Soho House Berlin Das geheime Wohnzimmer
Soho House, der neue exklusive Club in Berlin, zieht Künstler aus aller Welt an, Sinnsuchende und Partymacher. Wer hier die Nächte verbringt, erlebt eine liebeshungrige Stadt und ihre narzisstischen Störungen.
© Soho House Berlin

Im Berliner Soho House wird nicht jedermann Zutritt gestattet. Es gilt die Devise: Members only
Was wohl Kommissar Schmidt macht? Till Harter sitzt ganz oben im Soho House an der Bar, eine herrliche Sommernacht, die Sterne funkeln, der Pool leuchtet, und er erzählt vom Disko-Schmidt, wie sie ihn nannten, dem Polizisten, der all die Jahre gegen das illegale Partyleben in Berlin gekämpft hatte. Harter gehört seit fast zwei Jahrzehnten zu den wichtigsten Leuten im Berliner Nachtleben, und er nennt eine Reihe seiner ehemaligen Clubs, das erste 103 in der Friedrichstraße zum Beispiel oder das tolle alte Postamt am Monbijoupark: Clubs, die alle irgendwann dichtgemacht wurden, weil plötzlich Kommissar Schmidt mit seinen Polizisten vor der Tür stand. Keine Lizenz mehr. Razzia, Ende. Harter lacht. »Irgendwie war der Schmidt in Ordnung. Der war nicht richtig böse. Der musste das tun, klar. Ich glaube, tief drinnen hatte er eine gewisse Grundsympathie für uns.«
Mann, der Disko-Schmidt. Das waren Zeiten. Irgendwie tut es gut, dass Till Harter gerade hier im Soho House von der Vergangenheit erzählt, von den ersten Jahren nach der Wende in Ostberlin, als jeder irgendwelche Häuser und Fabriken besetzte, zum Leben und zum Feiern. Man hängte einen Zettel in irgendein Hinterhoffenster, mit einer dürren Botschaft, wo und wann die nächste Fete steigt. Es gab Partys, die nur montags stattfanden oder nur dienstags oder nur mittwochs. Es gab ja noch kein Handy, sagt Harter, noch kein Internet, und wenige Telefonanschlüsse. Aber die Partys waren voll und schnell legendär. Harter sagt, er habe damals begriffen, wie wertvoll eine Information sein könne, die richtig eingesetzt werde. Der eine bekommt sie, der andere nicht. Der, der sie bekommt, soll sie weitergeben, aber bloß nicht an jeden. Menschen, die dazugehören, und Menschen, die nicht dazugehören: In diesem Zwischenraum entstehen Geschichten, Gerüchte, Mythen. Harter führt mehrere sehr erfolgreiche Läden in Berlin, längst legal natürlich. Er habe noch nie klassische Werbung dafür gemacht. »Wenn du einen coolen Laden haben willst, funktioniert es anders.«
Nämlich wie das Soho House, der exklusive Club, über den seit der Eröffnung am 30. April in Berlin viel geredet und spekuliert wird: Wer gerade wieder Mitglied geworden ist, etwa dieser nette Zahnarzt vom Gendarmenmarkt, der den Besuch in seiner Praxis als einen Teil der Wellnesskultur preist. Es wird erzählt, dass der Hauptdarsteller einer Krimiserie fast jeden Tag da ist, die Gattin des Bundespräsidenten Wulff gesichtet wurde, und dass eine der bekanntesten Filmschauspielerinnen neulich im Bikini auf der Terrasse schwimmen war. Es wird erzählt, dass unlängst der Chef einer mächtigen Uhrenfirma unbedingt den Club besuchen wollte, aber abgewiesen wurde: Leider nur für Mitglieder. Die Leute vom Soho House erzählen, dass manchmal wohlhabende Menschen das Dreifache des geforderten Mitgliedbeitrags bieten, »damit es schneller geht«. Solche Leute würden sofort auf die schwarze Liste gesetzt und bestimmt niemals Mitglied werden. Stimmt das? Gehört es zum Marketing?
Es heißt, man sehe im Soho House nicht so gern den Typus Bankier, außerdem sei noch kein einziger Politiker ein »Member«. Einzig einer wie Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit habe den nötigen Coolness-Faktor, er sei auch schon da gewesen – Soho-House-Boss Nick Jones habe ihn bereits vor zwei Jahren in London zum Kennenlernen getroffen. Vielleicht ginge noch der Minister mit dem höchsten Coolness-Faktor durch, der in anderen Berliner Bars auch schon zusammen mit seiner Frau gesehen wurde, etwa in der Bar Tausend am Bahnhof Friedrichstraße. Zwei Tische weiter soll an diesem Abend einer der größten Kokainhändler der Stadt gesessen haben. So was kann passieren im Berliner Nachtleben.
