Deutschland boomt, die Wirtschaft wächst. Kommentatoren jubeln über Exporterfolge, Politiker verkünden das Ende der Krise und die Rückkehr zur Normalität. Doch damit verfehlen sie ganz offensichtlich den Gemütszustand der meisten Deutschen. Denn die meisten Menschen glauben mitnichten, dass jetzt alles einfach wieder gut wird. Im Gegenteil.

Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung hat ergeben: Die Wirtschaftskrise hat die Deutschen nachdenklicher und wachstumskritischer gemacht. Mag sein, dass die Konjunktur wieder anzieht – aber nur noch ein Drittel der Bürger glaubt daran, dass das Wachstum automatisch auch ihre private Lebensqualität steigern wird.

Der überwiegende Teil der Bürger ist hingegen ins Lager der Wachstumskritiker gewechselt. Fast vier Jahrzehnte nachdem der Club of Rome seine Studie über die Grenzen des Wachstums veröffentlichte und drei Jahrzehnte nach der Gründung der Grünen ist deren Gedankengut damit wohl endgültig in weiten Teilen der Gesellschaft angekommen.

Heute sind den meisten Deutschen immaterielle Werte wie »soziale Gerechtigkeit« oder »Umweltschutz« so wichtig, dass das zunehmend auch ihre Haltung zum Wirtschaftssystem beeinflusst. Denn der Umfrage zufolge finden immerhin 88 Prozent der Befragten, das derzeitige System berücksichtige weder den »Schutz der Umwelt, noch den »sorgsamen Umgang mit den Ressourcen« oder den »soziale Ausgleich in der Gesellschaft« genügend.

Da ist es dann nur konsequent, dass sie sich auch eine »neue Wirtschaftsordnung« wünschen und dass sie wenig Vertrauen in die Widerstandsfähigkeit und Krisenfestigkeit rein marktwirtschaftlicher Systeme haben. Nur jeder dritte Deutsche glaubt noch an die »Selbstheilungskräfte des Marktes«, die Jungen sogar noch weniger als die Alten.

Dabei sind die Bürger mitnichten zu Pessimisten geworden: Eine Mehrzahl der Befragten hält es für durchaus möglich, Wachstum und Umweltschutz miteinander zu vereinbaren – wenn die Politik es wolle.

Die Studie belegt zudem, dass grünes, postmaterielles Denken nicht nur einer kleinen saturierten, bürgerlichen Schicht vorbehalten ist. Quellen persönlicher Lebensqualität sind demnach für den weit überwiegenden Teil der Bürger immaterieller Natur. Gesundheit, soziale Beziehungen und Umweltbedingungen werden mit Abstand für wichtiger gehalten, als »Geld und Besitz zu mehren«. Dabei ist die Antwort der Befragten erstaunlich unabhängig vom Bildungsgrad. Der Aussage »Wohlstand ist für mich weniger wichtig als Umweltschutz und der Abbau von Schulden« stimmten 75 Prozent der Abiturienten, aber auch 69 Prozent der Volksschüler zu.

Zudem ist die Wachstumsskepsis nicht mehr nur Teil der politischen Debatten. Sie ist – zumindest als Idee – auch im Privaten angekommen. Immerhin vier von fünf Deutschen finden, dass »jeder seine Lebensweise dahingehend überdenken sollte, ob wirtschaftliches Wachstum für ihn alles ist«.

Nur in einem Punkt sind die Bürger überraschend zögerlich: 82 Prozent halten zumindest im Grundsatz weiteres Wirtschaftswachstum für nötig, um die politische Stabilität zu erhalten. Wie Demokratie funktionieren könnte, wenn die Wirtschaft wirklich dauerhaft schrumpfte – das scheint also für viele die wirklich unbeantwortete Frage zu sein. Petra Pinzler