Literatur Unsere KlassikerinSeite 2/2

Franka Potente wird schnell privat, wenn sie darüber spricht, wie sie wurde, was sie ist. Reisen bedeute ihr wahrscheinlich deshalb so viel, weil sie aus der Provinz komme, aus Dülmen, Westfalen, und weil es immer zwei verschiedene Urlaubsvarianten gegeben habe, entweder nach Kärnten oder an die Costa Brava, 18 Stunden im Auto. Heute lebt sie in den USA und verreist am liebsten dorthin, wo es fremder nicht mehr geht. Als sie vor einigen Jahren das erste Mal nach Los Angeles zog, war auch das Ende einer langjährigen Beziehung dafür verantwortlich. Sie habe das Gefühl gehabt, sagt sie, ein ganzer Ozean zwischen dem alten und dem neuen Leben sei jetzt genau das Richtige.

Weiter im Lebenslauf. Sie schildert eine Szene, die sich alle zwei Jahre wiederholt hat. Sie steht vor einer neuen Klasse, wird vorgestellt, meistens falsch, das ist Frauke, unsere neue Schülerin. Nein, ich bin Franka. Der Vater hatte Karriere im Schuldienst gemacht, als Lehrer, als Rektor et cetera, und deshalb zog die Familie von Städtchen zu Städtchen. Und auch deshalb, sagt Franka Potente, habe sie dieses große Erklärungsbedürfnis: Ich bin die Franka, und ich bin so, und ich bin so. Noch heute sei für sie das Gefühl, falsch verstanden zu werden, missverstanden, ganz schrecklich. »Immer«, sagt sie, »stehe ich da und versuche zu erklären. Und versuche mich zu erklären.« Wenn man so will, ist das verschlossene, verrätselte, schweigsame Japan das Gegenteil von Franka Potente.

Und wenn man so will, ist auch ihr Buch ein ziemlicher Kontrast zu ihren sonstigen Arbeiten. Ein sehr konzentriertes, zurückgenommenes, fast leises Buch. Es geht um Menschen, denen kleine und große Dinge wichtig sind und die daran zerbrechen, wenn sie verloren gehen. Die Autorin bleibt im Hintergrund, verschwindet hinter den japanischen Skizzen. Nicht nur als Schauspielerin stand sie sonst immer eher im Vordergrund. Sie veröffentlichte ein Fitnessbuch und einen Briefwechselband mit einem Freund, sie erfindet ein Kinderbuch, sie zeichnet und illustriert, sie hat als Regisseurin einen Stummfilm gemacht. Sie denkt über eine eigene Modekollektion nach, und sie schreibt ein Drehbuchkonzept für einen Roman von Siri Hustvedt, bekommt von der Amerikanerin aber eine nette Absage mit dem Hinweis, ihr Mann, Paul Auster, habe sich vorsorglich die Filmrechte des Buches gesichert. Sie spielt in amerikanischen Topserien mit, wie Dr. House und The Shield, und übernimmt die Hauptrolle im deutschen Kriegsdrama Die Brücke.

Ihr erstes Tattoo war eine Anspielung auf die Commedia dell’Arte

Ist das Verzetteln eine Gefahr? »Sehe ich nicht so«, sagt sie. Eher im Leben, sagt sie und lacht. Bei der Arbeit habe sie eben die verschiedensten Interessen, »mein Leitfaden ist dabei: Ich mache, zu was ich Lust habe.« Die besten Ideen kommen ihr beim Espressotrinken, Dutzende davon habe sie in ihrem Computer, manche bleiben da für immer, die besseren werden verwirklicht. Sie sagt, es störe sie nicht, wenn andere sich fragen, wie das alles zusammenpasst, »ich frage mich das jedenfalls nicht«. Dann wiederholt sie das Wort »zusammenpassen«, nee, bei ihr habe das noch nie funktioniert. Auch nicht beim Lesen. Als Kind sei sie immer in die Bücherei gegangen und habe so viel ausleihen dürfen, wie sie habe tragen können. Mit Enid Blyton habe es angefangen. Heute lese sie gerne Sylvia Plath und Dorothy Parker, aber auch die Wallander-Romane von Mankell und alles von Anaïs Nin, aber auch Ingo Schulze und Daniil Charms. »Und, wissen Sie was, seit ich in Amerika lebe, lese ich Goethe und Schiller, habe ihre Bücher überall dabei.«

Man kann sich nur schwer mit Franka Potente unterhalten, ohne über ihre Tattoos zu sprechen. Sie sind einfach zu groß, und es sind zu viele. An einem Arm steht das Wort »Liberty«, dies habe sie sich in Südafrika stechen lassen, es solle ausdrücken, erklärt sie, wie wichtig der Erhalt der Freiheit für sie sei, in den unterschiedlichsten Lebenssituationen. Dann erzählt sie von ihrem allerersten Tattoo, einem Symbol der italienischen Theatergattung Commedia dell’Arte. Sie jobbte in einer Pharmafirma, war gerade 18. Sie hatte die Nachtschicht hinter sich, war unendlich müde und ging in den Tattooladen. Sie sagte, sie wollte sich den Traum eingravieren lassen, Schauspielerin zu werden, »ich wollte, dass ich diesen Traum nie vergesse«.