Soho House, Filiale Berlin, Torstraße 1, Ecke Alexanderplatz. Der englische Club samt Restaurant, Hotel und Fitnesscenter hat seine Zentrale in London, und wer dort Mitglied werden will, muss manchmal Jahre warten. Eine Dependance in New York ist ebenso erfolgreich, das Soho House in Los Angeles wurde dieses Jahr eröffnet. Jetzt also Berlin. Allein die Tatsache, dass die internationalen Profis des Nachtlebens die problembeladene deutsche Hauptstadt Städten wie Paris, Madrid oder Barcelona vorgezogen haben, ganz zu schweigen von Hamburg oder München, gibt all den Berlin-Deutern neuen Mut, die nach allzu vielen Enttäuschungen der letzten Jahre verstummt sind. Nun kann das Spiel der Auguren in eine neue Runde gehen. Wo steht Berlin? Wie ist es, wie wird es?

Nick Jones gründete das erste Soho House in London
Dieses Deuten lässt sich besonders gut auf der Terrasse im achten Stock des Soho House beginnen. Man hat einen wunderbaren Blick, den Fernsehturm direkt vor der Nase, die Straße Unter den Linden, weiter hinten Reichstag, Brandenburger Tor und die grünen Lichter des Potsdamer Platzes. Selbst die Häuserfluchten der Plattenbaustadtteile Marzahn und Lichtenberg haben von hier oben aus einen gewissen Charme, dann, wenn die Lichter die Nacht regieren. Der Himmel über Berlin ist derart weit, dass an drei verschiedenen Abenden bei völlig verschiedenen Leuten dasselbe Gespräch zu hören war. Frage: Wer nun das Duell zwischen Berlin West und Berlin Ost gewonnen hat? Antwort: Natürlich der Osten. Herz und Gesicht Berlins seien genau das, was man hier von der Terrasse aus sehe. Kurfürstendamm? West-Berlin? Nicht mehr viel übrig geblieben davon, außer dem alten Playboy Rolf Eden, der krisengeschüttelten Paris Bar und ein paar korrupten, vergessenen Politikern. Einmal stand ein Geschäftsmann aus Beirut bei dem Gespräch dabei, und einer versuchte ihm zu erklären, um was es ging. Es funktionierte nicht. Zu kompliziert. Zu langweilig.
Telefonat mit Nick Jones, dem Gründer und Boss vom Soho House. Er ist gerade in New York, ein paar Tage zuvor war er in Los Angeles und davor in Miami, wo bald ebenfalls ein neues Soho House eröffnet wird. Er fängt sofort an zu schwärmen, von der perfekten Immobilie in Berlin, am perfekten Ort. Das Haus an der Torstraße hat Geschichte, in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts war es ein Kaufhaus, bevor der jüdische Besitzer von den Nazis enteignet wurde. Dann machte Baldur von Schirach, der Leiter der Hitlerjugend, das Haus zur Zentrale seiner Organisation. Nach dem Krieg zog die SED ein, die Einheitspartei der DDR, das Politbüro tagte hier jahrelang, bis es in den neu gebauten Palast der Republik wechselte. Man kann sagen, das Soho House geht eher plakativ mit dieser Geschichte um: Das alte Politbüro wird gerade rekonstruiert, und wenn es fertig ist, werden Veranstaltungen und Partys dort stattfinden.
© Soho House Berlin
Im hauseigenen Kino finden Filmvorführungen mit Darstellern und Produzenten statt
Einen zweistelligen Millionenbetrag soll das lange leer stehende Gebäude gekostet haben, und einen weiteren verschluckten die Umbauarbeiten. Der Weltreisende Jones schwärmt natürlich auch von der Stadt Berlin und tut dies im Grunde mit zwei Worten: Energie und Kreativität. »Berlin ist the city with the most energy in the world« , Berlin hat so viel Energie wie keine andere Stadt. Und Kreativität, klar, das ist das Zauberwort von Nick Jones, mit dem er 1995 in London das erste Soho House gründete: Er wollte einen Ort schaffen für die Kreativen der Stadt und meinte damit vor allem, einen Ort schaffen, zu dem Leute Zutritt haben, die in den üblichen, streng konservativen britischen Clubs draußen blieben. Es war nicht üblich, dass Frauen in solche Clubs vordrangen, und es war sehr üblich, dass die Männer Anzug und Krawatte trugen. Es war nicht das elitäre Ausschlussprinzip an sich, das Jones störte, und so definierte er es lediglich um: Er warb besonders um Frauen und wies Krawattenträger ab. Und seit sich Jones mit dem britischen Gastronomie-Mogul Richard Caring verbündet hat, ist er ein Global Player geworden, ein Spieler, der finanziell aus dem Vollen schöpft. Der coole Londoner Chic soll in immer mehr Länder exportiert werden.
