

Die These des Rabbiners: Die Erlösung der Welt stehe kurz bevor. So weit seien die Prophezeiungen völlig exakt. Es gebe allerdings eine Bedingung: Der Messias könne nur erscheinen, wenn die Juden wirklich »über die ganze Erde verstreut sind«. Nun leben sie tatsächlich überall in der damals bekannten Welt – selbst in Amerika (in dessen Ureinwohnern man die verschwundenen zehn Stämme wiedergefunden haben will) und in China. Aber in einem wichtigen Land Europas sind sie nicht zugelassen, und genau das stehe dem Kommen des Messias im Wege. Menasseh Ben Israel meint England, das er ausdrücklich als eines der »Enden der Erde« Jesajas bezeichnet.

Der Hinweis kommt nicht von ungefähr. Denn ebenfalls im Jahre 1648 triumphiert auf der Insel die erste der großen europäischen Revolutionen. König Karl I., der von seinen absolutistischen Vorrechten nicht lassen will, wird vom Parlament gestürzt und ein Jahr später – ein ungeheuerlicher Vorgang – hingerichtet. Die neuen Machthaber, bibelfeste Puritaner, errichten eine Mischung aus Republik und Theokratie mit stark alttestamentarischem Einschlag. Ihr Chef ist der glaubensstarke Heerführer Oliver Cromwell, der England mit harter Hand regiert.

So widmet Menasseh Ben Israel die lateinische Ausgabe der Hoffnung Israels Cromwells Parlament. Nach dem Ende des Königtums in England scheint dem Amsterdamer Rabbiner die Zeit gekommen, dass nun endlich auch dort wieder Juden offen leben können. Und er täuscht sich nicht. Cromwells Staatssekretär dankt ihm – das Schreiben ist ehrenvoll an »meinen teuren Bruder, den hebräischen Philosophen Menasseh Ben Israel«, adressiert –, und er wird nach England eingeladen. Im Laufe langwieriger Verhandlungen kann der Mann aus Holland einiges erreichen: Die in England lebenden Marranen werden 1655 als Juden anerkannt und geduldet, die allgemeine Zulassung der Juden indes wird erst für spätere Zeiten in Aussicht gestellt. Cromwells »hebräischer Bruder« selbst erhält für seine Bemühungen vom Parlament sogar eine Ehrenpension.

Er bleibt in London und verfasst dort eine weitere Schrift, die Vindiciae Judaeorum (die Moses Mendelssohn in Berlin 1782 übersetzen lässt, mit einem Vorwort versieht und unter dem Titel Rettung der Juden neu herausgibt). Vergeblich bemüht er sich weiterhin darum, dass England den Juden endlich das volle Zuzugsrecht gewährt. 1657 stirbt Menasseh Ben Israel kurz nach seiner Rückkehr in Middelburg, wie es heißt, an gebrochenem Herzen.

Im Streit zwischen Christ und Muslim bezahlt der Jude die Rechnung

Was er nicht wissen konnte: Sein Misserfolg erweist sich im Nachhinein als Glücksfall. Denn nach Cromwells Tod kann sich das Parlament nicht behaupten, die Stuarts kehren zurück. Alle bedeutenden Entscheidungen des »Königsmörders« werden im Zuge der Restauration rückgängig gemacht, während die auf dem Amtsweg ausgesprochene Duldung unangetastet bleibt. Am 22. August 1664 erhält sie Gesetzeskraft. Ohne nominell Staatsbürger werden zu dürfen, haben die Juden jetzt die Möglichkeit, ein »Niederlassungsrecht« zu erwerben.

Zu den nach spanischem Ritus betenden Sepharden, den ehemaligen Marranen, kommen jiddischsprachige Aschkenasim, die aus Mittel- und Osteuropa stammen. 1690 errichten sie in London eine eigene Synagoge. Beide Gruppen organisieren sich getrennt, finden aber bei wichtigen Anlässen zusammen, wobei die wohlhabenderen Sepharden mit für die Bedürftigen unter den »deutschen« Juden aufkommen – aus religiöser Pflicht wie aus politischen Gründen. Die jüdischen Armen sollen keinesfalls die weltlichen Kassen belasten.

