Literaturgeschichte Wasserscheue Männer

Und lüsterne Undinen. Andreas Kraß huldigt den Meerjungfrauen.

1947: Die Schauspielerin Glynis Johns als Meerjungfrau im Film "Miranda"

1947: Die Schauspielerin Glynis Johns als Meerjungfrau im Film "Miranda"

Eine gewisse sittsame Schönheit bei literarischen Helden kann uns Leser auch wütend machen. Als die schöne Undine mit dem cholerischen und leider auch feigen Ritter Huldbrand die Donau aufwärts schipperte – da ging ihre Ehe schon den Bach runter, wie man unschwer daran erkannte, dass das Paar in Begleitung der intriganten Nebenbuhlerin Bertalda reiste –, als also durch menschliches Versagen das Romantische unromantisch geworden war, reagierte Undine sanfter denn je. Kenner des alten Kunstmärchens werden sich erinnern, wie Huldbrand aus Wasserscheu von Tag zu Tag mürrischer auf dem Schiff herumging. Er bereute mittlerweile, ein Meerfräulein geheiratet zu haben, denn er fürchtete sich vor den Verwandten unten im Fluss, namentlich vor Oheim Kühleborn. Aus purem Selbstmitleid (»mein ist das Unheil, aber nicht die Schuld«) behandelte er Bertalda immer höflicher und Undine immer grober, bis er diese schließlich durch einen Fluch verstieß. Noch auf dem Höhepunkt seines Zorns, so berichtet der Dichter Friedrich de la Motte Fouqué, bat und flehte Undine zärtlich um Milde. Ach, vergebens. Die treue Schöne mit dem Goldhaar, die blauäugige Frau Tränenreich musste in den dunklen Fluss zurücksinken.

Hätte sie nicht widerborstiger sein können? Ihre Wehrlosigkeit führt uns mitten hinein in einen der berühmtesten Konflikte der Weltliteratur – die Mesalliance zwischen Nymphe und Mann, zwischen Fabelwesen und Mensch, zwischen Natur und Kultur. Zwei ungleiche Partner verkörpern den spiegelbildlichen Mythos vom Unfreiwerden durch Leidenschaft: dass der Mann erst der Liebe anheimfällt und die Frau sich nachher aus Liebe gegen gar nichts mehr wehrt. Die ewig ungelöste Undinen-Frage lautet, ob man um der bürgerlichen Ordnung willen die Liebe oder um der Liebe willen die Ordnung aufgeben soll. »Die Überführung der Liebespassion in die Institution der Ehe misslingt«, schreibt der Germanist Andreas Kraß, »der Ausgleich gelingt nur im Zeichen des Todes. Mit einem Musenkuss, der zugleich ein Todeskuss ist, holt Undine, die aus der irdischen Welt verstoßen wurde, Huldbrand in die Unterwelt der Phantasie hinein.«

Anzeige

Denn dort unten liegt der Himmel aller verhinderten Romantiker. Das kühle Jenseits der Poesie im Gegensatz zum erhofften Paradies auf Erden ist das große Thema dieser brillanten Abhandlung, die auch vom Ursprung unseres modernen Liebesideals handelt. Zum ersten Mal hat ein Historiker eine Typologie der Wasserweiber geschrieben, die alle Epochen und europäischen Literaturen umfasst. Meerjungfrauen. Geschichten einer unmöglichen Liebe von Andreas Kraß ist der wunderbar geglückte Versuch, Literaturgeschichte als Kulturgeschichte der Geschlechterbeziehungen zu schreiben. Dass der Autor bei der Wesensdifferenz der Liebenden ansetzt, ist noch nicht originell, aber dass er den Leser bei seinem Zorn über die weibliche Demut packt, ist ein feiner empathetischer Trick in einem nüchternen Traktat.

Müssen Frauen schön meerjungfräulich sein? Mit Fischschwanz und Wallehaar? Oder im Gegenteil? Es ist ja nicht lange her, dass Sittsamkeit sozial erwünscht war. Manch eine, die jetzt in den besten Jahren ist, bekam noch solche Poesiealbumsprüche zu lesen: »Sei wie das Veilchen im Moose, bescheiden, sittsam und rein! Nicht wie die stolze Rose…« Deshalb legt Matthias Kraß zu Recht einen Schwerpunkt auf die Anfänge des Undinen-Motivs in der Antike, als es Sirenen gab, die auf eine unweinerliche Art Verführerin und Verderberin waren. Ausführlich beschreibt der Autor die erotisierende Wirkung ihres todbringenden Gesangs. Genüsslich deutet er die Angstlust der Männer in Herbert James Drapers Gemälde Odysseus und die Sirenen: nackte Elementargeister, wie sie aus den Wogen des Begehrens aufsteigen. Lakonisch kritisiert er die frühe Klischeebildung vom Weiblichen als Sinnbild der Sünde. Dabei benutzt der Germanist nicht nur die Texte von Homer, Ovid und deren Adepten Dante, Kleist, Kafka, sondern schlägt auch bei Kant und Adorno nach. Aufklärung erscheine in deren Interpretation der Sirenen als Sündenfall, dem man nur entkomme, indem man sich auf ihn einlasse. Gehorsam und Ungehorsam seien dialektisch zu denken: Odysseus liefert sich dem Sirenengesang aus, bleibt aber fest verschnürt im Sicherungsseil einer vorsorglichen Vernunft.

Kraß zeigt uns, dass bereits die gefährliche Sirene ein Klischee von Frau war, auch wenn sie uns heute vielleicht ein bisschen emanzipierter vorkommt als gewisse Nymphchen. Auch wenn sie die Mittel hatte, in einer gewalttätigen Welt (dauernd die vorbeisegelnden Kriegsschiffe!) Gewalt anzuwenden. Im Laufe der Jahrhunderte sind die Wasserwesen dann immer friedlicher geworden: Melusine, Donauweibchen, Loreley, Undine und schließlich Meerjungfrau. Man könnte einwenden, dass auch Undine den Mann noch tötet, aber sie tut es weinend, widerwillig, nur dem Gesetz der Wasserwelt gehorchend. Für sie ist die Liebe zu etwas Selbstzerstörerischem geworden, in das sie sich stürzt wie ein Nichtschwimmer ins Tiefe. Hans Christian Andersens kleine Meerjungfrau schließlich opfert sich und ihre Seele, damit der geliebte untreue Mann am Leben bleibt.

»Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer! Ihr Ungeheuer mit Namen Hans!« – lautet die berühmte Anklage der Undine bei Ingeborg Bachmann, es ist die Verweigerungsrede einer Frau, die der typischen Machos ebenso überdrüssig ist wie ihres eigenen Gejammers. Bis dahin war ein langer Weg. Matthias Kraß besichtigt die Metamorphosen der Wasserweiber bei Goethe, Tieck, Heine, Fontane… bis in die Gegenwart. Und siehe: Das Motiv ersäuft keineswegs in Melancholie. Da gibt es durchaus nicht nur öde Geschlechterrollen, sondern auch witzige, schlaue, jähzornige Frauen und schwatzhafte, eitle, weinerliche Männer. Wir lernen: Es geht nicht darum, dass alle Frauen Kampfemanzen und alle Männer Leisetreter werden, sondern dass der Mensch als solcher sich freischwimmt.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service