Fotograf Nobuyoshi Araki "Die Kamera hält mich am Leben"

Der japanische Fotograf Nobuyoshi Araki spricht in der Serie "Das war meine Rettung" über den Tod seiner Frau und seine Krebserkrankung

Der Fotograf Nobuyoshi Araki

Der Fotograf Nobuyoshi Araki

ZEITmagazin: Herr Araki, für Ihr Buch »Sentimental Journey« haben Sie Ihre Frau jahrelang fotografiert, auch beim Sex, während ihrer Krankheit und während des Sterbens. Wie war das für Sie, als der Tod in Ihr Leben eingegriffen hat?

Nobuyoshi Araki: Natürlich war ich in diesem Moment sehr emotional. Aber wenn man eine Kamera in die Hand nimmt, blendet man die eigenen Gefühle ein bisschen aus. Durch die alltägliche Handlung des Fotografierens wurde auch dieser Verlust fast zu etwas Alltäglichem.

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ZEITmagazin: Das heißt, die Kamera hat Sie sozusagen gerettet vor der elementaren Erschütterung?

Araki: Ich möchte es ein bisschen anders ausdrücken. In mir gibt es zwei Persönlichkeiten. Ich bin wie der Clown, der lächelt und innerlich traurig ist. Die Kamera ist mein Make-up. Es könnte sein, dass sie die Traurigkeit versteckt hat. Aber man sieht sie auf den Bildern wieder. Darin offenbart sich mein Inneres.

Nobuyoshi Araki

70, Sohn eines Schuhverkäufers, ist einer der bekanntesten Fotografen Japans. Er begann seine Karriere als Werbefotograf und hat mehr als 300 Bildbände veröffentlicht. Berühmt wurde er durch seine Aktfotos von gefesselten Frauen

ZEITmagazin: So wie in Ihren frühen Blumenbildern, die eine große Düsternis und Vergänglichkeit zum Ausdruck bringen?

Araki: Für mich hat der Moment, in dem die Blume zu verwelken anfängt und sozusagen der Tod eintritt, am meisten Ausstrahlung und ist geradezu erotisch. Das trifft auch auf den Tod meiner Frau zu. Er ist für mich die Spitze der Schönheit. Und auch die Spitze des Lebens. Das ist der Moment, den ich mit meinen Bildern festhalten möchte.

ZEITmagazin: Was meinen Sie mit Spitze des Lebens?

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

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Araki: Der Tod ist der Höhepunkt, sozusagen der Orgasmus des Lebens. Man bekommt plötzlich so ein sanftes Gesicht, wenn man gestorben ist. Alles Leben wird mit dem Tod ewig. Wenn jemand stirbt, zeigt sich sein ganzes Leben in konkreter Weise. Das bedeutet für mich das Gleiche, wie dass man ewig leben wird. Und dass meine Frau gestorben ist, bedeutet für mich nicht, dass man getrennte Wege geht, sondern dass man für immer zusammen ist.

ZEITmagazin: Die Liebe wird also verewigt durch die Bilder?

Araki: Fotos zu machen bedeutet für mich zu lieben.

ZEITmagazin: Haben Sie selbst Angst vor dem Tod?

Araki: Ich habe keine Angst, aber ich mag ihn nicht. Wenn man stirbt, ist natürlich alles vorbei. Das heißt, solange ich lebe, werde ich meine Frau weiterlieben. Wenn auch ich sterbe, wird das aufhören. Deshalb möchte ich nicht sterben.

ZEITmagazin: Und die Kamera hält Sie am Leben?

Araki: Ja, richtig. Sie ist meine Lebensversicherung. Nachdem meine Frau gestorben war, hatte ich eine gewisse Traurigkeit in mir. Und je mehr Fotos ich machte, desto größer wurde diese Traurigkeit. Deshalb habe ich versucht, lachende Gesichter einzufangen. Das Gesicht einer Toten mag das beste Porträt ergeben, aber es ist ein Objekt, etwas Festes, Starres. Fotos von fröhlichen Gesichtern dagegen haben etwas Lebendiges. Die Kamera ist aber nicht nur meine Lebensversicherung. Früher war sie auch ein Phallus, und ich ging sehr offensiv mit ihr um. Im Moment ist sie ein Sarg.

ZEITmagazin: Ein Sarg?

