Stiftungen Lasst sie stiften!

Die Kritik an den amerikanischen Milliardenspendern ist naiv. Unsere Reichen könnten dort viel lernen. Ein Gastbeitrag

Big Spender: Bill Gates während eines Besuchs bei der britischen Regierung in London

Big Spender: Bill Gates während eines Besuchs bei der britischen Regierung in London

Auf den ersten Blick sind es beachtliche Summen, die diese 40 US-amerikanischen Superreichen der Öffentlichkeit spenden wollen. Es geht um 100 Milliarden Dollar – oder gar um 600 Milliarden Dollar, wenn alle US-Milliardäre mitmachen.

Wie viel Geld ist das? Es entspricht etwa dem auf 583 Milliarden Dollar geschätzten Vermögen der 75.000 amerikanischen Stiftungen, die es schon heute gibt. 2009 erbrachte dieses Vermögen 43 Milliarden an (steuerfreiem) Gewinn, Rendite also, die an gemeinnützige Organisationen als Spende weitergereicht wurde. Um die in Aussicht gestellten 600 Milliarden Dollar verdoppelt, könnten US-Stiftungen also knapp 90 Milliarden Dollar pro Jahr ausgeben.

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Das Universitätssystem Kaliforniens oder die sozialen Wohlfahrtsdienste von New York City könnten für einige Monate finanziert werden. Oder es könnten vier neue Universitäten mit einem ähnlichen Gesamtvermögen wie Harvard, Yale, Princeton und Stanford entstehen. Aber mehr auch nicht. Die Gesamtausgaben des Nonprofit-Sektors der USA, zu dem ja auch Individualspenden zählen und vor allem staatliche Zuschüsse, betragen jährlich 1200 Milliarden Dollar. Im Kontext der Finanzflüsse für Bildung, Forschung und soziale Dienste in den USA sind die Stiftungsmittel Peanuts.

Es geht aber nicht so sehr um die Summen, sondern vielmehr darum, was mit den »bescheidenen« Vermögen erreicht werden kann. Was können Stiftungen, was der Staat nicht kann, und umgekehrt?

In Deutschland kamen viele Kommentatoren gar nicht bis zu dieser Kernfrage, sondern ließen sich von den Summen blenden. Recht schnell und mit erstaunlicher Naivität wurden Stiftungen mit unverhältnismäßiger Machtkonzentration, undemokratischer Einflussnahme und Steuervermeidung in Verbindung gebracht. Als ob nur von Staat und Parteipolitik abgesegnete Vorhaben für das Gemeinwohl zählten! Als ob Milliardäre das Instrument der Stiftung bräuchten, um Einfluss zu gewinnen oder Steuern zu sparen!

Was mit dem »wenigen« Geld gemacht werden kann, zeigen Stiftungen in den USA allerdings in durchaus beeindruckender Weise. Das amerikanische Hochschulwesen beispielsweise ist stark von ihnen geprägt. Die Stiftungsarbeit formte eine vielfältige Kulturlandschaft und hat unter anderem der Forschung und der internationalen Verständigung wichtige Impulse gegeben. Stiftungen konnten zwischen 1920 und 1950 die Hochschullandschaft prägen, weil der Bundesstaat dazu nicht in der Lage war und sich keine politischen Mehrheiten fanden; sie konnten schon immer in der Kultur wirksam werden, weil der Staat vieles nicht als seine Aufgabe ansah; und sie wurden insbesondere in der Zeit des Kalten Krieges in der »weichen Diplomatie« aktiv, weil die offizielle internationale Politik zu sehr von Macht- und Sicherheitsstreben geprägt war.

Stiftungen wirken oft in Bereichen, die von der Politik vernachlässigt werden, für die sich keine Mehrheiten finden. Dafür brauchen sie nicht notwendigerweise große Summen. Die Rosenwald-Stiftung baute in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Südstaaten Primarschulen für die vom öffentlichen Schulwesen ausgeschlossenen Schwarzamerikaner auf – gegen den Widerstand von Politik und Wirtschaft. Fast 70 Jahre später gelang es der Rosenberg Stiftung in Kalifornien, mit einem Vermögen von zehn Millionen Dollar das Los der von Politik und Behörden ignorierten Kinder illegaler Einwanderer erheblich zu verbessern und ihre Rechte zu stärken. War dies nun undemokratisch oder sozial ungerecht?

