Ernährung Alles Geschmackssache
Nichts gegen Paprika, Rüben, Pilze. Aber schon mal Rehfilet probiert, gewürzt mit Meersalz, schwarzem Pfeffer und Thymian?
© FotoosVanRobin / flickr.com

Da läuft jedem Fleischesser das Wasser im Mund zusammen: ein saftiges Steak, geräuchert und gegrillt
Zwei Jahre habe ich durchgehalten, zwei Jahre ohne Fleisch. Meine Gründe waren nicht ehrenwert, im Wesentlichen wohl Ekel. Vor der babyrosa Wurst, nachdem ich wusste, was drin war. Vor den grausamen Mechanismen des Aufziehens, Anfütterns, Tötens. Wieder angefangen habe ich aus einem Grund, auf den auch nicht sehr stolz bin: Es hatte mir einfach zu gut geschmeckt. Der Wildschweinschinken, die Kalbsleber, die Taubenbrust – ich wollte nicht länger darauf verzichten. Fleisch ist ein erstaunliches Lebensmittel. Man brät es und hat fast schon ein Gericht. Man kocht es und gewinnt eine Brühe. Nichts gegen Paprika, Pilze, Rüben, aber die kommen da einfach nicht mit.
Der Tierwelt hat meine vorübergehende Läuterung kaum etwas gebracht. Mir aber schon. Ich verstehe jetzt, was Vegetarier sehen. Diesen Blick, der auf fremde Teller fällt: Igitt, zerstückeltes Tier. Und der dann prüfend aufwärts wandert zu dem, der so etwas isst. Zu einem, der kein Huhn rupfen könnte, ohne sich zu erbrechen, der aber, einem dumpfen Trieb folgend, seine verkümmerten Eckzähne in das Aas des Tieres schlägt, das ein anderer für ihn erlegt hat. Ein kläglicher Anblick, so kam mir das vor. Heute sehe ich mit diesen Augen vor allem mich selbst.
Wenn man uns Fleischesser zur Rede stellt, verstricken wir uns in heillosen Unsinn. »Der Mensch ist ein Raubtier und braucht nun mal Fleisch«, »das Tier stirbt irgendwann ja sowieso«, solche Sachen. Die Wahrheit ist viel einfacher: Wir stehen vor einem Dilemma. Wir mögen Tiere, ihr Fleisch aber auch. Und entscheiden meistens eher mit dem Magen als mit dem Herzen.
Wie schlimm ist das? Ich weiß es nicht. Es gibt ja keinen, der uns vormacht, wie man eigene Freud und tierisches Leid gegeneinander aufwiegen soll. Mitgeschöpfe als Nahrung zu betrachten ist auf dieser Welt der Normalfall. Wir wissen, dass Tiere Tiere töten, ohne Not oft und gewiss ohne Reue. Und auch die Naturvölker, sonst ein gern bemühtes Vorbild, zeigen sich in dieser Hinsicht alles andere als zimperlich. Um an Fleisch zu kommen, haben Menschen keine Mühen gescheut. Aus freiem Entschluss darauf zu verzichten ist eine bewundernswerte zivilisatorische Leistung. Aber braucht sie diesen Rigorismus, diese Bereitschaft, jeden ins Unrecht zu setzen, der es etwas lockerer sieht?
Ich selber halte es heute so: Ich esse wenig Fleisch, in der Woche nicht sehr viel mehr als der Durchschnittsdeutsche am Tag. Ich lasse es mich etwas kosten. Das Tier soll die Sonne gesehen, sein kurzes Leben genossen und sein liebstes Futter gefressen haben, ehe es mir als Nahrung dient. Dahinter steckt auch Eigennutz; solches Fleisch schmeckt einfach besser.
Ja, das ist ein fauler Kompromiss. Und wann immer ich auf einer Speisekarte von Milchlamm oder Stubenküken lese, sehe ich die Tiere vor mir und schäme mich. Aber auch der komplette Verzicht hat mir damals keinen Seelenfrieden gebracht. Ich kam immer noch ins Stottern, wenn einer fragte, warum ich weiter Fisch aß, Milch trank, Lederjacken trug, Arzneimittel verwendete, die an Tieren erprobt worden waren. Man kann verzichten, soweit man es aushält, und wird doch den Zwiespalt nicht los.
Wir Fleischesser stellen uns dumm, wenn wir unser Steak anschauen, als sei es am Baum gewachsen, nur zu unserem Vergnügen. Aber ganz ehrlich sind auch die Vegetarier nicht, wenn sie milde auf uns herunterlächeln von einer höheren Stufe der Evolution. »Was ihr nur habt mit eurem Fleisch?«, fragen sie gerne. »Ich brächte das gar nicht herunter.«
Liebe Vegetarier, bitte probiert doch einmal oder noch einmal, wie es sich anfühlt, Fleisch zu essen. Es müssen keine zwei Jahre sein, aber wenigstens zwei Bissen. Kostet ein Stück Rinderschulter, Charolais, marmoriert, einen Tag lang mit Rotwein und Wurzelgemüse geschmort. Eine Scheibe vom Rehfilet, medium rare gebraten, bestreut mit Meersalz, schwarzem Pfeffer und frischem Thymian. Dann versteht ihr besser, wovon wir reden. Jedenfalls so lange, bis der antrainierte Ekel euch einholt und ihr ausspucken müsst. Es stimmt ja, ihr seid die besseren Menschen.
