Stilkolumne Schau mir in die Katzenaugen

Tillmann Prüfer über den Fünfziger-Jahre-Look

Jetzt wird man überall schief angeschaut: Die Katzenaugen-Sonnenbrille ist wieder da. Prada Swing, 190 Euro

Jetzt wird man überall schief angeschaut: Die Katzenaugen-Sonnenbrille ist wieder da. Prada Swing, 190 Euro

Was war an den fünfziger Jahren eigentlich so toll, dass sie nun wieder überall gefeiert werden? Man saß vor Fernsehern, die in großen hölzernen Kommoden steckten, und frönte einer knöchernen Sexualität. Von vielem, was in den Fünfzigern seinen Anfang nahm, wollen wir heute nichts mehr wissen: Atomreaktoren, Fortschrittsglaube, Peter Kraus.

Nur von der Mode der Fünfziger kriegt man offenbar nie genug. Die Resort-Schau, die Marc Jacobs für Louis Vuitton gestaltet hat, war voll von Petticoats, Kleidchen und kurzen Jäckchen. Auch die aktuelle Kollektion von Miuccia Prada zitiert diese Dekade bis ins Detail. Die Kleider sind in kleinen Karos gemustert, vor dem Busen bauen sich wahre Bordüren-Balkone auf und simulieren weibliche Kurven. Bei der jüngsten Show stöckelten die Models mit Hochsteckfrisuren über den Laufsteg, als habe man ihnen die Haare in Beton gegossen.

Stilkolumne
Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

Es war das Jahrzehnt der eingepferchten Körper und Seelen. Alles wurde in Pomade gelegt, in Korsetts gespannt, abgeschnürt und aufgepolstert. Warum entzückt das gerade die Designer?

Anzeige

Vielleicht, weil damals eine wunderbare Naivität in allem lag. Die Mode versuchte noch nicht, die Welt zu revolutionieren, wie sie es in den sechziger und siebziger Jahren tat. Und alle waren sich sicher, dass das Morgen immer besser würde, dass man auf einer großen Party dem Wohlstand entgegentanzte.

Idole und Stars waren noch deutlich als solche zu erkennen. Man muss sich nur die nun wieder aufkommenden Katzenaugen-Sonnenbrillen ansehen. Jede Frau, die sie aufsetzt, wirkt sofort wie eine Diva.

Die Fünfziger waren auch das Jahrzehnt des Staunens, das Jahrzehnt, in dem man sich unschuldig fühlen wollte. Heute wissen wir, dass wir an allem Möglichen schuld sind: Klimaerwärmung, Ölkatastrophe, Westerwelle. Und ständig müssen wir bewusst und verantwortlich konsumieren, um wenigstens einen Bruchteil dieser Schuld abzutragen.

Vielleicht ist dieses Revival daher für uns eine kleine Flucht vor der Last der Verantwortung. So naiv, wie die fünfziger Jahre es mal waren. Aber wenn das Tragen einer Sonnenbrille jemandem helfen sollte, sich ein bisschen besser zu fühlen – warum denn nicht? Genau das kann Mode leisten.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Retro

    Retro ist halt einfach in - vielleicht weil man glaubt dass FRÜHER doch alles besser war. Den ein oder anderen Trend aus den 50er finde ich persönlich durchaus ansprechend!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service