Genussfloß Kärnten Auf Schlemmerfahrt
Über den Weißensee in Kärnten schippert ein Genussfloß. Wer es schafft, dorthin zu gelangen, wird mit Sekt und Saibling belohnt.
© Weissensee Information

Der Weißensee ist so sauber, dass man in seinem Wasser Sektgläser spülen kann
Ein See in den Bergen. Aus dem Schilf, das die Ufer säumt, ragen hie und da Badestege ins Wasser, auf denen Liegestühle stehen, Sonnenschirme, kleine Badehütten. Hinter dem Schilfgürtel sattgrüne Wiesen, manchmal ein Haus, auch einmal ein Dorf mit spitzem Kirchturm. Über den Wiesen steile Waldhänge bis zum Himmel, und nach Osten zu, wo der See immer schmaler wird, steigen die Berge direkt aus dem Wasser. Über den See wölbt sich ein tiefblauer Himmel mit ein paar Wattewolken, auch ein begabter Aquarellist hätte sie nicht genauer platzieren können.
Im Vordergrund tuckert ein Floß über das Wasser. Ein ziemlich großes Floß, auf dem sechs Biertische stehen, eine Art Bar-Tresen und ein qualmender Holzherd. Gelächter schallt von dem Floß herüber, das Knallen von Sektkorken und die Musik eines Flügelhorns. Und während man auf das Floß zusteuert, muss man höllisch aufpassen, dass man mit den Riemen nicht einen der Schwimmer gefährdet, die dem Floß zustreben mit langen, gleichmäßigen Zügen.
Ein junger Mann in lederner Kniebundhose und Trachtenhemd hilft einem aus dem Boot und sagt: »Willkommen auf dem Genussfloß! Möchten Sie ein Glas?« Der Sekt stammt aus der Kellerei Szigeti im Burgenland. Er ist perfekt gekühlt.
Das Genussfloß ist die neueste Attraktion auf dem Weißensee, ganz im Westen des österreichischen Bundeslands Kärnten. Fünf- bis sechsmal jeden Sommer fährt es für ein paar Stunden über den See, und wer es erreicht, schwimmend, rudernd oder paddelnd, bekommt etwas zu trinken und zu essen, wofür er nichts bezahlen muss (wie sollte er auch, nur in Badehose?). Er darf Platz nehmen, darf zuhören, wie der Müller-Sigi alpenländische Weisen spielt, und darf sich eine Zeit lang treiben lassen über den See – oder besser: schieben lassen. Denn das Floß selbst hat keinen Antrieb, aber an seinem Heck eine Vorrichtung, an die ein hölzernes Motorboot angedockt ist. Und der bärtige Mann am Außenborder, der das Floß schiebt, ist niemand Geringerer als Johann Weichsler, der Bürgermeister der Gemeinde Weißensee. Er ist gerade sehr beschäftigt, er zählt die Passagiere, schließlich muss er als Amtsperson darüber wachen, dass nie mehr als sechzig Menschen gleichzeitig auf dem Floß sind.
Für den Small Talk mit den Urlaubern ist der junge Mann mit dem Trachtenhemd zuständig: Arno Kronhofer, der Leiter des Tourismusamts. »Wir wollten unseren Gästen etwas Besonderes bieten«, sagt er und schenkt Sekt nach.
Es ist höchstens eine Generation her, da nannte man die Urlauber am Weißensee »die Herrischen«. Denn zur Sommerfrische kamen vor allem bessergestellte Familien aus Wien und Graz. Von jener Zeit zeugen Villen am Seeufer, mit hohen hölzernen Giebeln und Türmchen und Veranden.
Auf 930 Metern liegt der Weißensee und ist damit der höchste der großen Badeseen in Kärnten. Trotzdem ist das Wasser an einem schönen Sommertag wie diesem locker 25 Grad warm. Dabei ist es sauber wie Trinkwasser, und als wolle er das beweisen, beugt sich Kronhofer jetzt über den Rand des Floßes und spült benutzte Sektgläser im See. Aber nein, er möchte gar nichts demonstrieren! Die Gläser werden nur knapp an diesem heißen Tag. Auch das Essen macht Durst, das Christine Schwarzenbacher und Hannes Müller auf einem Tisch neben dem Holzherd frisch zubereiten: Der Koch breitet die unteren Hälften kleiner Semmeln auf einer Platte aus, legt auf jedes Brötchen eine Gurken- und eine Tomatenscheibe und gibt ein wenig Eisbergsalat mit Sauerrahmdressing darauf, während die Köchin neben ihm in einer großen Pfanne vorsichtig »Laibchen vom faschierten Seesaibling« brät – Fischfrikadellen also, die die Tomaten-Gurken-Semmel erst zum »Weißensee-Fischburger« machen, einem leckeren, saftigen Amuse-Gueule.
- Datum 25.08.2010 - 06:43 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.08.2010 Nr. 33
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