Die britische rule of law, das nüchterne Festhalten an Gesetz und Recht, schützt nun auch Englands Juden vor den alten Diskriminierungen. Ihr politischer Einfluss steigt: Als Kaiserin Maria Theresia 1744 die Prager Juden ausweisen will, gelingt es den Leitern der Großen Londoner Synagoge, eine Audienz bei König Georg II. zu erhalten. Dieser weist seinen Botschafter in Wien an, entsprechend zu intervenieren. Die Prager Juden dürfen bleiben.

Im Jahr darauf landet der letzte Stuart (»Bonnie Prince Charlie«) von Frankreich aus mit einer kleinen Invasionstruppe in Schottland. Der katholische Prinz marschiert auf London, um den Thron für sich und seine Dynastie zurückzuerobern. Die Hauptstadt gerät in Panik, doch als Börse und Pfund einzubrechen drohen, setzt der jüdische Börsenmakler Samson Gideon sein ganzes Vermögen dagegen. Für das riskante patriotische Manöver verleiht ihm Georg den Adelstitel – was wiederum nur möglich ist, nachdem Gideon aus der Gemeinde austrat. Als echter Marrane indes gehört er ihr heimlich weiter an.

Die Faszination, die das Judentum auf die protestantisch geprägten Engländer ausübt, bleibt bestehen. 1787 kommt es gar zu einer spektakulären Konversion. Just der Anführer einer Massenbewegung gegen die Gleichberechtigung der englischen Katholiken, Lord George Gordon, tritt zum Judentum über, das er bis zu seinem frühen Tod streng orthodox praktiziert.

Weniger verklärt war der Blick des jungen Romanciers Charles Dickens auf die jüdische Subkultur Londons. Der tückische Gauner Fagin, den der 25-Jährige 1837 in seinem Roman Oliver Twist schildert, dürfte die nach Shakespeares Shylock künstlerisch überzeugendste Überhöhung alter abendländischer Angstvorstellungen über »den Juden« in der englischen Literatur sein.

Die suggestive Schilderung des teuflischen Schurken führt noch 1860 zum Protestbrief einer jüdischen Bekannten, die sich wundert, »dass Charles Dickens, der Großherzige, dessen Werke sich so eloquent und edel für die Unterdrückten dieses Landes einsetzen [...], ein elendes Vorurteil gegen den verachteten Hebräer schürt«. Worauf Dickens in seinem letzten vollendeten Roman, Unser gemeinsamer Freund von 1864, einem »guten Juden«, Riah, die Bemerkung in den Mund legt: »Die Leute sagen: ›Der ist ein böser Grieche, aber es gibt gute Griechen. Der ist ein böser Türke, aber es gibt gute Türken.‹ Bei den Juden ist das anders [...], da heißt es, alle Juden sind gleich.«

Wie sehr sich die Verhältnisse im 19. Jahrhundert ändern, zeigt eine Affäre, die 1840 in Damaskus ihren Ausgang nimmt, in Französisch-Syrien, nominell Teil des Osmanischen Reiches. Dort verschwindet ein Mönch, der zuvor mit einem türkischen Maultiertreiber in Streit geraten sein soll. Dabei, so berichten Zeugen, habe der Mönch über Mohammed hergezogen, worauf der Maultiertreiber gedroht habe, den Mönch zu erschlagen. Muslimisch-christliche Querelen aber sind das Letzte, was der französische Konsul in Damaskus gebrauchen kann. Nach fünfhundert Stockschlägen auf die Fußsohlen ist ein jüdischer Friseur bereit, andere Gemeindemitglieder zu beschuldigen: Der Mönch sei von diesen ermordet worden, um sein Blut für die im Frühling anstehende Matze-Produktion auf Flaschen zu ziehen.

Benjamin Disraeli wird Königin Viktorias Lieblingspremier

Als die Nachricht von der bizarren Affäre nach England gelangt, ist die Empörung der Öffentlichkeit groß. Nur dass sie sich diesmal, anders als 1144 in Norwich, gegen die wahnwitzige Beschuldigung richtet. Parlament und Regierung protestieren scharf. Die christlichen Kaufleute von London, an ihrer Spitze der Bürgermeister, bekunden öffentlich ihre Solidarität mit den Beschuldigten. Der Vertreter der englischen Judenheit, Sir Moses Montefiore, wird vor seiner Abreise in den Orient von Königin Viktoria empfangen, und als es ihm, zur Freude des gebildeten Europa, gelingt, die am Leben gebliebenen jüdischen Gefangenen freizubekommen und den Sultan zu einer Erklärung über die Unsinnigkeit des Ritualmordvorwurfs zu bewegen, glaubt man das alte Vorurteil endgültig überwunden. Umso mehr, als Ende des 19. Jahrhunderts der aus einer sephardischen Familie stammende Benjamin Disraeli zum Lieblingspremier Königin Viktorias aufrückt. In der Tat eine bis dahin kaum glaubliche politische Karriere.