Leser-Kommentare
  1. Wenn man die Debatte um das große Spenden auf die Frage, ob das Geld wirklich Wirkung zeigt, reduziert, blendet man zu viele Fragen aus.

    Ich will an dieser Stelle es auch nicht in Frage stellen, dass 'Spenden' an sich etwas Gutes ist. 'Geben' kann ist insofern in der Regel immer etwas Gutes. Allerdings gibt es hier schon den ersten Haken zu bemerken. Denn es ist nur gut, so lange das 'Geben' nicht abhängig macht!

    Stiftungsvermögen mag zwar auch nicht direkt von Markterwartungen abhängig sein, aber bleibt ebenso vom Markt abhängig. Schließlich wird hier berichtet, dass das Stiftungsvermögen Rendite abwirft. Oder man ist vom Geldgeber abhängig.

    Und gerade die Autonomie ist doch kein Vorteil. Man macht hier Teile des Allgemeinwohls abhängig von Stiftungen. Dabei wird nicht beleuchtet, was für Personal bei Stiftungen Entscheidungen trifft und wie es sie trifft. Wie anfällig sind solche Organe für Machtmissbrauch?

    Es ist doch grob fahrlässig zu behaupten, dass es positiv sei, wenn es sich dabei um Personal handelt, das nicht gewählt werden muss. Damit stellt man demokratische Prinzipien wie "One man - one vote" in Frage. Dies geht die Allgemeinheit etwas an, wenn man z.B. davon abhängig wäre, sein Kind auf eine solch geförderte Schule zu schicken.

    Außerdem blendet man die Frage aus, wo z.B. das Geld ursprünglich herkommt?

    Ein System, das auf solche Stiftungen aufbaut, hat keinen universellen Anspruch. In diesem Sinne blendet man zu viele systempolitische Fragen aus.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • joG
    • 23.08.2010 um 9:57 Uhr

    ...das Geld ursprünglich herkommt?"

    Sie meinen, wie bei den Steuern?

    Auch die Abhängigkeit ist ähnlich jener durch Transfers des Staates. Alle Argumente, die Sie so anführen gegen die privaten Schenkungen sind ähnlich auf den Staat übertragbar. Alleine die Freiwilligkeit der solidarischen Tat fehlt bei staatlichen Aktivitäten. Da wird der Steuerzahler genötigt.

    • joG
    • 23.08.2010 um 9:57 Uhr

    ...das Geld ursprünglich herkommt?"

    Sie meinen, wie bei den Steuern?

    Auch die Abhängigkeit ist ähnlich jener durch Transfers des Staates. Alle Argumente, die Sie so anführen gegen die privaten Schenkungen sind ähnlich auf den Staat übertragbar. Alleine die Freiwilligkeit der solidarischen Tat fehlt bei staatlichen Aktivitäten. Da wird der Steuerzahler genötigt.

  2. das Geld jedoch in die Wirtschaft zurückzuführen, und Neuinvestitionen zur Verbesserung der Arbeitssituation und Vermeidung von Arbeitslosigkeit und Armut zu tätigen, ist das andere. Letzteres ist produktiver und zukunfts- wie handlungsorientierter als Alibigesellschaften der Wohltätigkeit, die das Geld verteilen und neues erbitten, um Unterstützungen leisten zu können.

  3. 4. ~ 1029

    Wo will der Autor hin, von wo beginnt er seinen Weg? Das ist mir nicht klar geworden. So ist das in Aussicht gestellte Vermögen mal wenig, mal viel. Und die Kritik an Stiftungen naiv zu nennen, dafür aber einfach ein paar der Kritikpunkte in persönlicher Deutung umkehren...