Araki: Ich bin relativ nahe dran, im Sarg zu landen. Denn ich habe Krebs und schreite langsam voran in Richtung Spitze, wie ich heute von meinem Arzt erfahren habe. Und deshalb versuche ich nicht, das perfekte Foto zu machen, sondern ein bisschen davon abzuweichen, weil es das Ende bedeuten würde. Auch in diesem Sinne ist die Kamera meine Rettung. Sie hilft mir, dem Tod noch ein bisschen Lebenszeit abzutrotzen.

Herlinde Koelbl

gehört neben dem Coach Louis Lewitan und dem ZEIT-Redakteur Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe »Das war meine Rettung«. Die renommierte Fotografin wurde in Deutschland auch durch ihre Interviews berühmt

ZEITmagazin: Sie sind berühmt geworden durch Bilder von gefesselten Frauen. Die Kamera sei auch ein Phallus, sagten Sie gerade. Wann fühlen Sie sich lebendiger – wenn Sie Sex mit einer Frau haben oder mit der Kamera in der Hand?

Araki: Wenn ich die Kamera in der Hand halte. Und noch lebendiger fühle ich mich, wenn ich Frauen fotografiere. Früher hat es mich sehr stimuliert, einfach den Auslöser meiner Kamera zu drücken, das hat etwas Warmes in mir beschworen. Jetzt bin ich sehr kühl dabei. Und das bedeutet: Je öfter ich den Auslöser drücke, desto näher komme ich meinem Tod.

ZEITmagazin: Glauben Sie, dass Sie früher mehr Energie hatten?

Araki: Körperlich gesehen nimmt sie ab. Ich kann keine Liegestütze mehr und kriege keinen mehr hoch.

ZEITmagazin: Und wenn Sie feststellen, dass Ihre Lebensenergie und auch die Energie in Ihren Bildern abnehmen, macht Sie das traurig?

Dann lege ich mich auf den Rücken und schaue angestrengt in den Himmel, damit nicht meine Tränen herunterfallen. Mein ganzes Inneres ist nass von Tränen. Aber genauso gut könnte ich mich einfach als Bettnässer bezeichnen. Das ist meine Art von japanischem Humor. Der Humor des Clowns, der lacht und innerlich traurig ist.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Danke

    Respekt!

  2. Das sehr interessante Interview hatte ich schon im Zeitmagazin gelesen. Hier noch ein Hinweis:
    Wer es noch bis zum 29.08.2010 nach Hamburg schafft, kann dort eine Ausstellung in den Deichtorhallen mit Fotografien von Araki sich anschauen. - sehenswert!
    http://www.artinfo24.com/...

  3. Grossartiges Interview! Es zeigt in dieser Zeit einmal mehr, wie wichtig es für die Arbeit von Fotografen und Künstlern ist, ein wirklich gelebtes Leben mit richtigen Erfahrungen zu haben. Die Arbeiten von Araki zeigen sehr deutlich den Unterschied, zwischen den Hab'-Abitur-geh'-dann-studieren-Fotografen, die u.a. das gelebte Leben anderer Menschen aufnehmen, für ihre Arbeit benutzen (siehe Struth) und den Meisterwerken eines Genies, das seine eigenen Erfahrungen in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellt. Die Fotografie-Strategen, die alles im Sinne des Kunstmarktes richtig gemacht haben, werden wie die Züricher Struth-Ausstellung zeigt, schnell entlarvt werden. Die aufgeblasen Fotos helfen dabei. Hier wird der Unterschied, zwischen "abknipsen / aufblasen" und wahrnehmen / fotografieren, sichtbar. Für Araki sind diese technischen Tricks, da er sein Leben nach SEINEN Ideen gelebt hat, nicht notwendig (s. Ausstellung "Silent Wishes" in Hamburg) - er hat nichts zu verbergen.

  4. Traurig, dass die Zeit nicht mehr unterscheiden kann zwischen Medien-Starkünstler und Künstler.

    Dieser alter Mann ist bloß durch einen japanischen Bewerbe-Konzern berühmt geworden, präsentiert nur Kitsches und Dummes als etwas Großartiges. Er liebt Masse und Popularität, reiner Snob.

    Typische Figur von den 80er Jahren in Japan.

    So was ernst nehmen sollte man nicht tun....
    armes Deutschland....

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