1917 schließlich, mitten im Ersten Weltkrieg, erreicht die englisch-jüdische Beziehung ihren glanzvollen Höhepunkt, als Außenminister Arthur James Balfour, der sich viel von der bibelfesten Frömmigkeit seiner puritanischen Vorgänger bewahrt hat, die Regierung zum »Aufbau einer Heimstätte für das jüdische Volk« in Palästina verpflichtet. So trug denn der »Winkel der Erde« tatsächlich seinen Teil zur Erfüllung von Jesajas Prophezeiung bei. Aber das gehört dann schon zu einer anderen Geschichte.

 
Leser-Kommentare
  1. Ein hervorragender Artikel, der in historisch korrekter Weise eine Zusammenfassung des - bis heute - missbrauchten und gequälten Judentums und der verfolgten, denunzierten, ausgebeuteten, vertriebenen und ermordeten Juden darstellt. Dabei wurde sogar noch auf eine berechtigte Wiedergabe der über Jahrhunderte praktizierten Ermordung Millionen unschuldiger Juden verzichtet - ohne an Darstellungskraft zu verlieren.

    Für Christen ist die jüdische Bibel als "Altes Testament" eine elementare, unverzichtbare Grundlage ihres Glaubens. Das Gleiche gilt für den Islam. Und doch: Seit jeher werden Juden von Christen und Muslimen verfolgt, unterdrückt und ermordet, und dienen als Sündenböcke für deren Vergehen.

    Während es im Judentum uralte und gute Sitte ist - und sogar gefordert wird -, im Religionsunterricht über die Bedeutung von Aussagen in der jüdischen Bibel zu diskuttieren oder gar zu streiten, sind im Christentum und Islam kritische Fragen oder Anmerkungen unerwünscht, bis hin zur Androhung (und Durchsetzung)von unangenehmen Maßnahmen gegen die Kritiker, einschließlich Ermordung.

    Was tun heute Verschwörungstheoretiker, Antisemiten, Antizionisten, Israelhasser und islamistische Terroristen? Sie erklären Juden zu den Urhebern von nahezu allem Bösen in dieser Welt, ...um von sich selbst, ihren irregeleiteten Weltbildern und ihrem manipulierten Geist - und ihren Taten - abzulenken.

    Ach ja, für diejnigen, die gleich wieder über meinen Kommentar herfallen werden: Ich bin keine Jude!

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    [entfernt. Bitte verzichten Sie auf Kommentare mit provokativem Charakter sowie Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/ew]

    Das ist ja genau die Denkweise, welche letztendlich dann zu Pogromen führt. Nämlich dass eine Religion besondere Vorteile aufweist, die anderen aber irgendwie hinterwäldlerisch sind. Vielen Dank, dass Sie dies ergänzend zum Artikel (unfreiwillig) dargestellt haben.
    Ein sehr informativer Artikel übrigens.

    [entfernt. Bitte verzichten Sie auf Kommentare mit provokativem Charakter sowie Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/ew]

    Das ist ja genau die Denkweise, welche letztendlich dann zu Pogromen führt. Nämlich dass eine Religion besondere Vorteile aufweist, die anderen aber irgendwie hinterwäldlerisch sind. Vielen Dank, dass Sie dies ergänzend zum Artikel (unfreiwillig) dargestellt haben.
    Ein sehr informativer Artikel übrigens.

  2. "sind im Christentum und Islam kritische Fragen oder Anmerkungen unerwünscht, bis hin zur Androhung (und Durchsetzung)von unangenehmen Maßnahmen gegen die Kritiker, einschließlich Ermordung".

    Mit Verlaub, hier ist das Wort "Christentum" schlicht entbehrlich.
    Und was das "Ach ja, für diejnigen, die gleich wieder über meinen Kommentar herfallen werden: Ich bin keine Jude!" betrifft:
    Niemand sollte über berechtigter Kritik stehen.
    Ansonsten habe ich keine Lust, Ihren Artikel weiter zu kommentieren. Sie wissen schon, warum.

