Argentinische DiktaturopferDu fehlst

Während der argentinischen Militärdiktatur in den siebziger und achtzigern Jahren verschwanden Zehntausende. Welchen Verlust ihre Familien und Freunde erlitten, bringt uns ein Fotoband nahe. von 

Ist das nicht ein ewiges Kinderspiel: Hier ein Bild, da ein Bild – findest du den Unterschied? Es ist etwas an diesen Fotos aus Argentinien, das Fotos sonst selten haben.

Sie pflanzen sich fort: Sie sind ganz einfach zu begreifen, bleiben im Kopf, lassen sich weitererzählen. Auch wenn man sonst nicht viel weiß über die Militärdiktatur von 1976 bis 1983. Vielleicht liegt es daran, dass die Aufnahmen dieses Spielerische haben, dieses Kindliche. Ja, es gibt einen Unterschied zwischen je zwei Bildern, es fehlt etwas. Und das, was fehlt, ist immer ein Mensch. Verschwunden.

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Ich war fünf oder sechs Jahre alt, in jedem Fall zu klein für den Informationsabend von Amnesty International in einer südwestdeutschen Universitätsstadt, Anfang der siebziger Jahre. Vielleicht dachten meine Eltern, als sie mich mitnahmen, ich würde nichts mitbekommen. Doch ich habe die Geschichten von Augenzeugen eines Militärputsches verstanden. Wie Mütter und Väter auf Lkw verladen wurden, was ihnen später Folterer antaten. Ich war vereist von den Schrecken dieses Abends, noch lange danach. Und ich habe in späteren Jahren die Geschichten schlecht vertragen, die erzählt wurden über die Schrecken der Diktaturen in Argentinien, in Chile und anderswo. Ich wusste, die Erzählungen sind wichtig, aber ich konnte nicht hinhören.

Als ich neulich an einem Küchentisch in München vor den Bildern von Gustavo Germano saß, konnte ich plötzlich hinsehen. Eine Freundin wollte ein Buch machen aus dieser Sammlung von Aufnahmen. Freunde aus Südamerika hatten sie geschickt, per Mail vom anderen Ende der Welt. Auch so pflanzen sich die Bilder fort, ohne viele Worte.

Entführt, gefoltert, aus Hubschraubern geworfen – die Schicksale der 30.000 Verschwundenen verschlagen einem den Atem. Gustavo Germano, der selbst einen Bruder verlor, erinnert an die Verschwundenen und lässt uns trotzdem Atem holen. Er zeigt die Verschwundenen, indem er die Lücken zeigt, die sie hinterlassen. Ein Foto hier, ein Foto dort. Eines aus einem Familienalbum; daneben die gleiche Szene am selben Ort, 30 Jahre später. Und Menschen fehlen.

Vielleicht pflanzen sich die Bilder auch deshalb fort. Wofür die Menschen hier verfolgt wurden, unter welchen Umständen sie verschwanden, geben die Bilder nicht preis. Sie halten eine Erinnerung wach, aber sie sind kein politisches Mahnmal. Die Bildpaare sind offen für alle, die einen Menschen verloren haben: eben noch da, jetzt schon verschwunden.

Germanos Kinderspiel mit dem Tod kann unendlich traurig machen. Aber auf stille Weise ist es auch eine Rebellion gegen den Tod. Es erzählt nicht nur von denen, die weg sind, sondern auch von denen, die noch da sind. Das Werk Verschwunden könnte die Toten nicht zeigen ohne die Überlebenden, die Lücke nicht ohne das Leben.

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    • Schlagworte Diktatur | Eltern | Erzählung | Geschichte | LKW | Sammlung
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