Wann kommt endlich Glamour in die Stadt? Das ist die ewige Frage in Berlin
Auch in die Hauptstadt Deutschlands. All die Jahre betrachtete der Rest des Landes die Stadt als ein großes Labor. Wann kommt der Boom? Oder: Wann endlich kommt der Boom? Oder: Kommt der Boom vielleicht nie? Die Fragen lauteten: Ist es gut oder ist es nicht so gut, wenn der Prenzlauer Berg grün, teuer und chic wird? Ist es sozial oder doch nicht so sozial, wenn immer mehr Berliner staatliche Hilfsgelder beziehen? Oder: Was bedeutet die rot-rote Berliner Regierung gesamtpolitisch? Oder: Kann das überhaupt was werden, bei all den Problemen der Migrantenviertel Neukölln und Kreuzberg? Oder: Wann zieht endlich der Glamour in die Stadt, oder endet nicht alles immer bei der Berliner Currywurst? Der Soziologe Heinz Bude erfand den Begriff »Generation Berlin« und verband damit die Erwartung, dass nach den alten Schlachten der Nachkriegsgeneration und der 68er eine völlig neue Bewegung entstehen werde, nichts anderem als der Gegenwart zugewandt. Es waren immer deutsche Fragen, es blieb eine deutsche Diskussion, die nicht weiterkam, außer im Formulieren immer neuer Probleme.
Vor lauter Inspektion wurde eine entscheidende Veränderung der Stadt übersehen. War Berlin im Jahr 2000 noch eine durch und durch deutsche Stadt, wurden die Gespräche auf den Straßen von Jahr zu Jahr internationaler. Dafür war nicht nur der immense Anstieg der Touristen verantwortlich, die sich durch Museen, Parks und Ausgehmeilen wälzen: Es sind inzwischen jährlich mehr als vier Millionen Menschen, im ersten Halbjahr 2010 lag die Steigerungsrate gegenüber 2009 noch mal bei rund elf Prozent.
Entscheidender sind die vielen, besonders jungen Leute, die aus der ganzen Welt in die deutsche Hauptstadt ziehen, weil sie andere Berliner Besonderheiten interessant finden: billiges Wohnen, billige Lokale, billiges Leben. Und: spannendes Leben, spannende Angebote, spannende Partys. Künstler kommen nicht in die Stadt, weil sie die Schlossplatzdebatte so aufregend finden, sondern weil sie günstige und große Ateliers mieten können und andere Künstler treffen, mit denen sich zusammenarbeiten lässt. Galerien aus München und Düsseldorf sind nicht nach Berlin gezogen, weil sie ein Statement für die Hauptstadt abgeben wollten. Sie mussten. Internationale Kunstsammler kommen nur noch nach Berlin, wenn sie nach Deutschland kommen.
Berlin mag von innen gesehen eine komplizierte Stadt sein, für einen Geschäftsmann wie Nick Jones ist sie es nicht. Er hat die Stadt auf ein paar Begriffe heruntergebrochen: big history, big energy, big creativity. Das ist die Basis.
In der Bar des Soho House über der Stadt ist es noch immer Nacht, und Till Harter erzählt noch immer bei einem Glas Weißwein von früher. Schräg hinter ihm sitzt eine junge Frau mit einem kurzen Rock, kurzen Stiefeln und stark tätowierten Beinen. Eine Berlinerin mit Migrationshintergrund oder eine Millionenerbin aus London? Wer kann das schon wissen? Harter kam von Freiburg im Breisgau nach Berlin, Anfang der neunziger Jahre, und er sagt, sein Leben habe damals wirklich nahezu nichts gekostet. Wohnung war umsonst, weil besetzt. Was man zum Essen brauchte, klaute oder schnorrte man. Aber dennoch gab es in dieser Zeit, sagt Harter, eine eigene Währung, die einem Ansehen verschaffte. Oder anders gesagt: Wer diese Währung hatte, war cool und dem liefen die Frauen nach. Die Währung war: die besten Partys organisieren. Und Harter war in diesem Fach schnell einer der Besten. Es sei heute nicht mehr so einfach zu erklären, sagt er, aber damals habe eine Philosophie dahinter gesteckt. Es ging um Anarchie, es ging um Mut, um die richtige Musik und um Sex, klar, immer. Der Party-Virus hatte ihn gepackt, sein Soziologiestudium schloss er noch standesgemäß mit einer Diplomarbeit über die Berliner Club-Kultur ab. Und irgendwann kam dann auch noch das Geld dazu, »als Partyveranstalter hast du dir am Ende manchmal die Scheine einfach in die Taschen gestopft und bist vollgepackt nach Hause gegangen. War schon großartig.«
