Anatolien im Film Ein Wald für sichSeite 4/4

Während der Rückfahrt zur Herberge sagt Idris Duman: »Wie schön wäre es, wenn die Kinder im Tal blieben.« Er träumt von einem maßvollen Tourismus, der die Region beleben soll. Tatsächlich ist das Kaçkar-Gebirge mit seinen Almen, Bergpässen, Gletscherseen, Flussläufen und Hochdörfern touristisch kaum erschlossen. »In den Häusern der Väter und Großväter kann man wunderbar wohnen«, sagt Duman. »Die Regierung müsste den Rückzug fördern!« Aber welche Familie will heute noch wie in Bal leben, mit Holzofen, Kühen und Hühnerstall? Und so sehr Semih Kaplanoğlu diese Landschaft in seiner Kindheitsparabel feiert, geht er doch nicht so weit, eine verschwindende Lebensweise zu verklären. Bal offenbart sich durchaus als fragiles, von vornherein bedrohtes Sehnsuchtsbild.

»Man kann die Häuser auch an Touristen vermieten«, sagt Duman. »Man kann sie modernisieren, reparieren. Wir sollten das Erbe erhalten!« Das Gegenteil seiner Vision findet ein Tal weiter im nahe gelegenen Ayder statt. Bis vor Kurzem war der Ort noch eine verschlafene Alm mit Thermalquellen. Jetzt wird Ayder von türkischen Ausflugsbussen überrollt, deren Passagiere einen kurzen Blick auf die alpine Idylle werfen. Schneller Besuch und schnelles Geld. In Ayder wurde und wird unkontrolliert gebaut, ohne auf Straßenanschlüsse und Abwasserentsorgung zu achten. »Ayder ist eine Katastrophe«, sagt Idris Duman.

Das Frtna-Tal schlitterte vor ein paar Jahren nur knapp an einer anderen Katastrophe vorbei. Durch ein geplantes Staudammprojekt wäre die einmalig schöne Landschaft beinahe zerstört worden. Zum Glück gelang es einer Bürgerbewegung, das Projekt zu stoppen. Vorerst.

»Der Plan war dumm, dumm, dumm«, sagt Duman. Man merkt, wie sehr ihm die Empörung noch in den Knochen steckt. »Der Mensch braucht das Land, die Erde, die Natur. Alles andere kann man kaufen. Man kann auch Elektrizität kaufen oder in kleineren lokalen Anlagen produzieren. Aber diese Natur hier, die kann man nicht kaufen. Also muss sie bewahrt werden!« Das versucht Idris Duman. Genauso wie die junge Özlem Erol, die in Çamlhemşin das Café Mòyy mit Gästezimmern eröffnet hat. Es wirkt wie eine kleine Lounge-Oase im Frtna-Tal. Neben gutem Kaffee, Wodkacocktails und Beerenlikören gibt es hier ökologische Produkte aus der Umgebung. Irgendwann habe sie es in Ankara nicht mehr ausgehalten, sagt Erol, während sie hinter der Theke einen Kuchen mit Obst belegt. »Ich brauche die Stille, den Fluss.« Sie ist mit Bauern und Bergführern vernetzt, die sich für einen schonenden Tourismus einsetzen. Idris Duman sei ein guter Freund von ihr, sagt sie. Aber er sei zu allein. Er brauche junge Leute um sich, die denken wie er.

Was wird diese jungen Leute erwarten? Und wie übersteht man die langen, schneereichen Winter des Kaçkar-Gebirges? Während der kalten Monate arbeitet Özlem Erol als Modedesignerin in Istanbul. Im Sommer kehrt sie in die Landschaft ihrer Jugend zurück. Auch Dumans Hotel ist im Winter geschlossen. Er selbst lebt dann in Ankara und Istanbul.

Schon merkwürdig. Man folgt einem Film an einen Ort, der genauso und doch ganz anders ist. Man entdeckt eine Natur, die sich nahtlos mit den Kinobildern verbindet, und die Spuren einer Lebensform, die fast verschwunden ist. Über allem schwebt der kleine Yusuf auf seinem Schulweg, in der Zeitlosigkeit des Filmbildes. Und irgendwo dazwischen sitzt Idris Duman auf seiner Veranda, in der Abenddämmerung am tosenden Fluss. Duman der einst wie Yusuf war und heute auf die Jugend von morgen wartet. Man wünscht ihm sehr, dass er sie noch kommen sieht.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Danke

    Danke für den Artikel! Sie haben bei der Planung für ein Urlaubsziel nächstes Jahr geholfen!

  2. 2. Danke

    für den Artikel! Sie haben für die Planung meines nächsten Kinobesuches mitgeholfen, falls mir bis dahin eine Kinobesuchs-Sponsorin über den Weg laufen sollte. Vielleicht meine Mami (was unwahrscheinlich ist) - wer weiß ?

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