Stiftungen Lasst sie stiften!Seite 2/2

Ist es undemokratisch oder sozial ungerecht, dass die Casey-Stiftung darauf hinweist, dass Informationen zur Kinderwohlfahrt in den staatlichen Statistiken nicht vorkommen? Zur Abhilfe gibt sie ein eigenes System der Sozialberichterstattung heraus und stellt die Politik vor verdrängte Tatsachen. Viele US-Stiftungen verstehen sich als Themenanwälte, die Ideen, Probleme und Lösungsvorschläge formulieren, die von den Parteien nicht gesehen werden oder werden wollen. Es gibt kaum einen Reformvorschlag in der amerikanischen Politik, an dem Stiftungen und deren Thinktanks nicht beteiligt waren. Auch die Idee von Frau von der Leyen, einen Bildungschip einzuführen, kommt übrigens aus dem amerikanischen Stiftungswesen.

Es lassen sich viele weitere Beispiele anführen, die zeigen, dass Stiftungen Neuland betreten und innovative Ideen erproben. Gerade im Silicon Valley unterstützen sie Innovationen: das Omidyar Network etwa, das über gemeinnützige und zugleich gewinnorientierte Einrichtungen versucht, neue lokale Finanzstrukturen, Medien- und Arbeitswelten zu entwickeln und zu testen. Die Craig’s List Foundation, die internetbasierte neue Informations- und Organisationsstrukturen für lokales Engagement von Bürgern vordenkt. Die Initiative der William and Flora Hewlett Foundation, einen unabhängigen Thinktank in China ins Leben zu rufen.

Daraus können wir in Europa und Deutschland lernen. Zwar erlebt das Stiftungswesen hierzulande einen beispiellosen Aufschwung: Mehr als zwei Drittel der über 17.000 Stiftungen in Deutschland wurden seit dem Jahr 2000 gegründet. Aber noch immer werden Stiftungen zu sehr als karitativ-gemeinwohlkonforme Einrichtungen gesehen, die staatliche Maßnahmen flankieren. Zu selten werden sie als Kraft gesehen, die das Verhältnis zwischen Staat, Zivilgesellschaft und Wirtschaft innovativ mitgestalten kann. Und zu viele Stiftungen sehen sich in einer eher abwartenden als in einer kreativen Rolle, in einer Position, die auf Alleinstellung basiert und nicht auf geschickter Vernetzung. Das Selbstverständnis der deutschen Stiftungen hinkt ihrem eigentlichen Potenzial hinterher.

Denn Stiftungen haben gegenüber anderen Institutionen signifikante Vorteile. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist die Unabhängigkeit von Markterwartungen einerseits – sie müssen keine Quartalsgewinne schreiben – und vom Wahlerfolg der Parteipolitik andererseits – die Leute müssen sie nicht wählen.

Dies macht Stiftungen zu Institutionen von großer Autonomie. Die Stiftung kann Ziele langfristig verfolgen. Sie braucht keine schnellen Erfolge vorzuweisen. Stiftungen haben also viel Ausdauer. Und darum sind Stiftungsmittel – ob sechs- oder neunstellig – mehr als Peanuts.

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn man die Debatte um das große Spenden auf die Frage, ob das Geld wirklich Wirkung zeigt, reduziert, blendet man zu viele Fragen aus.

    Ich will an dieser Stelle es auch nicht in Frage stellen, dass 'Spenden' an sich etwas Gutes ist. 'Geben' kann ist insofern in der Regel immer etwas Gutes. Allerdings gibt es hier schon den ersten Haken zu bemerken. Denn es ist nur gut, so lange das 'Geben' nicht abhängig macht!

    Stiftungsvermögen mag zwar auch nicht direkt von Markterwartungen abhängig sein, aber bleibt ebenso vom Markt abhängig. Schließlich wird hier berichtet, dass das Stiftungsvermögen Rendite abwirft. Oder man ist vom Geldgeber abhängig.

    Und gerade die Autonomie ist doch kein Vorteil. Man macht hier Teile des Allgemeinwohls abhängig von Stiftungen. Dabei wird nicht beleuchtet, was für Personal bei Stiftungen Entscheidungen trifft und wie es sie trifft. Wie anfällig sind solche Organe für Machtmissbrauch?

    Es ist doch grob fahrlässig zu behaupten, dass es positiv sei, wenn es sich dabei um Personal handelt, das nicht gewählt werden muss. Damit stellt man demokratische Prinzipien wie "One man - one vote" in Frage. Dies geht die Allgemeinheit etwas an, wenn man z.B. davon abhängig wäre, sein Kind auf eine solch geförderte Schule zu schicken.

    Außerdem blendet man die Frage aus, wo z.B. das Geld ursprünglich herkommt?

    Ein System, das auf solche Stiftungen aufbaut, hat keinen universellen Anspruch. In diesem Sinne blendet man zu viele systempolitische Fragen aus.

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    • joG
    • 23.08.2010 um 9:57 Uhr

    ...das Geld ursprünglich herkommt?"

    Sie meinen, wie bei den Steuern?

    Auch die Abhängigkeit ist ähnlich jener durch Transfers des Staates. Alle Argumente, die Sie so anführen gegen die privaten Schenkungen sind ähnlich auf den Staat übertragbar. Alleine die Freiwilligkeit der solidarischen Tat fehlt bei staatlichen Aktivitäten. Da wird der Steuerzahler genötigt.

