Es ist ein eigentümliches Gefühl, ein druckfrisches Buch in den Händen zu halten, das schon historisch geworden ist, bevor es auf den Markt gelangte. Meistens brauchen Bücher länger, bis sich der Gegenstand ihrer Empörung verflüchtigt. Aber Thomas Hettches Roman über die Leiden eines ledigen Vaters, dem jede Mitverantwortung für die Tochter verweigert wird, weil der Mutter von Rechts wegen das Sorgerecht allein gehört, ist von dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe vor wenigen Tagen überholt worden – oder soll man sagen: erhört? Das Recht jedenfalls existiert nicht mehr, auf das sich die böse Mutter im Roman berufen konnte, um den Vater von jeder Mitsprache, gegebenenfalls auch von dem Umgang mit der Tochter fernzuhalten, vor allem aber, um ihn zu schikanieren und andauernd dafür zu bestrafen, dass die Beziehung in die Brüche gegangen ist.

Wenn man Hettches Roman – höchst ungerechterweise selbstverständlich – als Thesenroman betrachten wollte, dann hätte er sich nicht schlecht als Klageschrift für Karlsruhe geeignet, oder doch als die herzzerreißende Fallstudie eines beigegebenen Gutachtens. Wie der Automatismus des alten Gesetzes dafür sorgte, dass die, man kann es nicht anders sagen: Schlampe von Mutter das Kind dem braven Vater vorenthalten kann; wie das Sorgerecht als Machtinstrument zu Psychospielchen missbraucht wird; wie schließlich und vor allem das Machtgefälle auch das Verhältnis des Vaters zu seiner Tochter bedroht. All dieses, von den eklatanten Vorgängen bis hin zu den feinsten Vergiftungen der Seele, findet sich in Hettches Roman. Der ohnmächtig wachsende Hass des Vaters auf die sadistischen Launen der Mutter kulminiert schließlich in einer Ohrfeige, die der Vater – nun, eben nicht der Mutter, sondern in tragischer Übersprunghandlung der Tochter gibt.

Aber Hettches Buch ist kein Thesenroman. Er heißt auch nicht Die Leiden der ledigen Väter, sondern Die Liebe der Väter. Es geht um viel mehr als nur um die menschliche Problematik eines speziellen Gesetzes. Es geht, auf der gesellschaftlichen Seite des Romans, ganz grundsätzlich um die möglichen Folgeschäden eines jeden Gesetzes, das darauf angelegt ist, bis in die Kapillaren der zwischenmenschlichen Beziehungen vorzudringen. Für diesen Parabelcharakter des Buches ist es ganz unerheblich, ob das Gesetz inzwischen verschwunden ist. Der Autor hätte es auch für die Zwecke seines Romans frei erfinden können.

© Kiepenheuer & Witsch

Auf der individuellen Seite geht es aber auch um mehr als nur um die fatale Gesetzeswirkung. Es geht um Abgründe einer Eltern-Kind-Beziehung unter erschwerten Bedingungen, wobei die Erschwernis auch von etwas anderem als dem Gesetz ausgehen könnte. Es gibt immer eine Erschwernis, die von außen kommt und die ursprüngliche Beziehung auf eine Probe stellt.

Der Autor blättert wie nebenbei einen ganzen Katalog solcher Zumutungen auf. Der Vater macht mit seiner Tochter Silvesterurlaub bei einer befreundeten Familie auf Sylt; ein weiteres schlecht gelauntes Ehepaar kommt hinzu; zwei halbwüchsige Nachbarsmädchen protzen mit frühreifem Sexappeal; schließlich interessiert sich noch ein geckenhafter Junge für die Tochter, und dessen Mutter spielt sich als gute Hirtin auf – und all das, nämlich was diese Menschen so treiben und denken und leider auch sagen, wie sie leben und Abweichungen missbilligen, bildet schon den üblichen Gefährdungsraum für die Intimität zwischen Vater und Kind. Die Ohrfeige wird der Tochter eben nicht nur stellvertretend für die Mutter gegeben, sondern auch dafür, dass sie sich diesen Einflüssen nicht entzieht.