Bei allem Gefühl für die Philosophie des Feierns – nie hätte Harter damals geglaubt, dass die illegalen Clubs der ersten Stunde ein Exportgut werden könnten, von Kommissar Schmidt zwar bekämpft, aber derart imagestark, dass laut einer Studie der Berlin Tourismus Marketing heute rund fünfzig Prozent der Berlin Touristen wegen des Nachtlebens anreisen. Dimitri Hegemann, Gründer des legendären Tresor-Clubs, hat unlängst eine Filiale in China eröffnet, einen Berliner Club wohlgemerkt. Denn Berlin ist die Marke, sie steht für die perfekte Party. Hätte Harter auch Lust auf einen Export nach Fernost? »Es würde mich reizen«, meint er, »aber vielleicht ist es der falsche Zeitpunkt, Berlin zu verlassen, jetzt, wo sich Berlin gerade zu einem internationalen Hotspot entwickelt.« Die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland sei entscheidend gewesen, meint Harter, »danach war die Berlin-Begeisterung der Ausländer nicht mehr zu halten.«
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Im Soho House finden sich auch Stylisten und Coiffeure
Till Harter und die anderen Pioniere des Berliner Nachtlebens haben eine Menge hinter sich. Sie waren mal wild und sind jetzt ziemlich etabliert. Sie haben erlebt, wie Menschen kaputtgegangen sind durch Drogen, durch Pleiten. Sie haben zugesehen, wie schnell große Träume platzen können. Besonders der Konkurrenz: Sollte der China-Club hinter dem Hotel Adlon nicht mal was ganz Besonderes werden, und was hört man heute noch davon? Das mit großem Getöse eröffnete Goya, das schneller ins Straucheln kam, als je einer vermuten konnte?
Aber jetzt ist die Lage anders, jetzt blicken sie auf die Leute vom Soho House, die Profis, die es an den härtesten Orten der Welt bereits geschafft haben, in London und New York. Und? Ihre Antworten sind fast identisch: Na, wild seien sie nicht, sie hätten kein Kreuzberger Blut. Aber enorm professionell. Schon beeindruckend, wie sie sich der Stadt genähert und die Berliner Grammatik begriffen hätten.
Es war etwa vor zwei Jahren, als zwei Leute vom Soho House eine Gruppe von rund fünfzehn Berlinern ins Borchardt einluden, das wichtigste In-Restaurant der Stadt, dessen Chef Roland Mary schon unmittelbar nach der Wende auf den Standort Zentrum Ost gesetzt hatte, als alles herum noch Brachland gewesen war. Die Einladung war per Mail erfolgt. Marc, der Filmemacher, war dabei, Bianca, die Marketing-Frau, Oskar, der Club-Betreiber. Und einer von der Band Die Fantastischen Vier saß auch am Tisch. Man duzte sich, man duzt überhaupt alle im Soho House, das gehört zum Sound. Und man vereinbarte Diskretion. Man soll überhaupt im Soho House nicht übereinander reden. Es heißt sogar, dass ein Mitglied, das indiskrete Dinge über ein anderes Mitglied erzählt, ausgeschlossen wird.
Das Thema dieses Abends war: eine offene Diskussion über die Frage, ob ein Soho House in Berlin eine vernünftige Idee sei. Einer in der Runde zeigte sich skeptisch und begründete dies auch: Der Members-Club in London sei hauptsächlich deshalb entstanden, weil die Wohnungen dort viel zu klein seien, um sich zu Hause zu treffen. In Berlin seien die Wohnungen hingegen meistens riesig, wofür also brauche man einen solchen Club? Der kritische Kopf sagt heute, er schäme sich inzwischen fast ein wenig für seinen Glauben, damals sei wirklich eine offene Diskussion erwünscht gewesen, »in Wahrheit war das natürlich ein erster Schritt in ihrer Strategie, in eine gewisse Berliner Gesellschaft einzudringen«.
Einige Monate später wurde das sogenannte Komitee gegründet, bestehend aus etwa dreißig Leuten, von denen man nicht wissen soll, wer sie sind. Jeder aus dem Komitee schlug nun Leute vor, die Mitglieder werden sollten. Diese können dann auch wieder neue Mitglieder vorschlagen, und so weiter… Nur wer Mitglied ist, oder wen ein Mitglied mitbringt, darf rein.
