Nordrhein-Westfalen Immer mit der Ruhr
Jeder kennt das Ruhrgebiet, aber fast keiner den Fluss. Eine Reise zu Schützenfesten, Spukschlössern und der Loreley vom Baldeneysee.
© Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

Erfrischung: Kinder baden in der Ruhr in Essen
Es klingt blöd, aber der Fluss heißt Neger, und er macht die meiste Arbeit. Die Neger entspringt im Rothaargebirge, nicht weit entfernt von der Ruhr. Die beiden fließen nebeneinander; und irgendwann treffen sie sich. Die Ruhr ist kürzer und führt weniger Wasser. Man könnte also sagen: Sie mündet in die Neger, und die Neger fließt weiter durchs Negertal, dann durchs Negergebiet und nach über 200 Kilometern bei Duisburg-Negerort in den Rhein. Bloß möchte das keiner. Also andersherum: Die rechtmäßige Quelle der Ruhr ist die der Neger.
So erklärt mir das der Hotelier Dirk Engemann. Mit ihm stapfe ich ein paar Kilometer hinter Winterberg durch den Matsch, um die Negerquelle zu finden. In Winterberg entspringt die Ruhr offiziell, und den Winterbergern war an dieser Betrachtungsweise schon immer sehr gelegen. »Das brachte uns Gäste«, sagt Engemann. Sein Großvater gehörte zu den Freiwilligen, die in den vierziger Jahren beweisen wollten, dass ihre Ruhr doch das längere Flüsschen war. »Entsprechend gründlich haben die gemessen, manchen Meter wahrscheinlich zweimal.«
Pech für die Neger, die keine Lobby hatte. Zu ihrem Ursprung führt nicht mal ein Schild. Engemann sagt: »Mit etwas Glück treten wir rein.« Wir suchen am Rand eines Naturschutzgebiets mit dem treffenden Namen Nasse Wiese. Und stoßen auf das Ehrengrab der Schweißhündin Isolde von der Hunau, die ein dankbarer Revierförster beigesetzt hat. Die Quelle finden wir nicht.
Die Ruhr ist ein Fluss voller Rätsel. Oder ist das eigentlich Mysteriöse unser Desinteresse an ihr? Sie fließt durch 23 Städte. Doch das hat ihr in der Vergangenheit mehr geschadet als genützt. Sie war schon tot, erstickt an Industrieabwässern. »Eine trübe, braunschwarze Brühe, aus der überall Gasblasen aufsteigen«, notierte 1911 ein entsetzter Biologe. Jetzt, fast hundert Jahre später, ist das Ruhrgebiet europäische Kulturhauptstadt. Und wie im kleinen Winterberg schmückt man sich gern mit ihrem Namen. »Ruhr.2010« heißt die griffige Formel; aber um die Ruhr geht es dort nur am Rande. Ich möchte den Fluss kennenlernen, an dem ich zwanzig Jahre lang gewohnt habe, ohne ihn je zu beachten. Eine Woche lang werde ich von der Quelle bis zur Mündung fahren. Immer möglichst dicht am Wasser und buchstäblich aus eigenem Antrieb. Mit dem Fahrrad geht es los.
- Anreise
Winterberg erreicht man am bequemsten mit dem Zug aus Dortmund
- Übernachtung
Winterberg: Hotel Astenblick (Nuhnestraße 5, Tel. 02981/92230, www.astenblick.de). DZ ab 60 Euro
Meschede: Hotel von Korff (Le-Puy-Straße 19, Tel. 0291/99140, www.hotelvonkorff.de). DZ 86 Euro
Arnsberg: Hotel Menge (An der Schlacht, Ruhrstraße 60, Tel. 02931/52520, www.hotel-menge.de). DZ ab 84 Euro; hervorragende Küche
Schwerte: Hotel Reichshof (Bahnhofstraße 32, Tel. 02304/16004, www.hotel-reichshof.de). DZ ab 81 Euro
Essen: Mövenpick Hotel Essen (Am Hauptbahnhof 2, Tel. 0201/17080, www.moevenpick-hotels.com). DZ ab 115 Euro- Freizeit
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Boots- und Fahrradverleih: RevierRad, Zentrale Mülheim, Dieter-aus-dem-Siepen-Platz 3, Tel. 0208/8485720, www.revierrad.de. Die Radmiete für einen Tag beträgt für Erwachsene 9 Euro, für Kinder 5 Euro
Lenne-Ruhr-Kanu-Tour, Ruhrstr. 18, 58239 Schwerte, Tel. 02304/963521, www.ruhr-kanu.de. Tagestour 48 Euro
Sport Zölzer, Kupferdreher Straße 196, Essen-Kupferdreh, Tel. 0201/487815, www.zoelzer.de.