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    Vorweg: Mit der Anmerkung "Ich bin kein Jude" wollte ich nur - aus Erfahrung - bekannten Reaktionen vorbeugen. Ganz sicher aber keiner Kritik.

    Das Wort "Christentum" an dieser Stelle hat sowohl geschichtlich als auch aktuell ihre Berechtigung. Aus eigener Erfahrung (nicht Hörensagen!) kenne ich Denk- und Verhaltensweisen von Christen, insbesondere derer, die sich selbst als sehr gläubige Christen betrachten.

    Beispiele?...
    In einer Gemeindeveranstaltung forderte der Hauptredner u.a. auf, Fragen zu stellen. Dem folgte ich. Dazu eine "Schwester": "Ich liebe Dich, aber halt´den Mund!" Oder: Eine Frau traute sich - aus religiösen Gründen - nach ihrer Scheidung nicht, eine neue Beziehung einzugehen. Mein Hinweis auf eine Fehlinterpretation des Glaubens wurde von Gemeindemitgliedern - aus Furcht vor dem Leiter der Versammlung - mit "...das kannst Du nicht sagen..." etc. kommentiert. Nachdem diese stete Abwehr von Hinterfragen oder Kritik kein Ende nahm, wies ich auf Verhalten und Kritik von Jesus in seiner Zeit hin. Da wurde mir klar gemacht, dass mir so etwas nicht zusteht, ich sei nicht Jesus.

    Katholische Bischöfe, die entweder kritisch waren oder gegen die - politischen - Interessen des Vatikans (z.B. in Südamerika) verstießen, wurden abberufen oder gar aus der Kirche ausgeschlossen...

    Menschen in bestimmten christlichen Gruppierungen droht der Ausschluss, wenn sie nicht streng den Regeln folgen (so unsinnig sie auch sein mögen).

    Vorweg: Mit der Anmerkung "Ich bin kein Jude" wollte ich nur - aus Erfahrung - bekannten Reaktionen vorbeugen. Ganz sicher aber keiner Kritik.

    Das Wort "Christentum" an dieser Stelle hat sowohl geschichtlich als auch aktuell ihre Berechtigung. Aus eigener Erfahrung (nicht Hörensagen!) kenne ich Denk- und Verhaltensweisen von Christen, insbesondere derer, die sich selbst als sehr gläubige Christen betrachten.

    Beispiele?...
    In einer Gemeindeveranstaltung forderte der Hauptredner u.a. auf, Fragen zu stellen. Dem folgte ich. Dazu eine "Schwester": "Ich liebe Dich, aber halt´den Mund!" Oder: Eine Frau traute sich - aus religiösen Gründen - nach ihrer Scheidung nicht, eine neue Beziehung einzugehen. Mein Hinweis auf eine Fehlinterpretation des Glaubens wurde von Gemeindemitgliedern - aus Furcht vor dem Leiter der Versammlung - mit "...das kannst Du nicht sagen..." etc. kommentiert. Nachdem diese stete Abwehr von Hinterfragen oder Kritik kein Ende nahm, wies ich auf Verhalten und Kritik von Jesus in seiner Zeit hin. Da wurde mir klar gemacht, dass mir so etwas nicht zusteht, ich sei nicht Jesus.

    Katholische Bischöfe, die entweder kritisch waren oder gegen die - politischen - Interessen des Vatikans (z.B. in Südamerika) verstießen, wurden abberufen oder gar aus der Kirche ausgeschlossen...

    Menschen in bestimmten christlichen Gruppierungen droht der Ausschluss, wenn sie nicht streng den Regeln folgen (so unsinnig sie auch sein mögen).

  3. Vorweg: Mit der Anmerkung "Ich bin kein Jude" wollte ich nur - aus Erfahrung - bekannten Reaktionen vorbeugen. Ganz sicher aber keiner Kritik.

    Das Wort "Christentum" an dieser Stelle hat sowohl geschichtlich als auch aktuell ihre Berechtigung. Aus eigener Erfahrung (nicht Hörensagen!) kenne ich Denk- und Verhaltensweisen von Christen, insbesondere derer, die sich selbst als sehr gläubige Christen betrachten.

