Finanzkrise Wir waren zu feigeSeite 3/3

Auch in der Politik sind Risikominimierer unterwegs. Es ist für Politiker häufig einfacher, ein populäres Thema zu bearbeiten, anstatt sich in komplizierte Zusammenhänge einzuarbeiten. Kritik an den Hedgefonds war in Deutschland ja seit Franz Münteferings Heuschrecken-Zitat zwei Jahre zuvor sehr populär. Hätte sich der deutsche Finanzminister aber im Frühjahr 2007 vor die Kameras gestellt und gesagt: Wir machen Subprime zum wichtigsten Thema unserer EU- und G-8-Präsidentschaft, die wenigsten hätten ihn verstanden. Zumindest die wenigsten Wähler. Die Bedrohung durch Heuschrecken dagegen glaubten alle zu verstehen. So war es auch für die deutsche Regierung viel risikoloser, sich um Hedgefonds zu kümmern.

Übrigens kritisierte das damals kein einziger Journalist – obwohl so viele an jenem Abend in Washington dabei waren, als über Subprime gesprochen wurde. Warum begannen nicht wenigstens die Medien im Frühjahr 2007, diese Blase näher zu untersuchen? Weil auch viele Journalisten Risikominimierer sind. Sie orientieren sich eher daran, was die Kollegen anderer Medien schreiben, weil sie nicht gegen die Konkurrenz abfallen wollen. Für eigene Themen oder eine andere Sicht auf die Dinge ist dann keine Zeit mehr – oder auch kein Platz. »You have to separate the urgent from the important«, hat der frühere US-Außenminister Henry Kissinger gefordert. Das Eilige vom Wichtigen zu trennen, auf die Gefahr hin, auch mal zu danebenzuliegen: Viele Journalisten haben das verlernt.

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»In Krisenzeiten braucht man eine etwas weiter ausgreifende Perspektive als den Rat des Mainstreams und das Klein-Klein des bloßen Durchwurstelns«, hat Jürgen Habermas gesagt. Und tatsächlich gibt es Forscher, die sich sehr genau damit beschäftigen, was die Deutschen aus dieser Krise lernen könnten. Leute wie Stefan Bergheim, der seinen Job in der Researchabteilung der Deutschen Bank quittierte und nun erforscht, wie Politiker die Komplexität ihrer Entscheidungen besser in den Griff bekommen können. Wie Bernhard von Mutius, den Mitbegründer der Denkbank in Potsdam, der Unternehmen und Organisationen dabei hilft, interne Kritik zu nutzen, statt sie abzustellen. Wie den Kölner Systemdenker Egon Zeimers, der Ideen für einen anderen, weniger selbstbezogenen Journalismus entwickelt.

Sie alle arbeiten daran, wie die Gesellschaft gestärkt aus der Krise hervorgehen könnte – und erleben nun, wie sehr das Interesse dieser Gesellschaft schwindet. Weil die Krise schon wieder als bewältigt gilt.

Übertriebene Vorsicht geht weit über die Finanzbranche hinaus

Das ist die dunkle Seite der Aufschwungeuphorie: dass man einfach so zum Tagesgeschäft zurückkehrt. Politiker und Notenbanker haben Enormes geleistet, um unser Wirtschaftssystem vor dem Kollaps zu bewahren. Aber nach der Rettung beginnen die Aufräumarbeiten, und wenn es stimmt, dass die tiefere Ursache der Krise – die übertriebene Risikoscheu aller Akteure – weit über die Finanzbranche hinausgeht, dann geht es jetzt darum, die notwendigen Lehren zu ziehen.

Dazu gehören würde eine offenere Diskussionskultur in den Chefetagen der Konzerne. Topmanager, die eine bestimmte Entscheidung nicht mittragen wollen und deswegen den Job quittieren, dürften dafür nicht länger finanziell bestraft werden.

