Bundeswehr : Abtreten, bitte!

Das Ende der Wehrpflicht war überfällig. Sparzwang und Strategie erfordern eine Berufsarmee.

Der Verteidigungsminister will eine deutsche Selbstvergewisserung beerdigen, die zur Fiktion verkommen ist: die allgemeine Wehrpflicht. Die war bei der Gründung der Bundeswehr vor 55 Jahren Staatsräson. Nie wieder "Staat im Staat"; die neue Armee musste "Spiegel der Gesellschaft" und "Kind der Demokratie" sein (Theodor Heuss). Dazu gehörten der "Bürger in Uniform" und die "Innere Führung": die absolute Vorherrschaft des Zivilen und der Verfassung.

Das Wunder geschah. Keinen Moment lang war die Bundeswehr Staat im Staat wie die Weimarer Reichswehr. Von einer separaten Außenpolitik, wie sie deren Chef Hans von Seeckt gegenüber der Sowjetunion aufzog, hat sie nicht einmal fantasiert; wie denn auch, wenn sie komplett in die Nato integriert war? Regelmäßig haben Bundeswehrgeneräle die Auflehnung geprobt; sie wurden genauso regelmäßig geschasst.

Rechte Umtriebe gab es immer wieder, aber dass sie aufgedeckt und geahndet wurden, zeugt von einem Immunsystem, das Weimar nie hatte. Nur ein "Spiegel der Gesellschaft" ist die Bundeswehr nicht geworden, was aber kaum ihre Schuld ist. Auf dem Höhepunkt der Verweigerung vor acht Jahren haben sich fast 200.000 junge Männer dem Wehrdienst entzogen – etwa vierzig Prozent eines Jahrgangs, zumeist aus den höheren Schichten. Vor 20 Jahren wurden 211.000 eingezogen, zuletzt nur 32.000. Das kann weder repräsentativ noch wehrgerecht sein.

Ein getreues Abbild der Gesellschaft haben nur Wilhelm II. und Hitler geschafft, aber zu welchem Preis? Im Zweiten Weltkrieg wurden insgesamt 18 Millionen Mann eingezogen – ein guter Querschnitt, kein nachahmenswertes Modell. Soziologisch mag die Bundeswehr die Gesellschaft nicht präzise widerspiegeln; das tut keine Berufsarmee. Aber ideologisch ist der Abstand zwischen Volk und Truppe allenfalls minimal. Deutschland ist heute so aggressiv wie ein Labrador; in die Ferne zieht es nur die Millionenheere der Touristen.

Deshalb wird der "Bürger in Uniform" auch als Berufssoldat weiterleben. Dafür sorgen sechzig Jahre mustergültige demokratische Entwicklung; dafür sorgt ein Ethos, das dem von Polizei und Feuerwehr entspricht. "Preußens Gloria", ja alles Vaterländische ist den zutiefst zivilen Bedürfnissen der Versorgung und des Fortkommens gewidmet. Grundsätzlich: Wehrpflichtarmeen sind kein Garant der Friedfertigkeit. Die blutigsten Kriege der Neuzeit – die napoleonischen, der amerikanische Bürgerkrieg, die beiden Weltkriege – wurden von Volksheeren geführt.

Seeckt und Hitler wohnen nicht mehr in deutschen Kasernen; das ist die knappe Moral von der Geschicht. Vor einem halben Jahrhundert waren die Ängste rational; heute geben sie nicht einmal ein richtiges Gespenst her. Es bleibt nur die Fiktion der Wehrpflichtarmee, die sich an zwei Zahlen festmachen lässt: knapp 250.000 Soldaten, etwas über 30.000 Grundwehrdienstleistende.

Deshalb vollzieht Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der noch vor einem Vierteljahr vehement für die Wehrpflicht plädiert hatte, einen längst überfälligen Schritt: Realität statt Kosmetik. Zum Realismus gehört auch das neue Kriegsbild. Die Zeit der Massenarmeen, der Todesmühlen von Gettysburg, Verdun und Stalingrad ist vorbei – jedenfalls in Europa. Die millionenstarke Abschreckungsarmee der Nato, die einst in der Mitte des Kontinents Wache stand, ist Vergangenheit.