    Ich kenne überhaupt keine solche Kritik von beachtenswerter Größe zum Aspekt Stiftungen. Die eigentliche Kritik setzt doch viel fundamentaler an, nämlich bereits in der Spendefähigkeit einer solchen Summe. Das Wie und Wohin der Spenden verblasst doch gegenüber dem Woher der Gelder. Und es kann doch nicht sein, dass einige, die Milliarden anhäufen konnten, ohne viel zu tun, nun auch noch den Samariter für jene spielen wollen, denen ihre Arbeit oder auch nur Mitgliedschaft einer Nation kein ausreichendes Einkommen zum Überleben gewährt. Die Eigeninitiative der Spender hier lobend anzuführen, verkehrt die Zustände der Welt ins Entgegengesetzte.

    Nicht die Reichen in Deutschland sollten davon lernen, sondern die Deutschen. Und ihre Politiker. Reicher zu werden, weil man reich ist, das stellt auch das Leistungsprinzip, Gerechtigkeit und basale Strukturen der Marktwirtschaft in Frage. Die USA sind ein gutes Negativbild: Menschen mit 3 Jobs, keiner Versicherung, die trotzdem darben; und Leute wie Bill Gates, die allein durch Zinserträge tausendmal mehr "verdienen". Da ist Spenden nur noch eine Ausrede, vielleicht um Schlimmeres zu verhindern. Wir sollten lernen: Das ist nicht in Ordnung.

  4. Vollste Zustimmung!

    Und dann tun sie uns noch Öl ins Badewasser oder Radioaktivität ins Grundwasser!

    Die Stiftung hilft dann den Bekümmerten!

  5. Es sind die Leute die einen auf Retter machen, die seit Jahren alles unternommen haben, um so wenig Steuern wie möglich zu zahlen. Sich aus der Finanzierung von Gemeinschaftsaufgaben zurückziehen, um sich dann mit dem gesparten Geld als Wohltäter darzustellen, in dem man eine Stiftung ins Leben ruft, die in irgendeiner Form dem Gemeinwohl dienen soll, stört mich halt.

  6. weitgehend unbezahlt zu arbeiten, um auf Hilfe angewiesen zu sein. Stiftungen helfen nicht bedingungslos, "Wessen Brot ich ess´, dessen Lied ich sing".

    Van Gogh: Geld ist, was früher das Recht des Stärkeren war. Du widersprichst, - er schlägt nicht mit der Faust zu, er kauft nichts mehr von dir... Ihre Moral ist so, dass sie alle Eingeborenen mit der Begründung, dass sie ab und zu einen Menschen verspeist hätten, töteten und sich ihr Land aneigneten...

    http: //www.anwaelte-gegen-hartz4.de/selbst_der_himmel_weint_buergergeld_statt_buergerkrieg_drama.pdf

  7. Nach so langen Erfahrungen mit der Rockefeller-Foundation und der Ford-Foundation und den Soros-Stiftungen soll das naive Geschwätz in den Massenmedien wohl zum Hohngelächter reizen.

    Seit den Zeiten der US-Räuberbarone, die sich zwangsweise von der von ihnen bezahlten Journaille als Philanthropen haben feiern lassen, sind diese sogenannten Stiftungen nichts anderes als mit Methoden geheimer Dienste operierende Organisationen für die Ziele und Interessen des Großkapitals.

    In Deutschland ist das mit der berüchtigten Bertelsmann-"Stiftung" und ihrem verheerenden Einfluss auf Politik und Medien auch nicht anders. Da setzt sich so eine "Stiftung" dann dafür ein, die umlagefinanzierte Rente madig zu machen und im Interesse der Versicherungskonzerne Gesetze zur privaten Altersvorsorge durchzusetzen.

    Enteignung wäre die richtige Antwort auf diese "wohltätigen Stiftungen" zur Durchsetzung der Kapitalinteressen.

    Im Interesse der Diskutierbarkeit von Aussagen, wäre es wünschenswert, wenn Sie für Thesen auch Argumente lieferten. Danke, die Redaktion/fk.

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