»Die Ruhr zwischen Hattingen und Baldeneysee« mit einem Kajak für zwei Personen kostet inklusive Transport und Bootsausrüstung 55 Euro und dauert circa fünf Stunden
Grüne Flotte, Hafenstraße 15, 45478 Mülheim an der Ruhr, Tel. 0208/74049875, www.gruene-flotte.de. Ein Tag im Canal Cruiser »Escargot« kostet 175 EuroRuhrtalbahn: Auf der Strecke von Hagen nach Hattingen (www.ruhrtalbahn.de) kostet eine Teilstrecke (2 bis 5 Stationen) für Erwachsene 5 Euro, für Kinder 2,50 Euro
- Sehenswert
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Schleimer Mühle, Mühlenstraße, 59955 Niedersfeld, Tel. 02985/210, www.niedersfeld.de. Besichtigung: jeden Montag, 15 Uhr. Eintritt: 1,25 Euro
Sauerländer Besucherbergwerk, Glück-Auf-Straße 3, 59909 Bestwig-Ramsbeck, Tel. 02905/250, www.besucherbergwerk-ramsbeck.de. Täglich außer montags ab 10.30 Uhr. Eintritt: 7,50 Euro
- Auskunft
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Literatur: Matthias Eickhoff: »RuhrtalRadweg. In 16 Etappen von der Quelle bis nach Duisburg«; Bruckmann Verlag, München 2010; 192 S., 19,95 Euro
Henning Haake: »Von weißen Schiffen, Rotaugen und Kanuten. Ein spannender Führer zu Freizeitangeboten auf und an der Ruhr«. Klartext Verlag, Essen 2008; 128 S., 8,50 EuroAuskunft: Ruhr Tourismus, Tel. 01805-181620, www.ruhr-tourismus.de
Sauerland-Tourismus, Tel. 01802-403040, www.sauerland.com
Der Ruhrtalradweg beginnt in Winterberg, dem Kitzbühel von Nordrhein-Westfalen. Mit Rodelpisten, Holzbalkonen und ein wenig Hüttengaudi. Als ich auf den Marktplatz komme, steht dort eine Menschenmenge und starrt auf die leere Straße. Nach einer Viertelstunde frage ich einen Mann, was los ist. Er mustert mich skeptisch: »Der Zuuch.« Ach so, natürlich, ein Schützenfest. Da naht auch schon das Spielmannskorps mit Tschingderassabum. Alte Schützen, junge Schützen, korpulente Schützen zu Pferde. Vorortschützen, befreundete Schützen, Hunderte müssen das sein. Mit Marschmusik im Ohr radele ich den Ruhrkopf hinauf. Grüne Wiesen, Fichtenwälder, dicke Kaninchen hoppeln über die Piste. Die Ruhrquelle kann man nicht verfehlen. Ihr erster Auftritt macht allerdings wenig her: ein Rinnsal, das aus einem Plastikrohr in eine steinerne Rinne plätschert. »Schön«, bemerkt eine Radwanderin. »Wo müssen wir weiter?«
Weiter geht es nach Niedersfeld. Hier sieht man die Ruhr erstmals im Einsatz; sie treibt eine Turbine an. »Historische Wassermühle«, das klingt ja spannend. Ist es dann aber wirklich. Hier könnte man Horrorfilme drehen. In den düsteren Obergeschossen lagert zwischen Kruzifixen und rostigem Werkzeug die Ware: Säcke mit Vogelfutter. »Das bringt mehr Geld als Mehl«, sagt die Müllerin, die unten eine Zoohandlung führt. In den Käfigen vor der Tür schnattern Sittiche und hoppeln Hasen. Drinnen gibt es Frischfutter: blutverklebte Rinderknochen und abgeschnittene Schweinsohren für den Hund. Daneben eine Giftvitrine. Auf den Packungen prangen Zeichnungen verendender Mäuse und Marder. So dreht sich das Mühlrad des Lebens.
Der Radweg führt weiter an der Ruhr entlang. Hinter Ohlsberg ist sie schon ein munter glucksender Bach, verstärkt von dem Wasser der Neger. Nun bin ich also im Ruhrgebiet. Im Ruhrgebiet der Schafe. Die stehen hier an den grünen Hängen. Doch so bäurisch, wie sie aussieht, ist diese Gegend nicht. Ich fahre nach Ramsbeck am Nebenfluss Valme, ein kleines Stück abseits des Wegs. Das Ortswappen zeigt gekreuzte Hämmer. Dabei ist von Industrie nichts zu sehen, bis auf einen wuchtigen Kamin auf dem Bastenberg, der zwischen den Fichten herausragt. Wer den Waldweg bis dort hinauf einschlägt, bemerkt immer wieder vergitterte Einlasse im Fels. Der ganze Berg ist von Stollen durchlöchert wie ein wurmstichiges Stück Holz.
- Datum 22.08.2010 - 14:08 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.08.2010 Nr. 33
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An ihr bin ich als Kind und Jugendlicher oft mit meiner Mutter Fahrrad gefahren - und erst kürzlich bin ich von Kettwig nach Oberhausen gelaufen (die einzelnen Abschnitte waren ja nicht lang... und so läuft man weiter und weiter)
Schade finde ich dass sie vom Baldeneysee nicht bis nach Oberhausen Fahrrad gefahren sind - es ist eine hübsche Strecke.
Und wie hies es in der ZDF Serie "Deutschland von Oben" - die "Schöne Ruhr".
Was noch erwäḧnt werden sollte: Witten. Es taucht nicht einmal auf der Karte auf. Zwischen Herdecke und Bochum liegt diese Stadt. Offenbar reichen die 100.000 Einwohner nicht aus, um Erwähnung zu finden. Doch gibt es, im Sinne des Textes, etwas ganz wichtiges zu bestaunen. Hier nahm nämlich der Ruhrkohlebergbau im 16. Jahrhundert seinen Anfang, was darauf zurück geht, dass die Kohle hier praktische im Tagebau gefördert werden konnte.
Man kann dort im Muttental wunderschön spazieren gehen und historische Stätten besuchen.
http://de.wikipedia.org/w...
Übrigens glaub ich nicht, dass man im Westfälischen "Zuuch", statt Zug, sagen würde. "Zuch" müsste es wohl heissen, mit kurzem u.
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