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Kommentare

81 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren

Ja, die kleinen feinen Unterschiede…

[...]
Außer der medialen Schönfärberei ändert sich ja nichts an den Tatsachen die man mit einem Wort umreißen kann: „Sterben"! Deshalb sollte man mal den ganzen Schnickschnack weglassen und tatsächlich auf Freiwillige zurückgreifen, die sich bewusst für dieses Leben, etwas näher am Tod entscheiden.

Noch etwas detaillierter wird dies deutlich wenn man sich die neue, moderne Kriegsführung ein wenig vor Augen hält. http://qpress.de/2010/07/...

Würden die Medien (ist ja alles zensiert heute), die Bilder der Schlachtungen vor Ort mit Blut und in Farbe senden, dann würde es allerdings auch recht bald keine Freiwilligen mehr geben. Solange wir diesen Akt aber noch zum Heldentum hochstilisieren können und genügend Leute finden, die die Märchen glauben, wird sich wohl auch daran nicht ändern.

Also nochmal … Freiwillige vor …

Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf zynische Bemerkungen. Die Redaktion/cs

auch wenn

viel zensiert wurde, ein wahrer Kern ist an der Aussage dennoch dran.

Ein Mensch mit der Fähigkeit, sich das Grauen eines Krieges vorzustellen, würde niemals Soldat werden, wenn nicht seine eigene Nation bedroht wäre.

Ein derartiger Mensch würde niemals freiwillig sein Leben "aus beruflichen Gründen" opfern.

Ich glaube, 99% der Soldaten der Weltkriege würden jeden zivilen Job gegen den Krieg tauschen.

Wehrdienstleistende wurden nie in den Einsatz gezwungen

Es wurden nie Wehrpflichtige zu "morden" gezwungen.
Wehrpflichtige durften höchstens mit ihrem Einverständnis in die Krisenregionen verlegt werden und selbst dabei nur jene, die mehr als die Grundwehrzeit dienten.
Und bevor immer gegen den Afghanistan Einsatz gewettert wird, überdenken sie mal folgendes Szenario:
Man nehme mal an, Angehörige von ihnen werden von Terroristen getötet. Die Planer der Anschläge sind bekannt und lokalisiert, allerdings der örtliche Staat weigert sich trotz mehrfacher Aufforderung diese Auszuliefern. Würden Sie dann sagen: "Na und, mein Kind (oder so) ist tot aber an die Täter kommt man mit netten Briefen nicht ran, da kann man nichts machen. Also mache ich einfach normal weiter, so wichtig ist mir die Sache ja auch nicht."

Niemand wird zum Töten gezwungen,

insbesondere kein Wehrpflichtiger.
Sind alles Zeit - oder Berufssoldaten.

Niemand muß heutzutage in dieser Situation in den Krieg, es sei denn, der Verteidigungsfall wird ausgerufen, dann kann es jeden treffen.

Lest doch mal die Gesetze, steht alles im Internet.

www.gesetze-im-internet.de

Stehen Sie dann in dieser Situation dem Feind gegenüber, lassen Sie sich natürlich nicht zum Töten zwingen, auch nicht bei Strafe des eigenen Untergangs?

Sie Scheinheiliger!

Abbau

mit dem Abbau der Streitkräfte wird die Sicherheit Deutschlands nicht mehr in dem Maße gewährleistet, wie zuvor.

Das hat nichts mit "millionenstarken Abschreckungsarmeen" zu tun, sondern mit schlichter militärischer Verteidungsbereitschaft.

In einer so friedlichen Welt leben wir noch nicht, dass wir keine starke Bundeswehr mehr brauchen.

Man sollte bei dieser "Abbauorgie" nicht vergessen, dass die Sicherheitslage umschlagen KANN. Und da ist es mir lieber, wenn ein paar Euro monatlich mehr geopfert werden, anstatt unserer Sicherheit.

Außerdem hat dieser Umbau ein gewisses "Geschmäckle". Es wirkt fast so, als könne Gutenberg den Umbau garnicht erwarten um endlich in alle Welt zu ziehen und den Frieden zu bringen...

Ich finde es absolut falsch, am System der Bundeswehr etwas grundlegend zu ändern. Mit dem Wehrdienst gab es immer einen stetigen Wechsel und dadurch eine Rückbindung in die zivile Gesellschaft. Bei einer Berufsarmee fällt das alles weg.

