DIE ZEIT: Oft ist zu lesen, dass die Geburt Ihres ersten Sohnes Sie veranlasst hat, über das Fleischessen nachzudenken. Ging es um gesunde Ernährung? Oder um mehr: Sie schreiben, Ihr Sohn habe Sie mit einer Art moralischer Scham konfrontiert...

Jonathan Safran Foer: Ja, die Frage der Gesundheit hat mich natürlich interessiert, ich wollte wissen, ob man ein Kind gefahrlos vegetarisch aufziehen kann. Das war rasch geklärt: Die vegetarische Lebensweise ist mindestens genauso gesund wie eine mit Fleischverzehr. Viel nachhaltiger beschäftigt hat mich ein anderer Aspekt von Elternschaft, nämlich was man seinen Kindern erzählt. Kinder stellen ihren Eltern viele Fragen. Wo kommt der Regen her, woher der Donner? Und Essen ist da keine Ausnahme, es steht ja im Mittelpunkt vieler gemeinsamer Handlungen. Nun finde ich nicht, dass Eltern ihren Kindern gegenüber absolut ehrlich sein müssen, Ziel ist ja vor allem, eine Umgebung zu schaffen, in der das Kind sicher aufwachsen und ein sensibler und guter Mensch werden kann. Aber bei der Fleischfrage habe ich mich unwohl gefühlt. Seit Jahren war ich immer mal Vegetarier gewesen, dann wieder nicht, ich bin da mehr so meinem Instinkt gefolgt. Als die Frage auftauchte, welche Geschichten ich meinem Kind übers Essen erzählen würde, wollte ich mich endlich richtig informieren. Das hat dann viel Zeit gebraucht.

ZEIT: Werden wirklich Fragen übers Essen gestellt? Meistens ist das Fleisch auf dem Teller doch selbstverständlich – und wird auch gar nicht unbedingt mit lebenden Tieren in Verbindung gebracht.

Foer: Warum gilt uns der Hund als etwas anderes als das Schwein? Immerhin spricht einiges dafür, dass das Schwein geistig und von der Empfindungsfähigkeit her mindestens so komplex ist wie der Hund, vermutlich komplexer. Wir ziehen die Grenzen so, wie es uns bequem erscheint. Für mich begannen die Fragen bei unserem ersten Hund – und beim Eisbären Knut. Wir verbrachten jenen Sommer in Berlin, und die Berliner waren ganz verrückt nach Knut. Diese Begeisterung stand in sonderbarem Kontrast zu dem Verhältnis, das die meisten der Zoobesucher zu anderen Tieren hatten. Die Wurst, die sie im Zoo aßen, stammte aus Massentierhaltung, so wie 99 Prozent unseres Fleisches. Auf der anderen Seite des Zoograbens war also dieses entzückende Eisbärenbaby – doch kleine Ferkel sind genauso entzückend. Wenn diese Tiere, aus denen die Würste gemacht werden, genauso nah gewesen wären, hätten die Leute Anteil genommen. Wenn man sie abstrakt fragt, ob Fleischessen in Ordnung ist, sagen die meisten Ja. Wenn man ihnen aber einen Maststall vor die Nase gesetzt hätte und sie gesehen hätten, wie die Tiere darin leben müssen, wären die allermeisten entsetzt gewesen.

ZEIT: Funktioniert das wirklich so einfach: dass man den Menschen nur den Horror zeigen muss? Auf deutschen Straßen sieht man oft Tiertransporter. Man sieht Schweine, die ihre Rüssel an die Lüftungsschlitze drücken. Die meisten Leute finden das entsetzlich! Aber dann beißen sie doch wieder in die nächste Wurst.

Foer: Es geht nicht nur darum, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Wir müssen die Art ändern, wie wir darüber reden. Bisher haben wir so darüber geredet, dass es nur eine Alternative zu geben schien: Man darf kein Fleisch mehr essen. Aber es gibt eine Menge Menschen, die sich nicht vorstellen können, Vegetarier zu werden. Und ich verstehe das. Zum Beispiel weiß ich, dass es unendlich viele hungrige Kinder auf der Welt gibt, denen man mit Spenden helfen könnte; trotzdem kaufe ich weiter überflüssige Konsumgüter, statt zu spenden. Das ist zwar scheinheilig – aber scheinheilig zu sein ist eben auch menschlich. Die Frage ist: Können wir es besser machen als bisher? Wenn alle Amerikaner nur jeweils eine Fleischmahlzeit pro Woche auslassen würden, würde das der Umwelt die Abgase von 5 Millionen Lastwagen ersparen, und ungefähr 200 Millionen Tiere weniger würden misshandelt und geschlachtet. Man muss den Menschen ermöglichen, zu sagen: Ich finde es eine Tragödie, was mit diesen Tieren geschieht. Darum esse ich donnerstags kein Fleisch.

Massentierhaltung - Leser fragen Jonathan Safran Foer

ZEIT: Aber wir reden hier übers Töten. Möglicherweise über Mord. Kann man sagen: Jeweils donnerstags morde ich nicht? Es geht um Leben und Tod.

Foer: Ja, aber im Sudan oder im Kongo geht es auch um Leben und Tod. Trotzdem kündigen die allerwenigsten ihren Job und fliegen hin, um zu helfen. Das wäre auch unrealistisch. Beim Fleischessen geht es auch nicht hauptsächlich um Leben und Tod, sondern um Quälen oder Nichtquälen. Ob wir es grundsätzlich in Ordnung finden, Fleisch zu essen, ist eine beinah hypothetische Frage angesichts der Tatsache, dass 99 Prozent unseres Fleisches aus Massentierhaltung stammen, in der die Tiere auf eine Weise dahinvegetieren, die viele von uns verwerflich finden. Wenn Sie mich also fragen, ob ich das Töten von Tieren falsch oder richtig finde, wüsste ich nicht mal genau, was antworten. Was ich aber genau weiß, ist, dass es falsch ist, was wir derzeit machen. Dass es für die Umwelt schlimm ist und für die Tiere. Dazu braucht man kein Experte zu sein, kein Tierarzt oder Philosoph oder Theologe. Man zeige einem Bürger einen dieser modernen Ställe, und er erkennt sofort: So können wir nicht weitermachen.

ZEIT: Die Menschen, die dort arbeiten, scheinen das aber nicht so zu sehen.

Foer: Da stellt sich eine Art Desensibilisierung ein, und natürlich gibt es auch ökonomische Notwendigkeiten. Trotzdem: Die stärkste Unterstützung beim Schreiben meines Buches fand ich bei den Landwirten. Die Landwirte selbst hassen dieses System. Ich habe fast keinen getroffen, der es nicht am liebsten wieder auf dieselbe Art machen würde wie sein Großvater oder gar nicht. Ich habe kaum Menschen getroffen, die von der Massentierhaltung überzeugt waren.