Milliarden-Spenden Räuber oder Retter
Warum die Riesenspenden amerikanischer Milliardäre sogar in den USA solch leidenschaftliche Debatten auslösen
Da kommt ganz schön was zusammen, wenn die reichsten Menschen Amerikas ihre Portemonnaies öffnen. Gut eine Woche ist es her, dass 40 Superreiche eine Erklärung namens »The Giving Pledge« bekannt gegeben haben. Es ist das unverbindliche, aber doch glaubhafte Versprechen, bis zum Tod mindestens die Hälfte ihres Vermögens wohltätig einzusetzen. Allein von den bisherigen Unterzeichnern sind 100 Milliarden Dollar zu erwarten. Und weil demnächst noch mehr Milliardäre mitmachen sollen – allein in den USA gibt es etwa 400 davon –, kursieren bereits Schätzungen in Höhe von 600 Milliarden Dollar.
Zum Vergleich: Der deutsche Bundeshaushalt ist gut 320 Milliarden Euro groß (das sind umgerechnet rund 420 Milliarden Dollar). Noch. In allen Industriestaaten müssen die Regierungen kräftig sparen. Sie streichen Zukunftsinvestitionen, sie verkleinern Sozial-, Bildungs- und Kulturbudgets. Spendierfreudige Milliardäre erscheinen da wie Retter in der Not.
Und trotzdem schlug ihnen – neben aller Anerkennung – zunächst einmal eine gewaltige Dosis Skepsis entgegen. Nicht nur in traditionell nörgeligen und reichenskeptischen Quartieren Europas , sondern auch in Amerika selbst.
Das fing schon bei der telefonischen Pressekonferenz an, auf der Spendeninitiator Warren Buffett auf eine Reihe kritischer Fragen eingehen musste. »Kein einziger Unterzeichner hat mich nach Steuervorteilen gefragt«, wehrte er Einwände ab. Es sei nicht darum gegangen, dass Spenden in den USA so sehr großzügig abgeschrieben werden können, dass der Nachweis der Wohltätigkeit aber nur sehr grob geführt werden muss. Schätzungen zufolge entgehen dem US-Schatzamt jedes Jahr 40 Milliarden Dollar durch solche Steuererlässe.
Das war aber bloß einer von vielen Kritikpunkten. Der ehemalige US-Arbeitsminister und heutige Politikprofessor Robert Reich sieht sich durch die Riesenspenden daran erinnert, dass überhaupt »so viel Geld nun in so wenigen Händen konzentriert ist«. Reich: »Das ist ein weiterer Beweis dafür, dass wir wieder im 19. Jahrhundert angekommen sind, wo Räuberbarone die Wirtschaft beherrschten und nahezu jeder andere verlor.« Bei der Washington Post wetterte der renommierte Kommentator Steven Pearlstein über die »graduelle Aushöhlung der Mitte der amerikanischen Volkswirtschaft«. Im sonst eigentlich reichenfreundlichen Wall Street Journal wurde das Giving Pledge als »herablassende, fast karikatureske PR-Übung« beschimpft.
Neid unter den Klassen ist an sich kein amerikanischer Zug. Die USA mögen unter den alten Industriestaaten das Land mit den größten sozialen Klüften sein, aber das wird toleriert. Viel hat das mit der Legende vom Amerikanischen Traum zu tun, nach der es jeder zu Reichtum bringen kann – und mit der Spendenbereitschaft vieler Reicher. Trotz Rezession wurden nach einer Studie der Indiana University im Jahr 2009 in den USA mehr als 300 Milliarden Dollar für Wohltätiges hergegeben, und zwar zu drei Vierteln von Einzelpersonen.
In Deutschland mochte sich bisher kein Superreicher an der Pledge-Initiative beteiligen. Stattdessen sprach etwa der Hamburger Superreiche und Reeder Peter Krämer im Spiegel über die »höchst problematische« Aktion in den Staaten, und in Berlin fordert Dieter Lehmkuhl, der Vorsitzende einer »Initiative Vermögender für eine Vermögensabgabe«, lieber höhere Steuern für den Geldadel. Der Deutsche Spendenrat verzeichnete 2009 Wohltaten von Privatpersonen in der Höhe von nur 2,1 Milliarden Euro, Tendenz sinkend. Wobei die Zahlen mit den amerikanischen nicht direkt vergleichbar sind: Ein Drittel der amerikanischen Spenden etwa ging an Religionsgemeinschaften, sodass man in Deutschland die Kirchensteuern gegenrechnen müsste.