Aber mehr Spaß haben wir.
- Datum 13.08.2010 - 11:04 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.08.2010 Nr. 33
- Kommentare 87
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Es ist halt ein wenig wie bei "Brot statt Böller":
Brot knallt nicht.
Den Fleischkonsum, wie er hier vertreten wird, halte ich als Vegetarier durchaus für sinnvoll. Genießen, dankbar sein. Nicht den Schweinebraten im Discounter kaufen, der nach 45 Minuten im Ofen um die Hälfte kleiner geworden ist.
Was ich wirklich verurteile, ist der Fleischkonsum ohne Maß - im Vorbeigehen mal eben drei Burger bei McDonalds kaufen und hinunterschlingen.
Ich habe mich dafür entschieden, gar kein Fleisch mehr zu essen, aber ich halte den respektvollen Umgang mit diesem Lebensmittel und Lebensmitteln ganz allgemein für wichtig. Ich mache auch niemandem das Essen mies, jeder soll selbst entscheiden wie und was er isst. Tatsächlich fangen oft die Carnivoren an, mit mir zu diskutieren. Dass das ja keinen Sinn habe, vegetarisch zu leben. Dass es so gut schmeckt. Dass man nicht drauf verzichten kann, gar ungesund sei. Dann gebe ich kontra mit dem Wissen, das ich habe, aber ich mache niemandem das Essen, vor allem, wenn es die Bio-Weihnachtsgans vom Bauer aus dem Nachbardorf ist, von der man weiß, dass sie ein gutes Leben hatte. Da könnte ich sogar schwach werden.
Den Appell, Vegetarier zum Fleisch probieren zu animieren, halte ich jedoch nicht unbedingt für sinnvoll. Ich weiß, wie Fleisch schmeckt und schmecken kann, aber bei dem Gedanken daran, wirklich wieder totes Tier zu essen, schaudert es mich. Nicht, weil es mir nicht schmecken würde, sondern weil ich zu große moralische Skrupel habe. Und solange ich die habe, werde ich kein Fleisch essen, das ist sicher.
entfernt. Bitte bleiben Sie respektvoll und höflich in Ihrer Wortwahl. Danke. Die Redaktion/km
entfernt. Bitte bleiben Sie respektvoll und höflich in Ihrer Wortwahl. Danke. Die Redaktion/km
Nichts gegen Vegetarier aber der Mensch ist seit Anbeginn der Zeit ein Fleischesser.
Ist auch am normalsten.
Dieses ganze Getreide etc. hat viele Krankheiten und Allergien gebracht.
Wir essen das aber glücklich und zufrieden macht das nicht. Milch und Käse haben was aber immer von sowas leben? Nee.
Soll jeder machen wie er will aber ohne Wurst und Fleisch kann man aber sollte man nicht leben.
... einfach mal...
Du weißt schon. Wie wäre es, wenn Du dich erst über die Konsequenzen Deines Konsums informierst bevor Du hier inhaltslosen "Ich mach worauf ich Bock hab und nach mir kommt die Sinnflut" Kram erzählst.?
Aber zum Artikel:
Ich halte den Ansatz Fleisch vom Biobauern zu kaufen und den Fleischkonsum aufs Minimum zu reduzieren für sehr sinnvoll. Allerdings kann ich mir als Student rein finanziell kein Biofleisch leisten - den ganzen anderen Kram will auch nicht essen. Wenn ich an das Leid denke, dass die Fleischindustrie indirekt und direkt nicht nur Tieren, sondern natürlich auch Menschen und vor allem der Umwelt beifügt, dann kann ich gar nicht so viel essen, wie ich .... möchte. Jeden Tag ein Steak, jeden Tag Wurst aufs Brot - Klimakiller NR. 1 - und außerdem nicht einmal gesund - Nein, sogar im höchsten Grade ungesund.
Aber was solls...
Bitte verzichten Sie auf die Diffamierung anderer Kommentatoren. Danke, die Redaktion/fk.
... einfach mal...
Du weißt schon. Wie wäre es, wenn Du dich erst über die Konsequenzen Deines Konsums informierst bevor Du hier inhaltslosen "Ich mach worauf ich Bock hab und nach mir kommt die Sinnflut" Kram erzählst.?
Aber zum Artikel:
Ich halte den Ansatz Fleisch vom Biobauern zu kaufen und den Fleischkonsum aufs Minimum zu reduzieren für sehr sinnvoll. Allerdings kann ich mir als Student rein finanziell kein Biofleisch leisten - den ganzen anderen Kram will auch nicht essen. Wenn ich an das Leid denke, dass die Fleischindustrie indirekt und direkt nicht nur Tieren, sondern natürlich auch Menschen und vor allem der Umwelt beifügt, dann kann ich gar nicht so viel essen, wie ich .... möchte. Jeden Tag ein Steak, jeden Tag Wurst aufs Brot - Klimakiller NR. 1 - und außerdem nicht einmal gesund - Nein, sogar im höchsten Grade ungesund.
