Finanzkrise Wir waren zu feige

Die Lehre aus der Krise lautet: Wir haben nicht zu viel riskiert, sondern zu wenig. Das gilt für Banker und Politiker genauso wie für Journalisten.

Zu verkaufen: Ein Trailer in einem Park in New Orleans, davor ein Plastikelefant

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Die beliebteste Quizsendung der Achtziger lebte von einem schaurig-schönen Moment. Das Fernsehstudio verdunkelte sich. Lichtblitze zuckten. Der Moderator raunte: »Ri-si-ko«. Beim Großen Preis saßen die Kandidaten in großen, kugelförmigen Cockpits, der ruhige Wim Thoelke moderierte, eine Assistentin reichte ihm Fragen. Es war beschaulich. Bis die Lichtblitze zuckten.

Dann konnten die Kandidaten viel gewinnen – oder alles verlieren. Innerhalb von Sekunden mussten sie entscheiden, wie viel Geld sie setzen, wie viel von ihrem Ersparten sie riskieren wollten. Und wenn einer laut darüber nachdachte, womöglich alles zu setzen, dann raunte Wim Thoelke: »Wollen Sie wirklich so viel riskieren?«

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Die wenigsten wollten das. Die Deutschen sind ein ziemlich risikoscheues Volk.

Man hat das auch in der Finanzkrise wieder gesehen. Für die meisten gab es in den vergangenen drei Jahren doch nur eine Erklärung, warum die Welt so tief in die Krise rutschte: Weil so viele zu viel riskiert hatten. Nur weil die Banken ein so enormes finanzielles Risiko eingingen – weil sie zockten –, entstand die große Spekulationsblase. Zu viel Risiko führte uns in die Finanzkrise, in die Wirtschaftskrise, in die Schuldenkrise.

Wie verhindern wir, dass so etwas noch einmal passiert?

So einleuchtend das klingt, so falsch könnte es sein. Denn womöglich ist es genau andersrum: Die Krise kam, weil so viele zu wenig riskierten. Und das gilt für Banker und Politiker genauso wie für Journalisten.

Es ist wichtig, sich das noch einmal zu vergegenwärtigen, gerade jetzt, da dieses Land mit Schwung aus der Krise kommt. Die Wirtschaft wächst wieder, aber die Kosten der Rettung werden uns noch Jahrzehnte belasten. Wie also verhindern wir, dass so etwas noch mal passiert? Die Kanzlerin sagt, wir müssten »neu denken« und »neu wirtschaften«. Eine »nachhaltigere Politik« fordert sie. Niemand wird Angela Merkel da widersprechen. Bloß: Haben wir nicht auch schon im letzten Boom geglaubt, diesmal entwickle sich alles ganz nachhaltig? Wie also verringern wir das Risiko des nächsten Crashs? Wie könnten wir alle dafür mehr riskieren?

Was wir erlebten, war ja nichts anderes als ein Massenphänomen. Für die Masse der Finanzexperten war es viel risikoloser, mit allen anderen mitzuspekulieren, als sich gegen die Masse zu stellen – solange der amerikanische Immobilienboom anhielt. Wer zu früh gegen den Markt wettete, verlor viel Geld. Denn der Markt boomte ja weiter.

So war das auch in Deutschland. Otto Steinmetz, bis 2008 im Vorstand der Dresdner Bank fürs Risikomanagement zuständig, hat unlängst in einem bemerkenswerten Interview geschildert, unter welchem Anpassungsdruck die Manager hierzulande standen. Ein Risikovorstand, der Widerstand gewagt hätte, wäre den Job los gewesen. Und als bad leaver hätte er nicht nur »seine variablen Bezüge, Aktienoptionen und möglicherweise auch seine Pensionsansprüche« verloren. Er hätte auch anderswo keinen neuen Job mehr bekommen. Also minimierten alle Banker ihr persönliches Risiko – und machten mit.

Auch für die Masse der Journalisten war es einfacher, immer neue Jubelartikel über den fortwährenden Boom zu schreiben, als auch einmal auf die Gefahren der Blase hinzuweisen. Die Wirtschaft brummte, und wer zu früh warnte, war der Depp.

Mit der Masse gehen und damit das individuelle Risiko minimieren, statt sich gegen die Masse zu stellen und damit auch etwas zu riskieren: Dafür gibt es das schöne Schimpfwort vom »Herdentrieb«. Auch die Politik ist davon nicht frei. Und wenig verdeutlicht das besser als eine Szene vom Vorabend der Krise – als noch die Chance bestand, das Schlimmste zu vermeiden.