De Ohnmachtserfahrung des Vaters gegenüber der sorgerechtlichen Verfügungsgewalt der Mutter findet ihren Spiegel in der Ohnmacht, mit der er ohnehin schon der Gesellschaft gegenübersteht, die nun einmal in jede Beziehung hineinregiert. Kinder gehören nicht allein ihren Eltern an; je älter sie werden, desto weniger. Sie beginnen, Angehörige der Gesellschaft und also auch Spielplatz der Gesellschaft zu werden, nur dass die Gesellschaft naturgemäß nicht mit dem liebenden Impuls tätig wird, den die Eltern für sich reklamieren, aber vielleicht zu Unrecht? Es wird vieles uneindeutig im Fortgang der Geschichte: wo die guten und die bösen Einflüsse sind, wo die echten und die eingebildeten Gefährdungen, die legitimen und illegitimen Zumutungen, von dem bald klugen, bald dusseligen Dreingequatsche ganz abgesehen, das in der verquatschten Mittelstandsgesellschaft, die Thomas Hettche beim rituellen Sylter Winterurlaub beobachtet, nun einmal allgegenwärtig ist.

Unklar wird indes auch, wieweit die Unschulds- und Verletzlichkeitsvermutung gegenüber dem sich langsam emanzipierenden Kind trägt. Die Tochter entwickelt unübersehbar, aber für den Vater lange nicht einsehbar, ihren eigenen Kopf. Sie ist nicht nur Opfer, sie kann auch Täterin werden. Wie sie die Kinder der befreundeten Familie mit Geschichten von drohenden Sturmfluten und abergläubischen Sagen erschreckt, das verrät nicht nur viel über ihre existenzielle Verunsicherung, sondern zeigt auch eine böse Freude daran, die eigene Verlorenheitserfahrung anderen aufzureden.

 

Wahrscheinlich muss man es so sehen: Sie hat das Beziehungsgewürge zwischen den verfeindeten Eltern wie eine naturhafte Bedrohung ihres Lebensraumes erlebt, sodass die wirklichen Naturgewalten ihr wie die logische Fortsetzung und metaphysische Umrahmung erscheinen. Und andererseits: Sind sie das nicht wirklich? Man kann sich dem Eindruck nicht entziehen, dass Hettche auch deshalb so ausführlich auf der sagenhaften Überhöhung, aber auch wirklichen Gewalt der Naturbedrohung verweilt, weil sie sich in der gesellschaftlichen Bedrohung fortsetzt – so wie diese sich in der Gewalt zwischen den Eltern und schließlich gegenüber dem Kind fortsetzt.

Fortsetzt wohlgemerkt, nicht spiegelt. Allegorisch ist hier provozierenderweise nichts gemeint. Es ist eine Gewalt, die dem Vater die Hand zur Ohrfeige führt und die im Wintersturm der Insel bedeutende Teile der Küste entreißt. Die kostbare und bedrohte, schon in sich bedrohte Liebe zwischen Vater und Tochter liegt nur als innerster Kern in einem Gehäuse von Bedrohungen, die sich wie Schalen umeinander schließen. Die äußerste Schale ist die Natur.

Diese Pointe wird, wenn sie denn auffällt, nicht jedem gefallen. Aber vor dem Fatalismus, der solche naturhistorischen Konstruktionen verdächtig machen kann, ist der Autor doch gefeit. Es gibt eine Freiheit, die sich der Mensch bei ihm bewahrt: Es ist die Freiheit zu Versöhnung, Erbarmen und liebender Annahme, der am Ende auch Vater und Tochter teilhaftig werden. Der Vater bittet, und die Tochter vergibt.

Man darf sich indes dieses weit ausgreifende Spiel zwischen Naturphilosophie und intimster Seelenkunde nicht in romanhafter Breite vorstellen. Das Buch ist überhaupt kein Roman (so heißt es nur mit diplomatischer Rücksicht dem Buchhandel gegenüber), es ist eine klassische, vollendet knappe und kontrolliert erzählte Novelle – mit der Ohrfeige als Zentral- und Sündenmotiv. Es ist eine Novelle auch in der Beschränkung von Zeit und Ort – es ist aber ein großes Werk in Tiefe und Weite der Gedanken. Es scheut sich nicht, mit der fatalen Ohrfeige einen Abgrund aufzureißen, über den hinweg sich zwar Vater und Tochter wieder versöhnen, der aber im Übrigen nicht mehr geschlossen wird.

Der Abgrund bleibt die Leerstelle für das Mysterium, das der Autor nicht einmal benennt. Das zu tun überlässt er der Taktlosigkeit des Rezensenten: Es ist das Mysterium der Elternliebe, das voller Wunden und Wunder ist.