Sind Tattoos unter Tätowierten ein geheimer Code? Ach nee, sagt sie. Natürlich redet man darüber, aber eher, wie wenn ein Hundebesitzer einen anderen Hundebesitzer trifft. Franka Potente sagt, sie finde, in Deutschland wisse man oft zu viel über Schauspieler, da gebe es oft kein Geheimnis mehr, das sei auch für ihre Arbeit schlecht. Französische Schauspielerinnen machten das gut, von einer Sandrine Bonnaire, einer Juliette Binoche oder einer Catherine Deneuve wisse man so gut wie nichts. Vielleicht funktioniert bei Franka Potente eine andere Methode: Man sendet so viele verschiedene Signale aus, dass am Ende keinerlei festes Bild entsteht. 

Franka Potente hat als Nächstes vor, einen Roman zu schreiben. Und auch in Sachen Tattoos scheint sich wieder was zu tun. Sie findet gerade die alten Tattoos von Seeleuten toll, auf denen Pin-up-Girls zu sehen sind. Schrill und farbig.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • dapeda
    • 18.08.2010 um 16:48 Uhr

    Ich würde gern einmal einen Espresso mit ihr trinken und mich unterhalten. Das ist der Vorteil, den Journalisten haben: sie können das. Sie dürfen das.
    Das Buch klingt interessant - werd ich mir anschauen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    In diesem Fall leider negativ. Ein Buch, das die dümmlichen Klischees über Japaner hervorkramt hätte es nicht gebraucht. In diesem Genre gibt es schon viel zu viel - Tokyo Diaries, "Darum nerven Japaner", Tokyo Total, etc. pp

    In diesem Fall leider negativ. Ein Buch, das die dümmlichen Klischees über Japaner hervorkramt hätte es nicht gebraucht. In diesem Genre gibt es schon viel zu viel - Tokyo Diaries, "Darum nerven Japaner", Tokyo Total, etc. pp

  1. zu sehen, fast scheint es so, wenn in den gelesenen Worten eine Realität durchbricht die für sich genommen tausende Bilder beinhaltet aber dennoch nicht geschwätzig ist...
    Danke für die schönen Zeilen.

  2. 3. bof...

    "Aus dem Punk-Girl ist eine attraktive Frau geworden."

  3. "eine der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen, die mit Johnny Depp, Elijah Wood und Hugh Laurie (Dr. House) gedreht hat"

    *ähem*

    http://en.wikipedia.org/wiki/The_Bourne_Identity_(2002_film)

    (nur der Vollständigkeit halber)

  4. Ich habe bis zu diesem Interview Franka Potente eigentlich für ganz intelligent gehalten, aber das muss ich wohl revidieren. Was tun sich in diesem Interview bloß für Abgründe auf! [...]

    Die Japaner tanzen also "alle" mit dem Blick zur DJ-Kanzel? Will Franke Potente damit sagen, dass die Japaner ein willenloses, gleichgeschaltetes Volk sind? Jeder, der auch nur ein bisschen echtes Interesse an Japan aufzubringen vermag, weiss, dass Japaner Clubs eher wie Konzerte besuchen.

    Auch in Europa stehen (und tanzen) die Fans bei Konzerten alle mit dem Gesicht zur Bühne hin. Das ist in Japan bei DJ-Konzerten nicht anders. Daraus nun irgendetwas ableiten zu wollen, sagt uns mehr über Franka Potentes anscheinend doch sehr provinzielle Weltsicht als über "die Japaner".

    Dass sie alle Japaner über einen Kamm schert, und ihr dabei nichts Besseres einfällt, als die ganz alten Kamellen wieder hervorzukramen (alle Japaner haben ein freudloses, strebsames Leben im Dienst der Firma, und können nur bei Alkohol aus sich herauskommen, die Japaner sind alle so fremd und skurril, etc. etc.) macht es einfach, dieses Buch zu kategorisieren - es ist Orientalismus der tumberen Sorte.

    Natürlich empfindet Franka Potente Japan als fremd. [...]

    Gekürzt, bitte beschränken Sie sich auf sachliche Kritik und sehen Sie von persönlichen Angriffen ab. Vielen Dank. /Die Redaktion pt.

  5. In diesem Fall leider negativ. Ein Buch, das die dümmlichen Klischees über Japaner hervorkramt hätte es nicht gebraucht. In diesem Genre gibt es schon viel zu viel - Tokyo Diaries, "Darum nerven Japaner", Tokyo Total, etc. pp

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