Martenstein "Wenn du das dritte Mal in einen Hundehaufen getreten bist, fängst du an, bewusster zu gehen"
Harald Martenstein war eine ganze Weile nur noch barfuß unterwegs
Als ich das Projekt verkündet habe, im Freundes- und Kollegenkreis, dachten natürlich viele: Der spinnt. Sechs Monate ohne Schuhe, was soll das bringen? Ich wollte halt einfach mal wissen, ob es auch ohne geht. Ob ich so was überhaupt noch kann. Morgens ist das ja mit das Erste, was ich tue, Tasse Kaffee, Dusche, Hausschuhe. Das geht total automatisch. Ich bin eigentlich immer ein Fan von schönen Schuhen gewesen, ich bin kein Skeptiker, der sagt, barfuß ist gesünder.
Also, das Positive an Schuhen habe ich schon vermisst. Es ist einfacher, irgendwo hinzukommen. Alles geht schneller, verstehen Sie? Und ohne Schuhe musst du höllisch aufpassen, Glasscherben, Kronenkorken, Babykotze, man weiß als Schuhträger gar nicht mehr, was alles so auf den Gehwegen herumliegt. Ich hatte immer Pflaster und Putztücher dabei. Wenn du das dritte Mal in einen Hundehaufen getreten bist, fängst du an, bewusster zu gehen, was eigentlich eine sehr schöne Erfahrung ist.
Die Leute begegnen dir anders. Viele denken, es ist was Religiöses. Oder ein medizinisches Problem. Manche starren dir auf die nackten Füße, aber trauen sich nicht, zu fragen. In Restaurants wirst du von den Kellnern gemustert wie ein Außerirdischer, rausgeflogen bin ich aber nur zwei Mal, in einem Luxushotel und in der Spielbank.
Soziale Kontakte, klar, die werden schwieriger. Ich bin immer gerne mit meiner Freundin gewandert, das ging gar nicht mehr, dieses Geröll und der Splitt auf den Wegen, unmöglich. Radtouren – auch schwierig, weil du dich beim Anhalten oft blitzschnell mit den Füßen abstützen musst, ohne vorher auf den Boden zu gucken. Konzerthallen waren eine echte Folter, weil die einem da im Dunkeln dauernd auf die Füße treten, ich bin nicht mal zu Bob Dylan.
Tanzen ging gar nicht. Partys, Einladungen? Kommt darauf an. Ich habe den Gastgebern vorher immer Bescheid gesagt. Kein einziger hat mich wieder ausgeladen, aber an den Reaktionen habe ich manchmal doch gemerkt, dass es ihnen nicht recht ist, und bin dann nicht hingegangen.
Auf diese Weise habe ich ein Essen in der amerikanischen Botschaft, die goldene Hochzeit von meinem Onkel und die Beerdigung von einem alten Freund verpasst. Seine Witwe hat am Telefon total hysterisch reagiert, ich sei ja wohl das Allerletzte, dass ich sie in dieser Situation mit meinen Füßen behellige.
Beruflich war es für mich als Autor eine schwierige Zeit. Bestimmte offizielle Termine konnte ich einfach nicht wahrnehmen, zum Brunnerprozess oder zur dänischen Fürstenhochzeit kannst du nicht barfuß kommen. Ich konnte ja auch nicht richtig Auto fahren, der Fuß schwitzt, du rutschst vom Pedal ab, das habe ich nur auf kurzen Strecken riskiert. Man kann vielleicht kritisieren, dass ich das Sommerhalbjahr gewählt habe. Heute behaupte ich, es geht auch im Winter, an Schnee und Eis gewöhnst du dich. Früher bin ich Gott weiß wohin gegangen, ohne mich vorher zu fragen: Willst du das wirklich, musst du da wirklich hin? Das hat sich in diesen sechs Monaten radikal geändert. Stattdessen musste ich mich oft fragen: Was machst du jetzt mit deiner Zeit? Und das war für mich die wertvollste Erfahrung überhaupt. Dieses Stück Selbstbestimmung, das du zurückgewinnst. Das Gefühl, es geht auch ohne.
Den Rest lesen Sie in meinem neuen Buch Auf nackten Sohlen. Sechs Monate ohne Schuhe und Strümpfe. Es gibt natürlich auch Sachbücher, in denen Leute über eine Zeit ohne Internet, ohne Handy, ohne Geld oder ohne Selbstdisziplin schreiben, meiner Ansicht nach sind das Weicheier.
