Politik und ReligionKrieg ums Kreuz

In der Vergangenheit instrumentalisierte die katholische Kirche die polnische Politik. Nun missbrauchen rechte Politiker die Debatte um ein Holzkreuz. von 

Streit ums Kreuz in Warschau: Tausende demonstrieren gegen ein Holzkreuz, das nach dem Tod von Präsident Lech Kaczynski vor dem Präsidentenpalast aufgestellt wurde

Streit ums Kreuz in Warschau: Tausende demonstrieren gegen ein Holzkreuz, das nach dem Tod von Präsident Lech Kaczynski vor dem Präsidentenpalast aufgestellt wurde  |  © Wojtek Radwanski/AFP/Getty Images

Seit einigen Tagen spielt sich auf dem Platz vor dem Präsidentenpalast in Warschau ein merkwürdiges Spektakel ab: Tiefgläubige Katholiken halten Mahnwache vor einem riesigen Holzkreuz. Ihnen gegenüber stehen Demonstranten, die dieses Kreuz verbannen wollen. Polizisten trennen sie voneinander.

Im Zentrum von Warschau wird ein Lehrstück darüber aufgeführt, wie die Kirche Politik instrumentalisiert hat – und nun selbst instrumentalisiert wird.

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Pfadfinder hatten dieses Kreuz aufgestellt, nachdem 96 Polen bei einem Flugzeugabsturz auf dem Weg nach Russland am 10. April verunglückt waren – darunter auch der polnische Präsident Lech Kaczyński mit seiner Frau. Seitdem kommen täglich Gläubige, beten und entzünden Kerzen vor dem Kreuz. Nun soll es weg, so will es der frisch gewählte Präsident Bronisław Komorowski , so will es die Regierung, so will es laut Umfragen auch die Mehrheit der Polen. Die polnische Verfassung, so Komorowski, trenne zwischen Kirche und Staat. Deshalb soll das Kreuz nebenan, vor der Kirche der Heiligen Anna aufgestellt werden.

Als das Kreuz im ersten Versuch abgeräumt werden sollte, verhinderten es seine Anhänger zum Teil gewaltsam. Nun gehen die Gegner in die Offensive. Sie versammeln sich vor dem Palast, sie singen Lieder und halten Transparente hoch: »Mich schmerzt es im Kreuz.« Auch sie wollten ihren Spaß an dieser Situation haben, sagte der Initiator dieser Aktion.

Dieses Kreuz ist längst mehr – es ist ein Kampfsymbol der polnischen Politik und Gesellschaft geworden. Von einer »Politisierung« des Kreuzes und »Manipulation« der Gesellschaft spricht der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz. Ein religiöses Symbol wird zwischen zwei Parteien zerrieben, um das Religiöse geht es schon lange nicht mehr.

Wenn Präsident Komorowski von der strikten Trennung zwischen Staat und Kirche spricht, dann weiß er, dass sie in Polen letztlich unmöglich ist: Die katholische Kirche ist Teil der polnischen Identität, identitätsstiftend auch für Ungläubige und die wenigen Nichtkatholiken im Land (mehr als 90 Prozent sind katholisch). Aus den Reihen der Kirche kommen die Kämpfer und Märtyrer, die ihr Leben für eine freie Gesellschaft riskiert haben – wie Papst Johannes Paul II. oder der Priester Jerzy Popiełuszko, der vom kommunistischen Geheimdienst wegen seiner aufrührerischen Reden ermordet wurde . Natürlich gab es auch in den Reihen des Klerus bereitwillige Spitzel, doch blieb die Kirche während des Sozialismus wichtigster Hort der Opposition – auch deshalb sind die meisten der Dissidenten bekennende Katholiken, so wie der erste Präsident Lech Wałęsa und das jetzige Staatsoberhaupt Bronisław Komorowski.

Die kirchliche Symbolik reicht weit in die Gesellschaft hinein: Wie in Deutschland wird an den Schulen Religion unterrichtet, im Sitzungssaal des polnischen Parlaments hängt über einer der Eingangstüren ein Kreuz – es wurde vor 13 Jahren nachts heimlich angebracht. Seitdem hängt es dort, allen Debatten zum Trotz.

Leserkommentare
  1. ...aber irgendwie könnte es doch irgendwie noch zu schaffen sein. Was könnte bei dieser fundamentalistischen Auseinandersetzung um ein hohles Kreuz denn eigentlich gewonnen werden?

    Den Polen kommt unbestritten ein großer Anteil des Verdienstes zu, den Eisernen Vorhang und die Berliner Mauer zu Fall gebracht zu haben. Aber jetzt sind sie dabei, diese Meriten in blindem Fanatismus zu verspielen. Wo ist der politische Weitblick, wo ist die zähe Vision auf Demokratie, wo ist die Solidarität, wo ist der spezielle polnische Input zu einem modernen und doch traditionsbewussten Europa geblieben? Hat das alles auch in Katyn Leben und Geist ausgehaucht?

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    • Buh
    • 12. August 2010 18:06 Uhr

    ...Religionen sind eine Gefahr für die Demokratie, und zwar genau dann wenn sich eine von ihnen besonders hervortun will. Deswegen ist die Gleichberechtigung ALLER Religionen enorms wichtig, auch endlich in Deutschland!