Der Rest der US-Spenden floss einem bunten Spektrum von Anliegen zu: Bildung und Tierschutz, Kultur und Gesundheitsdiensten, Forschungsstipendien und Suppenküchen. Stiften gehört für wohlhabende Amerikaner zum guten Ton, Nichtstiften führt zum Ausschluss aus der feineren Gesellschaft. Stahl-Tycoon und »Räuberbaron« Andrew Carnegie schrieb 1889 ein Buch mit dem eigenartigen Titel Das Evangelium des Reichtums und postulierte darin: »Wer reich stirbt, stirbt in Schande.«
Zuletzt ist in den USA in der New Economy und an den Finanzmärkten eine neue Generation Superreicher entstanden: jünger, tatendurstiger und mit noch mehr Geld ausgestattet. Ihre Stiftungen unterscheiden sich von alten Flaggschiffen wie der Ford oder der Rockefeller Foundation zum Beispiel dadurch, dass sie nicht alle auf Dauer angelegt sind und ihre Ausgaben teils nicht mehr nur aus den Erträgen, sondern auch aus der Substanz bestreiten. Und mancher Stifter stellt – wie der 55-jährige Bill Gates – schon zu Lebzeiten seine unternehmerische Erfahrung in den Dienst der guten Sache. Von einer neuen Ära des »Philanthrokapitalismus« schwärmten 2008 Matthew Bishop und Michael Green, die im Untertitel ihres Buches frech eine Behauptung lancierten: »Wie Spenden die Welt retten können«.
Dass jetzt auch bei einigen Amerikanern die Skepsis wächst, hat weniger mit dem Spenden an sich zu tun als mit Spendern der neuen Art wie Tom Monaghan ( siehe Interview ). Er gehört zu den 40 Großspendern auf der Giving-Pledge-Liste: 73 Jahre alt, Gründer des Schnellrestaurant-Imperiums Domino’s Pizza, seit Ende der neunziger Jahre einer der eifrigsten Spender Amerikas überhaupt. Er gibt Geld für alles, was in seine Weltanschauung passt: Initiativen gegen die Homosexuellenehe, eine Kathedrale in Nicaragua, katholische Schulen.
Wo endet die Wohltätigkeit? Wo beginnt die Machtausübung?
Warren Buffett, selber seit Jahren ein großer Spender, hat einmal gesagt: »Zeigt man (den Milliardären), wie ihr Geld eine Hebelwirkung entfaltet, gefällt ihnen das sehr.« Doch wo endet die Wohltätigkeit? Wo beginnt die Machtausübung? Viele Amerikaner sind in dieser Frage sehr empfindlich.
Da erscheinen jetzt kritische Studien, nach denen die Großspender soziale Missstände sogar noch verschärften: Reiche förderten ja besonders gerne Opernhäuser oder Universitäten, und die nützten nun mal besonders einkommensstarken Menschen. Kommentare werden gedruckt, nach denen reiche Internetgurus oder Finanzgenies doch bitte bei ihrem Leisten bleiben sollten. Warum steckten sie ihr Geld nicht in zukunftsträchtige Unternehmen der Computer- oder Umwelttechnik? Der Markt für sogenanntes Wagniskapital ist in den Vereinigten Staaten 2009 auf schlappe 15 Milliarden Dollar geschrumpft. Da könnten die reichen Manager und Unternehmer wirklich helfen und sogar etwas hinzuverdienen.
Doch ebendas sehen die neuen Stifter völlig anders. »Das Profitmotiv könnte das beste Instrument sein, um die Probleme der Welt zu lösen«, sagt Larry Ellison, Milliardär und Gründer des Softwarekonzerns Oracle. Ähnlich Bill Gates. Sie wollen die ganze Welt retten, auf ihre Weise. Sie reden von Effizienz, von klaren Zielen und messbaren Ergebnissen. Sie sprechen die Sprache des Business.
