Hausaufgaben Lesehilfe Hip-Hop
Eine neue Studie zeigt: Es schadet nicht, wenn Kinder bei den Hausaufgaben Musik hören. Stille aber könnte stören.
Eltern hören meist nur ungern die Musik ihrer Kinder, glauben aber stets zu wissen, was für die lieben Kleinen gut ist. Das hat seit der Erfindung der Tonkonserve zu einer von den Eltern oftmals lautstark geäußerten Familiendoktrin geführt: Wenn die Kleinen über ihren Schulaufgaben schwitzen oder für eine Klausur büffeln, sollen Kopfhörer abgesetzt werden und MP3-Player ausgeschaltet sein.
Ein überholter Imperativ, sagt eine Studie der Technischen Universität Dortmund. Sofern es sich nämlich um Musik handelt, die die Schüler mögen, wirkt sie sich mitnichten nachteilig auf ihre Lernfähigkeit aus. Zu diesem Ergebnis kam jüngst ein Team von Musikwissenschaftlern um Günther Rötter. Sie hatten 88 Schüler zwischen 15 und 17 Jahren der Klasse 10 einer Gesamtschule zum einen mit Ausschnitten aus einem Intelligenztest (CFT-Test) konfrontiert und zum anderen zu einem Konzentrationstest gebeten. Stets musste eine Gruppe jeweils einen Test mit und – zur Kontrolle – ohne Musik lösen. Wichtige Bedingung bei der Auswahl der Musik: Die Schüler mussten sie gut kennen und emotional favorisieren. Außerdem wurde darauf geachtet, dass die Probanden in ihren schulischen Leistungen nicht allzu weit auseinanderlagen.
»Ich bin wirklich erstaunt über das Ergebnis«, sagt Rötter. »Wir haben alles hin und her gemessen, alle Möglichkeiten durchgespielt – aber nirgendwo zeigte sich, dass Musik auf das Konzentrationsvermögen einen Einfluss hatte.« Rötter glaubt, dass Eltern, Lehrer und Pädagogen etwas gelassener sein sollten, wenn Lena während der Cicero-Lektüre singt und wenn Hip-Hop-Schleifen die Binomischen Formen garnieren.
Bereits in den neunziger Jahren hatte es Studien zu diesem Thema gegeben; eine musikwissenschaftliche Forschergruppe fand sogar schädliche Effekte der Hintergrundmusik bei Hausarbeiten – die Lernleistung sank. Allerdings war es egal, wie beliebt die Musik bei den Schülern war, was als systemischer Fehler der Studie anzusehen ist. In der Pädagogik selbst wurde die Sachlage eher locker gesehen. So schreibt die Kölner Diplompädagogin Carmen Wöhler, die sich professionell mit Lernstörungen bei Kindern beschäftigt, in einer Art elterlicher Anleitung zum kindlichen Pauken: »So paradox es klingen mag, aber ein reizarmer Raum kann ebenfalls leicht zur Überforderung führen: Die Kinder sitzen dann wie auf heißen Kohlen an ihren Aufgaben, lauschen auf jedes Geräusch oder wollen nur eben mal etwas trinken, etwas gucken, etwas suchen. Eltern bemerken oft eine Besserung, sobald sie dem Kind erlauben, während der Hausaufgaben leise Musik im Hintergrund laufen zu lassen.« Wöhlers offenes Rezept hat aber Grenzen: »Dabei ist Radio wegen der Unterbrechungen, Ansagen und Staumeldungen jedoch zu vermeiden.«
Über die Jahre hat sich das Rezeptionsverhalten von Menschen aller Altersgruppen, vor allem aber das junger Leute, beim Musikhören gravierend verändert. Seit der technische Fortschritt über Medien wie MP3-Player, iPod, Handy oder Computer zur Dauerpräsenz von Musik geführt hat, haben sich auch die neuropsychologischen Verarbeitungsmuster geändert. Die Allgegenwart von Beschallung in der Öffentlichkeit, die Möglichkeit, ohne Aufwand immer und überall Musik zu hören, hat dazu geführt, dass bestimmte Musik von den jugendlichen Konsumenten möglicherweise noch nicht einmal mehr im Hintergrund wahrgenommen wird. »Musik ist überall, daher reagiert der Körper nicht mehr«, erklärt Rötter. »Sie ist praktisch wie ein Accessoire, das nicht störend wirkt.« In der Fachsprache nennt man das Habituierung, ein Gewöhnungsphänomen, das sich etwa im Kaufhaus einstellt, wo man die Hintergrundmusik auch nicht mehr bewusst wahrnimmt. Junge Hörer sind davon offenbar besonders betroffen. Der Musikpsychologe Klaus-Ernst Behne sprach bereits von der »Hornhaut auf den Ohren« vieler Jugendlicher.
