Genetik Wer erbt was?
Die Veranlagung für viele Volkskrankheiten wird von Generation zu Generation weitergegeben. Doch nach den Genen sucht die Forschung bisher vergeblich.
Nüchtern betrachtet, muss man von einem Fiasko sprechen. Nach mehr als 20-jährigen Ermittlungen ist der Tathergang unklar. Es gibt mengenweise nebulöse Indizien und keine Verdächtigen. Polizeifahnder nennen so etwas cold case . Ein kalter Fall, der ihnen keine Ruhe lässt. Die Genetiker haben Dutzende davon.
Seit Anfang der neunziger Jahre suchen die Erbgutexperten verzweifelt nach Spuren. Ihre Hoffnung: Nach und nach sollte die aufstrebende Molekulargenetik erbliche Veranlagungen für verbreitete Volkskrankheiten enttarnen. Welche genetischen Schäden erhöhen das Risiko für Alzheimer und Bluthochdruck, Diabetes oder Schizophrenie?
Sobald die verantwortlichen Genvariationen eingekreist seien, so die Hoffnung der Wissenschaftler, würde man nicht nur die Krankheitsentstehung rekonstruieren können – sondern auch individuelle Risiken vorhersagen und damit jedem Menschen die individuell beste Vorbeugung bieten können.
- Gentests
Das Problem der verschollenen Erblichkeit plagt auch die junge Branche der Consumer Genomics. Anmeldung im Internet, der Postbote liefert Wattestäbchen und Rückumschlag, bald darauf gibt es die digitale Analyse des eigenen Erbguts: Kommerzielle Gentest-Firmen wie 23andMe oder Navigenics offerieren Privatleuten umfassende Genanalysen – zu stolzen Preisen von mehreren Hundert Euro. Solche Gen-Orakel können sinnvoll sein bei Leiden, die nahezu ausschließlich von einer einzigen oder ganz wenigen genetischen Veränderungen hervorgerufen werden. Und gegen deren Ausbruch sich erblich Belastete schützen könnten, etwa durch Änderungen in ihrer Lebensführung oder durch rechtzeitige Therapie.
- Ergebnis
Bei den allermeisten Volkskrankheiten ist der Einfluss der bekannten Gene gering. Gentests für den Endverbraucher bieten hier kaum mehr als Kaffeesatzleserei. Denn die Testbatterien, die Veranlagungen für komplexe Leiden prophezeien sollen, sind schwachsichtig – und ihre Ergebnisse missverständlich. Wenn etwa ein Kunde erfährt, aufgrund einer Genvariante sei sein Risiko für eine bestimmte Erkrankung um 70 Prozent erhöht, dann bedeutet das nicht: Du wirst mit dieser Wahrscheinlichkeit erkranken. Sondern: Dein Risiko ist 70 Prozent höher als das der Normalbevölkerung. Typischerweise steigt es also von 1 Promille auf 1,7 Promille – ergo: Höchstwahrscheinlich wirst auch du gesund bleiben.
- Altersblindheit
Die Ausnahme ist ein Test auf die Veranlagung für Altersblindheit. Die Anfälligkeit für das häufige Netzhautleiden lässt sich zu fast 80 Prozent durch wenige Gene erklären, es gibt Vorbeugungsmöglichkeiten, und bei rechtzeitiger Diagnose kann erfolgreich behandelt werden.
Vor allem aber sollten die Erkenntnisse der Genfahnder der Entwicklung wirkungsvoller Medikamente den Weg bahnen. Spätestens mit der Dekodierung des menschlichen Genoms um die Jahrtausendwende sahen sich die Forscher vor dem Durchbruch: Hatte man nun nicht ein vollständiges Kompendium zur Hand, das alle Spuren und Hinweise enthielt? Hochgestimmte Erwartung einte die Gelehrten: Mithilfe des Datensatzes würden sich die risikoträchtigen Gene der Menschheit rasch enttarnen lassen.
Heute ist der Eifer der Ernüchterung gewichen. Medizinisch verwertbare Befunde haben die Rechercheure bislang kaum zu bieten. Auch für halbwegs seriöse Vorhersagen zum Erkrankungsrisiko reichen die Erkenntnisse nicht. Allzu oft endete ihre Suche im Debakel.
- Datum 13.08.2010 - 11:48 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.08.2010 Nr. 33
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Gene deckeln sicher das Potential des Menschen. Aber für die Entfaltung des Potential und möglicher gesundheitlicher Risiken ist immer noch die Umwelt verantwortlich.
Gene steuern ja nicht direkt Eigenschaften des Individuums sondern nur sehr grundlegende Prozesse in den Zellen. Phänomene wie die Körpergröße oder eine Anfälligkeit für eine Krankheit ergeben sich aus dem Zusammenspiel all dieser Prozesse.
Die Ursache für eine Krankheit kann sich damit praktisch über das ganze Genom verteilen und überhaupt nicht an einzelnen Genen festzumachen sein. Damit vererbt sich das Risiko dennoch, da dabei das gesamte Genom Ähnlichkeiten aufweist, Übereinstimmungen zwischen zwei Individuen bei einem oder einer Gruppe von Genen sagen aber dennoch fast gar nichts aus.
Je direkter sich eine Krankheit im Genom niederschlägt, desto leichter dürfte dieser Nachteil ja auch durch die Evolution beseitigt werden.