Natürlich müssen die Streitkräfte im Ausland besseres Material bekommen, aber das sollte auch mit einer klassischen Bundeswehr funktionieren.

wer angreifen könnte...

Politische Bündnisse können sich immer ändern. Klar - eine momentane Gefahrenlage gibt es direkt nicht. Aber wer garantiert denn, dass sich in 20 Jahren noch alles so friedlich verhält, wie es momentan der Fall ist.

Denkbar wäre z.B. der Zusammenbruch der Euro-Zone. Oder andere Situationen, in denen jeder auf sich gestellt wäre (Knappheit von Ressourcen usw.).

Manche tun gerade so, als hätte es niemals Krieg gegeben. Wir können froh sein, dass die Situation ist wie sie ist, aber ob es in Zukunft auch immer friedlich ist, kann doch niemand sagen. Tendenziell ist die Gefahr für ein Land dann hoch, wenn es keine richtige Verteidigungsarmee mehr hat und andere Länder unzufriedener werden...

Und wenn keine Gefahrensituation eintritt, dann können wir halt froh sein, dass nichts passiert ist.

@15 der

Sinn einer stehenen Armee ist ja nicht nur durch die modernen Waffen bedingt sondern gerade (und das hat sich seit der Einführung nicht verändert) die allzeitige Bereitstellung von geschulten Fachkräften um nicht im Ernstfall erst eine Struktur aufzubauen und diese dann anfangen auszubilden und auszurüsten...

dabei definiere ich als Ernstfall nicht, das eine gegnerische Armee unsere grenzen überschreitet, sondern das jemand auftaucht der uns angreifen will/eine realistische Angriffsgefahr besteht - aber an dem Punkt ist es - insbesondere bei heutiger Milittechnik - wohl schon zu spät mit dem Aufbau zu beginnen...

genau darum ist es vollkommen egal, jetzt nach einem Gegner zu suchen - eine Armee dient einzig allein dazu, Leute in der Zukunft davon abzuhalten, dass sie auch nur daran zu denken bei uns einzufallen - und wenn das die nächsten 1-2 Jahrhunderte funktioniert, hat sie m.M.n. ihren Dienst gut getan!
und an diesem Zeitpunkt ist die Welt vllt soweit, dass man über eine Abschaffung der Armeen nachdenken kann - vllt klappts auch auch früher - ich will ja kein Pessimist sein.

@66 das berücksichtige

ich dahingehend, dass potentielle Konfliktpartei höchstwahrscheinlich bereits über eine Armee verfügen, die dann entsprechend hochgerüstet würde - was natürlich nicht leicht ist und Zeit und Geld beansprucht...

aber das ist nichts im Gegensatz dazu, wenn man eine komplett neue Armee aufstellen müsste, zu einem Zeitpunkt wo wahrscheinlich keiner mehr wüsste wie man das macht bzw. taktisches Know How völlig fehlt - zudem braucht man komplett neues Equipment, mit dem sich dann Leute, die gar keine Ahnung von militär. Gerät haben, erstmal eingewöhnen müssen...

ganz abgesehen davon, dass die Rüstungsindustrie in unseren Breiten wohl nicht mehr existent wäre

ist eh ne sehr theoretische Frage, aber wenn man die einzelnen Punkte betrachtet, ist es ein Ding der Unmöglichkeit eine in Summe funktionierende Armee innerhalb von einigen wenigen Jahren aufzubauen - und je weiter sich die Militärtechnik entwickelt, desto schwerer wird es das aufzuholen ...

Sehr geehrter Spassmagnet:

Die Entwicklung eines neutralen Staates, zu einer mögl. Konfliktpartei geschieht in der Regel nicht von heute auf morgen, sondern in einer längeren Zeitspanne. Daher hätten wir immer noch eine Reaktionszeit.

