Es gibt etwas zu feiern im Internationalen Garten in Rüsselsheim: Der neue Grill soll eingeweiht werden. Christel König, 73 Jahre alt, schleppt zusammen mit dem achtjährigen Yonis die ersten Bänke auf die Gemeinschaftswiese. Nach und nach treffen die anderen Gärtner ein: die junge marokkanische Familie mit den drei kleinen Kindern, das deutsche Rentnerehepaar, der palästinensische Vater mit seinen Söhnen, Yonis’ Eltern aus Somalia. Biertische werden aufgestellt und füllen sich mit deutschem Kartoffelsalat und türkischem Fladenbrot, über dem Feuer köchelt marokkanischer Minztee.

Auf sechzehn Parzellen à 50 Quadratmeter sind sieben Länder vertreten. Zäune gibt es keine. Hier gedeihen Topinambur, Minze und Stiefmütterchen genauso wie die Kontakte zwischen Flüchtlingen, Einwanderern und alteingesessenen Deutschen. Seit fünf Jahren gibt es das Integrationsprojekt Internationaler Garten im Rüsselsheimer Stadtteil Dicker Busch, direkt neben einer großen Schrebergartensiedlung. In Rufweite der Plattenbausiedlung kann hier jeder für 20 Euro im Jahr eine Parzelle pachten und nach eigenem Geschmack bepflanzen. Außerdem gibt es ein Gemeinschaftsbeet, einen Spielplatz, sechs Kinderparzellen – und eine feste Regel: Geredet wird auf Deutsch. Es ist ein Garten voller Lebensgeschichten.

Hier können sie abschalten, hier fühlen sie sich verstanden

14 Jahre nach der Gründung des ersten Gartens in Göttingen gibt es heute 98 Internationale oder Interkulturelle Gärten in Deutschland, 50 weitere sind gerade in Planung. Manche werden von Verbänden wie der Caritas gegründet, manche von Kommunen, manche von Privatleuten, so wie der in Rüsselsheim. Christel König hatte im Radio von solchen Projekten gehört, war begeistert und machte sich mit einer Bekannten selbst ans Werk. Seit 2003 unterstützt die Stiftung Interkultur die Gärten, mit Geräten – und auch mal mit Deutschkursen.

Tugba Isik hat an der Volkshochschule die ersten Deutschkurse besucht, sie spricht flüssig, wenn auch noch mit starkem Akzent. Die Kurdin mit den blonden Strähnchen im Haar ist 22 Jahre alt und hat im vergangenen Jahr den Hauptschulabschluss nachgeholt, auch an der Volkshochschule, als Klassenbeste. Gerade hat sie ihr freiwilliges soziales Jahr in einem Altenpflegeheim begonnen, ihre beiden engsten Freundinnen sind zwei deutsche Klassenkameradinnen. »Ich fühle mich als Deutsche«, sagt sie. Und auch ihre jüngere Schwester Yildiz, 20 Jahre alt, ist angekommen: Sie absolviert gerade an einer Abendschule ihr Abitur. Danach will sie Chemie studieren, am liebsten auch noch Philosophie.

Vor knapp sechs Jahren sind die Schwestern ihrem Vater aus einem Dörfchen in der Nähe von Ankara in Richtung Deutschland gefolgt, ein Jahr später kam die Mutter nach. Doch die Eltern kamen hier nicht miteinander zurecht, der Vater ging zurück in die Türkei, die Mutter blieb mit den Töchtern in Deutschland. Die Familie war eine der ersten, die eine Parzelle im Internationalen Garten bezogen. Zwei- bis dreimal die Woche kommt Tugba Isik her, gießt und gärtnert. Manchmal ist si e auch da, wenn es nichts zu tun gibt, »weil ich es hier schön finde. In der Plattenbausiedlung haben wir ja keinen Garten, und hier kann ich wenigstens ein bisschen abschalten«, sagt sie.

Die Situation ihrer Familie ist bedrückend: Die Eltern sind geschieden, Tugba hat zwar eine Aufenthaltsgenehmigung, aber ihre Mutter nicht. Seit fünf Jahren bemüht sie sich erfolglos darum. Mittlerweile wird ihr Antrag vor der Härtefallkommission verhandelt. Lehnt die das Gesuch ab, wird die Mutter abgeschoben – eine Horrorvorstellung für sie und ihre Töchter; der Vater hatte der Mutter Gewalt angedroht. »In die Türkei will ich auf keinen Fall zurück«, sagt Tugba Isik. Aber allein mit ihrer Schwester in Deutschland leben, die Mutter in der Türkei, das kann sie sich auch nicht vorstellen. Gerade jetzt bietet ihr der Garten Halt: »Die Leute helfen sich gegenseitig, sie stärken mir den Rücken.«

So wie der jungen Kurdin geht es vielen im Garten. Sie haben Kriegserfahrungen hinter sich, leben getrennt von ihren Verwandten, streiten immer wieder mit deutschen Behörden. Der Garten kann ihre Probleme nicht lösen, aber wenigstens fühlen sie sich hier verstanden – wenn auch nur in brüchigem Deutsch.

Der Garten solle auch als Ankerpunkt dienen, sagt Christel König. »Für manche ist es einfach wichtig, ein Stück Land zu besitzen, auf dem sie Wurzeln schlagen können.« Und: »Für viele, die ihr Heimatland verlassen mussten und zu uns kommen, ist das Gärtnern fester Bestandteil ihres alten Lebens.«