Sterbehilfe Das aufgezwungene Leben
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 Der Suizid ist nicht die Kapitulation vor der menschlichen Existenz

In einer derartigen Beschränktheit des Einfühlungsvermögens kann man sich dann natürlich auch nicht vorstellen, dass die Selbsttötung, sei es von eigener oder von assistierender Hand, ein Akt der Selbstbehauptung der menschlichen Freiheit ist. Kein Wunder, dass unter diesen Bedingungen der Suizid als »Kapitulation vor der menschlichen Existenz«, als »endgültige Absage an das Menschsein« rhetorisch diffamiert wird.

Kapituliert hat hier indessen nur der Respekt vor einem elementaren Freiheitsrecht der menschlichen Existenz. Im Übrigen kapituliert der Suizident, der sich das Recht auf den eigenen Tod unter keinen Umständen nehmen lassen will, vor gar nichts. Er macht, notfalls mit fremder Hilfe, nicht seiner Freiheit, sondern seinem Leben ein Ende und von dieser seiner Freiheit seinen Gebrauch. Rechtfertigungsbedürftigkeit ist seine Kategorie nicht, vielmehr die Autonomie seiner suizidalen Entscheidung.

Zu wünschen ist nur, dass er dafür gegebenenfalls auch einen humanen Helfer findet, der menschlich für den Menschen, nicht im Zeichen eines diktatorischen Gottes spricht, der auf seinen zwar unerbetenen, aber verpflichtenden und nicht zurückzugebenden Geschenken beharrt.

»Wir müssen Todkranken die Macht über ihr Leben geben«, hatte der Berliner Arzt und Autor Michael de Ridder vor drei Wochen in der ZEIT gefordert und sein Plädoyer mit dem dramatischen Fall eines unheilbar kranken Krebspatienten eingeleitet, dessen Arzt ihm eine tödliche Dosis von Medikamenten bereitstellte. Einem derart leidenden Menschen zu einem würdigen Tod zu verhelfen sei niemals unethisch, sondern »Ausdruck äußerster empathischer Zuwendung des Arztes zu seinem Patienten«.

Eckhard Nagel, Mitglied des Nationalen Ethikrates, hat de Ridder sehr vehement widersprochen. Zunächst habe die Palliativmedizin heute viele Möglichkeiten, das Leiden Todkranker zu lindern und das Sterben in Würde zu begleiten. Eine Tolerierung ärztlicher Sterbehilfe könne missbraucht werden und das Vertrauen in die Ärzteschaft erschüttern. Vor allem aber fälle jeder, »der über Leben oder Tod entscheidet, ein Urteil über Wert und Unwert des eigenen oder fremden Lebens«. Leben, schrieb Nagel, sei ein »unverdientes, wunderbares Geschenk«, mit dessen »natürlichen Gefährdungen« wir umzugehen lernen müssten.

 
Leser-Kommentare
  1. ist eine sexuell übertragene Krankheit
    die immer mit dem Tod endet.

    • nageil
    • 15.08.2010 um 20:50 Uhr

    ach ja, sommerloch. da passen die evergreens ja immer gut. warum nicht auch noch beiträge zu Schuld&Sühne, embryonaler Genetik, Willensfreiheit im gemeinen????

    So alt (und abgelutscht) wie das thema, muss auch die antwort ausfallen:

    theoretische probleme:

    Natürlich kann man, wie geschehen, mit der Freiheit argumentieren, die diese art ihrer ausübung (nämlich der beseitigung der eigenen existenz) mitumfassen müsse, ansonsten könne von Freiheit -dem Begriffe nach- keine rede sein. allerdings wird hier zu bedenken sein, dass der freiheitsraum des einzelnen und damit die dem begriffe der freiheit als solchen unterfallenden sachbezogenen einzelnen elemente nicht der eigenen subjektiven bestimmung obliegen, sondern im rahmen sozialer interaktion vonseiten der gesellschaft beigemessen zu werden pflegen. Kurz: Soziale Interaktion bestimmt Begriffsinhalte. Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn ich kann nicht mit einem vermeintlich "natürlichen", in wahrheit aber nicht existenten freiheitsbegriff gegen den freiheitsbegriff der gesellschaft ankämpfen, bzw. diesen verfehlt für jenen ausgeben. Was fehlt, ist nämlich die Nennung der sachlichen Argumente, warum die freiheit gerade diese art ihrer ausübung erfassen müsse.

    praktische probleme:
    (schon zu dumm, das überhaupt zu erwähnen...):
    Missbrauchsgefahr...

