DIE ZEIT: Professor Judt, in Ihrem neuen Buch Das vergessene 20. Jahrhundert, das im Frühjahr auch auf Deutsch erschien, heißt es: »Etwas stimmt grundsätzlich nicht mit der Art, wie wir heute leben.« Wie kommt ein sterbenskranker Mann dazu, ein Manifest zur Kritik der heutigen Politik zu schreiben, die Rückkehr des politischen Intellektuellen zu fordern, wie es im Untertitel heißt?

Tony Judt: Ich hatte seit Langem den Eindruck, dass wir den Kontakt zu der Sprache verloren haben, in der wir früher über Politik – über öffentliche Güter und die Rechtfertigungen öffentlicher Ausgaben – gestritten haben. Wir haben aufgehört, wie eine Gesellschaft zu denken, und stellen uns stattdessen als ein Bündel individueller Interessen dar.

ZEIT: Sie leiden an einer unheilbaren Krankheit, die den Körper langsam lähmt, während der Geist weiterarbeiten kann. Wie konnten Sie schreiben, während Ihre Krankheit voranschritt? Und wie halten Sie sich auf dem Krankenlager über die Welt auf dem Laufenden?

Judt: Ich lese Zeitungen online mithilfe meiner Assistenten. Ich korrespondiere mit vielen Menschen, und ich kann auch noch gedruckte Bücher und Zeitungen lesen – allerdings langsamer als früher. Die einzige Einschränkung, die die Krankheit mir auferlegt hat – nachdem ich mich einmal an die bizarre Technik gewöhnt hatte, die leider erforderlich ist –, ist Erschöpfung. Ich bin heute müder als im letzten Winter, als ich mein Buch schrieb. Eile war also geboten.

ZEIT: Als Leser frappiert einen die Vitalität Ihres Buchs, in dem Sie für eine Renaissance von staatlicher Intervention und Marktregulierung eintreten: ein Weckruf für die Linke?

Judt: Die Vitalität speist sich aus einer politischen Energie, die ich immer schon in meinen politischen Schriften zu reflektieren versucht habe. Aber ohne Zweifel konzentriert die Aussicht auf bevorstehenden Verfall und Tod den Geist – wenn man bereit ist, dies zuzulassen.

ZEIT: Ihr Buch ist eine Verteidigung des Staates nach Jahrzehnten der Deregulierung und Entstaatlichung. Seit der Krise erleben wir die Wiederkehr staatlicher Politik in Form von Rettungspaketen, keynesianischem Wirtschaften und G-20-Treffen über globale Fragen. Warum profitiert die Linke davon nicht? In Deutschland, Frankreich und jetzt auch England regieren Konservativ-Liberale.

Judt: Ich glaube, dass es in der Politik ebenso sehr um Ideen wie um Institutionen geht. Letztere kann man nicht rechtfertigen, wenn sie nicht in einer breiteren ethischen Weltsicht begründet sind. Die Sozialdemokraten in Europa haben so viel Zeit damit zugebracht, sich vom Schatten der Kommunisten auf ihrem linken Flügel zu befreien, dass sie darüber vergessen haben, zu lernen, wie man in einer postmarxistischen Welt Sozialdemokrat sein kann. Zugleich haben europäische Christdemokraten und moderne Konservative – anders als in Amerika – lange schon die Strukturen des Wohlfahrtsstaates akzeptiert, obwohl dies den Charme des unregulierten Marktes einschränkt. Warum aber sollen die Leute sozialdemokratisch wählen, wenn fast jede andere Partei ihnen eine ähnliche Politik anbietet?

ZEIT: Lange wurde Europa von Amerika aus als alternder, nicht wettbewerbs- und nicht verteidigungsfähiger Kontinent runtergemacht. Mit dem Ende der Bush-Jahre und dem Beginn der Weltwirtschaftskrise hat sich das geändert: Wie hat sich Europa in den letzten Jahren geschlagen?

Judt: Europa ist ziemlich gut durch die Krise gekommen. Das wird zwar verdeckt durch die törichten Rahmenbedingungen für den Euro – eine Währung ohne gemeinsame Wirtschaftspolitik und ohne Notfallplan für eine Schuldenkrise. Aber die oft kritisierten Sozialausgaben haben einen sehr erwünschten keynesianisch-antizyklischen Effekt – indem sie Arbeitslosen und Bedürftigen helfen, haben sie zugleich die Wirtschaft stimuliert und die Nachfrage angekurbelt. Übrigens: Das viel beschworene demografische Desaster in Europa halte ich für einen Mythos. Ich bin alt genug, um mich zu erinnern, dass man einmal vor dem Gegenteil Angst hatte – dass wir zu viele Kinder haben würden und sie nicht würden ernähren können. Nun sind es angeblich zu wenige. Das ist aber eine Krise, die leicht bewältigt werden könnte durch Veränderungen beim Rentenalter, durch Anpassung der Bezüge an die Inflation, Beendigung der Zwangsverrentung und Ähnliches.