Der Jahresbeitrag beträgt 900 Euro, etwa so viel wie in einem gehobenen Fitnesscenter mit mehreren Filialen in Berlin. Man kann im Soho House den Fitnessbereich nutzen und Yoga-Kurse besuchen, Kinder betreuen lassen, in Bar und Restaurant ziemlich günstig essen und trinken, im Hotel übernachten und im hauseigenen Kino sitzen. Die Grammatik der Stadt wurde verstanden, das merkt man. Ein Berliner hat nicht viel Geld. Es heißt, ein New Yorker Soho-House-Besucher konsumiere viermal so viel wie einer in Berlin. Und da in Berlin nie etwas wirklich fertig wird, scheint es Programm zu sein, dass immer eine Baustelle irgendwo im Hause ist.
Wie er den Spruch des Bürgermeisters Klaus Wowereit findet, Berlin sei arm, aber sexy? »Oh, funny«, sagt Nick Jones. Vielleicht zu arm? Nein, antwortet er, wir wollen nicht die Leute mit dem großen Geld. Wir wollen Leute mit einer kreativen Seele. Und wir haben schon 1500 Mitglieder in nur ein paar Wochen, »that’s fantastic«.
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An der Rezeption im Eingangsbereich liegen die Tischtennisschläger bereit
»Ich möchte hier auch gerne mit meiner Mutter sitzen können«
Jones sagt, das Soho House sei wie das Kommunizieren auf Facebook, im Internet, nur könne man im Club auch was trinken und sein Gegenüber in einem hübschen Sessel über einer hübschen Stadt anschauen. Er erwähnt Facebook, weil die Internetplattform die erfolgreichste weltweit ist und einen Trend verdeutlicht: Der moderne Mediennutzer ist nicht gerne allein, er schart gerne Freunde um sich, am liebsten viele. Chris Glass, der sogenannte Member-Manager im Berliner Soho House, sagt, er wolle hier Leute sehen, mit denen er sich auch sonst gerne umgeben würde, nett, interessant, lustig, und wenn man dabei noch etwas Networking betreiben könne: wunderbar. Andere Menschen, die nicht ins Soho-House-Schema passen, will er hier auch nicht haben.
Glass sagt, die große Party sei vorbei, man sei älter, ruhiger geworden. »Ich möchte hier auch gerne mit meiner Mutter sitzen können.« Glass ist Amerikaner, aufgewachsen in Atlanta, hat Musik in Boston studiert, in New York Musicals inszeniert und ist selbst als Sänger und Schauspieler am Broadway aufgetreten. Dann wechselte er in die Marketing-Branche und lebte, bevor er nach Berlin kam, ein paar Jahre lang in München. Und jetzt sucht er coole, neue Mitglieder. Was heißt das, Coolness? »Ich sehe einen Menschen und weiß, ob er es ist oder nicht. Mehr kann ich dazu nicht sagen.«
Eine Frau, die vom Soho House früh umgarnt wurde, ist Ingrid Junker. Sie ist nach den Maßstäben des Clubs ein perfektes Mitglied. Und dies hat mit folgender Geschichte zu tun: Ingrid Junker hatte schrecklichen Liebeskummer und traf sich mit Freunden, die sie trösten sollten. Sie betranken sich, und jeder sollte seine schönsten Liebesschmerzlieder aufzählen. So entstand die Idee: Wie wäre es eigentlich, wenn man regelmäßig ein richtiges Liebesschmerzfest veranstalten würde? So entstand der Broken Hearts Club in Berlin, die ersten Feste waren toll, und dann fragte die Kunstmesse Art Basel bei Junker an, ob sie nicht auch in Basel solche Feste feiern könne. Konnte sie, und als die Art Basel nach Miami ging, feierte sie auch dort das Berliner »Broken Hearts«-Fest.
Ingrid Junker hat in London einige Jahre lang Mode studiert, und in London war es, wo ihr oft von einer Sehnsucht erzählt wurde, einem Sehnsuchtsort namens Berlin. »Es gab die Vorstellung, man könne in Berlin das Leben eines jungen Bohemiens führen, wie nirgendwo sonst, weil man sich alles leisten kann.« Dann zog sie nach Berlin und merkte, dass es genau so ist, und traf besonders viele Menschen aus London, die ihrer Sehnsucht inzwischen nachgegeben hatten. Sehnsucht? Bohemien? Gebrochene Berliner Herzen in Miami? Es dauerte nicht mehr lange, und Berlin wurde zu ihrem Markenzeichen.
