Franz Marc Adlerhorst der Moderne
Der ZEIT-Museumsführer: Das Franz Marc Museum in Kochel.
Man spürt, dass man sich einem kleinen Olymp der modernen Kunst nähert, spätestens dann, wenn man sich mit dem Auto die Serpentine am Ende des tiefblauen Walchensees hinaufschlängelt, den Hügel hoch, auf dessen anderer Seite Kochel liegt, ein oberbayrisches Kleinidyll mit See, Tretbooten, Spitzgiebeln und Geranien und Sonne. Und auch in Kochel selbst schraubt man sich noch einmal in die Höhe, mit dem Auto oder zu Fuß, um dann am gefühlt höchsten Punkt dieses Ortes vor dem Franz Marc Museum zu stehen. Wie ein Adlerhorst krallt sich das Museum an den Bergrücken – von dort blickt man hinab in die oberbayrische Weite, auf den Kochelsee und hinüber zum Herzogstand.
Das Museum ist auf zweierlei Weise ein Glück: des Baus wegen – und wegen der Kunst, die es beherbergt. 2008 haben die Schweizer Architekten Diethelm & Spillmann ihr neues Ausstellungshaus vollendet, das sich unprätentiös an das frühere Museum, eine Jahrhundertwende-Villa im oberbayrischen Baustil, anschmiegt. Der Neubau aus Muschelkalk ist die Heimstatt von zwei Stiftungen: der Franz-Marc-Stiftung und der Stiftung Etta und Otto Stangl. Deren Bestände werden immer aufs Neue in Beziehung zueinander gesetzt – im Zentrum steht der große Warmherzige der modernen Kunst, Franz Marc (1880 bis 1916).

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Die oberbayrische Landschaft war stets seine zentrale Inspirationsquelle. Und in keinem anderen Museum lässt sich sein künstlerischer Weg auf so mustergültige Weise nachvollziehen – bei Marc müsste man besser sagen: nachfühlen. Das Werk hebt an mit wunderbar lässigen Ölstudien, Frauen am Hang, Bäumen. Hier entdeckt Marc die Energien der Natur, die dann sein ganzes Werk durchpulsen werden. Den Einklang zwischen Mensch und Natur, der in der Studie der Frauen am Berg von 1906 noch gefeiert wurde, wird er später nur noch an den Tieren erproben – nie war das Animalische so durchgeistigt wie in den Werken dieses lyrischen Expressionisten, der dann in der menschengemachten Hölle von Verdun 1916 sein Leben lassen musste.
Die reichen Bestände der Stangl-Stiftung lassen das Werk Marcs weiter aufblühen, zu sehen sind auch viele Zeitgenossen, Bilder aus jenen Jahren von Macke, Münter, Kandinsky, Jawlensky, Klee, allesamt Freunde Marcs, die sich ebenfalls in der oberbayrischen Landschaft zu »Blauen Reitern« ausbildeten, jener satteren, wärmeren Variante des Expressionismus.
Aktuell wird im Museum die Freundschaft zwischen den Ehepaaren Klee und Marc mit einer Ausstellung der Postkarten illustriert, die sich die Maler zuschickten. Eine gegenseitige, bewundernde Umkreisung, ausreichend frankiert und von so hoher Verdichtung, dass man wahrscheinlich vom kunsthistorisch einträglichsten Briefverkehr des frühen zwanzigsten Jahrhunderts sprechen kann.
Zugleich bietet das Museum auch einen verdichteten Blick auf die moderne Kunst in Deutschland im zwanzigsten Jahrhundert – die Stangl-Sammlung (Etta ist eine Tochter des großen Sammlers Rudolf Ibach) hält zahlreiche Meisterwerke bereit, die von Oskar Schlemmer, Walter Dexel und Laszlo Moholy-Nagy einen schlüssigen Bogen schlagen zu den großen Nachkriegsabstraktionen von ZEN 49, zu Nay, Baumeister und Winter. Dieser abstrakte Brückenschlag ist die große Symphonie zu jenen kammermusikalischen Köstlichkeiten, die sich auf dem Weg zwischen Realismus und Farbabstraktion im Werk des Hausgottes Marc ereignen.
Je weiter man in den ihm gewidmeten Stockwerken hinaufsteigt, desto mehr wird man fortgetragen von Marcs himmelwärts strebendem Strich. Seine Tiere scheinen aus dem Boden zu wachsen wie Bäume und sich in das Firmament zu strecken – und genau in dem Moment, in dem die Kunst sich ganz ihrer transzendentalen Symbolik hinzugeben scheint, tritt man plötzlich in einen leeren Raum. Dort stehen vier Stühle – und davor: freie Sicht auf den See, auf die Berge. Eine Anleitung zur Naturverbundenheit.
- Datum 21.08.2010 - 15:54 Uhr
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- Serie ZEIT-Museumsführer
- Quelle DIE ZEIT, 12.08.2010 Nr. 33
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Das letzte Mal, das ich vom Walchensee nach Kochel gefahren bin, mußte ich vom Walchensee die Serpentinenstraße runter fahren, um nach Kochel zu kommen. Das war im April 2010. Hat sich das inzwischen geändert, oder ist die Beschreibung im ersten Absatz dieses Artikels so kunstvoll, daß ich sie schlicht nicht verstanden habe?
Sich auf Serpentinen schlängeln?! Vielleicht auch noch sich auf Ringen ringeln? Mit Wörtern klingeln!
Sich wie ein Adlerhorst an den Rücken krallen! Echt toll im ganzen Sinn des Wortes. Nicht das Nest, der Vogel hat Krallen. Die Kuh macht muh, nicht das Stroh!
Und überhaupt: Franz Marc im Adlerhorst? Welch Bild!
Fehlt nur noch der Obersalzberg. Dort war das Wort mal so ungefähr richtig am Platz, für gefrässige Räuber.
Vielleicht fehlt mir aber auch nur der "verdichtete Blick" (sic! unten auf der ersten Seite) für das Verständnis verknoteter Sprache.
Wer auch immer diesen Artikel geschrieben hat, er war nie in Kochel, geschweige denn im Franz Marc Museum.
Kochel liegt - der Name verrät es - am Kochelsee. Und der wiederum liegt am Alpenrand unterhalb des Herzogstands. Und wo liegt nun der Walchensee? Den findet man, wenn man sich die Serpentinen des Kesselbergs hinaufschlängelt. Da ist aber nicht das Museum. Das wiederum krallt sich nicht "wie ein Adlerhorst an den Bergrücken, sondern steht ganz weit unten zu ebener Erde auf einer kleinen Anhöhe (beim Rabenkopf) am Kocheler Ortsrand. Und dort kommt man gemeinhin nur zu Fuß hin (für Autos gesperrt).
Aber auch als Ex-Kocheler lasse ich mich gerne noch eines besseren belehren.
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