Nun also, etwa drei Jahre nach Beginn einer Affäre, die als »Sachsensumpf« Schlagzeilen machte, wird abgerechnet: 12.500 Euro Schmerzensgeld vom Freistaat Sachsen erhält dieser Tage der Jurist Norbert R., der sich zu Unrecht als korrupt und als Freier eines früheren Leipziger »Kinderbordells« namens Jasmin verdächtigt sah. Derweil stehen in Dresden zwei Journalisten vor Gericht, die über den Fall Jasmin berichtet hatten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Verleumdung und üble Nachrede vor und hat eine Geldstrafe von je 6000 Euro verlangt; einer der beiden Berichte, die die Angeklagten zu der Affäre recherchiert haben, ist auf ZEIT ONLINE erschienen. An diesem Freitag fällt das Urteil – nach 13 Verhandlungstagen. Nicht nur diese ungewöhnlich lange Prozessdauer, die sonst eher bei Kapitalverbrechen üblich ist, lässt aufhorchen.

Längst ist auch ein Streit über die möglichen Konsequenzen des Prozesses für die Pressefreiheit entbrannt. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) befürchtet, hier solle »an zwei kritischen Reportern ein Exempel statuiert werden«. Die Reporter selbst fühlen sich »kaltgestellt«.

Die Vorgeschichte des Falls führt zurück in den Frühsommer 2007. Damals waren ominöse Dossiers des sächsischen Verfassungsschutzes bekannt geworden, in denen von einem vermeintlichen Geflecht aus kriminellen Juristen, Politikern und Polizisten, von Amtsmissbrauch, Korruption und Kontakten ins Rotlichtmilieu die Rede war – der sogenannte »Sachsensumpf«. Wie sich herausstellte, beruhten die Hinweise im Wesentlichen auf Gerüchten. »Je tiefer wir graben, desto mehr heiße Luft kommt heraus, die völlig unbescholtene Bürger verbrennt«, konstatierte bereits im Herbst 2007 der damalige Dresdner Chefermittler Henning Drecoll. Er beklagte »eine regelrechte Hexenjagd gegen Justizangehörige«.

Allerdings waren die Untersuchungen zu der Zeit noch gar nicht abgeschlossen. Ein Teil konzentrierte sich auf das Leipziger Bordell Jasmin. Es gab das Gerücht, dort hätten auch hochrangige Juristen zur Kundschaft gehört. Besonders brisant: 1992/93 hatten im Jasmin bis zu acht Minderjährige anschaffen müssen; das jüngste Mädchen war damals 13 Jahre alt. Ihr Zuhälter Michael W. wurde festgenommen und zu vier Jahren Haft verurteilt; ein mildes Urteil, fanden Beobachter. Ungeklärt blieb auch, was der Zuhälter einige Jahre später mit seiner Aussage gemeint haben könnte, er habe im Prozess aus gutem Grund keine »dreckige Wäsche waschen« wollen.

Im Spätsommer 2007 begannen die beiden freien Journalisten Arndt Ginzel und Thomas Datt aus Leipzig, das Schicksal der früheren Zwangsprostituierten zu recherchieren. Sieben von ihnen machten sie ausfindig, vier waren zu Gesprächen bereit. Dabei legten Ginzel und Datt ihnen bis zu 30 Fotos vor. Zwei der Frauen, sagen sie, hätten unabhängig voneinander zwei Exfreier wiedererkannt. Darunter einen, den sie »Ingo« nannten. »Ingo« sei den Frauen noch gut in Erinnerung gewesen, weil er für sexuelle Dienste den doppelten Preis gezahlt habe. Als »Ingo«, berichten die Journalisten, hätten die Frauen ausgerechnet jenen Richter identifiziert, der ihren Zuhälter zu vier Jahren Haft verurteilt hatte: Jürgen N. Der weist diesen Vorwurf als »Rufmord« vehement zurück.

Das Gericht muss entscheiden, ob bloße Recherche strafbar sein kann

Die beiden Frauen wiederholten ihre Aussagen auch vor der Staatsanwaltschaft. Diese ermittelte wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Strafvereitelung; im April 2008 stellte sie die Verfahren jedoch ein, weil weder der Zuhälter noch die sechs anderen Exprostituierten die Bordellbesuche von Jürgen N. bestätigt hätten. Stattdessen ging die sächsische Justiz nun gegen Journalisten vor, die über »Sachsensumpf«-Vorwürfe berichtet hatten; die meisten Verfahren wurden mittlerweile wieder eingestellt.

Anders verhält es sich im Fall von Thomas Datt und Arndt Ginzel. Die Anklage gegen die beiden bezieht sich auf zwei Veröffentlichungen. Zum einen geht es um einen Spiegel- Artikel, für den die beiden Journalisten recherchiert hatten. Den inkriminierten Text selbst hingegen schrieb der Dresden-Korrespondent des Nachrichtenmagazins ganz allein – das hat er vor dem Gericht als Zeuge zu Protokoll gegeben. Die Leipziger Reporter, deren Namen ebenfalls unter dem Artikel stehen, habe er nur anfänglich als Informationsbeschaffer genutzt. Das Gericht wird also auch zu entscheiden haben, ob bloße Recherchen strafbar sein können.