Lernpsychologisch geht der Effekt allerdings noch weiter: Bei den Schülern setzt womöglich sogar ein Gefühl von Unsicherheit ein, sobald ihnen die geliebte und gewohnte Beschallung entzogen wird. Musik ist ja nicht nur ein standardisierter Reiz, sondern er maskiert auch andere, unangenehme Reize. Stille ist – das deckt sich mit Wöhlers Beobachtungen – vielleicht ein solcher unangenehmer Stimulus, mit dem junge Leute nicht besonders gut umgehen können.
Eine weitere Studie müsste allerdings die Frage verhandeln, wie sich eine von den Schülern nicht persönlich favorisierte Musik aufs Lernen auswirkt. Jene Habituierung als Abschleifung von Sinneswachheit wirkt ja nur bei Musik, die einem vertraut ist. Neue Signale beschäftigen das Gehirn weit stärker als vertraute, auf sie ist es auch nicht konditioniert. Sie schaffen nicht von vornherein jenes Wohlgefühl, das sich musikpsychologisch sogar einstellt, wenn bekannte Musik schon ausgewählt ist, aber noch nicht erklingt.
Rötter formuliert die neue Studienlage, die den pädagogischen Vorbehalt gegen Musik am Lernarbeitsplatz neutralisiert, jedenfalls drastisch: »Das Ergebnis unserer Studie ist: Es gibt kein Ergebnis! Die Leistungen blieben völlig gleich – die Musik hatte also offensichtlich überhaupt keinen Einfluss.« Der wissenschaftliche Freispruch ist beinahe entzückend: Musik macht die Hausaufgaben angenehmer und ist dabei einfach nur da – sie tut nichts und will nur spielen.
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- Datum 23.08.2010 - 18:27 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.08.2010 Nr. 34
- Kommentare 27
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Na dann muss man ihnen den Schulstoff vielleicht bald spritzen.
...dass dann waehrend der Klausur keine Hintergrundmusik mehr laeuft. vor allem wenn bestimmte Lerninhalte vom Gedaechtnis mit bestimmter Musik verknuepft werden, kann das dazu fuehren, dass im entscheidenden Moment das Wissen vielleicht nicht mehr abrufbar ist.
Wie immer hängt es wohl von jedem selbst ab, ob er gerne Musik beim Lernen hören möchte oder nicht.
Die Frage kann schließlich jeder für sich beantworten, ohne lange nachdenken zu müssen.
"Musik macht die Hausaufgaben angenehmer und ist dabei einfach nur da – sie tut nichts und will nur spielen."
Richtig heißts dann wohl:
Die junge Generation ist nichtmehr in der Lage Stille zu verarbeiten.
Was mir übrigens auch schon aufgefallen ist...
Ich würde das ja eher als psychische Störung ansehen, als ein Erfolg der Musik.
Ich denke nicht, dass die Stille das Problem ist, sondern eher, dass es keine Stille mehr gibt. Zumindest nicht für den Großteil der Bevölkerung. Ich habe vor nicht all zu langer Zeit bei einem mehrtätigen stadtweiten Stromausfall gemerkt, was wirklich Stille bedeutet. Und das ist nämlich nicht die Beseitigung alle aktiven Geräuschquellen im Haus, sondern dazu gehört auch stillgelegter Verkehr und die Geräusche der Nachbarn. Und ich kann mir vorstellen, dass auch viele sensible auf elektromagnetische Felder reagieren. Ich wusste nämlich ohne dass nur ein elektrisches Gerät angesprungen war, dass wir wieder Strom haben. Es war zwar nicht bewusst wahrnehmbar, aber irgendwie hatte ich den Eindruck, es über die Ohren wahrzunehmen. Gegenteilig kennt man vielleicht den Effekt der Befreiung, wenn man sich wirklich fernab jeglicher Zivilisation und Technik aufhält.
So kann Musik im Alltagslärm also quasi zum Stille-Ersatz werden. Wie der Artikel erwähnt, muss es ja auch bekannte und gemochte Musik sein. Mit der richtigen Musik kann man sich laut meiner und der Erfahrungen vieler Freunde besser auf eine Sache konzentrieren. Wer das 8 Stunden am Stück macht, merkt auch, wie man am Ende aus einer gewissen Isolation wieder „erwacht“.