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    Hallo Buh.
    Alle sind gleich, stimmt nicht.
    Die Ziegenhirten bleiben bei ihren Ziegen.

  2. Genau dies wird bei uns auch geschehen, denn Ausgrenzen lässt nichts verschwinden und die offene Diskussion ist gar nicht mehr zu führen wenn die Argumente ihre Tiefe haben.

    Die heutige "korrekte Sprache" wo Mann eine Frau ist oder Geschlechter so etwas wie Kleider, erinnert mich stark an die DDR - dort war es halt die Konterrevolution.

  3. Der Präsident und der Verteidigugnsminister übten auf den armen Piloten am 10 April einen derartigen Druck aus, dass beim 4. Landeversuch alle tot waren.
    Warum gibt es nicht weitere 95 Kreuze, die das unnötige Opfer der Polen in Smolensk sichbar machen, wie die Kreuze auf den Soldatenfriedhöfen?
    Es ist doch anmaßend nur ein Kreuz aufzustellen.
    Wenn die Opposition schlau wäre, dann würden sie die 95 fehlenden Kreuze umgehend dazustellen und anschließend alle abräumen.

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    Regierung und Opposition verwechseln Sie

  4. Es ist so wichtig, daß wir in Deutschland mehr über Polen und die polnische Geschichte wissen. Der Sturz des Sozialismus in Europa wurde eingeleitet von Polen unter maßgeblicher Beteiligung der Katholischen Kirche. Insofern empfinde ich Respekt. Ähnliches wäre in der DDR undenkbar gewesen (zu angepaßt, zu feige, na eben wie in der BRD heute).
    Obgleich interessiert, verstehe ich eben manches Polnische bis heute nicht. Manches kann ich nur erahnen:

    "Die Kirche hat der Politik die Religion geopfert."

    Machen Sie weiter Frau Bota !

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    Ist Ihnen der 17. Juni 1953 entgangen, an dem erstmalig Menschen aus dem Ostblock sich gegen die Maßnahmen ihrer sich sozialistisch nennenden Regierung mit Streiks und Demonstrationen wehrten. Da fing der Sturz der kommunistischen Diktaturen an, sie sich Sozialistisch nannten - was genau so ein Etikettenschwindel ist, wie der von Parteien die sich Christlich nennen.

    Lech Walessa und die Danziger Werft waren 1980. Dazwischen lagen noch Ungarn 1956 und Prag 1968!

    1989 war in der DDR. Das sollten Sie als DDR-Bürger doch noch wissen. Insofern ist Ihre Äußerung: "Ähnliches wäre in der DDR undenkbar gewesen (zu angepaßt, zu feige, na eben wie in der BRD heute)." was die DDR betrifft einfach nur falsch!

  5. Die Belagerung des Präsidentenpalasts durch die Radikalen ist eine symbolische Versperrung des Eingangs für den neuen Präsidenten Bronislaw Komorowski. Für diese Menschen bedeutet Demokratie, dass ihre eigene Partei gewinnt. Wenn die Anderen gewinnen, dann kann es nur Wahlbetrug sein. Mehr noch, sie behaupten, dass möglicherweise der polnische Premierminister Donald Tusk zusammen mit dem russischen Premierminister Putin einen Anschlag auf den Präsidenten Lech Kaczynski verübt haben. Daher ist das Alles eine Riesenverschwörung um Komorowski nicht rechtmäßiger Präsident. Der Autor dieses Wahnsinns ist der Vorsitzende der Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit, Jaroslaw Kaczynski, Zwillingsbruder des verunglückten Lech Kaczynski. J.Kaczynski hat die Wahl verloren, obwohl er an allen möglichen Hebeln gezogen hat. Er kann sich mit dieser Niederlage nicht abfinden, behauptet B.Komorowski ist nur durch ein Missverständnis zum Präsidenten gewählt worden und ist deshalb zum Amtseid des neuen Präsidenten nicht erschienen. Stattdessen hüllt er sich in Andeutungen und heizt die radikalen Elemente in Polen an. Getrieben von Rachegelüsten und Hass ist er eine Gefahr für seine Partei und Polen. Denn statt sich auf die wirklichen Problem zu konzentrieren, konzentriert sich alles auf das Kreuz. Daher muss das Kreuz so schnell es geht weg, damit diese Zeitverschwendung endlich aufhört.

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  6. Zeit Online berichtet:

    "Pfadfinder hatten dieses Kreuz aufgestellt, nachdem 96 Polen bei einem Flugzeugabsturz auf dem Weg nach Russland am 10. April verunglückt waren – darunter auch der polnische Präsident Lech Kaczyński mit seiner Frau. Seitdem kommen täglich Gläubige, beten und entzünden Kerzen vor dem Kreuz."

    Das ist kein Missbrauch des Kreuzes, auch kein Fanatismus, sondern christliche Trauer, verbunden mit der Hoffnung, die der Gekreuzigte den Toten schenkt. Wer das Kreuz verehrt, verehrt stets unseren gekreuzigten Herrn Jesus Christus.

  7. Hallo Buh.
    Alle sind gleich, stimmt nicht.
    Die Ziegenhirten bleiben bei ihren Ziegen.

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