Ingrid Junker hat nicht viel Zeit. Sie hat das Konzept für die Filiale eines bekannten, sehr angesagten Designerladens aus London entworfen, in der Oranienstraße, in einem Hinterhof in Berlin-Kreuzberg. Und jetzt wird bald eröffnet. Ingrid Junker sagt, viele Marken seien ganz spitz auf den Namen Berlin. Berlin strahle ein außergewöhnliches Lebensgefühl aus. Viele Leute wollten sich damit identifizieren. Und das andere Berlin? Die brennenden Luxusautos? Die Krawalle am 1. Mai? Die große Zahl von Hartz-IV-Empfängern? Die Parallelgesellschaften in den Stadtteilen Neukölln oder Kreuzberg? Das störe alles nicht, sagt sie, im Gegenteil. Das gebe der Stadt eine gewisse Härte, nicht schlecht fürs Image. In London oder New York existierten auch immer diese anderen Welten. Sie kenne besonders viele junge Ausländer aus ganz Europa oder den USA, die nach Kreuzberg oder Neukölln zögen, in die neuen In-Viertel.
Ingrid Junker sagt, für sie sei das Soho House so etwas wie ein neues Wohnzimmer. Jeder in Berlin sagt in diesen Tagen irgendetwas zum Soho House. Der Berliner Tagesspiegel schlich sich ein und kritisierte danach den etwas schwerfälligen Service an der Bar. Die Architekturzeitschrift AD bejubelte auf mehreren Seiten die Ausstattung und den Stil des Hauses. Immer wieder taucht in den Gesprächen mit den Beobachtern, die von dem neuen Club schwärmen, ein Satz auf, den alle möglichen Leute gesagt haben sollen: »Das Soho House ist das Beste, was Berlin seit dem Potsdamer Platz passiert ist.« Es gehört inzwischen zum Stadtgespräch, wer Mitglied sein soll und wer nicht. Ein bisschen viel Geraune um einen Club. Fast könnte man meinen, es liege eine narzisstische Störung vor, wenn eine Stadt derart euphorisch reagiert auf das Engagement einiger schlauer Geschäftsleute. Wie bei einem Mann in der Midlife-Crisis: Plötzlich begeistert sich eine neue Frau für ihn. Endlich sagt mal wieder jemand: Weißt du eigentlich, wie toll du bist?
Besuch beim Regierenden Bürgermeister. Klaus Wowereit erzählt, dass er diesen Satz, Berlin sei arm, aber sexy, zum ersten Mal vor einigen Jahren in London gesagt habe, vor einem Wirtschaftsforum. Er wollte dieses Image gerade vor Geschäftsleuten in die Welt setzen. »Wenn ich mich richtig erinnere, schrieb den Satz irgendwann der Londoner Spiegel- Korrespondent.« In Berlin sei der Satz dann gegen ihn verwandt worden, die Empörung sei groß gewesen: Wie könne der Regierende Bürgermeister ein solches Etikett der eigenen Stadt ankleben? Wowereit schüttelt den Kopf, nach dem Motto: Manche verstehen es einfach nie. Man müsse eine Stadt wie Berlin, die keine gewachsene Wirtschaftslandschaft mehr hat, eben inszenieren. Er sagt es nicht, aber er meint es: als Marke.
© Soho House Berlin
Im Trainingsraum können sich die Mitglieder fit halten
Der Party-Bürgermeister. Wie viel Spott musste er wegen dieses Titels aushalten. Ist es für ihn jetzt eine gewisse Genugtuung, dass gerade diese Party-Branche so boomt, dass gerade deswegen Millionen Menschen nach Berlin kommen? Nee, antwortet er, der Party-Bürgermeister sei ja diffamierend gemeint gewesen, der arbeitet ja nichts, der feiert nur. Man merkt, dass ihn das verletzt hat. Auch Wowereit hat nicht viel Zeit, er muss weiter zu einer Baustelleneröffnung. Ob es gut ist, dass von außen so viel Selbstbewusstsein in die Stadt gepumpt wird? Klar sei das gut, sagt er, der internationale Blick auf Berlin sei längst ein Wirtschaftsfaktor geworden. Er würde den Satz heute vielleicht ein klein wenig korrigieren: Berlin ist immer noch sexy, aber nicht mehr ganz so arm.
Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Politiker als so schrecklich uncool empfunden werden, als lebten sie in einer Parallelwelt? Ja, antwortet Klaus Wowereit, »das weiß ich: Politiker arbeiten zu viel, um cool zu sein.«
Generation Berlin: der Begriff des Soziologen Heinz Bude. Die Hoffnung auf eine unverkrampfte Generation, die Gegenwart gestaltet und keine alten Schlachten mehr austrägt. Budes Begriff funktioniert auch auf Englisch. Sollte man ihn besser so aussprechen? Es ist schließlich eine globalisierte Generation, die sich Berlin als Standort gewählt hat. Heinz Bude sagt am Telefon – er ist gerade auf dem Weg nach Südfrankreich –, er finde die Internationalisierung Berlins eine sehr interessante Entwicklung, würde sie aber gern von Berlin aus denken, Berlin als Handelnder, nicht nur als Zuschauer. Was muss Berlin jetzt tun? Was ist gut für die Stadt? Bude sagt, er beobachte in letzter Zeit mit einigem Grimm die wachsende Zahl von Billigtouristen, die mit der Fluglinie Ryanair übers Wochenende nach Berlin kämen, sich drei Tage volllaufen ließen und dann wieder verschwänden. Die Frage sei doch auch, für wen Berlin der Hotspot werde, für internationale Künstler und Geschäftsleute oder für internationale Säufer? Der Soziologe wünscht sich, dass sich Berlin der eigenen Anziehungskraft bewusst wird und den Preis hochtreibt.
Im Berliner Soho House bleiben die Deutschen Zuschauer der internationalen Party. Zur Eröffnung des Clubs feierte der englische Künstler Damien Hirst ein großes Fest. Er kannte den Club in London, wie nett, dass er jetzt auch ein Ferienhaus in Berlin habe. Die Gästeliste bestimmten Hirst und die Manager vom Soho House. Hirst zeigte sich am Ende auf seine Weise erkenntlich: Er malte einen mächtigen Hai auf ein mächtiges Stück Papier und signierte das Werk, halb so groß wie der Hai. Der Hai hängt jetzt im Eingangsfoyer.
Auch eine andere Geschichte ist typisch für den Club. Es geht um einen Münchner, der in Berlin lebt und darunter leidet, dass in Berlin so wenig auf Kleidung und Stil geachtet wird. Jetzt wurde er Mitglied im Soho House und warf sich zu einem der ersten Abende richtig in Schale. Doch an der Rezeption wies man ihn darauf hin, er müsse die Krawatte abnehmen. No ties – das sei das Prinzip hier. Und der Münchner hatte noch Glück. Der Club-Boss Nick Jones sagt: Wenn er Leute im Anzug sehe, möchte er ihnen am liebsten Jeans und T-Shirt zuwerfen, »die einzig vernünftige Garderobe«.
- Datum 26.08.2010 - 16:06 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.08.2010 Nr. 34
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Wie wäre es, wenn ZEIT Online nur noch für jene Damen und Herren in jenen exclusiven Clubs schreiben würde ? Warum
nimmt ZEIT Online an, es würde die außen gelassene junge
Bildungsschicht der Deutschen noch interessieren, was sich in dieser, sich von jeder gesunden Demokratie entfernten
" Elite " noch abspielt ? Seit wann begreift sich ein Bild-
ungsmedium wie die ZEIT / bzw. ZEIT Online als Medium für die Zaungäste ? Bunte Bunte, goldiges Blättchen, Weibchen
im Spiegel und und und. Das hat doch alles nichts mehr mit Ihren Lesern zu tun. Das ist doch alles Mumpitz. Bringen Sie
sich auf Vordermann und werden Sie endlich exclusive. Wenig ist mehr in diesen Zeiten.
Diese Clubs sind Mumpitz, konstruiert, nicht gewachsen, nicht echt. Zumal in Berlin. Tatsächlich 'bedeutende' Menschen treffen Sie dort und an vergleichbaren Orten eher nicht. In der Regel sind diese freundlich und normal. Auf die Etage darunter trifft das leider nicht zu: Für diese oftmals unangenehmen Menschen, die "vereinigte Zweitkassigkeit", wenn man will, sind Statussymbole, diese Vereine und ähnlich fremdreferentiell-geborgtes gemacht. Wobei: Ihr Kommentar wirkt etwas unzufrieden, fremdreferentiell, vielleicht ist dieser Club doch etwas für Sie.
Der Club ist mir wurscht. ZEIT Online wird mit dieser
Berichterstattung vom Zaun uninteressant und billig.
Der Club ist mir wurscht. ZEIT Online wird mit dieser
Berichterstattung vom Zaun uninteressant und billig.
Aha die Dekadenz ist noch nicht tot... wird sie vermutlich leider nie sein.
Was mir eher Sorgen bereiten würde ist dass jene Menschen oft in "kontrollierenden Positionen" sind - Chefs etc.
Des weiteren - was bring uns normalen Menschen eine solche Information? - Nun nicht viel denke ich...