    Beispiele?...
    In einer Gemeindeveranstaltung forderte der Hauptredner u.a. auf, Fragen zu stellen. Dem folgte ich. Dazu eine "Schwester": "Ich liebe Dich, aber halt´den Mund!" Oder: Eine Frau traute sich - aus religiösen Gründen - nach ihrer Scheidung nicht, eine neue Beziehung einzugehen. Mein Hinweis auf eine Fehlinterpretation des Glaubens wurde von Gemeindemitgliedern - aus Furcht vor dem Leiter der Versammlung - mit "...das kannst Du nicht sagen..." etc. kommentiert. Nachdem diese stete Abwehr von Hinterfragen oder Kritik kein Ende nahm, wies ich auf Verhalten und Kritik von Jesus in seiner Zeit hin. Da wurde mir klar gemacht, dass mir so etwas nicht zusteht, ich sei nicht Jesus.

    Katholische Bischöfe, die entweder kritisch waren oder gegen die - politischen - Interessen des Vatikans (z.B. in Südamerika) verstießen, wurden abberufen oder gar aus der Kirche ausgeschlossen...

    Menschen in bestimmten christlichen Gruppierungen droht der Ausschluss, wenn sie nicht streng den Regeln folgen (so unsinnig sie auch sein mögen).

    Antwort auf "Kommentar #1"
  4. Sicher gibt es auch einige Christen, die kritisches Denken ausdrücklich wünschen. Und einigen Juden wiederum ist es wohl auch ein Dorn im Auge. Trotzdem fasziniert es mich, wie überdurchscnittlich (subjektiv!) oft Menschen jüdischen Glaubens sich für liberale politische Ziele engagiert oder auf dem Gebiet der Wissenschaft und Philosphie hervorgetan haben.

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    der (objektiv) überdurchschnittliche beitrag der juden auf wissenschaftlich-geistigem, politischem und finanzwirtschaftlich-kommerziellem gebiet hängt wesentlich mit ihrer diskriminierungs- und verfolgungsgeschichte zusammen. juden waren über lange perioden von den vorherrschenden erwerbsmöglichkeiten ausgeschlossen, wurde ihnen der erwerb von grundeigentum und die ausübung (agrarisch und handwerklich) produzierender tätigkeiten verboten. sie verlegten sich daher auf die verbliebenen 'immateriellen' berufsfelder, auf handels- und zinsgewerbliche und 'abstrakte' (z.b. juristerei) sowie geistig-wissenschaftliche tätigkeiten. in diesen bereichen erwarben sie naturgemäß besondere fähigkeiten und erzielten 'überdurchschnittliche' erfolge. der neid auf diesen erfolg war durch die zeit eine treibende komponente von judenfeindschaft und antisemitismus. auch an der israelfeindschaft von heute hat dieser erfolgsneid wohl einen wesentlichen anteil.

    @apexinc
    "Trotzdem fasziniert es mich, wie überdurchscnittlich (subjektiv!) oft Menschen jüdischen Glaubens sich für liberale politische Ziele engagiert"

    Naja, wenn man sich in der Regel am empfangenden Ende eines Diskriminierungsprozesses befindet, dann ist ganz natürlich, dass man für liberale politische Ziele grundsätzlich wesentlich empfänglicher ist als jemand, der von rückständiger Abergläubischkeit geschuldeten Gewaltausbrüchen unbehelligt geblieben ist.

    [entfernt da der von Ihnen zitierte Kommentar bereits moderiert wurde. Die Redaktion/ew]

    der (objektiv) überdurchschnittliche beitrag der juden auf wissenschaftlich-geistigem, politischem und finanzwirtschaftlich-kommerziellem gebiet hängt wesentlich mit ihrer diskriminierungs- und verfolgungsgeschichte zusammen. juden waren über lange perioden von den vorherrschenden erwerbsmöglichkeiten ausgeschlossen, wurde ihnen der erwerb von grundeigentum und die ausübung (agrarisch und handwerklich) produzierender tätigkeiten verboten. sie verlegten sich daher auf die verbliebenen 'immateriellen' berufsfelder, auf handels- und zinsgewerbliche und 'abstrakte' (z.b. juristerei) sowie geistig-wissenschaftliche tätigkeiten. in diesen bereichen erwarben sie naturgemäß besondere fähigkeiten und erzielten 'überdurchschnittliche' erfolge. der neid auf diesen erfolg war durch die zeit eine treibende komponente von judenfeindschaft und antisemitismus. auch an der israelfeindschaft von heute hat dieser erfolgsneid wohl einen wesentlichen anteil.