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    • Gafra
    • 15.08.2010 um 21:53 Uhr

    der ärztlichen Macht, die Menschen dazu zwingt, weiter zu leben, obwohl sie sich längst auf den Weg gemacht haben. De Ridder beschreibt, dass z.B. Nahrungsverweigerung zum Sterbensprozess gehört. Dagegen werden dann aber Sonden gelegt.
    Ich finde die Antwort von Lütkehaus sehr einleuchtend und dieses christliche Geschwafel von "Geschenk des Lebens" empfinde ich im Angesicht mancher Umstände dieses "Geschenkes" als zynisch.
    Geschenke kann man auch im übrigen zurück geben, sonst sind sie nämlich kein Geschenk.
    Wohlgemerkt, wir reden vor allem von der Entscheidung ein unheilbar krankes Leben auf eigenen Wunsch zu beenden.
    Dass man mit einer Selbsttötung aus dem scheinbar gesunden Leben heraus auch Anderen Gewalt antut, ist eine andere Frage. Die wird aber hier nicht verhandelt.

    ist sowieso sehr fragwürdig, und wandelt sich im Laufe der Zeit. Vor einhundert Jahren galt es noch als "natürlich" wenn jedes dritte Kind starb - heute wäre es ein Skandal. Und im Bereich der Ethik ist er m.E. sowieso verfehlt. Wie soll aus einem IST-Zustand denn ein SOLL-Zustand abgeleitet werden?

    • Gafra
    • 15.08.2010 um 21:53 Uhr

    der ärztlichen Macht, die Menschen dazu zwingt, weiter zu leben, obwohl sie sich längst auf den Weg gemacht haben. De Ridder beschreibt, dass z.B. Nahrungsverweigerung zum Sterbensprozess gehört. Dagegen werden dann aber Sonden gelegt.
    Ich finde die Antwort von Lütkehaus sehr einleuchtend und dieses christliche Geschwafel von "Geschenk des Lebens" empfinde ich im Angesicht mancher Umstände dieses "Geschenkes" als zynisch.
    Geschenke kann man auch im übrigen zurück geben, sonst sind sie nämlich kein Geschenk.
    Wohlgemerkt, wir reden vor allem von der Entscheidung ein unheilbar krankes Leben auf eigenen Wunsch zu beenden.
    Dass man mit einer Selbsttötung aus dem scheinbar gesunden Leben heraus auch Anderen Gewalt antut, ist eine andere Frage. Die wird aber hier nicht verhandelt.

    ist sowieso sehr fragwürdig, und wandelt sich im Laufe der Zeit. Vor einhundert Jahren galt es noch als "natürlich" wenn jedes dritte Kind starb - heute wäre es ein Skandal. Und im Bereich der Ethik ist er m.E. sowieso verfehlt. Wie soll aus einem IST-Zustand denn ein SOLL-Zustand abgeleitet werden?

  2. In Thailand dürfen die ganz Alten Opium rauchen und kein Polizist würde dies riechen oder sehen. Man ist dabei sehr glücklich und in tiefen Frieden, der Hunger ist fort und drei Wochen später ist es meist vorbei. Die Kunst vom glücklichen Selbstmord im ewigen Leben, verkürzt die Wartezeit am Bahnsteig.
    http://freigeldpraktiker....

  3. ..und sollte mich ein Angehöriger um den Gnadenschuss beten, werde ich sicher nicht zögern.

  4. springen will dann hat er das gottverdammte Recht dazu!
    Niemand kann (sollte) ihn dran hindern,ziemlich ist das auch aus seiner Perspektive aufgezwungenes Leben.
    oder habe ich hier etwas falsch verstanden?

    • helgam
    • 15.08.2010 um 21:16 Uhr

    Warum argumentieren die Autoren so verschieden?
    Herr Lütgehaus ist wahrscheinlich der Älteste und deshalb milde. Trifft seine meinung auch zu bei jungen Menschen, die aus dem Leben gehen wollen?
    Wie sollte Herr Nagel anders argumentieren, wo er doch von medizininischen Transplantationen und Lebensverlängerungsversprechen leben kann? warum wird uns dieser blendende Heilsversprecher und Kirchentagspräsident immer noch als Saubermann präsendiert?
    Gehört Herr Nagel vielleicht sogar dieser neoliberalen Wirtschaftssekte Scientologie an?
    Wer kennt nicht einen Fall in der Umgebung, wo ein Totkranker mit Macht (gegen seinen Willen)am Leben gehalten wird und Angehörige dafür noch bezahlt werden?

  5. Kein Schönes Ding für den, der es auflesen muss oder dabei getroffen wird.

    • Gafra
    • 15.08.2010 um 21:53 Uhr

    der ärztlichen Macht, die Menschen dazu zwingt, weiter zu leben, obwohl sie sich längst auf den Weg gemacht haben. De Ridder beschreibt, dass z.B. Nahrungsverweigerung zum Sterbensprozess gehört. Dagegen werden dann aber Sonden gelegt.
    Ich finde die Antwort von Lütkehaus sehr einleuchtend und dieses christliche Geschwafel von "Geschenk des Lebens" empfinde ich im Angesicht mancher Umstände dieses "Geschenkes" als zynisch.
    Geschenke kann man auch im übrigen zurück geben, sonst sind sie nämlich kein Geschenk.
    Wohlgemerkt, wir reden vor allem von der Entscheidung ein unheilbar krankes Leben auf eigenen Wunsch zu beenden.
    Dass man mit einer Selbsttötung aus dem scheinbar gesunden Leben heraus auch Anderen Gewalt antut, ist eine andere Frage. Die wird aber hier nicht verhandelt.

    Antwort auf "sommerloch"

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  • Quelle DIE ZEIT, 12.08.2010 Nr. 33
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  • Schlagworte Sterbehilfe | Krankheit | Medizin | Recht | Ethik
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