Als Kind habe ich einige Jahre lang fast ausschließlich in meinen Träumen gelebt. Ich hatte eine sehr schwere Kindheit, im Krieg wurde ich an ständig wechselnde Orte evakuiert. Schließlich fand meine Familie in einem winzigen Dorf im Allgäu eine Bleibe für drei Jahre. Als Münchner war ich dort in der Schule ein Außenseiter. Unser Lehrer war ein Sadist, der mich schikaniert und die anderen Schüler gegen mich aufgestachelt hat.

Ich hatte keine Freunde. Damals habe ich den Kontakt zu Gleichaltrigen verloren. Ich habe mir dann in den Lechauen, die hinter unserem Haus begannen, Baumlager gebaut und mich immer mehr aus der realen Welt zurückgezogen. Ich habe mir zwei Freunde erträumt. Der eine war groß und stark, er verteidigte mich gegen die Unsympathen. Der andere war klein und schlau und hatte immer die besten Ausreden parat. Ich saß in meinem Baumhaus und habe mir endlose gemeinsame Abenteuer erträumt. Als ich etwa zehn Jahre alt war, spürte ich, dass die Zeit des Abschieds von meinen Traumfreunden gekommen war.

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Später hat mir ein befreundeter Psychiater erklärt, wie wichtig dieser Abschied war. Anderenfalls hätte ich möglicherweise den Bezug zur Realität gänzlich verloren und wäre in eine irreale Welt abgerutscht, unfähig, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Als wir nach München zurückkehrten, war die Stadt völlig zerstört. In meiner Klasse waren rund sechzig Kinder, unser Lehrer war überfordert. Ich fühlte mich ähnlich fremd wie im Allgäu. Damals habe ich in jeder freien Minute gelesen, Bücher wurden der Ersatz für meine Tagträume.

Irgendwann haben mich die Mädchen zurück ins reale Leben geholt. Ich war ein schwarz gelockter Knabe, unsicher und schüchtern, aber ich merkte, dass die Mädchen mich mochten. Sie haben mein Selbstwertgefühl langsam wieder aufgebaut. Später kamen dann meine Arbeit und meine Reisen dazu. Schon als junger Mann war ich mindestens drei Monate im Jahr auf Reisen. Endlich konnte ich meine Kinderträume von der Südsee oder von norwegischen Fjorden in die Realität umsetzen! Mein Leben wurzelt in der Traumerinnerung meiner Kindheit. Meine Träume haben mich immer gut geführt. Noch heute werde ich von ihnen getragen.

Da ich einen schweren Herzinfarkt hinter mir habe, muss ich mit meinen Kräften haushalten. Trotzdem muss ich noch einmal für die Verwirklichung eines Traumes kämpfen. Ich engagiere mich in der »Bürgerinitiative Maxvorstadt«. Die Termiten nagen an der Substanz des Viertels, die Immobilientermiten. Sie zerfressen das Viertel von innen heraus, seine Seele. In unserer Straße sollen sogenannte Premiumwohnungen entstehen, mit Tiefgaragen, Dachterrassen, die Mieten würden sich vervierfachen. Niemand, der jetzt hier lebt, kann das bezahlen. Die Bewohner werden rausgeschmissen, kleine Läden und Kneipen, alles, was das Viertel ausmacht, stirbt, wenn diese Pläne umgesetzt werden. Die Maxvorstadt und Schwabing würden dann zum Reichenghetto. Ich träume davon, dass sie ihre Seele nicht verlieren und den jetzigen Bewohnern erhalten bleiben.