    @apexinc
    "Trotzdem fasziniert es mich, wie überdurchscnittlich (subjektiv!) oft Menschen jüdischen Glaubens sich für liberale politische Ziele engagiert"

    Naja, wenn man sich in der Regel am empfangenden Ende eines Diskriminierungsprozesses befindet, dann ist ganz natürlich, dass man für liberale politische Ziele grundsätzlich wesentlich empfänglicher ist als jemand, der von rückständiger Abergläubischkeit geschuldeten Gewaltausbrüchen unbehelligt geblieben ist.

    [entfernt da der von Ihnen zitierte Kommentar bereits moderiert wurde. Die Redaktion/ew]

  5. der (objektiv) überdurchschnittliche beitrag der juden auf wissenschaftlich-geistigem, politischem und finanzwirtschaftlich-kommerziellem gebiet hängt wesentlich mit ihrer diskriminierungs- und verfolgungsgeschichte zusammen. juden waren über lange perioden von den vorherrschenden erwerbsmöglichkeiten ausgeschlossen, wurde ihnen der erwerb von grundeigentum und die ausübung (agrarisch und handwerklich) produzierender tätigkeiten verboten. sie verlegten sich daher auf die verbliebenen 'immateriellen' berufsfelder, auf handels- und zinsgewerbliche und 'abstrakte' (z.b. juristerei) sowie geistig-wissenschaftliche tätigkeiten. in diesen bereichen erwarben sie naturgemäß besondere fähigkeiten und erzielten 'überdurchschnittliche' erfolge. der neid auf diesen erfolg war durch die zeit eine treibende komponente von judenfeindschaft und antisemitismus. auch an der israelfeindschaft von heute hat dieser erfolgsneid wohl einen wesentlichen anteil.

    Antwort auf "Pauschalurteile?"
  6. [entfernt. Bitte verzichten Sie auf Kommentare mit provokativem Charakter sowie Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/ew]

  7. Ich glaube die größte Gruppe, die Atheisten, werden immer gerne vergessen. Sie wollen den religiösen Gruppen immer eine Art von geistiger Überlegenheit suggerieren. Wenn ich da an Atheisten wie Hitler, Stalin und Mao denke, komme ich schon ins grübeln und denke doch an die positive Kraft der Religionen.

    Gruß

    Spectator

    [Anmerkungen: Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen und bemühen Sie sich um eine differenzierte Argumentation. Danke. Die Redaktion/ew]

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    hitler, stalin, mao.. immer gerne wieder aufgeführt..
    es geht doch aber letztendlich darum, dass niemand jemand anderen wegen seines glaubens oder nicht-glaubens diskriminieren darf.
    zu behaupten, alle atheisten seien genauso schlimm wie hitler, stalin, mao wäre genauso verrückt, wie zu behaupten alle christen seien wie kreuzzugfahrer, alles moslems dschihadisten und alle juden wie die militanten siedler im westjordanland.

    hitler, stalin, mao.. immer gerne wieder aufgeführt..
    es geht doch aber letztendlich darum, dass niemand jemand anderen wegen seines glaubens oder nicht-glaubens diskriminieren darf.
    zu behaupten, alle atheisten seien genauso schlimm wie hitler, stalin, mao wäre genauso verrückt, wie zu behaupten alle christen seien wie kreuzzugfahrer, alles moslems dschihadisten und alle juden wie die militanten siedler im westjordanland.

  8. @apexinc
    "Trotzdem fasziniert es mich, wie überdurchscnittlich (subjektiv!) oft Menschen jüdischen Glaubens sich für liberale politische Ziele engagiert"

    Naja, wenn man sich in der Regel am empfangenden Ende eines Diskriminierungsprozesses befindet, dann ist ganz natürlich, dass man für liberale politische Ziele grundsätzlich wesentlich empfänglicher ist als jemand, der von rückständiger Abergläubischkeit geschuldeten Gewaltausbrüchen unbehelligt geblieben ist.

    [entfernt da der von Ihnen zitierte Kommentar bereits moderiert wurde. Die Redaktion/ew]

    Antwort auf "Pauschalurteile?"
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    ENtfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/cs

    ENtfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/cs

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