Vor fünf Jahren rebellierten die Einwohner der Banlieues, wie hier in Toulouse © Jean-Loup Gautreau/AFP/Getty Images

Die Verhöhnung beginnt damit, dass die Betonsiedlung Les Bosquets heißt. Anstelle von »Wäldchen« sind heruntergekommene Häuserfronten zu sehen, Graffiti wie »Fuck Police« oder auch, bedrohlicher, »Mourad balance«, was so viel heißt wie »Mourad ist ein Polizeispitzel«. Antennenschüsseln überall, für die arabischen Sender. Der verkokelte Betonklotz unter dem gelben Postschild war einmal ein Geldautomat. Ein Abschleppwagen fährt die Rue Utrillo hinab, er transportiert ein ausgebranntes Auto. Zwei Frauen im Hidschab gehen einkaufen.

Hier und in den anderen »heißen Quartieren« des nördlich von Paris gelegenen Departements Seine-Saint-Denis brachen vor fünf Jahren die Krawalle aus, die auf andere Städte übergriffen, 22 Tage dauerten und teilweise Aufstandscharakter annahmen. Die Siedlung Les Bosquets gehört zu Montfermeil, einer der 751 als zones urbaines sensibles eingestuften Gemeinden, die überwiegend im Umland der Großstädte liegen, den sogenannten Banlieues. In ihnen leben 4,4 Millionen Menschen.

Dort will Nicolas Sarkozy seinen »Krieg gegen das Verbrechen« führen, den er kürzlich ausgerufen hat. Frankreichs Präsident ist es auf diese Weise gelungen, von der Skandalwelle abzulenken, die seine Regierung unterspült. Stattdessen debattiert die Nation über kriminelle Einwanderer und das Vorhaben, Straftätern ausländischer Herkunft die französische Staatsbürgerschaft zu entziehen. Damit gäbe es zwei Klassen von Staatsbürgern. Die Rechtsextremen applaudieren schon.

Wer Siedlungen wie Les Bosquets besucht, bekommt ihre Gewalttätigkeit nicht unbedingt zu Gesicht. Manche Einwohner wagen sich zum Beispiel nur selten ins Treppenhaus, weil ganze Etagen von bewaffneten Rauschgifthändlern besetzt gehalten werden – den Aufzug können sie nicht nehmen, denn der ist kaputt. Andere werden terrorisiert, weil sie ihre Wohnung nicht als Drogenversteck zur Verfügung stellen. Oder weil sie eine Gewalttat junger Männer angezeigt haben. Oder sie verkriechen sich, weil sie Alkoholiker sind und die Untersten der Unterschicht; sie werden bedroht, gejagt, angegriffen. Das sind die cas socs, die »Sozialfälle«.

In Les Bosquets schleppen sie sich allenfalls am Vormittag an jenen öden Ort am Rand der Betonklötze, der wohl einmal ein Platz werden sollte. Ein Zusammentreffen von Straßen, versehen mit einem abrissreifen Supermarkt und einer Halal-Schlachterei. Am frühen Nachmittag belebt sich das Bild, die Jugend findet sich ein. Muntere Stimmung, doch ist es angeraten, die Straßenseite zu wechseln, wenn sich eine Gruppe nähert, die Kapuzen oder Baseballkappen trägt. Und irgendwann ist es besser, sich davonzumachen. Wenn kein Älterer mehr zu sehen ist. Wenn das bizness beginnt, der Drogenhandel. Wenn auf dem einen oder anderen Dach ein Späher Posten bezieht. Wenn unversehens ein BMW X6 um die Ecke lärmt.

Und wenn das Jugendzentrum zusperrt. Das ist ein stacheldrahtbewehrter Bunker und wird von einem Polizisten in Sportuniform geleitet. Pierre Wadoux ist in diesem Viertel schon Kindern begegnet, die sich bis nach Mitternacht auf der Straße herumtreiben; »darunter sind Achtjährige, die auf die kleinen Geschwister aufpassen«, sagt er.

Auf die Jugendlichen passt keiner mehr auf. Luc Bronner, Journalist der Tageszeitung Le Monde und bestens in den einschlägigen Gegenden vernetzt, berichtet: »Sie finden in diesen Siedlungen kaum einen Jugendlichen, der nicht von einem nahen Verwandten, einem Nachbarjungen, einem Schulkameraden erzählen kann, der gewaltsam ums Leben kam.« Nach einer Verfolgungsjagd mit der Polizei, einer Schießerei, einem Raub.