Des Weiteren redet niemand davon die Bundeswehr komplett abzuschaffen, es geht jediglich um eine Verkleinerung.
Um auf ihre sicherlich nicht völlig unberechtigten bedenken zu reagieren, könnte man in dieser "neuen" Bundeswehr, ein Verhältnis von möglichst vielen Offizieren zu möglichst wenig Soldaten schaffen. Dies würde ein schnelles Vergrössern der Armee ermöglichen. (hat zumindest mit der Wehrmacht vor dem 2.WK funktioniert)

Zu ihren Bedenken bezügl. der Rüstungsindustrie lässt sich sagen, dass Deutschland erstens in der Rüstungtechnologie führend ist und daher zweitens auch drittgrößter Waffenexporteur weltweit.(die Rheinmetall 120-mm-Glattrohrkanone ist beispielsweise in fast jedem modernen, westlichen Kampfpanzer zu finden)

Daher ist sowohl ein "Absterben" der deutschen Rüstungsindustrie als auch ein technisches Zurückbleiben recht unwahrscheinlich.

@ Gengerke

meinten sie nicht eher , dass die sioch freiwillig zum streben melden?

tatsache ist , das ein berufsherr weni©er anfaellig ist gegen gesellschaftlichen konsens. eine reine soldnertruppe vertritt die macht auch gegen die bevölkeruing , denn sie ist nicht ein heer der bevölkerung.

Die Bundeswehr

wirkte zwar auf den ersten Blick oft etwas Rückständig, aber ist diese Rückständigkeit nicht der größte Garant für Frieden? Eine Armee ist doch immer dann "am besten", wenn sie irgendwie mitläuft und nicht mehr richtig ernst genommen wird (aus militärischer Sicht).

Aber wenn Deutschland wieder eine stark modernisierte Spezialtruppe hat, das passt nicht mehr zur Nation, von deren Boden aus nie wieder ein Angriffskrieg gestartet werden sollte...

Der Schritt, diese nette "kleine" Truppe einzusetzen ist doch nicht wenig attraktiv, schließlich möchte ein zu Gutenberg ja auch mithalten...

Daher sollte die Ausrichtung nach wie vor lauten: gute Verteidigung, ja - leichter Angriff -nein.

Das mag zwar theoretisch sein

In der Praxis zählt dieses Argument, wenn es um eine Umwandlung der BW zur reinen Berufsarmee geht, jedoch nicht.
Es wurden und werden nur Zeit- und Berufssoldaten in den Einsatz geschickt. Wenn morgen die Wehrpflicht abgeschafft werden würde, dann wären auch in den nächsten 5 Jahren weiterhin überwiegend die gleichen Soldaten im Einsatz, die heute schon Dienst leisten. Nach und nach käme der Nachwuchs zum Tragen. Also keine Änderung.

Ach du meine Güte, schauen Sie sich mal in der Welt um

Die Zeiten zu denen "die Deutschen" einen Weltkrieg o.ä. erneut vom Zaun brechen könnten sind schon lange vorbei. Das Land ist in Stagnation und Schrumpfung, während die Welt heute 2 Milliarden mehr Einwohner hat als noch 1980 (nicht ewig her). Deutschland ist halt einfach eine marginalisierte europäische Mittelmacht, das dürfen sich jene die immer meinen am deutschen Wesen könne die Welt genesen (und enttäuscht sind wenn unsere Kanzlerin es nicht schafft die Chinesen zu Klimafreunden zu "läutern") ebenso endlich hinter die Ohren schreiben wie die ewigen Mahner und Warner. Der 2. Weltkrieg ist seit 65 Jahren vorbei, eine Lebensspanne. Und hier geht es um die kommenden 65 Jahre. Denn eine Armee kann nicht mal eben binnen weniger Jahre aufgebaut oder umgebaut werden.

Ist das Know-How und das qualifizierte Personal erstmal abgebaut, Kasernen geschlossen, das Material veraltet, dann ist es im Verteidigungsfall hoffnungslos das wieder aufzubauen. Selbst mit langem Vorlauf, also wenn sich beispielsweise die Territorialansprüche Chinas an Taiwan weiter anheizen und die Welt in einen militärischen Konflikt ziehen, dass die Nordkoreaner die Nerven verlieren steht immer zu befürchten, wer weiss wer als nächstes Pakistan regiert und damit Atombonben kontrolliert...die Lage ist unberechenbar und wenn sich in zB 10 Jahren heute ungeahnte Konflikte entwickeln und da hilft auch keine NATO wenn alle Natostaaten an ihrer Armee sparen (auch die USA werden hier demnächst massiv einsparen).