Wer erfahren möchte, wie normal jüdisches Leben in Sachsen wieder geworden ist, der muss sich im Chemnitzer Kaufhof bis zum Getränkeregal der Delikatessenabteilung vorarbeiten. Hier steht das prominenteste Beispiel jüdischen Alltags gleich neben sächsischer Apfelschorle: Simcha, das einzige koschere Bier aus Deutschland. Es wird in Chemnitz gebraut.

Einer der Väter von Simcha ist Uwe Dziuballa. Er steht vor dem Bier-Fach und lüpft die schwarze Kippa auf seinem Kopf. Er hat seinen massigen Körper zu eilig durch den Laden geschwungen, und nun schwitzt er. Der Mann ist ein Getriebener – und ein Macher. Er führt das koschere Restaurant Schalom, organisiert jiddische Liederabende und Deutschkurse für Migranten, gibt Essen an Bedürftige aus, inszeniert ein Theaterstück, vermittelt Arbeitsplätze, initiierte eine jüdische Zeitung, einen Sportverein, und seit drei Jahren braut er auch koscheres Bier. Simcha heißt Freude. Das Getränk ist kein Massenprodukt, der Handel führt es als Spezialität.

In Karl-Marx-Stadt geboren, verließ Dziuballa die Stadt schon als Kind. Er machte Karriere als Finanzmakler in New York und kam nach der Wende zurück, als sein Vater im Sterben lag. Dessen Tod brachte ihm den Glauben näher. Er begann ein neues Leben, ein jüdisches, gemeinsam mit zugereisten Musikern, Akademikern und Sportlern aus Israel und Osteuropa.

»Bei uns passiert so viel Spannendes, Fröhliches und Abenteuerliches«, sagt Dziuballa, »darum finde ich es schade, dass oft nur das Negative wahrgenommen wird.« Er ist es leid, dass Judentum in Deutschland häufig nur in Zusammenhang mit Antisemitismus auftaucht. Der 45-Jährige führt eine Strichliste: Von den vielen Artikeln, die über seine Arbeit bisher erschienen sind, handelten fast 80 Prozent von Übergriffen oder Vandalismus. Jeder hasserfüllte Brief in seinem Kasten, jede Hakenkreuz-Ritzerei auf der Toilette seines Restaurants, jeder zerstochene Reifen an seinem Firmenwagen sind zu viel. Doch die schlimmen Vorkommnisse überdecken den Alltag, die Hunderte Tage im Jahr, an denen nichts passiert. Dziuballa gibt sich Mühe, das Schöne zu betrachten – und sehnt sich nach nichts mehr als nach Normalität. Es fällt nicht schwer, auch die Erfolge zu sehen.

Die sächsische Gemeinde kombiniert Deutsch- und Jüdisch-Unterricht

Auf dem Kapellenberg über der Stadt thront seit acht Jahrern die moderne Synagoge aus Beton und Schweizer Marmor. Unter ihrem Glasdach werden jedes Jahr ein bisschen mehr die religiösen Bräuche zelebriert: Hochzeiten und sogar die Beerdigungen nach kompliziertem Ritus finden hier statt. Dass sich die Gemeinde dieses Wissen selbst wieder angeeignet hat, ist einmalig in Ostdeutschland. »Der Freitagsgottestdienst zu Sabbat und das Feiern jüdischer Feste sind heute selbstverständlich«, sagt Ruth Röcher, die Vorsitzende der Gemeinde. Es ist fast so wie zur Blütezeit ihrer Religion in Chemnitz im 19. Jahrhundert.

Vor 125 Jahren siedelten in der damaligen Textilmetropole die ersten Juden. Vermögende Kaufleute und Fabrikanten engagierten sich in literarischen Vereinen oder als Mäzene. Dann übernahmen die Nazis die Macht – und Chemnitz’ jüdisches Leben erlosch. Als die Israelin Röcher kurz nach der Wende nach Chemnitz kam, war von der einstigen Hochzeit des Judentums in der Stadt nichts mehr zu spüren. Gerade einmal 13 Mitglieder zählte die Gemeinde 1990 noch, heute leben 2000 Juden in der Stadt.