Frankreichs Vorstädte Der Hass der VergessenenSeite 4/4

In dieser Welt ist der Staat nur sporadisch präsent, etwa wenn der Präsident zum Fototermin anrückt. Die »Nachbarschaftspolizei«, deren Beamte meist im Viertel wohnten und zugleich Sozialarbeiter waren, ist längst abgeschafft; der Innenminister, der 2003 damit begann, hieß Nicolas Sarkozy. Zurzeit werden zwar wieder Einheiten aus pensionierten Polizisten aufgestellt, die Verbindungen mit den Banlieusards aufnehmen sollen, aber das Vertrauen ist zerrüttet. Außerdem fehlt es an Personal. Der Tourist, der auf den Champs-Élysées und vor den prächtigen Gebäuden der Staatsmacht staunenswert viele Polizisten erblickt, sieht nur einen Teil der Wirklichkeit. Der andere sieht so aus: Es gibt Zonen am Rand der französischen Städte, in denen der Staat seine bedrängten Bürger allein lässt.

Ach ja, und dann gibt es noch die Schule oder das, was von ihr übrig geblieben ist. In den Cités ist ein Fünftel der Schüler aus der Sekundarstufe auf der Straße anstatt im Lycée. Manch eine Schulklasse spricht mehrheitlich kein Französisch. Die Lehrer haben alle Mühe zu verhindern, dass Unterrichtsstunden im Chaos enden. Sensible Themen wie Israel, Religion oder Empfängnisverhütung umgehen viele lieber gleich. Banlieues sind Zonen der Unbildung. Und der Arbeitslosigkeit. Ein Fünftel der arbeitsfähigen Bevölkerung ist ohne jeden Job, unter den Jugendlichen gar mehr als die Hälfte. Ein Drittel der Bewohner hat ein Einkommen unterhalb der Armutsgrenze von 903 Euro, unter den Jugendlichen bis 25 Jahren ist es wieder die Hälfte. Wenigstens bietet ihnen die illegale Ökonomie einen Ausweg. Sie geben der Familie etwas Geld ab – das oft in den Taschen von Miethaien verschwindet; etliche der ehemaligen Sozialbauten sind privatisiert worden. Manch eine Familie ohne Papiere, und davon gibt es viele, lebt in Frankreich wie in der Dritten Welt, aus der sie stammt.

Der Plan Espoir Banlieues, der regierungsamtliche »Hoffnungsplan«, der Arbeit, Bildung und anständigen Wohnraum versprach, ist mangels Finanzierung auf dem Papier geblieben – was auch Fadela Amara zugeben musste, die zuständige Ministerin, selbst aus einer Immigrantenfamilie stammend. Lediglich die polizeitaktisch motivierten Umbauten der Gebäude werden plangemäß verwirklicht: Dächer, auf denen sich niemand mehr postieren kann, Innenhöfe ohne tote Winkel.

Acht Jahre ist es her, dass der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy versprach, aus den Cités lebenswerte, ordentliche Orte zu machen. Damit gewann er proletarische Wähler, vor allem aus den benachbarten Pavillonvierteln. Doch seither hat sich die Situation nur verschlimmert. Denn der Staat bekämpft weder die Ursachen noch die Symptome. Und wer will glauben, dass der Entzug des französischen Passes gegen die Aggressivität hilft, mit denen die Cités aufgeladen sind?

Bürgermeister der Pariser Banlieues haben in einem offenen Brief gewarnt, dass sich Aufstände wie 2005 wiederholen könnten. »Damals konnte der Staat die Gewalt eindämmen«, kommentiert der ehemalige Polizist Merchat. »Heute wäre ich mir nicht mehr so sicher.«

 
Leser-Kommentare
  1. Gero von Randow schreibt:

    "Unter den männlichen Jugendlichen grassiert ein Kult des bösen, gefährlichen Aussehens, und den höchsten Status hat jemand, von dem es heißt, er sei »verrückt und zu allem fähig«."