Egal, wie man privatwirtschaftliche Reformprojekte im Einzelfall beurteilt – die Gesellschaft bereichern sie damit meistens sehr wohl. Im besten Fall ist die Welt der Stiftungen ein Forum für neue Ideen. Ein belebendes Element im Systemwettbewerb, den sich staatliche Einrichtungen mit Firmen, Nichtregierungsorganisationen und sozialen Unternehmungen ohne Profitabsicht liefern. Krankenhäuser in den Händen privater Stifter können womöglich mutiger forschen oder eigenwilligere Behandlungswege ausprobieren als das flächendeckend nötige staatliche Gesundheitssystem. Andere Organisationen springen in Lücken, die Unternehmen hinterlassen haben. Sie fördern etwa wie die Knight Foundation inmitten des großen Zeitungs- und Verlagssterbens hochwertigen, investigativen Journalismus – und sichern brisanten Themen eine Öffentlichkeit.
Legitimationsprobleme haben die Stifter und Spender vor allem in Bereichen, wo sie staatliche und andere Einrichtungen zu verdrängen drohen. So stößt die 33 Milliarden Dollar schwere Stiftung von Bill und Melinda Gates auf erbitterte Kritik. Sie will unter anderem Tropenkrankheiten in armen Ländern bekämpfen. Doch die Weltgesundheitsorganisation und kleinere Hilfsgruppen werfen dem Microsoft-Gründer und seiner Frau vor, ihre Stiftung monopolisiere die Forschung und die Entwicklungsarbeit mit fragwürdigen Hauruckpraktiken, ziehe wichtige Experten mit viel Geld auf ihre Seite und ersticke sanftere Methoden – etwa solche, die auf einen langen Dialog mit der Bevölkerung und den Regierenden setzen. Seit die Gates-Stiftung sich ans Aufmöbeln maroder amerikanischer Schulen gemacht hat, beschwert sich die dortige Lehrergewerkschaft: Bill Gates sei inzwischen wohl »der wahre Bildungsminister« der Vereinigten Staaten geworden.
Selbst für die größten Stiftungen gilt jedoch im Allgemeinen und in den meisten Bereichen: Ihr finanzieller Einsatz ist winzig im Vergleich zu den staatlichen Aktivitäten. Und egal, wie viel Geld man einsetzt: Allein reicht das sowieso nicht. Wer als Stifter oder Spender die Welt verbessern will, wer Vorbild- und Hebelwirkungen beansprucht, muss erst mal zeigen, dass er sein Geld geschickt einsetzt – gezielt, zum Wohl der Allgemeinheit.
Erst dann sprechen die Leute von seinen Erfolgen.
Mitarbeit: Heike Buchter, Götz Hamann
Berichtigung:
In unserer Ausgabe Nr. 33 vom 12.08.2010 haben wir den Hamburger Reeder Peter Krämer als einen Milliardär bezeichnet. Herr Krämer legt Wert auf die Feststellung, dass er niemals Milliardär war und es auch heute nicht ist. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen. Die Redaktion
- Datum 17.08.2010 - 14:11 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.08.2010 Nr. 33
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... zu Beginn werden mit allen Erdenklichen Methoden -legal wie halblegal (oder auch mal außerhalb der Gerichtsbarkeit) Konkurenten aus dem Weg geschlagen, Strukturen zerstört und Existenzen vernichtet. Und danach wollen diese von der Börse gelobten, von der Bevölkerung bewundert und beneideten Promies für ihre Barmherzigkeit auch noch gefeiert werden!
www.youtube.com/watch?v=J...
Was Bill gates hier zum Teil sagt, ist
zu unglaublich. Er erwägt tatsächlich,
die Weltbevölkerung durch Impfungen
zu dezimieren, damit weniger CO2 in
die Atmosphäre gelangt.
Das ist keine Theorie sondern sein Ernst.
Das Zitat "I like vacines" ist da ein
ganz guter Anhaltspunkt. Der gute Bill
war - nebenbei bemerkt - dieses Jahr
beim Bilderbergtreffen.
"Die Reichen brauchen keinen Staat"
http://www.ag-friedensfor...
...besitzen 1% der Bevölkerung 40% der Vermögen. Die oberen 10% der Bevölkerung besitzt 70%:
http://jjahnke.net/index_...
Noch Fragen?
