Nüchtern betrachtet, muss man von einem Fiasko sprechen. Nach mehr als 20-jährigen Ermittlungen ist der Tathergang unklar. Es gibt mengenweise nebulöse Indizien und keine Verdächtigen. Polizeifahnder nennen so etwas cold case . Ein kalter Fall, der ihnen keine Ruhe lässt. Die Genetiker haben Dutzende davon.

Seit Anfang der neunziger Jahre suchen die Erbgutexperten verzweifelt nach Spuren. Ihre Hoffnung: Nach und nach sollte die aufstrebende Molekulargenetik erbliche Veranlagungen für verbreitete Volkskrankheiten enttarnen. Welche genetischen Schäden erhöhen das Risiko für Alzheimer und Bluthochdruck, Diabetes oder Schizophrenie?

Sobald die verantwortlichen Genvariationen eingekreist seien, so die Hoffnung der Wissenschaftler, würde man nicht nur die Krankheitsentstehung rekonstruieren können – sondern auch individuelle Risiken vorhersagen und damit jedem Menschen die individuell beste Vorbeugung bieten können.

 Vor allem aber sollten die Erkenntnisse der Genfahnder der Entwicklung wirkungsvoller Medikamente den Weg bahnen. Spätestens mit der Dekodierung des menschlichen Genoms um die Jahrtausendwende sahen sich die Forscher vor dem Durchbruch: Hatte man nun nicht ein vollständiges Kompendium zur Hand, das alle Spuren und Hinweise enthielt? Hochgestimmte Erwartung einte die Gelehrten: Mithilfe des Datensatzes würden sich die risikoträchtigen Gene der Menschheit rasch enttarnen lassen.

Heute ist der Eifer der Ernüchterung gewichen. Medizinisch verwertbare Befunde haben die Rechercheure bislang kaum zu bieten. Auch für halbwegs seriöse Vorhersagen zum Erkrankungsrisiko reichen die Erkenntnisse nicht. Allzu oft endete ihre Suche im Debakel.