    Dem Historiker ist das vertraut. Als die Ostgoten unter ihrem König Theoderich dem Großen Italien erobert hatten und beherrschten, wollten sie sich nicht an die Römer assimilieren, weil sie Angst hatten, sich mit deren Dekadenz anzustecken und ihre Männlichkeit, die ihr Ideal war, einzubüßen. Stattdessen bildeten sie eine Parallelgesellschaft, die unter anderem für die militärische Verteidigung der Heimat zuständig war. Soweit die Parallelen. Jetzt zu den Unterschieden. Als Krieger wurde der Gote gebraucht, weil damals ständig Kriege herrschten - das war gut für sein Selbstwertgefühl, so konnte er sein männliches Ideal leben. Heute im zivilisierten Frankreich hat man für das männliche Draufgängertum dieser Einwanderer, von denen Herr Randow spricht, keine Verwendung. Das ist eine Kränkung, die Hass erzeugt.

  2. Provozieren, Ausgrenzen, Angst schüren, um einen Zustand der ständigen Unsicherheit beim Wahlvolk zu erzeugen, allein um Stimmen einzufangen, dies ist die verantwortungslose Politik von Präsident Sarkozy.

    Es ist ein äußerst gefährliches Spiel mit dem Feuer. Ein Trauerspiel.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die traurige Situationsbeschreibung des Alltags in den französischen Großstädten - dorthin treibt es die meisten Zuwanderer - haben Sie anscheinend übersehen. Kapitalverbrechen, Drogenkriminalität, Rassismus, Diskriminierung, offener feindseliger Antisemitismus - bei Jugendlichen und Heranwachsenden! - ist das kein Grund zum Einschreiten? Viele Kinder wollen nicht mehr in die Schule - sie haben andere Vorbilder. Die Brüder und cousins in großen Schlitten - solllen sie da in die Schule gehen und lernen, wie man einer wird, der für ein kleines Auto arbeiten gehen muss um es abzustottern?
    Es herrschen in Frankreich an vielen Orten rechtsleere Räume. Nicht dort, wo die "Altfranzosen" leben, dort kan man sich noch unbehelligt bewegen, auch als Frau in legerer Kleidung, auch als Mitbürger jüdischen Glaubens auch mit Kipa. Dort können jüdische Familien ihre Kinder auch noch ohne Angst in die Schule schicken. Dort kann sich Polizei noch zeigen ohne angegriffen zu werden.
    In Fußballstadien wird zur französischen Hymne "nique La France" skandiert und die französische Fahne verbrannt - toll. Hat nichts mit Rassismus zu tun, auch nicht mit Volksverhetzung, nein - einfach ein Ausdruck von Lebensfreude und Brüderlichkeit.

    Wunderbare authentische Beispiele für die kulturelle Bereicherung in Europa die dazu führen, dass Politik nach geeigneten Schritten sucht um Herr der Lage zu werden
    in Frankreich geht man gegen die Auswüchse und die kriminelle Gewalt vor
    in Deutschland ruft man nach einer Mediencharta um die realen Bilder fernzuhalten und schöne Worte zu schönen deutschen Aktionen für die Integration zu formulieren und gemeinsam niederzuschreiben - eine Integration, die gerade dort nicht angenommen wird, von wo es gewalttätig in die Gesellschaft drängt. Hauptsache, man schreibt einheitlich, uniform und schön.
    DAS soll helfen, eine Entwicklung aufzuhalten die bereits lange im Fluss ist und deren unselige Entwicklung immer schneller um sich greift. Voila, dann viel Spaß.

    Die traurige Situationsbeschreibung des Alltags in den französischen Großstädten - dorthin treibt es die meisten Zuwanderer - haben Sie anscheinend übersehen. Kapitalverbrechen, Drogenkriminalität, Rassismus, Diskriminierung, offener feindseliger Antisemitismus - bei Jugendlichen und Heranwachsenden! - ist das kein Grund zum Einschreiten? Viele Kinder wollen nicht mehr in die Schule - sie haben andere Vorbilder. Die Brüder und cousins in großen Schlitten - solllen sie da in die Schule gehen und lernen, wie man einer wird, der für ein kleines Auto arbeiten gehen muss um es abzustottern?
    Es herrschen in Frankreich an vielen Orten rechtsleere Räume. Nicht dort, wo die "Altfranzosen" leben, dort kan man sich noch unbehelligt bewegen, auch als Frau in legerer Kleidung, auch als Mitbürger jüdischen Glaubens auch mit Kipa. Dort können jüdische Familien ihre Kinder auch noch ohne Angst in die Schule schicken. Dort kann sich Polizei noch zeigen ohne angegriffen zu werden.
    In Fußballstadien wird zur französischen Hymne "nique La France" skandiert und die französische Fahne verbrannt - toll. Hat nichts mit Rassismus zu tun, auch nicht mit Volksverhetzung, nein - einfach ein Ausdruck von Lebensfreude und Brüderlichkeit.

