Der Fotograf Nobuyoshi Araki © Junko Kimura/Getty Images

ZEITmagazin: Herr Araki, für Ihr Buch »Sentimental Journey« haben Sie Ihre Frau jahrelang fotografiert, auch beim Sex, während ihrer Krankheit und während des Sterbens. Wie war das für Sie, als der Tod in Ihr Leben eingegriffen hat?

Nobuyoshi Araki: Natürlich war ich in diesem Moment sehr emotional. Aber wenn man eine Kamera in die Hand nimmt, blendet man die eigenen Gefühle ein bisschen aus. Durch die alltägliche Handlung des Fotografierens wurde auch dieser Verlust fast zu etwas Alltäglichem.

ZEITmagazin: Das heißt, die Kamera hat Sie sozusagen gerettet vor der elementaren Erschütterung?

Araki: Ich möchte es ein bisschen anders ausdrücken. In mir gibt es zwei Persönlichkeiten. Ich bin wie der Clown, der lächelt und innerlich traurig ist. Die Kamera ist mein Make-up. Es könnte sein, dass sie die Traurigkeit versteckt hat. Aber man sieht sie auf den Bildern wieder. Darin offenbart sich mein Inneres.

ZEITmagazin: So wie in Ihren frühen Blumenbildern, die eine große Düsternis und Vergänglichkeit zum Ausdruck bringen?

Araki: Für mich hat der Moment, in dem die Blume zu verwelken anfängt und sozusagen der Tod eintritt, am meisten Ausstrahlung und ist geradezu erotisch. Das trifft auch auf den Tod meiner Frau zu. Er ist für mich die Spitze der Schönheit. Und auch die Spitze des Lebens. Das ist der Moment, den ich mit meinen Bildern festhalten möchte.

ZEITmagazin: Was meinen Sie mit Spitze des Lebens?

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Araki: Der Tod ist der Höhepunkt, sozusagen der Orgasmus des Lebens. Man bekommt plötzlich so ein sanftes Gesicht, wenn man gestorben ist. Alles Leben wird mit dem Tod ewig. Wenn jemand stirbt, zeigt sich sein ganzes Leben in konkreter Weise. Das bedeutet für mich das Gleiche, wie dass man ewig leben wird. Und dass meine Frau gestorben ist, bedeutet für mich nicht, dass man getrennte Wege geht, sondern dass man für immer zusammen ist.

ZEITmagazin: Die Liebe wird also verewigt durch die Bilder?

Araki: Fotos zu machen bedeutet für mich zu lieben.

ZEITmagazin: Haben Sie selbst Angst vor dem Tod?

Araki: Ich habe keine Angst, aber ich mag ihn nicht. Wenn man stirbt, ist natürlich alles vorbei. Das heißt, solange ich lebe, werde ich meine Frau weiterlieben. Wenn auch ich sterbe, wird das aufhören. Deshalb möchte ich nicht sterben.