Im Februar 2007 bekam Charles Prince, der damalige Chef der US-Großbank Citigroup, deutschen Besuch. Der Finanzminister hatte sich angemeldet. Peer Steinbrück reiste durch die USA und hatte auch einen Termin bei Prince an der Wall Street. Am Vorabend des Termins hatte es – wie fast immer bei solchen Reisen – einen gemütlichen Abend gegeben; der Finanzminister hatte mit Journalisten zusammengesessen, und irgendwann war das Gespräch auf Subprime-Kredite gekommen, jene berüchtigten Immobiliendarlehen an finanzschwache Amerikaner, die die Banken massenhaft ausreichten. Der Wall-Street-Korrespondent einer deutschen Tageszeitung erzählte, dass in den USA viel über diese Kredite diskutiert würde. Steinbrück hörte zu. Am nächsten Morgen fragte der Finanzminister den Bankchef über das Thema aus.

Es gehört zum Wesen jedes Politikers, überall Wissen aufzusaugen und dieses Wissen im nächsten Gespräch zu testen. So machte es Steinbrück mit Prince. Der Bankchef aber wiegelte ab. Charles Prince lehnte sich in seinem Sessel zurück, er dehnte seine Hosenträger und sagte nur, man habe alles im Griff. Die Deutschen fuhren dennoch mit einem unguten Gefühl nach Hause.

Deutschland führte damals den Vorsitz in der Gruppe der acht wichtigsten Industriestaaten (G8), gleichzeitig hatte man die EU-Präsidentschaft inne. Ganz oben auf der deutschen Agenda stand die bessere Kontrolle von Hedgefonds. Und so geschah etwas Typisches: Nach Steinbrücks Besuch bei Prince wollten die Deutschen etwas tun – aber weil das Thema Subprime so diffus war, stürzten sie sich auf vergleichsweise Konkretes: die Hedgefonds. Deren Macht wollten sie nun eben erst recht begrenzen. Heute weiß man: Nett gedacht, falsch gemacht.

Zwar waren die entfesselten Finanzmärkte im Frühjahr 2007 tatsächlich ein Problem. Bloß waren es eben nicht die Hedgefonds, die die Welt ins Unglück stürzten, sondern ganz normale Banken – auch deutsche Landesbanken –, die sich mit Ramschkrediten (Subprime) verspekuliert hatten.

Auch in der Politik sind Risikominimierer unterwegs. Es ist für Politiker häufig einfacher, ein populäres Thema zu bearbeiten, anstatt sich in komplizierte Zusammenhänge einzuarbeiten. Kritik an den Hedgefonds war in Deutschland ja seit Franz Münteferings Heuschrecken-Zitat zwei Jahre zuvor sehr populär. Hätte sich der deutsche Finanzminister aber im Frühjahr 2007 vor die Kameras gestellt und gesagt: Wir machen Subprime zum wichtigsten Thema unserer EU- und G-8-Präsidentschaft, die wenigsten hätten ihn verstanden. Zumindest die wenigsten Wähler. Die Bedrohung durch Heuschrecken dagegen glaubten alle zu verstehen. So war es auch für die deutsche Regierung viel risikoloser, sich um Hedgefonds zu kümmern.

Übrigens kritisierte das damals kein einziger Journalist – obwohl so viele an jenem Abend in Washington dabei waren, als über Subprime gesprochen wurde. Warum begannen nicht wenigstens die Medien im Frühjahr 2007, diese Blase näher zu untersuchen? Weil auch viele Journalisten Risikominimierer sind. Sie orientieren sich eher daran, was die Kollegen anderer Medien schreiben, weil sie nicht gegen die Konkurrenz abfallen wollen. Für eigene Themen oder eine andere Sicht auf die Dinge ist dann keine Zeit mehr – oder auch kein Platz. »You have to separate the urgent from the important«, hat der frühere US-Außenminister Henry Kissinger gefordert. Das Eilige vom Wichtigen zu trennen, auf die Gefahr hin, auch mal zu danebenzuliegen: Viele Journalisten haben das verlernt.

»In Krisenzeiten braucht man eine etwas weiter ausgreifende Perspektive als den Rat des Mainstreams und das Klein-Klein des bloßen Durchwurstelns«, hat Jürgen Habermas gesagt. Und tatsächlich gibt es Forscher, die sich sehr genau damit beschäftigen, was die Deutschen aus dieser Krise lernen könnten. Leute wie Stefan Bergheim, der seinen Job in der Researchabteilung der Deutschen Bank quittierte und nun erforscht, wie Politiker die Komplexität ihrer Entscheidungen besser in den Griff bekommen können. Wie Bernhard von Mutius, den Mitbegründer der Denkbank in Potsdam, der Unternehmen und Organisationen dabei hilft, interne Kritik zu nutzen, statt sie abzustellen. Wie den Kölner Systemdenker Egon Zeimers, der Ideen für einen anderen, weniger selbstbezogenen Journalismus entwickelt.

Sie alle arbeiten daran, wie die Gesellschaft gestärkt aus der Krise hervorgehen könnte – und erleben nun, wie sehr das Interesse dieser Gesellschaft schwindet. Weil die Krise schon wieder als bewältigt gilt.

