Die Flaming Lips aus Oklahoma: Kliph Scurlock, Michael Ivins, Wayne Coyne, Steven Drozd © WMG

Das hatten sie eigentlich längst hinter sich: Pink Floyd covern, fällt denen jetzt gar nichts mehr ein? Die Flaming Lips klangen doch immer schon so, als hätten sie in ihren Anfängen in den frühen 1980ern nichts anderes gemacht, als Pink-Floyd-Songs nachzuspielen, um dann eine überzeugende Eigenständigkeit zu entwickeln. Sänger Wayne Coyne und seine Band bewegen sich zwischen Pop und Avantgarde. Sie brachten Indie-Pop-Hits, aber auch ein psychedelisches Vierfachkonzeptalbum heraus, das synchron auf vier Stereoanlagen gehört werden musste. Wie Pink Floyd lieben sie bombastisch inszenierte Livekonzerte, bei denen man sich nicht wundern würde, wenn eine fliegende Untertasse auf der Bühne landete und ihr E-Gitarren-behängte Außerirdische entstiegen, weil die Synthesizer der Band genau auf ihrer Kommunikationsfrequenz lagen. Es gibt eine Lasershow und transparente Gummiballons, in denen Wayne Coyne über die Köpfe des Publikums wandelt – die Flaming Lips stellen sich die Zukunft immer noch so vor, wie sie mal in den 1970ern ausgesehen hat.

Wenn die aus Oklahoma City stammende Band nun ein Stück-für-Stück-Remake des Pink-Floyd-Albums The Dark Side Of The Moon veröffentlicht, ist das auch eine Zeitreise zu den Anfängen, als das Feld der experimentellen Popmusik noch eine ziemlich ungemähte Wiese war. Der Trip beginnt mit einem nervösen Pulsieren, dann schwellen dreckig verzerrte Garagenrockgitarren an, was eine erste Überraschung ist, weil es weder Pink Floyd noch dem gepflegten Sound der Flaming Lips entspricht. Der ruhige Herzschlag des Songs Breathe verwandelt sich zu einem ungeheuer groovigen EKG-Belastungstest. Parallel zum treibenden Rhythmus scheint ein Scanner die Komposition abzutasten und Elektroeffekte zu setzen, wo immer dies möglich ist. Schließlich ist The Dark Side Of The Moon aus dem Jahr 1973 die Inkunabel des Progressive Rock.

Pink Floyd vereinten darauf Popsongs mit Elekroexperimenten und schufen unter Verwendung von analogen Synthesizern, modernster Studiotechnik und eingestreuten Psycho-Interviews ein Werk, das Songschreiber Roger Waters als Erforschung dunkler Seelenzustände konzipiert hatte. Wie so oft in der populären Kultur machte das Publikum etwas anderes daraus. Der psychedelisch sanfte Sound passte prima zu späten Hippieträumen, beflügelte den von der Mondlandung initiierten realen Futurismus und wurde zum Soundtrack manchen Drogenexperiments: Dunkel war’s, der Mond schien helle. Statt Düsternis erkannte man in The Dark Side Of The Moon die Vision einer zwar ungewissen, aber magischen Zukunft. Die Nachtseite gefiel so gut, dass das Album zu Pink Floyds erfolgreichstem und einem der meistverkauften der Musikgeschichte wurde.

37 Jahre später können wir zumindest sagen, dass die technischen Möglichkeiten gewachsen sind: Heute stehen jedem auf dem PC ausgefeiltere Soundeffekte zur Verfügung als damals Pink Floyds Soundingenieur Alan Parsons, der Alltagsgeräusche wie Kassenklingeln und Standuhrticken mit ebendiesen Requisiten aufnehmen musste. Die Digitalisierung verleibt sich auch die Vergangenheit ein. Das Kunstwerk wird im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit nicht vergessen, sondern durch immer neue Remasterings für neue Wiedergabetechnologien dem vom Künstler beabsichtigten Ideal angenähert. Obwohl uns The Dark Side Of The Moon als klangoptimierte Super Audio Compact Disc originalgetreuer vorliegt denn je, haben sich doch die Vorstellungen verändert, die man mit dieser Musik verbindet. So hat etwa die mondgestützte Weltraumzukunft ihren Charakter einer realutopischen Option eingebüßt. Schließlich stehen in der gegenwärtigen Zukunftsvision erst mal Klimakatastrophe und asymmetrische Kriegsführung auf der Agenda. Auch Progressive Rock wird irgendwann vom Fortschritt eingeholt und landet als Golden Oldie im Radio.

Genau diese Kluft zwischen Produktions- und Wirkungsästhetik bringt eine Band wie die Flaming Lips dazu, sich an ein Remake wagen. Sie geben der Dark Side Of The Moon-Partitur eine Gestalt, die wie einst über die Gegenwart hinaus in unendliche Weiten weist. Sie wirken beim Nachspielen origineller als viele Künstler mit ihren eigenen Stücken. Die Digitalisierung ist ja nicht nur eine penible Archivarin, sie hat auch eine umfassende Kultur der Neuinterpretationen hervorgebracht. Beim Videoportal YouTube ist die Coverversion zu einer Kommunikationsform geworden, weil der Nachmachende durch seinen individuellen Zugriff akzentuiert, was er am Idol besonders schätzt. Die Flaming Lips aber sind für starre Ehrerbietungen viel zu quirlig. Darstellern gleich schlüpfen sie zusammen mit den Sängern Henry Rollins und Peaches sowie der Band von Coynes Neffen in die Pink-Floyd-Rolle und spielen die Musik, die ein David Gilmour und Roger Waters des Jahres 1973 spielen würden, wenn sie heute lebten. Money, den großen Hit des Albums, interpretieren sie mit Retrosoundeffekten, die an frühe Computerspiele erinnern, und einer stark verzerrten Singstimme. Wie das gesamte Remake ist dies der Versuch, Pink Floyd weitestgehend zu verfremden, um ihnen dadurch treu zu bleiben. Die Band denkt die Konstruktionsideen des Werks weiter und lässt die Partitur und ihren lyrischen Nihilismus so revolutionär und progressive erschallen, wie Pink Floyd auf ihre Zeitgenossen gewirkt haben müssen. Anders als die meisten Remakes von Spielfilmen ist The Dark Side Of The Moon von den Flaming Lips nicht eingängiger, sondern sperriger als das Original. Keine Oldierock-Nostalgie liegt auf dieser Mondlandschaft, sondern ewiger Schatten.

The Flaming Lips and Stardeath and White Dwarfs with Henry Rollins and Peaches Doing The Dark Side Of The Moon (Warner)