    Wunderbare authentische Beispiele für die kulturelle Bereicherung in Europa die dazu führen, dass Politik nach geeigneten Schritten sucht um Herr der Lage zu werden
    in Frankreich geht man gegen die Auswüchse und die kriminelle Gewalt vor
    in Deutschland ruft man nach einer Mediencharta um die realen Bilder fernzuhalten und schöne Worte zu schönen deutschen Aktionen für die Integration zu formulieren und gemeinsam niederzuschreiben - eine Integration, die gerade dort nicht angenommen wird, von wo es gewalttätig in die Gesellschaft drängt. Hauptsache, man schreibt einheitlich, uniform und schön.
    DAS soll helfen, eine Entwicklung aufzuhalten die bereits lange im Fluss ist und deren unselige Entwicklung immer schneller um sich greift. Voila, dann viel Spaß.

  3. Die Unruhen in den Vorstädten von Paris sind nur der Anfang und sie werden die Multi-Kulti-Illusionen unserer Generation endgültig begraben.

  4. ist wohl noch nicht in Sicht. Es ist ein Fehler, immer Integration zu fordern und dies mit Assimilation gleichzusetzen. Sarkozy wählt den vermeintlich einfacheren Weg, die Abschiebung. Fatal.

  5. Gelöscht, bitte verzichten Sie auf hetzerische Stimmungsmache. Vielen Dank. /Die Redaktion pt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • macey
    • 20.08.2010 um 9:18 Uhr

    Nicht nur die Massenzuwanderung nach Europa war ein großer Fehler, sondern der heutige Umgang mit ihren schwerwiegenden Folgen ist fragwürdig und meist von völliger Ignoranz geprägt. Das Verdrängen der Probleme lässt sowohl in Frankreich wie auch in Deutschland das Fass überlaufen.

    • macey
    • 20.08.2010 um 9:18 Uhr

    Nicht nur die Massenzuwanderung nach Europa war ein großer Fehler, sondern der heutige Umgang mit ihren schwerwiegenden Folgen ist fragwürdig und meist von völliger Ignoranz geprägt. Das Verdrängen der Probleme lässt sowohl in Frankreich wie auch in Deutschland das Fass überlaufen.

    • macey
    • 20.08.2010 um 9:18 Uhr

    Nicht nur die Massenzuwanderung nach Europa war ein großer Fehler, sondern der heutige Umgang mit ihren schwerwiegenden Folgen ist fragwürdig und meist von völliger Ignoranz geprägt. Das Verdrängen der Probleme lässt sowohl in Frankreich wie auch in Deutschland das Fass überlaufen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Und wissen nicht, dass die "Massenzuwanderung" von Menschen - nochmals MENSCHEN (also vermutlich so wie sie auch) - absolut notwendig war für unseren wirtschaftlichen Aufstieg.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich und verzichten Sie auf Provokationen. Die Redaktion/cs

    Und wissen nicht, dass die "Massenzuwanderung" von Menschen - nochmals MENSCHEN (also vermutlich so wie sie auch) - absolut notwendig war für unseren wirtschaftlichen Aufstieg.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich und verzichten Sie auf Provokationen. Die Redaktion/cs

  6. Und wenn hier wieder ein Artikel über Kopftuchverbot erscheint, kläffen viele Leser wie die Hunde. In diesem Artikel kann man lesen und lernen wozu Ausgrenzung und Umerziehung führt. Erscheint Ihnen das erstrebenswert?
    Toller Artikel!!!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich muss Ihnen zustimmen, hier hat man mal die Möglichkeit von außen zu betrachten, wie es in im Ausland zu diesen "Ghettos" kommt. Dass der Staat schuld sei, ist dann allgemeiner Konsens.

    Wird hierzulande aber von kriminellen Migrantenkindern gesprochen, so wird in erster Linie nicht die jahrelange Veräumnis des Staates angeprangert, sondern dann kann man sich schön zurücklehnen und zu dutzenden Kommentare a la "Abschieben und fertig!" zu Gemüte ziehen.