Im Extremfall würde das bedeuten, dass eine genetische Diagnose praktisch unmöglich ist. Versuchen sollte man es natürlich dennoch. Das Ergebnis der Forschung ist auch bei einem Scheitern interessant und wichtig, da sie unsere Vorstellung der Genetik verbessert. Da es um Krankheiten geht, zerstört ein Scheitern natürlich Heilungshoffnungen, was das weniger befriedigend macht, als ein Scheitern einer anderen Theorie.
Die verzweifelte Suche nach dem Determinismus zeigt vielleicht um so mehr, dass man sein Leben ändern kann...und damit auch die Risiken für Krankheiten...die Psyche spielt eben auch eine Rolle...und psychsiche Leiden können ebenso irgendwann ins körperliche abrutschen...
Hmm ... wenn die neue Hypothese stimmen wuerde, dann liesse sich diese mit vielen unterschiedlichen "Schizophrenie-Genen" testen: signifikante Ueberrepraesentierung eines oder meherer GO-Terme in der Menge der "Schizophrenie-Gene" verglichen mit dem Gesamtgenom.
Ich gehe aber davon aus dass nicht genuegend "Schizophrenie-Gene" bekannt sind um eine aussagekraeftige Statistik zu erzeugen.
Weiteres Vorgehen: sehr viele Familien mit gehaeuftem Auftreten der Schizophrenie nach entsprechenden Genen screenen und dann oberes durchfueheren.
In Darstellungen zur Wissenschaft oder Wissenschaftsgeschichte sieht es häufig so aus, als ob es von Entdeckung zu Entdeckung gegangen wäre oder gehe. In Wahrheit geht es vielfach eher von Fehlschlag zu Fehlschlag, und erst wenn alle falschen Möglichkeiten ausgeschlossen sind, stösst man auf die Wahrheit.
Natürlich ist es bedauerlich, das man hier keine schnelleren Ergebnisse hat, die den Menschen jetzt schon helfen können. Aber mich begeistert es auch, dass die Natur offensichtlich so kompliziert ist, dass sie sich nicht so einfach entschlüsseln lässt, dass es noch ungelöste Rätsel gibt, die uns herausfordern, und dass Raum bleibt, über die Schöpfung zu staunen und sie zu bewundern.
Mich erstaunt der grundlegend angstvoll-hetzerische Tenor über Vererbung (... Veranlagung für viele Volkskrankheiten wird ...). Was wollen wir denn? - Das Erbgut (Genom, Gen, DNA) muß sich in Lichtgeschwindigkeit anpassen, wenn das Leben in den nächsten Generationen auf der Erde weitergehen soll, also auch für den Menschen. Das Erbgut ist niemals der Schlüssel des Lebens, sondern nur das Ergebnis des Schließens. Lassen wir Menschen also davon ab, schließen zu wollen; das führt unweigerlich zum Untergang, da Anpassung an veränderte Umweltbedingungen nicht erwünscht ist. - Wenn also erkennbar bestimmte Krankheiten für den Menschen zunehmen, sollte ganz fix nach den Ursachen geforscht werden, um sie - wenn von Menschenhand getan (z. B. Klonfleisch) - abzustellen. Alles andere dient der fixen Idee manches Menschen, Schöpfer zu sein: Schöpfer des Universums - der Universen - einschließlich des Menschen selbst. Narzißmus wäre gar nichts dagegen. -
Das Photo zu Ihrem Artikel spricht Bände; sehe ich es richtig, daß es beim Menschen nur männliches Erbe gibt? .... ?
in Ihren Artikel wird Schizophrenie als eines der Volksleiden, ein Hirnleiden, dargestellt, für das man doch nur eine genetische Ursache finden müsste, um es ein für alle mal loszuwerden. Dazu einige Anmerkungen:
1. Schizophrenie ist nicht "eine Erkrankung". Vielmehr handelt es sich um eine Gruppe von "Erkrankungen" wie schon vom Erstbeschreiber Eugen Bleuler bemerkt wurde, daher ist wohl kaum anzunehmen, dass es sich um eine genetisch homogene Entität handeln könnte.
2.Schizophrenie ist keine Erkrankung im medizinischen Sinn! Das würde ein zugehöriges organisches Substrat und einen bekannten Pathomechanismus voraussetzen. Es gibt zur Entstehung der Schizophrenie Hypothesen und Modelle, wie Dopaminhypothese und Vulnerabilitäts-Stress-Modell, welche aber nicht bewiesen sind.
Schizophrenie wird als endogene Psychose gesehen, d.h.: erscheint als ob sie eine organische Ursache hätte. Diese wurde aber bis dato nicht gefunden!!!
Es gibt wissenschaftliche Daten die für genetische Einflüsse sprechen, diese sind aber sehr weit davon entfernt als Ursache gesehen zu werden( max. Konkordanz bei eineiigen Zwilligen deutlich < 50%).
Ich möchte mich gegen den Automatismus mit dem Schizophrenie als organische Krankheit dargestellt wird verwehren.
Es handelt sich um eine psychische Störung, einen primär psychischen Ablauf der eventuell durch organische Faktoren beeinflusst wird.
Kein Wunder, dass kein Gen gefunden wurde...
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