Unternehmensverantwortung Katastrophenkonzerne

Einige Firmen haben gewaltige Zerstörungen angerichtet und Menschen auf dem Gewissen. Warum existieren sie noch?

Wie kann das angehen? Konzerne sterben nicht, egal, wie groß die Schäden an Umwelt und Gesundheit sind, die sie verursachen. Seit dem Beginn des Industriezeitalters geht das so. Mal sehen, ob ausgerechnet BP zu einer Ausnahme wird: Am Dienstag wurde der Richter ernannt, der über den Schadensersatz für die Ölpest im Golf von Mexiko entscheiden soll.

Einer der frühen Fälle, in dem menschliche und gewerbliche Ausscheidungen ein ganzes Öko-System umkippen ließen, ist als The Great Stink in die Geschichte eingegangen. Im Sommer 1858 liefen so viele ungefilterte Abwässer in die Themse, dass der Fluss umkippte. Er verwandelte sich in eine Kloake, und die Reaktion britischer Politiker ließ nicht lange auf sich warten: Sie hängten weiße, kalkgetränkte Laken in die Fenster des Parlaments, um den Gestank zu mildern. Ähnlich hilflos erscheint mitunter bis heute der Umgang westlicher Staaten mit wichtigen Industriezweigen.

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Konzerne sterben nicht: nicht Exxon, nicht Bayer, nicht Wyeth ( siehe Karte ). Am härtesten trifft es Unternehmen noch, wenn sie sich eine Schadensersatzklage einhandeln, und ganz besonders, wenn US-amerikanisches Zivilrecht zur Anwendung kommt. Exxon zahlte für die Ölpest, die ein Tankerunglück 1989 in Alaska auslöste, rund eine Milliarde Dollar an die Betroffenen. Doch was ist eine Milliarde für einen Konzern, der zwischen April und Juni rund 7,5 Milliarden Dollar Gewinn gemacht hat?

Oder Bayer. Mehr als 14.000 Menschen sahen sich vor zehn Jahren durch einen Cholesterin-Senker namens Lipobay geschädigt. Auch Todesfälle wurden mit dem Medikament in Verbindung gebracht. Bayer bestritt zwar die Verantwortung, zahlte aber mehr als 1,2 Milliarden Dollar. Ruinös war das nicht.

Im deutschen Rechtsstaat sind nach oben offene Bußen nicht gewollt

In Deutschland werden solche Summen nie erstritten, weil es die Sammelklage und einen Strafschadensersatz wie in den USA nicht gibt. Hierzulande vertraue man eher auf Verwaltungs- und Strafrecht, sagt Matthias Lehmann, Experte für Internationales Wirtschaftsrecht an der Universität Halle. Die Befugnisse der Behörden sind aber begrenzt, und dafür gibt es nach Lehmanns Ansicht gute Gründe: In einem Rechtsstaat müssten Bürger wie Unternehmen die ihnen drohenden Sanktionen voraussehen können. Das schließt nach oben offene Bußen aus, um jeden Anschein von Willkür zu verhindern. Also legt der Gesetzgeber Höchstgrenzen fest. Dabei orientiert er sich an durchschnittlich schweren Fällen, also eher am Unfall eines Tanklasters als an einer großen Ölpest.

Für Konzerne wie BP heißt das, dass sie Strafen meist aus der Portokasse zahlen können. Und selbst Sammelklagen waren bisher gut zu verkraften. Mal lagen die vergleichsweise milden Urteile daran, dass wenige Menschen betroffen waren, mal daran, dass Umweltverschmutzung noch nicht hart geahndet wurde. In Hinkley, Kalifornien, wurde beispielsweise das Wasser einer dünn besiedelten Gegend mit Chrom vergiftet. Die Pacific Gas and Electric Company zahlte dafür nur 333 Millionen Dollar.

Mit Blick auf Skandale um Nebenwirkungen in der Pharmaindustrie muss man fairerweise ergänzen, dass irgendwann im Leben praktisch jeder Mensch starke Medikamente nimmt. Angesichts dessen, sind selbst zehntausend Betroffene eine überschaubare Zahl, so bitter es für den Einzelnen ist. Die langen Genehmigungsverfahren scheinen sich auszuzahlen – und unternehmenseigene Kontrollen oft zu taugen.

Leser-Kommentare
  1. Die beschriebenen Vergehen von Konzernen mögen im Artikel zwar treffend benannt sein - die Aufzählung selbst ist jedoch von einem gewissen, wenn auch bestimmt ungewollten, Protektionismus geprägt. Alle aufgezählten Fälle trafen vorallem Opfer in der westlichen Welt. Dabei sind die Schäden, die grosse Unternehmen in der Dritten Welt anrichten, um vielen schlimmer ... und vorallem von ungleich eindeutig verbrecherischer Natur.
    Auch wenn es kaum jemand gern hört - die meisten der grossen, weltweit agierenden Konzerne konnten deshalb so mächtig werden, weil sie Verbrechen begingen. Es gibt kaum einen dieser Konzerne, der in den letzten Jahrzehnten nicht Kinder für sich arbeiten liest, ganze Landstriche verwüstete, tausende Menschen vertrieben oder vergiftet hat, Waffen und Geld an Todesschwadronen geliefet hat, gegen Embargos verstiess, Menschenversuche unternahm, wissentlich geltendes Recht gebrochen oder sonstwie gelogen, betrogen oder jemanden bestochen hat ... selbst vor Gewalt und Mord schreckten und schrecken diese Konzerne nicht zurück. All das sind Verbrechen, für die der Durchschnittsbürger viele Jahre in Gefängnis geht - die Konzerne scheffeln damit Milliarden.

