Aber auch in anderen europäischen Ländern gerieten die Flüge immer wieder in die Schlagzeilen. Also suchte man nach einem neuen, vor allem aber kostengünstigeren System, das man im Modell Sammelabschiebung fand. Ausgewiesene Immigranten wurden nun aus den EU-Staaten zu einem Flughafen transferiert, um sie von dort aus in ihre Herkunftsländer zu verfrachten. Vor zwei Jahren begann man, diese Charterflieger innerhalb der Schengen-Zone auszuschreiben und die Kosten über die Grenzschutzagentur Frontex mit Sitz in Warschau abzuwickeln. Seitdem boomen die sogenannten Joint Return Flights: Waren es im ersten Jahr 15 Charter, zählte man 2009 bereits 31 Flüge, 2010 verließen allein im ersten Halbjahr 27 Abschiebe-Flieger den Schengen-Raum.

Einer von ihnen macht sich an diesem Sommertag auf der Piste in Schwechat zum Start bereit. Die Gurte sind festgezurrt, die Maschine beschleunigt und hebt in Richtung Süden ab. Zwei Stunden später beginnt bereits der Sinkflug. In Athen ist ein Zwischenstopp eingeplant. 14 Schubhäftlinge und doppelt so viele Sicherheitskräfte steigen zu. Mit 43 Afrikanern, 111 europäischen Polizisten und vier weiteren Begleitern an Bord startet die Maschine nun in Richtung der nigerianischen Hauptstadt Lagos. Alles läuft wunschgemäß auf diesem Flug, der – wie so oft – von Österreich aus organisiert wurde. Was Wunder, spart doch die Republik viel Geld. "Die EU zahlt. Da wären wir ja schön ungeschickt, wenn wir das selbst machen würden", begründete Innenministerin Fekter zu Beginn des Jahres das Engagement. Kraft Zahlen mag das stimmen. Schließlich darf jenes Land, das den Sammelflug organisiert, die Hälfte der Sitzplätze besetzen, ohne dafür auch nur einen Cent zu bezahlen. Maschine, Pilot, Start- und Landegebühren – Frontex zahlt alles. Nur die Gehälter der Begleitbeamten belasten das Budget. Wie viel sich der Staat 2009 erspart hat, zeigt ein Blick auf die Kosten: 2007 schlug eine zwangsweise Rückführung mit 3555 Euro zu Buche, zwei Jahre darauf waren es nur noch 528 Euro.

Diese Sparvariante steht prinzipiell auch anderen Schengen-Staaten offen. Warum nützt sie kein anderes Land so eifrig wie Österreich? Ein Grund ist wohl, dass Frontex für die Flüge nur ein begrenztes Budget hat und nicht alle, die eine Abschiebung per Flugzeug durchführen wollen, auch von Warschau grünes Licht bekommen. Österreich, das schon beim ersten Frontex-Flug die Leitung übernahm, gilt hingegen als besonders erfahrener Partner, der bei der Vergabe der Flüge gern bevorzugt wird. Verlässlichkeit scheint jedoch nicht das einzige Kriterium zu sein. "Österreich ist in keinem Bereich der EU so engagiert wie bei Frontex", weiß ein mit der Organisation der Abschiebungen betrauter Beamter. Immerhin acht Österreicher arbeiten in der von polnischen Mitarbeitern dominierten Warschauer Zentrale, der Chef des Verwaltungsrates ist der Österreicher Robert Strondl.

Dass das Innenministerium gern als Reisebüro für Abschiebungen aus Europa engagiert wird, liegt nicht zuletzt daran, dass Österreich damit wirbt, ein Vorzeigeland für "humanitäre Standards auf Abschiebeflügen" zu sein. Tatsächlich ist bei jedem Charterflug ein Arzt an Bord, die Beamten müssen sich regelmäßig schulen lassen, auch ein Beobachter fliegt mit. Allesamt Verbesserungen, die der nach dem Tod von Marcus Omofuma im Innenministerium installierte Menschenrechtsbeirat durchgesetzt hat. Zumindest dem Buchstaben nach. Im Beirat stößt man sich daran, dass die Beobachter vom Verein Menschenrechte Österreich gestellt werden, einer Organisation, die vom Innenministerium finanziert wird. Den Vorwurf der fehlenden Unabhängigkeit will man sich dort naturgemäß nicht gefallen lassen. Im Ministerium kann man sich hingegen vorstellen, dass das österreichische Modell EU-weit Schule macht. "Darauf sind wir stolz", betont Christian Schmalzl, Leiter der fremdenpolizeilichen Abteilung.

An den Sammelabschiebungen schätzt die Polizei vor allem die stille Abwicklung abseits der Urlauberströme, aber auch die besseren Überwachungsmöglichkeiten. Auf den weiterhin gebuchten Linienflügen, bei denen vier Polizisten zwei Personen begleiten, könnte lautstarker Widerstand der "Schüblinge" zu Protesten der Passagiere führen. Im Charterflieger hingegen passen 40 Beamte auf 20 Menschen auf. "Falls da zwei Leute ein bisserl renitenter sind, dann sollten 40 Leute schon ausreichen", lobt Fremdenpolizist Schmalzl die neue Effizienz seiner Leute.