Dazu gehören würde ein anderes Selbstverständnis in Zeitungsredaktionen und Fernsehsendern. Intern müsste sich nicht länger derjenige rechtfertigen, der die Gegenposition zum Mainstream besetzt, sondern derjenige, der bringt, was alle bringen.

Dazu gehören würde, dass die Politik selbst sich aus der Rolle des Getriebenen befreit. Versuch und Irrtum müssten wieder möglich sein. Etwa, indem alle Wahlen an einem Termin stattfinden und dazwischen die Zeit wäre, wirklich etwas zu wagen.

Dies sind nur drei Vorschläge, die weder ausreichen noch die besten aller Ideen sind. Aber genau deswegen ist es so wichtig, dass die Debatte über die wahren Lehren aus der Krise beginnt. Das jedenfalls könnten wir jetzt einfach mal riskieren.

 
Leser-Kommentare
    • joG
    • 20.08.2010 um 12:31 Uhr

    .... geglaubt, diesmal entwickle sich alles ganz nachhaltig?"

    Ich weiß nicht, wer das geglaubt haben könnte, stünde es doch im krassen Gegensatz zu allen Erfahrungen der Geschichte. Sogar die Problembereiche waren klar: wirtschaftliche Ungleichgewichte, schlechte Regelwerke der Finanzmärkte, zu viel Zentralbankgeld, überschießende Märkte. Es war klar, dass es ein Blow Out geben würde. Nur war nicht absehbar, wo der Ballon platzt.

    Eine Leser-Empfehlung
  1. "Es gehört zum Wesen jedes Politikers, überall Wissen aufzusaugen und dieses Wissen im nächsten Gespräch zu testen."

    Ich habe mich selten köstlicher amüsiert. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch der restliche Artikel verträglich; eine Posse die den Leser nicht für dumm verkaufen, sondern erheitern will.

  2. "Warum begannen nicht wenigstens die Medien im Frühjahr 2007, diese Blase näher zu untersuchen?"

    Na, dann mal los, lieber Marc Brost. Dir Kreditkartenblase wartet schon. Sie wird verheerende Folgen haben.

    http://www.forium.de/reda...

  3. Zitat: "Politiker und Notenbanker haben Enormes geleistet, um unser Wirtschaftssystem vor dem Kollaps zu bewahren."
    Ist das Ihr Ernst?
    Ich kann an Leistungen nichts erkennen (vor der Krise nicht - und 2008 auch nicht). Die Politiker sind zu feige den Herren Bankvorständen Regeln zu setzen. Im Gegenteil: Sie lassen sich von den Verursachern der Krise "beraten" wie in Zukunft zu verfahren ist. Und die Herren sacken so viel Geld ein - ohne zu arbeiten. Ohne Verantwortung zu tragen, denn keiner sitzt im Knast.
    Die Leistungen wurden und werden von der arbeitenden und steuerzahlenden Bevölkerung erbracht. Und diese wird mit immer mehr Zumutungen bedacht.
    Das ist "unser Wirtschaftssystem" - na, vielen Dank auch!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Und die Herren sacken so viel Geld ein - ohne zu arbeiten. Ohne Verantwortung zu tragen, denn keiner sitzt im Knast.
    Die Leistungen wurden und werden von der arbeitenden und steuerzahlenden Bevölkerung erbracht. Und diese wird mit immer mehr Zumutungen bedacht.
    Das ist "unser Wirtschaftssystem" - na, vielen Dank auch!"

    Und diese Herren spekulieren mit unserem Geld, nicht mit ihrem privaten Mammon!

    "Und die Herren sacken so viel Geld ein - ohne zu arbeiten. Ohne Verantwortung zu tragen, denn keiner sitzt im Knast.
    Die Leistungen wurden und werden von der arbeitenden und steuerzahlenden Bevölkerung erbracht. Und diese wird mit immer mehr Zumutungen bedacht.
    Das ist "unser Wirtschaftssystem" - na, vielen Dank auch!"

    Und diese Herren spekulieren mit unserem Geld, nicht mit ihrem privaten Mammon!

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