    Irgendwie scheinheilig.

    nicolasfabian, die Leute machen in ihren Kommentaren auf eine bedenkliche Entwicklung aufmerksam, die von den Medien und unseren Politikern allgemein todgeschwiegen wird.

    Mein Vorschlag: Entkräften Sie doch mal ausnahmsweise die unliebsamen Beiträge auf der sachlicher Ebene und verzichten Sie auf Beleidigungen sowie abwertende Vergleiche.

    sich nur untereinander bewegen, dann grenzt man sie nicht aus - sie grenzen sich ab, und es wird ihnen leicht gemacht, denn gegen das selbstgewollte Abschotten einzuschreiten wäre ja schon wieder Einmischen und Diskriminieren des Lebensablaufs einer Minderheit.
    Wie können Sie vorwerfen, es wird "umerzogen" - viele dieser Gruppen kommen doch garnicht in die Schulen der Ungläubigen und verweigern sich der Integration - sie wollen so bleiben, wie sie sind - un wenn sie es dann sind, nämlich ungebildet und für die Arbeitswelt ungeeignet (weil die Parallelgesellschaft lukrativere Möglichkeiten, wie hier aufgezeigt, bietet) - dann wird wieder auf die Gesellschaft verwiesden - sie hätte sich einmischen müssen.
    Ihr Weg führt in einen Kreisverkehr, manchmal muss man anfangen, die kriminellen Kreise aufzubrechen.

    Nein, gerade in Frankreich ist niemand ausgegrenzt worden, ganz egal welche Hautfarbe oder Religion , alles waren Franzosen.
    Hat nix genützt, wie der Artikel belegt.
    Umerziehung ? was meinen Sie damit , die hätte eben stattfinden müssen aber man setzte lieber auf Kuschelkurs und hat die öffentlichen Schwimmbäder lieber geschlossen als gegen die Pieds noir vorzugehen ( so um 1965 rum )die den Besuch durch Frauen unmöglich machten.

    Ich muss Ihnen zustimmen, hier hat man mal die Möglichkeit von außen zu betrachten, wie es in im Ausland zu diesen "Ghettos" kommt. Dass der Staat schuld sei, ist dann allgemeiner Konsens.

    Wird hierzulande aber von kriminellen Migrantenkindern gesprochen, so wird in erster Linie nicht die jahrelange Veräumnis des Staates angeprangert, sondern dann kann man sich schön zurücklehnen und zu dutzenden Kommentare a la "Abschieben und fertig!" zu Gemüte ziehen.

    Irgendwie scheinheilig.

    nicolasfabian, die Leute machen in ihren Kommentaren auf eine bedenkliche Entwicklung aufmerksam, die von den Medien und unseren Politikern allgemein todgeschwiegen wird.

    Mein Vorschlag: Entkräften Sie doch mal ausnahmsweise die unliebsamen Beiträge auf der sachlicher Ebene und verzichten Sie auf Beleidigungen sowie abwertende Vergleiche.

    sich nur untereinander bewegen, dann grenzt man sie nicht aus - sie grenzen sich ab, und es wird ihnen leicht gemacht, denn gegen das selbstgewollte Abschotten einzuschreiten wäre ja schon wieder Einmischen und Diskriminieren des Lebensablaufs einer Minderheit.
    Wie können Sie vorwerfen, es wird "umerzogen" - viele dieser Gruppen kommen doch garnicht in die Schulen der Ungläubigen und verweigern sich der Integration - sie wollen so bleiben, wie sie sind - un wenn sie es dann sind, nämlich ungebildet und für die Arbeitswelt ungeeignet (weil die Parallelgesellschaft lukrativere Möglichkeiten, wie hier aufgezeigt, bietet) - dann wird wieder auf die Gesellschaft verwiesden - sie hätte sich einmischen müssen.
    Ihr Weg führt in einen Kreisverkehr, manchmal muss man anfangen, die kriminellen Kreise aufzubrechen.

    Nein, gerade in Frankreich ist niemand ausgegrenzt worden, ganz egal welche Hautfarbe oder Religion , alles waren Franzosen.
    Hat nix genützt, wie der Artikel belegt.
    Umerziehung ? was meinen Sie damit , die hätte eben stattfinden müssen aber man setzte lieber auf Kuschelkurs und hat die öffentlichen Schwimmbäder lieber geschlossen als gegen die Pieds noir vorzugehen ( so um 1965 rum )die den Besuch durch Frauen unmöglich machten.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service