Da hat sich jemand einfach sehr gut überlegt, wie man reichen Schnöseln und Menschen mit Minderwertigkeitskomplex und dicker Brieftasche gut ausnehmen kann. 900 Euro soll man also zahlen, um in einem Haus abhängen zu dürfen, wo es nen Fitness Club, Kino und eine Bar gibt. Also eine Mall (Einkaufszentrum) für die Elite, aber bitte nicht mit Krawatte kommen, man soll ja "Cool" aussehen (Das eigene Aussehen ist bei den Leuten die da hingehen wahrscheinlich auch das wichtigste im Leben). Und Berlin kann sich freuen, jetzt kann man sich mal wieder so richtig wichtig und "international" fühlen, trotz einem Ausländerteilanteil von gerade mal 13%, wovon ein drittel aus der Türkei kommen und nur geduldet, bzw. mit Hartz4 abgespeist werden. Naja eines stimmt wenigstens, es wimmelt dort überall nur so vor Künstler, bestimmt 25% aller Berliner sind Künstler, ob sie nun Kunststudenten sind, oder stylische Bohemians, oder einfach nur um 10 Uhr morgens mit nem Bier in der S-Bahn sitzen. Alle sind sie Künstler, oder halten sich zumindest für welche. Aber wieso auch nicht, wenn jemand wie der Damien Hirst Milliarden damit verdient, indem er Haie in Formaldehyd einlegt oder Leute beim Scheissen filmt. Aber ganz ehrlich, wie exklusiv wird dieser Club wirklich sein? wenn sogar die Zeit für einen 5-Seitigen Artikel angagiert wird. Jetzt wird nämlich jeder Yuppie Mitglied sein wollen. Bald haben sie 1 Million mitglieder und jeder zahlt 900 im Jahr. Gutes Geschäft oder ;-)
"Und Berlin kann sich freuen, jetzt kann man sich mal wieder so richtig wichtig und "international" fühlen"
Bitte glauben Sie nicht dass sich Berlin wegen einer Soho-Klitsche wichtig und international fühlt. Internationalität Berlins drückt sich durch andere Kriterien aus. Ich kann es, in Ermangelung der Mitgliedsliste, nicht beweisen.
Aber vermutlich wird sich dort die übliche Truppe von zugezogenen Wichtigtuern tummeln.
Und genau diese Leute gehen den "eingeborenen" Berlinern am A**** vorbei.
Aber gewaltig.
Es freut sich also nicht Berlin und die Bevölkerung, sondern ein verschwindend kleiner Anteil von vermutlich Komplexbeladenen.
Nicht immer gleich auf Berlin eindreschen, evtl. auch mal ein wenig mehr differenzieren.
"Und Berlin kann sich freuen, jetzt kann man sich mal wieder so richtig wichtig und "international" fühlen"
Bitte glauben Sie nicht dass sich Berlin wegen einer Soho-Klitsche wichtig und international fühlt. Internationalität Berlins drückt sich durch andere Kriterien aus. Ich kann es, in Ermangelung der Mitgliedsliste, nicht beweisen.
Aber vermutlich wird sich dort die übliche Truppe von zugezogenen Wichtigtuern tummeln.
Und genau diese Leute gehen den "eingeborenen" Berlinern am A**** vorbei.
Aber gewaltig.
Es freut sich also nicht Berlin und die Bevölkerung, sondern ein verschwindend kleiner Anteil von vermutlich Komplexbeladenen.
Nicht immer gleich auf Berlin eindreschen, evtl. auch mal ein wenig mehr differenzieren.
Der Club ist mir wurscht. ZEIT Online wird mit dieser
Berichterstattung vom Zaun uninteressant und billig.
Wenn es hinter dem Zaun wenigstens was zu sehen gäbe... Ist aber nix, ausser austauschbare Berlinleere. Künstlerisch ist bestenfalls deren Neuverkleidung, -verklärung. Beeindruckend tatsächlich, wie man aus so viel kravattenbefreitem Nichts so viel Text machen kann.
"Das Soho House ist das Beste, was Berlin seit dem Potsdamer Platz passiert ist." - Die unzähligen Ketten-Kneipen für jeden Geschmack in und rund um den Potsdamer Platz? An die Elektronik-Werbeetagen? An die Manager Grand Hotels? An die 6-spurige Fahrbahn? An das Hochhaus einer bekannten Deutschen Bahn-AG? An die Aktien-Gesellschaften, die inzwischen ihre Anteile abgestossen haben und ausgezogen sind? Der Potsdamer Platz erinnert mit zunehmendem Alter, aber eigentlich schon ziemlich schnell, immer mehr and das Kudamm-Karree.
das haus ist für mich architekturtechnisch eine katastrophe! da würde ich noch nicht mal freiwillig übernachten, so ein hässliches haus ist für mich kein luxushotel sondern schaut aus wie eine arbeitsagentur!! warum hat man nicht etwas represäntatives, weltstadt-mäßiges gebaut, eine art wolkenkratzer, sowie halt in singapore und dutzenden anderen beeutenden hauptstädten. echt traurig für berlin.
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