    • joG
    • 23.08.2010 um 9:57 Uhr

    ...das Geld ursprünglich herkommt?"

    Sie meinen, wie bei den Steuern?

    Auch die Abhängigkeit ist ähnlich jener durch Transfers des Staates. Alle Argumente, die Sie so anführen gegen die privaten Schenkungen sind ähnlich auf den Staat übertragbar. Alleine die Freiwilligkeit der solidarischen Tat fehlt bei staatlichen Aktivitäten. Da wird der Steuerzahler genötigt.

  2. das Geld jedoch in die Wirtschaft zurückzuführen, und Neuinvestitionen zur Verbesserung der Arbeitssituation und Vermeidung von Arbeitslosigkeit und Armut zu tätigen, ist das andere. Letzteres ist produktiver und zukunfts- wie handlungsorientierter als Alibigesellschaften der Wohltätigkeit, die das Geld verteilen und neues erbitten, um Unterstützungen leisten zu können.

  3. 4. ~ 1029

    Wo will der Autor hin, von wo beginnt er seinen Weg? Das ist mir nicht klar geworden. So ist das in Aussicht gestellte Vermögen mal wenig, mal viel. Und die Kritik an Stiftungen naiv zu nennen, dafür aber einfach ein paar der Kritikpunkte in persönlicher Deutung umkehren...

    Ich kenne überhaupt keine solche Kritik von beachtenswerter Größe zum Aspekt Stiftungen. Die eigentliche Kritik setzt doch viel fundamentaler an, nämlich bereits in der Spendefähigkeit einer solchen Summe. Das Wie und Wohin der Spenden verblasst doch gegenüber dem Woher der Gelder. Und es kann doch nicht sein, dass einige, die Milliarden anhäufen konnten, ohne viel zu tun, nun auch noch den Samariter für jene spielen wollen, denen ihre Arbeit oder auch nur Mitgliedschaft einer Nation kein ausreichendes Einkommen zum Überleben gewährt. Die Eigeninitiative der Spender hier lobend anzuführen, verkehrt die Zustände der Welt ins Entgegengesetzte.

    Nicht die Reichen in Deutschland sollten davon lernen, sondern die Deutschen. Und ihre Politiker. Reicher zu werden, weil man reich ist, das stellt auch das Leistungsprinzip, Gerechtigkeit und basale Strukturen der Marktwirtschaft in Frage. Die USA sind ein gutes Negativbild: Menschen mit 3 Jobs, keiner Versicherung, die trotzdem darben; und Leute wie Bill Gates, die allein durch Zinserträge tausendmal mehr "verdienen". Da ist Spenden nur noch eine Ausrede, vielleicht um Schlimmeres zu verhindern. Wir sollten lernen: Das ist nicht in Ordnung.

  4. Vollste Zustimmung!

    Und dann tun sie uns noch Öl ins Badewasser oder Radioaktivität ins Grundwasser!

    Die Stiftung hilft dann den Bekümmerten!

  5. Es sind die Leute die einen auf Retter machen, die seit Jahren alles unternommen haben, um so wenig Steuern wie möglich zu zahlen. Sich aus der Finanzierung von Gemeinschaftsaufgaben zurückziehen, um sich dann mit dem gesparten Geld als Wohltäter darzustellen, in dem man eine Stiftung ins Leben ruft, die in irgendeiner Form dem Gemeinwohl dienen soll, stört mich halt.

  6. weitgehend unbezahlt zu arbeiten, um auf Hilfe angewiesen zu sein. Stiftungen helfen nicht bedingungslos, "Wessen Brot ich ess´, dessen Lied ich sing".

    Van Gogh: Geld ist, was früher das Recht des Stärkeren war. Du widersprichst, - er schlägt nicht mit der Faust zu, er kauft nichts mehr von dir... Ihre Moral ist so, dass sie alle Eingeborenen mit der Begründung, dass sie ab und zu einen Menschen verspeist hätten, töteten und sich ihr Land aneigneten...

    http: //www.anwaelte-gegen-hartz4.de/selbst_der_himmel_weint_buergergeld_statt_buergerkrieg_drama.pdf

  7. Nach so langen Erfahrungen mit der Rockefeller-Foundation und der Ford-Foundation und den Soros-Stiftungen soll das naive Geschwätz in den Massenmedien wohl zum Hohngelächter reizen.

    Seit den Zeiten der US-Räuberbarone, die sich zwangsweise von der von ihnen bezahlten Journaille als Philanthropen haben feiern lassen, sind diese sogenannten Stiftungen nichts anderes als mit Methoden geheimer Dienste operierende Organisationen für die Ziele und Interessen des Großkapitals.

    In Deutschland ist das mit der berüchtigten Bertelsmann-"Stiftung" und ihrem verheerenden Einfluss auf Politik und Medien auch nicht anders. Da setzt sich so eine "Stiftung" dann dafür ein, die umlagefinanzierte Rente madig zu machen und im Interesse der Versicherungskonzerne Gesetze zur privaten Altersvorsorge durchzusetzen.

    Enteignung wäre die richtige Antwort auf diese "wohltätigen Stiftungen" zur Durchsetzung der Kapitalinteressen.

    Im Interesse der Diskutierbarkeit von Aussagen, wäre es wünschenswert, wenn Sie für Thesen auch Argumente lieferten. Danke, die Redaktion/fk.

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