- Datum 13.08.2010 - 08:25 Uhr
- Serie Martenstein
- Quelle ZEITmagazin, 12.08.2010 Nr. 33
- Kommentare 18
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auf den ganzen pseudokritischen "sechs Monate ohne"-Wahn. :-)
Dachte zuerst, Sie meinen es ernst! Man beachte jedoch die obige Google-Anzeige für Hansaplast Fussbalsam gegen Schrunden und Hornhautbildung...
Ich kenne einen Barfuß-Läufer, oder besser gesagt: Barfuß-Fanatiker. Mir ist er so auf die Socke gegangen, dass er nun auf meiner persönlichen "schwarzen Liste" steht (kein Kontaktwunsch mehr). Dann doch lieber Zeugen Jehovas an der Haustür :-)
"6 Monate mit nackten Hosen!" Wäre doch ein gutes Fortsetzungsbuch. Und danach den Auflagenknüller: "6 Monate mit nackten Ohren." Ich bestelle alles schon mal vor.
Nun gut, wenn man Stoff für ein Buch braucht, dann dient es der Sache. 6 Monate ohne Unterhosen wäre auch weniger auffallend gewesen und die gleiche Zeit ohne Brille uninteressant. Es bleibt auch nicht mehr viel übrig, auf das man 6 Monate verzichten könnte, das auch genug Material für einen Artikel, ein Buch und ein paar (wirklich wichtige?) Lebensweisheiten hergeben würde.
Es mag ein paar witzige Situationen gegeben haben, der Witwe ihres alten Freundes kann ich aber nur zustimmen - diese eine Ausnahme hätten Sie ruhig machen können.
Nun denn..vielleicht werde ich mir Ihr Buch dennoch kaufen. Die Kotze klingt viel versprechend.
dass es sich hierbei um einen Gagartikel handelt. Man könnte aber um Beispiel 6 Monate ohne Gehirn durch die Gegend laufen, wie es doch wohl relativ viele Zeitgenossen zu tun pflegen, die man auf Straße und in Politik so begegnet.
dass es sich hierbei um einen Gagartikel handelt. Man könnte aber um Beispiel 6 Monate ohne Gehirn durch die Gegend laufen, wie es doch wohl relativ viele Zeitgenossen zu tun pflegen, die man auf Straße und in Politik so begegnet.
dass es sich hierbei um einen Gagartikel handelt. Man könnte aber um Beispiel 6 Monate ohne Gehirn durch die Gegend laufen, wie es doch wohl relativ viele Zeitgenossen zu tun pflegen, die man auf Straße und in Politik so begegnet.
Nu. was die Aufmerksamkeit beim Hier und Jetzt betrifft...
hoppla, soetwas setzt sich in Autos und wird auf die arg-
lose Menschheit losgelassen ? Hat dies nicht mitbekommen,
hat jenes nicht mitbekommen. Weiaaaaa !!!
Sechs Monate ohne dieses sind sechs Monate ohne Brechreiz.
Gekürzt. Bitte achten Sie auf sachliche Wortwahl. Die Redaktion/cs
Wer ist hier der, der auf seine Sprache achten sollte ? Ich
bekomme dafür hier nicht einmal Lohn und Brot.
Was ist denn an dem Begriff Konditionierung bääää ? Huch ?
Wer ist hier der, der auf seine Sprache achten sollte ? Ich
bekomme dafür hier nicht einmal Lohn und Brot.
Was ist denn an dem Begriff Konditionierung bääää ? Huch ?
Wer ist hier der, der auf seine Sprache achten sollte ? Ich
bekomme dafür hier nicht einmal Lohn und Brot.
Was ist denn an dem Begriff Konditionierung bääää ? Huch ?
...ich gebe Herrn findling recht. So recht kuerzenswert wegen eines Mangels an sachlicher Wortwahl fand ich seinen Beitrag nicht.
Eher kuerzenswert wegen selbstverliebt-schwurbelig-unverstaendlichen Formulierungen, deren Sinn und Zusammenhang sich mir auch bei mehrfachem Lesen nicht ganz erschliessen wollte. War wirklich "Babykotze" der Aufhaenger fuer eine Niveauverfallkritik? Nungut...
Derweil: ein schoener Beitrag von Herrn Martenstein, wunderbar.
...ich gebe Herrn findling recht. So recht kuerzenswert wegen eines Mangels an sachlicher Wortwahl fand ich seinen Beitrag nicht.
Eher kuerzenswert wegen selbstverliebt-schwurbelig-unverstaendlichen Formulierungen, deren Sinn und Zusammenhang sich mir auch bei mehrfachem Lesen nicht ganz erschliessen wollte. War wirklich "Babykotze" der Aufhaenger fuer eine Niveauverfallkritik? Nungut...
Derweil: ein schoener Beitrag von Herrn Martenstein, wunderbar.
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