Übertriebene Vorsicht geht weit über die Finanzbranche hinaus

Das ist die dunkle Seite der Aufschwungeuphorie: dass man einfach so zum Tagesgeschäft zurückkehrt. Politiker und Notenbanker haben Enormes geleistet, um unser Wirtschaftssystem vor dem Kollaps zu bewahren. Aber nach der Rettung beginnen die Aufräumarbeiten, und wenn es stimmt, dass die tiefere Ursache der Krise – die übertriebene Risikoscheu aller Akteure – weit über die Finanzbranche hinausgeht, dann geht es jetzt darum, die notwendigen Lehren zu ziehen.

Dazu gehören würde eine offenere Diskussionskultur in den Chefetagen der Konzerne. Topmanager, die eine bestimmte Entscheidung nicht mittragen wollen und deswegen den Job quittieren, dürften dafür nicht länger finanziell bestraft werden.

Dazu gehören würde ein anderes Selbstverständnis in Zeitungsredaktionen und Fernsehsendern. Intern müsste sich nicht länger derjenige rechtfertigen, der die Gegenposition zum Mainstream besetzt, sondern derjenige, der bringt, was alle bringen.

Dazu gehören würde, dass die Politik selbst sich aus der Rolle des Getriebenen befreit. Versuch und Irrtum müssten wieder möglich sein. Etwa, indem alle Wahlen an einem Termin stattfinden und dazwischen die Zeit wäre, wirklich etwas zu wagen.

Dies sind nur drei Vorschläge, die weder ausreichen noch die besten aller Ideen sind. Aber genau deswegen ist es so wichtig, dass die Debatte über die wahren Lehren aus der Krise beginnt. Das jedenfalls könnten wir jetzt einfach mal riskieren.

 
Leser-Kommentare
    • joG
    • 20.08.2010 um 12:31 Uhr

    .... geglaubt, diesmal entwickle sich alles ganz nachhaltig?"

    Ich weiß nicht, wer das geglaubt haben könnte, stünde es doch im krassen Gegensatz zu allen Erfahrungen der Geschichte. Sogar die Problembereiche waren klar: wirtschaftliche Ungleichgewichte, schlechte Regelwerke der Finanzmärkte, zu viel Zentralbankgeld, überschießende Märkte. Es war klar, dass es ein Blow Out geben würde. Nur war nicht absehbar, wo der Ballon platzt.

    Eine Leser-Empfehlung
  1. "Es gehört zum Wesen jedes Politikers, überall Wissen aufzusaugen und dieses Wissen im nächsten Gespräch zu testen."

    Ich habe mich selten köstlicher amüsiert. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch der restliche Artikel verträglich; eine Posse die den Leser nicht für dumm verkaufen, sondern erheitern will.

  2. "Warum begannen nicht wenigstens die Medien im Frühjahr 2007, diese Blase näher zu untersuchen?"

    Na, dann mal los, lieber Marc Brost. Dir Kreditkartenblase wartet schon. Sie wird verheerende Folgen haben.

    http://www.forium.de/reda...

  3. Zitat: "Politiker und Notenbanker haben Enormes geleistet, um unser Wirtschaftssystem vor dem Kollaps zu bewahren."
    Ist das Ihr Ernst?
    Ich kann an Leistungen nichts erkennen (vor der Krise nicht - und 2008 auch nicht). Die Politiker sind zu feige den Herren Bankvorständen Regeln zu setzen. Im Gegenteil: Sie lassen sich von den Verursachern der Krise "beraten" wie in Zukunft zu verfahren ist. Und die Herren sacken so viel Geld ein - ohne zu arbeiten. Ohne Verantwortung zu tragen, denn keiner sitzt im Knast.
    Die Leistungen wurden und werden von der arbeitenden und steuerzahlenden Bevölkerung erbracht. Und diese wird mit immer mehr Zumutungen bedacht.
    Das ist "unser Wirtschaftssystem" - na, vielen Dank auch!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Und die Herren sacken so viel Geld ein - ohne zu arbeiten. Ohne Verantwortung zu tragen, denn keiner sitzt im Knast.
    Die Leistungen wurden und werden von der arbeitenden und steuerzahlenden Bevölkerung erbracht. Und diese wird mit immer mehr Zumutungen bedacht.
    Das ist "unser Wirtschaftssystem" - na, vielen Dank auch!"

    Und diese Herren spekulieren mit unserem Geld, nicht mit ihrem privaten Mammon!

    "Und die Herren sacken so viel Geld ein - ohne zu arbeiten. Ohne Verantwortung zu tragen, denn keiner sitzt im Knast.
    Die Leistungen wurden und werden von der arbeitenden und steuerzahlenden Bevölkerung erbracht. Und diese wird mit immer mehr Zumutungen bedacht.
    Das ist "unser Wirtschaftssystem" - na, vielen Dank auch!"

    Und diese Herren spekulieren mit unserem Geld, nicht mit ihrem privaten Mammon!

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