Yu Chun-sung kam am Morgen des 6. August 1945 in Hiroshima an. Er gehörte zu jenen Hunderttausenden aus der Kolonie Korea, die in Japan lebten und für die Kriegsindustrie schuften mussten. Es war Viertel nach acht, als er aus dem Zug stieg. Im nächsten Moment erfasste ihn ein sengender Blitz. Geblendet stolperte über die Gleise, rannte weiter bis zu einer Anhöhe und verkroch sich in einer halb zerstörten Bauernkate. Nach 24 Stunden brachten ihn Retter auf einem Lkw in ein Hospital. Man bedeckte sein Gesicht mit einem ölgetränkten Mullverband. Wenige Tage später wimmelten Maden in den Brandwunden.

Doch anders als Zehntausende Koreaner, die sich ebenfalls in Hiroshima und Nagasaki befanden und deren Leben die Atombomben auslöschten, sah der damals 28-jährige Yu die Heimat wieder. Er fand ein kurzes Glück als Gemüsehändler. Von 1950 an begann er Blut zu speien. Seine Frau brachte zwei fehlgebildete Kinder zur Welt. 1970 glich Yu einem Gespenst, der spindeldürre Körper bog sich unter Krämpfen zusammen. 1972 erlöste Yu Chun-sung der Tod.

Sein Schicksal gehört zu den späten Folgen eines Dramas, das schon im 19. Jahrhundert begann. Auf offener Bühne, von den westlichen Kolonialmächten abgesegnet, hatte der dynamische Aufsteiger Japan das alte Korea seit 1875 Akt für Akt in die Unterwerfung getrieben. Vor genau hundert Jahren fiel der letzte Vorhang: Tokyo annektierte die Halbinsel und beendete Koreas Selbstständigkeit. Seiner neuen Kolonie zwang die expansive Imperialmacht nicht nur ihre harte Militärpolitik (budan seiji) auf, sondern auch eine Modernisierung, wie sie in diesem Tempo noch keiner Agrargesellschaft widerfahren war.

Am 22. August 1910 hatte Japans Statthalter den Königspalast in Seoul vorsorglich von Truppen umstellen lassen. Dann unterschrieben er und Koreas Ministerpräsident Yi Wan-yong den Annexionsvertrag, den sie in den Tagen zuvor ausgearbeitet hatten. Bei Sushi und Sake verfassten sie Gedichte auf die künftige Freundschaft. Erhalten ist eine Schriftrolle von Yis Hand mit Versen des Duos über den "süßen Frühlingsregen" zur Vereinigung der "zwei Völker in einem Haus".

Allen national gesinnten Koreanern gilt dieser "Regen" als die Sintflut, 1910 als das "Jahr der Schande" und Yi Wan-yong als der größte Finsterling ihrer Geschichte. Die von ihm signierte Fremdherrschaft dauerte 35 Jahre. Der einstige US-Diplomat und Koreaspezialist Gregory Henderson nannte sie "kolonialen Totalitarismus" – eine Sicht, die konservative Historiker Koreas bis heute teilen. Erst die jüngere Forschung über die Wechselbeziehungen zwischen Kolonialismus und Modernisierung hat dieses Urteil hinterfragt.

Unmittelbar bevor Korea zur japanischen Kolonie wurde, war es ein Agrarland. Mehr als 80 Prozent der Einwohner arbeiteten in der Landwirtschaft. Doch unter der seit 1392 herrschenden Choson-Dynastie mit ihrer konfuzianisch geprägten Führungselite hatten Nation und Kultur vor allem im 15. Jahrhundert den Europäern bereits manches vorausgehabt, speziell in Drucktechnik, Mathematik, in Messverfahren.

Von 1637 an aber entschied sich das Reich für eine Politik der strengsten Isolierung von der Außenwelt. Sie war die Antwort auf brutale Invasionen der Japaner und auch der Mandschu-Chinesen, denen das Land seit dieser Zeit tributpflichtig war. Gestrandete Seefahrer aller Nationen wurden gut behandelt – und zurückgeschickt. Die westliche Welt nannte das Land fortan Hermit Kingdom, das Einsiedlerreich.

Dem Einbruch des technisch überlegenen Westens in Ostasien, der die alte Ordnung dort überall hinwegspülen sollte, hielt das "Einsiedlerreich" am längsten stand. In Japan dagegen zerbrach das feudalistische System schon in den 1860er Jahren; unter dem neuen Kaiser Meiji eignete sich das Land mit ungeahnter Effizienz die Wunder der westlichen Technologie an – und die Waffen des Imperialismus.

1875 erteilten die Japaner Korea die erste Lektion, die sie gut 20 Jahre zuvor vom US-Kommodore Matthew Perry gelernt hatten. Der war mit Geschützsalven von seinen "schwarzen Schiffen" in der für Ausländer verbotenen Tokyoter Bucht gelandet und hatte das Land durch einen einseitigen Vertrag geöffnet. Nach seinem Vorbild schickten die Musterschüler nun ein Kriegsschiff zu Koreas Insel Kanghwa, feuerten eine Salve auf deren Bewacher und ließen eine ganze Flotte folgen.

Mit dieser Drohung zwangen sie dem kaum gerüsteten Nachbarland 1876 das nach der Insel benannte Abkommen von Kanghwa auf. Es folgte dem Modell der "ungleichen Verträge", mit dem die Kolonialmächte am Ende der Opiumkriege (1858/60) China gedemütigt hatten. Korea musste drei Häfen für den Handel mit Japan öffnen. Japanische Schiffe durften von nun an in koreanischen Gewässern Vermessungen vornehmen. Japanische Bürger in Korea mussten sich nicht vor den dortigen Gerichten verantworten. Japans Währung durfte ins Land. Koreas Einsiedlerzeit war vorbei.