Aber was solls...
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Ich muss sagen, ich bin gerne Vegetarierin. Mir macht essen großen Spaß. Ich könnte auch tatsächlich kein Fleisch mehr essen, nicht mal nur, um es nochmal zu probieren. Das hat wohl weniger was mit antrainiertem Ekel zu tun als damit, dass nach 8 Jahren fleischloser Kost mein Verdauungstrakt große Probleme hätte, Fleisch zu verarbeiten. Ich bin es schlicht nicht mehr gewohnt, deswegen wird mir schon beim Gedanken ans Fleischessen speiübel. Einige Völker der Welt können keine Milch trinken und ihnen wird ebenso übel bei dem Gedanken daran, dabei ist es für uns ganz normal.
Ich finde es aber sehr begrüßenswert, dass sie weniger und besseres Fleisch essen. Auch das bringt schon viel und es ist auch alles, was ich immer von meinen fleischessenden Freunden verlangen, das man über den Tellerrand hinaussieht und Leid da zu begrenzen sucht, wo man es als Käufer kann.
Vorab - ich bin kein Vegetarier, esse aber sehr gern vegtarisch. Da gibt's eben viel mehr als Paprika, Rüben, Pilze. Das ist die irrige Vorstellung vieler Fleischesser, dass vegetarisch das Gegenteil von Genuss wäre. Schon mal lecker indisch gegessen? Köstliche Dalsuppe, danach mit Koriander, Kardamon. Kurkuma gewürzte Samosas probiert? Mit Joghurt-Minze Soße und Tomaten Chutney, danach eine Mangocreme? Nur ein Schmankerl aus der vielseitigen vegetarischen Küche. Wie gesagt, ich ess auch mal gern ein Steak, aber für ein leckeres vegetarisches Essen lass ich jedes Fleischgericht stehen. Und mit Verlaub, zu viel Fleischessen vergröbert das Geschmacksempfinden. Die vegetarische Küche kennt viel feinere Nuancen. Das merkt man daran, dass Vielfleischesser bei vegetarischen Gerichten oft erst mal kräftig nachwürzen müssen, um was zu schmecken. Mehr Spaß habt ihr mit Sicherheit nicht, ihr glaubt es nur, weil ihr nicht wisst, was euch entgeht.
Ich freu' mich sehr über den Artikel. Genau so ist es mir auch ergangen. Allerdings ist mein ursprünglicher Verzicht auf Fleisch nicht auf Ekel zurückzuführen, sondern auf die Hoffnung, das richtige zu tun. Inzwischen esse ich wieder Fleisch, allerdings nur sogenanntes 'Biofleisch'. Natürlich gibt es auch da Unterschiede, aber ich denke es ist ein Anfang. Und wie der Autor schildert, verringert sich der Fleischkonsum durch diese Entscheidung merklich. Erstens gibt es noch relativ selten in Restaurants oder (für mich noch relevant) in der Mensa Biofleisch. Und zweitens kostet es halt deutlich mehr, so dass ich mir auch nicht jeden Tag gutes Fleisch leisten kann.
Allerdings würde ich auch darauf verzichten Vegetariern Fleisch zu empfehlen. Wer ganz ohne auskommen kann, den beneide ich. Für mich ist die Versuchung eines guten Stückes Fleisch aber noch zu groß.
...z.B. so einfache Dinge wie Spagetti mit Tomatensauce oder Kartoffel mit Quark oder auch mal einen Salat. Sollte man viel öfter essen. Das Problem ist nur: wo bekommt man denn in der deutschen Gastronomie ordentliche vegetarische Gerichte? Viel zu selten. Meistens sind das gros der Angebote Fisch- und Fleischgerichte. Selber kochen kann man auch nicht immer. Also bestellt man halt doch immer die (besserschmeckenden) nichtvegetarischen Sachen. Reines Vegetariertum wäre ein Einschränkung der Lebensqualität, die ich einfach nicht hinnehmen kann. Sorry, liebe Tiere.
Im richtigem Maße und aus den richtigen Quellen kann Fleischkonsum nicht wirklich schädlich sein. Weder für den Körper noch für die Umwelt.
Wenn man den eigenen Vegetarismus mit echten moralischen Skrupeln gegenüber dem einen Tier auf dem Teller begründet, dann finde ich das völlig richtig und in Ordnung. Alle anderen Argumente halte ich im Endeffekt für vorgeschoben - kein Mensch trägt ein reines Gewissen und es geht dabei wohl lediglich darum, es ein kleines bisschen reiner zu halten. Inwieweit es einem das wert ist, muss dann jeder selbst entscheiden.
Ich fand den Artikel - genau wie sein pro-vegetarisches Gegenstück - auf alle Fälle lesenswert.
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