Natürlich ist es positiv zu beurteilen, wenn die Räuber einen Teil ihrer gerafften Beute freiwillig zurückgeben, aber normalerweise ist der Staat verantwortlich dafür das im Übermaß Geraubte wieder zurückzuholen und ordentlich zu verteilen, ohne sich irgendwelchen Bedingungen der Räuber zu unterwerfen. Die Welt sähe ganz anders aus, wenn diesem Prinzip endlich wieder die Wichtigkeit eingeräumt würde, die es für den allgemeinen Wohlstand hat. Die schöne Sloterdijksche Spendenwelt funktioniert nicht und sie ist entwürdigend für die Empfänger.
...ist in Deutschland annähernd die gleiche. Und die Spendenbereitschaft der Reichen und Superreichen ein einziger Selbstzweck, denn die schlauen Milliardäre haben erkannt, daß weitere Akkumulation von Kapital in immer weniger Händen zum Zusammenbruch des Spiels führen muß - und damit der Spaß ein Ende hätte.
...ist in Deutschland annähernd die gleiche. Und die Spendenbereitschaft der Reichen und Superreichen ein einziger Selbstzweck, denn die schlauen Milliardäre haben erkannt, daß weitere Akkumulation von Kapital in immer weniger Händen zum Zusammenbruch des Spiels führen muß - und damit der Spaß ein Ende hätte.
Die Geschichte wiederholt sich:
"Wie also kann jemand, nicht indem er Geld verteilt, sondern auf eine andere Weise den Menschen wohltätig sein, und dies nicht mit Schlechtigkeit, sondern mit Tugend? Und wenn er überdies noch Geschenke macht, wie können seine Gaben unerschöpflich bleiben? Dies wird dann möglich sein, wenn er den Gesetzen und dem Recht zur Seite steht; das nämlich ist es, was die Städte zur Gemeinschaft bringt und zusammenhält."
Zwischen Gemeinschaft und Individualismus. Ein Balance-Akt.
toll, wenn Weltretten noch so viel Fun bringt. Die armen, die gerettet werden müssen, dürfen dann auf ewig dankbar sein? Oder sollen die das dann als selbstverständlich ansehen?
ist schon interessant. Die Gatesprojekte laufen z.T. über einen längeren Zeitraum (z.B. 10 Jahre inklusive Verlängerung) als die üblichen 2-3 Jahresprojekte. Die WHO zieht es vor ersteinmal nur mit den Politikern zu verhandeln bevor etwas in die Tat umgesetzt wird? Ist mir noch nicht untergekommen. Ausserdem geschehen viele Gatesprojekte im Rahmen der CGIAR-gruppe, die aber wiederum auch im Dialog mit Bevölkerung und Politikern stehen. Sind als kleinere Hilfsgruppen NGOs gemeint?
Der aus Bangladesch stammende Wirtschaftswissenschaftler, erfolgreiche Banker und Friedensnobelpreisträger von 2006, Muhammad Yunus,unterbreitet in seinem Buch "Die Armut besiegen" (2008) u.a. Vorschläge, was die Stiftungen der amerikanischen Superreichen entscheidend zur NACHHALTIGEN Armutsbekäpmfung beitragen könnten:
HÄTTE ihn z.B. Warren Buffett um Rat gefragt, hätte er ihm u.a. empfohlen, einen Teil seines Geldes in ein Sozialunternehmen zu investieren, dessen Aufgabe es wäre, den 50 Millionen nicht krankenversicherten Amerikanern eine erschwingliche und hochwertige medizinische Versorgung zu garantieren...Dieses Unternehmen würde einen spektakulären Erfolg feiern und er sich einen Ehrenplatz in der Geschichte des amerikanischen Gesundheitswesens sichern...
Gestern habe ich die Doku von Michael Moore (2007) über das räuberische System der US-Gesundheitswirtschaft gesehen: Millionen Privat-Versicherte erhalten nicht ihre vertraglichen Zusagen aufgrund eines ausgeklügelten Systems und landen im Ruin. Seit Nixon haben Versicherungs- und Pharmakonzerne zig-BILLIONEN daran verdient.
Wer seine Krankenhausrechnung nicht mehr bezahlen kann, wird aus den Betten entführt und als Obdachloser irgendwo am Straßenrand abgesetzt... sehr sehenswert, dieser Film über den entfesselten Kapitalismus mit seiner hässlichsten Fratze!
Dieses ganze Milliardärsspenden- Trara ist eine einzige Marketingstrategie im ur-eigensten PR-Interesse.
Wann wird diese Heuchelei endlich durchschaut?
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