  2. Und das sind nur die direkt verursachten Schäden. Indirekte Schäden lassen sich garnicht abschätzen. Wieviel Schaden durch auf Lobbyismus zurückzuführende politische Fehlentscheidungen, von Unternehmen initiierte Thinktanks und ähnliches entsteht, kann niemand sagen - die Folgen lesen wir in der Nachrichten: Krieg, Gewalt, Armut, Millionen Flüchtlinge und Tote.
    Wer zieht die Konzerne dafür zur Verantwortung?
    Die stets präsente Drohung mit dem Verlust von Arbeitsplätzen verhindert nicht nur eine Ahndung - welche zukünftigen Schäden vorbeugen könnte, sie gefährdet unsere Demokratie auch im Innersten und offenbart dabei, wie verlogen die Kapitalismusgläubigkeit ist, an deren ureigenstes Prinzip jene, die solcherart davon Provitierenden offensichtlich garnicht glauben.
    Geleugnet werden dabei die angeblich Selbstreinigungs- und Selbstregulierungskräfte, denn würde man wirklich daran glauben, dann wäre davon auszugehend, dass die durch die Zerschlagung eines der grossen Konzerne entstandene Lücke schnell wieder von anderen Unternehmen geschlossen werden, in denen die Entlassenen zügig wieder Arbeit finden. Die Arbeitsplatzerpressung würde also garnicht funktionieren.

  3. ....Einige Firmen haben gewaltige Zerstörungen angerichtet und Menschen auf dem Gewissen. Warum existieren sie noch?

    Antwort: kapitalismus / Profit-,Machtgier

  4. Man muss die Konzerne mit ihren eigenen Mitteln schlagen. Max Keiser schlägt vor, den Aktienkurs dieser Unternehmen mit Finanzmarktoperationen zu zerschlagen. Dies ist m.E. besser als die ganzen gutmenschlichen Aktionen (Boykott, Informationen usw.) Informationen unter Dharma Bank und maxkeiser.com.

  5. ... 80.000 Arbeitsplätze für Menschen aus dem Westen.

    Wie oft Lebenslänglich müsste jemand bekommen, der hundertausendfach fahrlässige Tötung verursacht? Ganz zu schweigen von all den vertuschten gezielten Morden und anderen Schandtaten. Als könnte sich ein Massenmörder seine Schuld freikaufen, würde er nur versichern, er habe versucht wirtschaftlich zu handeln. Wir machen uns als Menschen lächerlich, überlassen wir das Walten über Recht und Unrecht gänzlich ein paar korrupten wenigen. Von Demokratie und Rechtsstaat keine Spur. Wenn kein Exempel statuiert wird an jenen machthungrigen und von Gier besessenen Menschen, die unsere Welt auf's Spiel setzen, wird sich nie etwas ändern. Der dazu neigt, sollte sich nicht mehr trauen so zu handeln. Den BP-Chef sich einfach so aus dem Staub machen zu lassen, halte ich für eine Farce unserer so vermeintlich humanistischen und aufgeklärten westlichen Welt.

    Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte!

  6. Also wenn man als Einzelperson 40 Körperverletzungen und mehr straffrei begehen kann und für Dinge wie Vergewaltigung Bewährung, für Mord im Höchstfall 15 Jahre bekommt-dann kann man bei den Strafen durchaus von angemessenen Strafen für die Konzerne reden.

    Nur weil einer mehr Geld verdient, wird eine kriminelle Handlung nicht krimineller, als sie ist. Und da vieles, was hierzulande als Straftat gilt, am Tatort keine war-weil am Ort Normalität (Kinderarbeit etc.)-ist es auch nicht verwunderlich, dass die Konzerne das abschütteln können.

    Also, wo ist der Aufreger? Rational betrachtet gilt doch gleiches Recht für alle. Die Konzerne bekamen ihre Strafen. Wenn ich in der Nachbargemeinde Chrom in den Teich schütte, dann zahlt das meine Haftpflicht. So what?

  7. Respekt - ein guter Kommentar. Gegen den Mainstream.

    Fahrlässig verursachte Schäden müssen natürlich bestraft werden. Ein exorbitante Strafe gg BP würde sich vielleicht gerecht anfühlen. Die Konsequenz wäre dann wohl eine Übernahme, dann macht eben ein anderer weiter.

  8. Mir ist klar, dass dieses System,aber weltweit schon in der
    Katastrophe ist und sich genauso fertig macht wie der Ostblock-
    Kommunismus plötzlich fertig war. Nur die westlichen
    Führungsstaaten wissen es noch nicht. Der Geld und Schuldenrausch
    kann schon blind machen.
    Schuld ist der Mensch, habgierig und rücksichtslos und Aktien
    sind wie Gewinnspiele - dumme Leute verarschen und die Staaten machen
    alle mit. Ich frage mich, wo gibt es keine Verbrecher?
    Wehe wenn das Volk aufwacht, ich fürchte diese baldige
    Veränderung. Diese Verhaltensweise hat ihren Preis.

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