Jetzt proben sie wieder: Claudio Abbado und seine Luzerner Freunde © Peter Fischli

Was ist das für ein wundersames Orchester? Es existiert nur ein paar Wochen im Sommer und ist trotzdem so unfassbar gut, als spiele es seit Jahrzehnten ununterbrochen zusammen. Seine Mitglieder haben eigentlich Wichtigeres zu tun: Sie sitzen in den großen Symphonieorchestern der Welt, sind Hochschulprofessoren, berühmte Solisten, Kammermusiker. Und trotzdem packen sie Anfang August ihre Koffer und reisen an den Vierwaldstätter See, um im Lucerne Festival Orchestra mitzuwirken. Gelegenheitsensembles, die sich in der Sommerfrische zum Musizieren verabreden, gibt es viele. Das Lucerne Festival Orchestra aber ist ein besonderer Fall: Nirgendwo sonst (nicht einmal im Bayreuther Festspielorchester) kommen so viele hochkarätige Musiker zusammen. Es ist erstaunlich, was sich in diesem symphonischen Halbrund so alles verbirgt – komplette Kammermusikformationen wie das Leipziger Streichquartett und der mirakulöse Bläserklang des Amsterdamer Concertgebouworkest, der jugendliche Elan des Mahler Chamber Orchestra und die Streicherglut der Berliner Philharmoniker. Die Klarinettistin Sabine Meyer und die Cellistin Natalia Gutman, der Geiger Kolja Blacher und der Solotrompeter Reinhold Friedrich, Mitglieder des Alban Berg und des Hagen Quartetts sind (oder waren) regelmäßig dabei. Großartige Einzelmusiker ergeben noch lange kein großartiges Orchester. Beim Lucerne Festival Orchestra aber ist das so. Es bewegt sich auf dem Niveau der besten europäischen und amerikanischen Symphonieorchester.

Wie kann das sein, wenn die Musiker nur einmal im Jahr zusammenkommen und es doch immer heißt, philharmonische Klangkörper müssten tiefe Traditionswurzeln austreiben und über viele Dirigentengenerationen hinweg geformt werden, um zur Spitzenklasse zu reifen? In Luzern kann man lange nach Antworten für das Außerordentliche suchen. Da ist das Charisma, das von den Stimmführern ausgeht, etwa von dem Freiburger Bratschenprofessor und früheren Mitglied der Berliner Philharmoniker, Wolfram Christ, oder von Alois Posch, der seinen Posten als Solo-Kontrabassist bei den Wiener Philharmonikern aufgegeben hat, um sich neue musikalische Herausforderungen zu suchen. Da ist der warme satinierte Ton, mit dem die Holzbläser um den betörend schön spielenden Concertgebouw-Oboisten Lucas Macias Navarro den Orchesterklang überglänzen. Da sind die verdeckten Energieströme und Impulse, die in diesem Orchester auch von den hinteren Pulten ausgelöst werden. Aber am Ende läuft doch alles auf eine Figur zu. Es ist der Mann, der am Dirigentenpult steht – Claudio Abbado.

Er hat das Lucerne Festival Orchestra 2003 gegründet, ein Jahr nachdem er sich als Chef von den Berliner Philharmonikern verabschiedet hatte und keine Lust mehr verspürte, ein neues festes Dirigentenamt zu übernehmen. Gleichwohl wollte er die Großwerke des symphonischen Repertoires noch einmal abschreiten, Mahler und Bruckner vor allem, und dafür scharte er alte Weggefährten um sich und Mitglieder aus den Jugendorchestern, die er selbst einst ins Leben gerufen hat. Dass aus dem Lucerne Festival Orchestra eine so tief greifende musikalische Qualität erwachsen würde, war am Anfang nicht abzusehen. Die Konzerte im von Jean Nouvel erbauten Luzerner Konzertsaal haben inzwischen Kultcharakter (in diesem Jahr steht unter anderem Mahlers Neunte auf dem Programm), und der Mahler-Zyklus auf DVD, der sich nach sechs Veröffentlichungen zu runden beginnt, ragt heraus aus den vielen CD-Veröffentlichungen mit Symphonien Mahlers.

Das Gründungsfundament des Lucerne Festival Orchestra bilden die Tugenden, die Claudio Abbado so viel bedeuten: Freundschaft, Herzenswärme, Hingabe an den musikalischen Gegenstand. Nicht dass es in anderen guten Orchestern daran mangeln würde, aber zu Abbado kommen die Musiker mit besonders erwartungsfroh glänzenden Augen. Sie sind musikalische Glückssucher, die vieles kennen, künstlerisch Großes erlebt haben und gerade deshalb dem ultimativen Aufführungskick hinterherjagen. Wer Spitzenorchestermusiker für abgebrühte Routiniers hält, muss sich in Luzern von seinem Vorurteil verabschieden: Dort sitzen Erlebnishungrige, die in ein Konzertprojekt maximale Emotionen investieren, idealistische Feuerköpfe, die sich für letzte Wahrheiten bei Mahler, Bruckner und Beethoven verzehren; Rauschbereite, die sich von der Augenblickseuphorie einer erfüllten Aufführung mitreißen lassen.