Musik ist kein Wundermittel, aber ein Werkzeug von vielen, um sich einen Raum zur Entfaltung seiner Fähigkeiten zu schaffen. Und so neu ist das Werkzeug gar nicht, früher gab es Arbeiterlieder und das Liedchen unter der Dusche ist sicher bekannt.
Ich denke nicht, dass die Stille das Problem ist, sondern eher, dass es keine Stille mehr gibt. Zumindest nicht für den Großteil der Bevölkerung. Ich habe vor nicht all zu langer Zeit bei einem mehrtätigen stadtweiten Stromausfall gemerkt, was wirklich Stille bedeutet. Und das ist nämlich nicht die Beseitigung alle aktiven Geräuschquellen im Haus, sondern dazu gehört auch stillgelegter Verkehr und die Geräusche der Nachbarn. Und ich kann mir vorstellen, dass auch viele sensible auf elektromagnetische Felder reagieren. Ich wusste nämlich ohne dass nur ein elektrisches Gerät angesprungen war, dass wir wieder Strom haben. Es war zwar nicht bewusst wahrnehmbar, aber irgendwie hatte ich den Eindruck, es über die Ohren wahrzunehmen. Gegenteilig kennt man vielleicht den Effekt der Befreiung, wenn man sich wirklich fernab jeglicher Zivilisation und Technik aufhält.
So kann Musik im Alltagslärm also quasi zum Stille-Ersatz werden. Wie der Artikel erwähnt, muss es ja auch bekannte und gemochte Musik sein. Mit der richtigen Musik kann man sich laut meiner und der Erfahrungen vieler Freunde besser auf eine Sache konzentrieren. Wer das 8 Stunden am Stück macht, merkt auch, wie man am Ende aus einer gewissen Isolation wieder „erwacht“.
Musik ist kein Wundermittel, aber ein Werkzeug von vielen, um sich einen Raum zur Entfaltung seiner Fähigkeiten zu schaffen. Und so neu ist das Werkzeug gar nicht, früher gab es Arbeiterlieder und das Liedchen unter der Dusche ist sicher bekannt.
Wieder einmal eine Studie aus der Reihe, besser selbst fälschen.
Die meisten Menschen wissen mit Sicherheit aus ihrer eigenen Lebenserfahrung, dass Musik immer ablenkt, egal ob sie gut oder schlecht ist. Ob sie einem gefällt oder nicht.
Ich kann bis heute nicht konzentriert arbeiten, wenn irgendwo Musik läuft. Ich brauche 100% Stille.
Aber nach den Herren dieser Studie bin ich wohl eine tragische Ausnahme.
Sieh an, iPods können können sogar innerhalb weniger Jahre ihrer Existenz die Strukturen im Hirn beeinflussen. Wahrscheinlich schreibt bald einer, dass sogar die Gene davon berührt sind.
Ich denke nicht, dass die Stille das Problem ist, sondern eher, dass es keine Stille mehr gibt. Zumindest nicht für den Großteil der Bevölkerung. Ich habe vor nicht all zu langer Zeit bei einem mehrtätigen stadtweiten Stromausfall gemerkt, was wirklich Stille bedeutet. Und das ist nämlich nicht die Beseitigung alle aktiven Geräuschquellen im Haus, sondern dazu gehört auch stillgelegter Verkehr und die Geräusche der Nachbarn. Und ich kann mir vorstellen, dass auch viele sensible auf elektromagnetische Felder reagieren. Ich wusste nämlich ohne dass nur ein elektrisches Gerät angesprungen war, dass wir wieder Strom haben. Es war zwar nicht bewusst wahrnehmbar, aber irgendwie hatte ich den Eindruck, es über die Ohren wahrzunehmen. Gegenteilig kennt man vielleicht den Effekt der Befreiung, wenn man sich wirklich fernab jeglicher Zivilisation und Technik aufhält.
So kann Musik im Alltagslärm also quasi zum Stille-Ersatz werden. Wie der Artikel erwähnt, muss es ja auch bekannte und gemochte Musik sein. Mit der richtigen Musik kann man sich laut meiner und der Erfahrungen vieler Freunde besser auf eine Sache konzentrieren. Wer das 8 Stunden am Stück macht, merkt auch, wie man am Ende aus einer gewissen Isolation wieder „erwacht“.
Musik ist kein Wundermittel, aber ein Werkzeug von vielen, um sich einen Raum zur Entfaltung seiner Fähigkeiten zu schaffen. Und so neu ist das Werkzeug gar nicht, früher gab es Arbeiterlieder und das Liedchen unter der Dusche ist sicher bekannt.
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